Eine etwas andere re:publica-Nachlese

“Kaum verloren wir unser Ziel aus den Augen, verdoppelten wir unsere Anstrengungen” (Mark Twain)

Mark Twain am Pooltisch / 3D / CC / Okinawa_Soba Collection

Als nichtbloggender Journalist, der außerdem Twitter für ein unjournalistisches Format hält, die  re:publica zu besuchen, das hat was für sich. Ich habe es dennoch gemacht, weil mein Thema vernetzte Medizin mit einer “Subkonferenz” lockte. Außerdem wollte ich sehen, wie sich das Baby von Markus Beckedahl entwickelt hatte, nachdem ich zwar zur ersten re:publica angereist war, mir damals aber der Tod von Kurt Vonnegut einen dicken Strich durch die geplante Teilnahme machte.

Nun gab es abseits der Medizin 2.0 genug Zeit, die enorm groß gewordene Veranstaltung anno 2009 zu besuchen. Verwunderlich genug war das ganze schon, wie Blogger und Journalisten durchdekliniert wurden. Ganz kurz als Intro: Ich bin ein freier IT-Journalist, der nach vielen Jahren der Offline-Produktion seit 1985 etwa seit 2001 der Veröffentlichung in Online-Medien den Vorzug gibt und derzeit hauptsächlich für heise online arbeitet. Warum? Ganz einfach, weil gerade im IT-Bereich diese Form die Berichterstattung wirklich spannend und aufregend ist. Ich weigere mich aber, das Online-Journalismus zu nennen. Ich denke, es ist ganz normaler zeitgenössischer Journalismus, ein Handwerk, das sich heutzutage nicht darin unterscheiden sollte, ob ein Text Print oder Internet ist, ein Rundfunkfeature als Podcast läuft oder On Air.

Von daher kann ich einfach nichts mit Diskussionen anfangen, die das Thema Blogger vs. Journalisten behandeln wie die Diskussion über die ”deutsche Blogosphäre” am ersten Tag der Konferenz. Für IT-Themen gilt die Regel, dass man die Blogger kennen muss, die zu bestimmten Fachthemen als Fachleute veröffentlichen. Damit sind “harte” Themen gemeint, nicht das Gadget-Geschwurbel, das heute vielfach für IT-Journalismus gehalten wird. Auch die in Berlin diskutierte Fragen wie die nach einem Presseausweis für Blogger sind von meiner Position aus der absolute Irrsinn, weil der Ausweis bei meiner Sparte absolut keine Rolle spielt, wenn man nicht gerade von der Bundespressekonferenz oder Veranstaltungen des Innenministeriums berichtet. 

Noch schlimmer war die Diskussion zur “Medienwelt im Wandel”. Ich bin seit dem Start des “Freitags” treuer Abonennt der Ost-West-Zeitschrift, überredet von Erich Kuby. Jetzt wird das Blatt von Jakob Augstein als  ”Meinungsmedium” bewirtschaftet – durchs Bloggen und die Community und die durch sie angeblich bewirkte Reichweitenverlängerung soll alles anders werden. Aber die neue, vielgepriesene Community des Freitags, in der jedermensch bloggen soll, kommt mit Lizenzbedingungen, die es freien Inhaltsproduzenten unmöglich machen, dort zu kommentieren und mit zu diskutieren, weil jede Äußerung dem Freitag gehört. Zur re:publica erscheint der Papier-Freitag mit dem hevorgehobenen Blogger-Urteil “Für mich ist die ganze jüdisch-christliche Weltsicht nur Atheismus 1.0″. Zur Erklärung, wie daraus Religion entsteht, müsse man sich in die Community einloggen. Die ist freilich technisch so grottenschlecht programmiert, dass die Aussage des Inhabers, dass Journalismus sich dem Ethos verpflichtet fühle, schon Satire ist. Augsteins vollmundige Aussage auf dem Podium, dass die politische Elite nicht im Netz ist und es daher Print geben muss, wird vom eigenen Blatt nicht gerade unterstützt. Das hatte nur zwei bezahlte Anzeigen, eine vom Spiegel, die andere von der Frankfurter Rundschau, einem notleidenen Blatt.

Wohin die Reise geht, wollte Jan Schmidt am letzten Tag der re:publica mit einem Vortrag zum Wandel der Öffentlichkeit deutlich machen, offenbar ein Kapitel aus einem neuen Buch zum  neuen Netz. Nach einem Einstieg mit Begriffsgewschwurbel wie “Produsage” in der Tradition vom Medienbaukasten sieht Schmidt neue Netz als eine Sphäre, in der eine persönliche Offentlichkeit entsteht, ein tendenziell kleines Medium, in dem zwischen dem Produzenten, der sich buchstäblich in eine Existenz einschreibt und dem Rezipienten, eine beiderseitige Beziehung von “ambient awareness” entstehen läßt. Die persönliche Öffentlichkeit kann nach Schmidt zwei Ausprägungen haben. Entweder ist sie zentralsiert und damit anfällig für eine kommerziellen Durchdringung oder dezentralisiert und nich kommerziell ausgelegt. Eine nicht zu unterschätzende, vielleicht sogar zentrale Rolle spielt dabei die eingestzte Software, was Schmidt zum Schluss freilich offen ließ: 

“Inwieweit reguliert Software Öffentlichkeit, inwieweit wird Software reguliert?”.

Bei einem derart kurzen Vortrag – der noch dazu verkürzt wurde, dass Schmidt dem ZDF ein Interview geben musste – blieb die Frage nach der Öffentlichkeit auf der Strecke. Das ist etwas schade, denn der Begriff hat eine große Karriere hinter sich und hat viele Journalisten nachhaltig beeinflusst. Man nehme nur Habermas. Sein “Strukturwandel der Öffentlichkeit” ist immer noch eine Pflichtlektüre, seine “Theorie des kommunikativen Handelns” warnt mit ihrer These, dass Öffentlichkeiten irreparabel beschädigt werden können. 2006 reflektierte Habermas in seiner Rede zur Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises die Rolle des Internet (ich blende höckchen-stöckchen-technisch die Rolle des Intellektuellen aus): 

“Die Nutzung des Internet hat die Kommunikationszusammenhänge zugleich erweitert und fragmentiert. Deshalb übt das Internet zwar eine subversive Wirkung auf autoritäre Öffentlichkeitsregime aus. Aber die horizontale und entformalisierte Vernetzung der Kommunikationen schwächt zugleich die Errungenschaften traditioneller Öffentlichkeiten. Diese bündeln nämlich innerhalb politischer Gemeinschaften die Aufmerksamkeit eines anonymen und zerstreuten Publikums für ausgewählte Mitteilungen, sodass sich die Bürger zur gleichen Zeit mit denselben kritisch gefilterten Themen und Beiträgen befassen klönnen. Der begrüßenswerte Zuwachs an Egalitarismus, den uns das Internet beschert, wird mit der Dezentrierung der Zugänge zu unredigierten Beiträgen bezahlt.”

Anstelle der traditionellen Öffentlichkeit treten fragmentierte Öffentlichkeiten oder gar private Öffentlichkeiten mit einem unsichtbaren Publikum, in dem die ambient awareness regiert. Darauf muss auch der Journalismus regieren. Die für mich bislang beste Antwort ist natürlich einer Blogger-Konferenz wie der re:publica etwas fremd. Zeitgleich zur Berliner Veranstaltung fand in Perugia das Festival del Giornalismo, seit Jahren eine der Topkonferenzen zur Rolle des Journalismus in unserer Zeit (Seufz, die Entscheidung fiel schwer…). Verlinkt sei auf die Rede, die der “Supermedia”-Theoretiker Charlie Beckett dort hielt. Charlie Beckett zertrümmert gerne die alten Trutzburgen des klassischen Journalismus, er ist wie ich ein Verfechter des Networked Journalism, in dem Journalisten und Blogger zusammenarbeiten müssen um eine neue Form der Öffentlichkeit zu entwickeln. Der Schluss seiner Ausführungen zeigt, wie weit Journalisten über das Bloggen hinausdenken müssen:

“Now if you think that you are up to date because you blog or you are online then think again. Being Networked will soon mean much more than just public participation in what you do as a journalist. Now the journalist will have to go to where the citizen is. Just when you thought you had got used to Web 2.0 here comes the next leap forwards. And it is not really about technology. It is social networking. Facebook is not a website – it is a platform. Media and communications in general is moving into social networks – journalism has to go there too. We have no choice. We either Network or die.”

Natürlich wird der eine oder andere anmerken, dass es völliger Quatsch ist, eine Journalismus-Konferenz gegen die re:publica zu setzen. Aber sind nicht die Teilnehmer der re:publica genau die Citizens im Sinne von Charlie Beckett, denen der Journalismus folgen muss? Ich habe viele Kollegen in Berlin getroffen. Wer einen Realitätcheck mit der Konferenz auf dieser Basis versucht, landet ganz wo anders. Nicht bei den Bloggern, nicht bei Twitter und nur randständig beim Journalismus. Das beherrschende Thema in meinen re:publica-Gesprächen war klar die Online-Tantiemenmeldung der VG-Wort, ein Dauerthema von Kooptech. Von 7500 Journalisten in Deutschland, die ihr Einkommen wie ich mit der Produktion von Online-Inhalten verdienen, haben nur 1500 den Kampf mit dem Meldesystem ausgefochten. Einige laufen ja seitdem mit $-Zeichen in den Augen herum. In Berlin war zu hören, dass die VG Wort den Auszahlungstopf mit seinen 13 Millionen halbieren und nach der Ausschüttung im Mai ein zweites Mal das Meldeverfahren anwerfen will. Vielleicht war das die wichtigste Nachricht der re:publica? 

Illu: Mark Twain, from an original gelatin silver print stereoview in the Okinawa_Soba Collection / CC / Okinawa Soba

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ist freier IT-Journalist.
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13 Responses to Eine etwas andere re:publica-Nachlese

  1. Jan Schmidt says:

    Danke für die Erwähnung und Auseinandersetzung mit meinem Vortrag; ich hadere ein wenig mit meiner Replik in diesem Kommentar, weil ja auch Habermas zitiert wurde, gegen den man schwer ankommt. :)

    Vielleicht nur soviel, als Reaktion auf diese Sätze: “Nach einem Einstieg mit Begriffsgewschwurbel wie “Produsage” in der Tradition vom Medienbaukasten sieht Schmidt neue Netz als eine Sphäre, in der eine persönliche Offentlichkeit entsteht, ein tendenziell kleines Medium, in dem zwischen dem Produzenten, der sich buchstäblich in eine Existenz einschreibt und dem Rezipienten, eine beiderseitige Beziehung von “ambient awareness” entstehen läßt..”

    Das Entscheidende bei den “persönlichen Öffentlichkeiten” ist meiner Wahrnehmung nach genau das Auflösen der Trennung zwischen Rezipient und Produzent. Wohlgemerkt rede ich nicht von Angeboten wie Spon oder heise.de, sondern von Facebook, Twitter oder StudiVZ, wo Menschen das zugänglich machen, was sie selbst für relevant halten, unabhängig von professionell-journalistischen Kriterien wie Nachrichtenfaktoren o.ä. Ob man das “produsage” oder “produtzung” oder anderswie nennen will – geschenkt! Entscheidend ist der Umstand, nicht die Benennung.

    “Bei einem derart kurzen Vortrag – der noch dazu verkürzt wurde, dass Schmidt dem ZDF ein Interview geben musste – blieb die Frage nach der Öffentlichkeit auf der Strecke. Das ist etwas schade, denn der Begriff hat eine große Karriere hinter sich und hat viele Journalisten nachhaltig beeinflusst. ”

    Ja, mit dem Öffentlichkeitsbegriff habe ich mich in der Tat nicht wirklich auseinandergesetzt – aber auch und gerade, weil dann zwangsläufig der Vergleich “Journalismus vs. Blogger/Twitter/Facebooker” wieder hochgekommen wäre.
    Wir erleben doch gerade, wie sich der Begriff der “Öffentlichkeit” auflöst, der (historisch bedingt) die Kopplung von “Zugänglichkeit” und “Relevanz” vorsah: In die Öffentlichkeit kamen dank der hohen Schwellen für Publikation nur Dinge, die auch eine gewisse gesellschaftliche Relevanz besaßen. Mit dem Internet löst sich diese Kopplung – auf einmal sind Dinge potentiell allen zugänglich, die allerhöchstens gruppenbezogene Relevanz besitzen: Das Katzenvideo auf YouTube oder die Urlaubserlebnisse auf dem eigenen Blog. Auch dies wirft die Frage nach Filtermechanismen auf, die dann vielleicht nicht “Journalist” oder “Redaktion” heißen, sondern möglicherweise “Most viewed” oder “Most popular on Digg”.

    PS: Das entsprechende Kapitel aus dem “Das neue Netz”-Buch ist noch nicht geschrieben… ;-)

  2. Detlef Borchers says:

    Habermas sollte kein Diskussionsverhinderer sein, im Gegenteil. Ich habe nur zu seinen Gedanken einen besseren Zugang als etwa zum Luhmann-Schüler Dierk Baecker und seiner Definition, dass die allgemeine Vernetzung und Benutzung von Computern zum Bloggen und Twittern einen Überschusssinn produziert, der als Kontrollüberschuss von den Regelinstanzen Staat und Wirtschaft genutzt wird.

    Ich sehe auch die Rolle der Auflösung der Trennung von Rezipient und Produzent, nur finde ich Begriffe wie Produsage furchtbar. Derzeit profitiere ich als Journalist von der Auflösung der Rollen: 80 % meiner Artikel entstehen durch Mails meiner Leser, die mich auf ein Thema hinweisen. Ähnliches kann man für den unglaublich wichtigen Newstipps-Button bei heise online sagen, mit dem die Leser Nachrichten melden. Ich möchte mir lieber nicht ausmalen wie die Zukunft aussieht, wenn diese Rechercheaufrufe wegbleiben, weil die Leser ihre Beobachtungen bloggen oder twittern.

    –Detlef

  3. Wittkewitz says:

    Ich möchte mir lieber nicht ausmalen wie die Zukunft aussieht, wenn diese Rechercheaufrufe wegbleiben, weil die Leser ihre Beobachtungen bloggen oder twittern.

    Was wäre daran so schlimm? Sind es Existenzängste oder ist es der Dünkel gegenüber dem Bürger als Publizist eigener Meinungen und Perspektiven? Liest sich wie der uralte Aufklärer, der im Harnisch der Vernunft oder gar des Verstandes einreitet und das Wahre und Erhabene auf den Tabernakel niederlegt.

    Ein Wort zu Luhmann et. al.; seit Latour und Stengers brauchen wir uns doch nicht mehr mit den beschränkten Perspektiven der banalisierenden Systemtheorie zu befassen, sie hatte ihre Zeit…

    my 2 cents

    Jörg Wittkewitz

  4. Detlef Borchers says:

    Also ob die Akteur-Netzwerk-Theorie von Latour so viel weiter trägt, das möchte ich doch stark bezweifeln. Aber das ist ein Nebenthema.

    Bleiben wir bei der Frage, was denn so schlimm daran wäre, wenn Leser Vorfälle nicht melden, sondern selbst bloggen oder twittern. Hier steht und fällt alles mit der journalistischen Leistung, die auch als Recherche bekannt ist. Ich habe ja geschrieben, dass 80% meiner Artikelanstöße von meinen Lesern kommen, so im Stil “hake damal nach/ da stimmt was nicht/ ganz interessant”. daraus können sich, zumindest in meinem Bereich, Recherchen ergeben, die über Jahre dauern. So etwas kann ein Blogger meinem Verständnis nach kaum leisten, es sei denn, er ist direkt Beteiligter – und dann häufig wieder Partei. Tabernakel im Sinne des beweglichen, nach allen Seiten offenen Mischkan ist gar nicht so schlecht.

    Um mal konkreter ein Beispiel zu nennen: Ich habe sehr früh den Hinweis gekriegt, dass der Staat der LKW-Maut nicht funktionieren kann,weil die OBUs vermurkst waren. Der Hinweis kam von einem direkt beteiligten Programmierer. Danach habe ich bis jetzt 270 Artikel über die Maut geschrieben. Auch wenn das Thema mittlerweile nicht mehr den IT-Fokus hat, bekomme ich noch heute Hinweise, wenn irgendwo z.B. ein Prozess darüber stattfindet, ob die Mauttechnik funktioniert. Und reise hin….

    Blogger sind für mich Partner im Sinne des networked journalism, nicht mehr, nicht weniger. In den 30 Jahren, die ich Journalist bin, gehören sie zu den wenigen positiven Fortschritten im Betrieb. Es gibt tolle Texte aus so einer Perspektive, die ich nicht schreiben könnte. Dann halte ich es mit Doris Lessing, die im Goldenen Notizbuch notierte: “So, du hast es also zuerst geschrieben? Gut für dich. OK, dann brauche ich es nicht mehr zu schreiben.”

  5. Pingback: Re:publica ‘09 Nachlese | netzfeuilleton.de

  6. Wittkewitz says:

    Ich finde es ja grundsätzlich gut, wenn die investigative Seite bei den Bürgern verortet wird und dem Journalisten nur noch die Recherche zugeordnet wird. Das könnte ein Weg aus dem Wallraff-Dilemma sein. Andererseits ist das Nicht-gemein-machen mit einem eigenen Erlebnis auch eine gewisse sterile Form der aufgeklärten Distanz, die ja aus der postmodernen Perspektive gar nicht existieren kann. Warum kann ein Blogger/Bürger/Mensch eigentlich nicht ein Thema wie die OBUs oder den Lobbyismus oder das Wegducken der guten Menschen bei globalen Ungerechtigkeiten oder ähnlichem über Jahre begleiten. Wenn ich mich an das Gespräch mit Mary Joyce und der Mitgründerin von mideastyouth auf der republica erinnere, eines der ganz wenigen Highlights, dann bin ich sehr froh, dass die Beteiligten ihre eigene Publizität übernehmen. Ich denke es ist extrem gut, wenn Aktivisten mithilfe des Web ihre eigene PR-Abteilung und zugleich ihr eigener Berichterstatter sind. Sie liefern das, was die einzige Währung in der postmodernen Welt sein kann: Authentizität. Das ist übrigens ein Wert, der durch keine noch so aufgeklärte oder “sauber” recherchierte Berichterstattung erreicht wird. Dort zählt ja noch das alte Prinzip des Journalismus: Die Entscheidung über Wahrnehmungsschwellen: Die bisher leider nicht hinterfragte Hoheit über das, was es über die journalistische und damit veröffentlichte Wahrnehmungsschwelle schafft und das was darunter bleibt. Dieses Bild des Journalismus als Filter zwischen ober- und unterhalb der Schwelle ist anmaßend, willkürlich, unreflektiert, unbegründet, in vielen Fällen unmenschlich und daher im 3. Jahrtausend obsolet.

  7. Detlef Borchers says:

    Ich glaube, hier trennen sich unsere Wege. Es ist aus meiner Sicht absolut unmöglich, eine postmoderne Perspektive einzunehmen und dann mit dem Fähnchen Authentizität herumzulaufen. Die größte Errungenschaft der Debatten der letzten Jahre ist der Tod des Autors. Wenn ich mir einen Fortschritt im Journalismus denken könnte, dann sind das Autorenkollektive ohne Autoren, eine Bourbaki-Produktion der Diskursmaschinen, ein networked journalism,in der die Absicht wie die Wahrnehmungsschwellen der einzelnen unerheblich sind. Viele Blogger vermitteln ja ein völlig falsches Bild, wenn sie sich als Autor oder Autorin sehen. Jan Schmidt hat das ja in seinem Vortrag sehr hübsch gesagt, zwar auf Englisch, dass das Bloggen ein “writing myself into being” ist, also bestenfalls eine Instantation zur Laufzeit eines Diskurses, so wie eine Klassenbibliothek beim Programmieren Zustände abfragt. Die Funktion Autor gehört der Vergangenheit an, was die meisten Journalisten, die ich kenne, sehr gut wissen.

  8. Wittkewitz says:

    Ich glaube, hier trennen sich unsere Wege.

    Diskursiv oder inhaltlich?

    Es ist aus meiner Sicht absolut unmöglich, eine postmoderne Perspektive einzunehmen und dann mit dem Fähnchen Authentizität herumzulaufen.

    Warum? Meinen Sie nicht, dass es Zeit für eine erneute Betrachtung von Baudrillard ist? Wir müssen es ja nicht im solipsistisch-sartreschen Sinne

    Die größte Errungenschaft der Debatten der letzten Jahre ist der Tod des Autors. Wenn ich mir einen Fortschritt im Journalismus denken könnte, dann sind das Autorenkollektive ohne Autoren, eine Bourbaki-Produktion der Diskursmaschinen, ein networked journalism,in der die Absicht wie die Wahrnehmungsschwellen der einzelnen unerheblich sind.

    Wer entscheidet da über die behandelten Themen und die zu recherchierenden Artikel? Das Kollektiv einstimmig oder mehrheitlich?

    Viele Blogger vermitteln ja ein völlig falsches Bild, wenn sie sich als Autor oder Autorin sehen.

    Was ist falsch am Begriff? Ist er extensional falsch angewandt oder intensional falsch definiert?

    Jan Schmidt hat das ja in seinem Vortrag sehr hübsch gesagt, zwar auf Englisch, dass das Bloggen ein “writing myself into being” ist, also bestenfalls eine Instantation zur Laufzeit eines Diskurses, so wie eine Klassenbibliothek beim Programmieren Zustände abfragt.

    Was ist die Instanz des myself? Ist es ein Subjekt, ein Subjektmodell oder eine soziale Rolle nach außen qua schriftlicher Mitteilung oder etwas gänzlich anderes?

    Die Funktion Autor gehört der Vergangenheit an, was die meisten Journalisten, die ich kenne, sehr gut wissen.

    Und der Journalist hat dann noch ein Zukunft als …? Wer erhält denn dann die Vergütung? Das Kollektiv? Ist das dann Vergelichbar der Miturheberschaft wie beim Film aus Autor, Regissseur und Kameramann, nur das hier dann alles dasselbe Gewerk ausüben..?

    Muss es unbedingt so rigide wie beim Bourbaki-Projekt laufen oder kann das auch in einer demokratischen Form ablaufen? Ich habe ja den Eindruck, dass Bourbaki ähnlich diktatorisch abläuft wie viele erfolgreiche Open-Source Projekte…aber vielleicht irre ich und man kommt auch ohne einen Dieudonné aus.

  9. Wittkewitz says:

    OK jetzt habe ich verstanden, was sie mit “trennen sich unsere Wege” meinten.
    Vielen Dank für den praktischen Nachweis der Reichweite des habermasschen Diskursbegriffs.
    Da bin ich froh, dass ich mit Lyotard nicht auf den aggressiven Akt des Konsens angewiesen bin.

    Frohe Ostern

    Jörg Wittkewitz

  10. Detlef Borchers says:

    Ich habe keine Ahnung, was das fette Geplonke in #7 bedeuten soll. Laus/Leber/Leben? Ich muss manchmal schlicht arbeiten, ein Text über Vmware musste raus, ein Text zur Gründung der BRD angeleiert werden, der Geburtstag von Grassmann droht, alles Dinge, die weitab von Lyotard und Ostern liegen.

    Aber: Ich bedanke mich aber sehr für den tollen Hinweis, mir wäre sonst vielleicht entgangen, dass das Jubiläum seines Aufsatzes “The field of knowledge in computerized societies” unmittelbar bevorsteht. Was natürlich eine Meldung wert ist: Der networked journalism beweist mal wieder seine Werthaltigkeit.

    Zu #6, natürlich eine diskursive Antwort:

    1.) den Faden mit Baudrillard möchte ich nicht aufnehmen, seine Antwort auf Enzensbergers Medientheorie und die Sender/Empfänger-Debatte in der “kybernetischen Illusion” ist doch etwas schlicht als Machtdispositiv gedacht, wenn der “eine den Code wählen kann und der andere bloß die Freiheit hat, diesem sich zu unterwerfen”. Diese Richtung würde ja, auf das Blogger/Journalismus-Problem bezogen nichts anderes bedeuten, als dass sich Blogger den journalistischen Sprachspielen (code en respect) unterwerfen müssen.

    2.) Autor ist ein überholter Begriff, aber Skriptor hinkt auch ganz gewaltig. Das bloggerische “writing myself into being” geht nach meinem Verständnis so, dass der Blogger mit dem Logbuch sich in eine Existenz einschreibt. Jedes Log enthält ja penibel genaue Angaben , wann sich wo ein Schiff befunden hat, egal of auf Meer oder in Cyberspace. Wenn wir hier schon Franzosentheorie reiten, dann würde ich auf die die Spiegelphase als Bildner der Ich-Funktion von Lacan verweisen: Ein Blog-Eintrag wird im Internet gespeichert, verlinkt, getrackbacked und derBlogger zeigt drauf und strahlt: “Da!”

    3.) Ich habe mich gerade bei Open-Source-Projekten gefragt, ob sie Vorbild sein können. Viele kennen die Rolle des wohlmeinenden Diktators, der in “letzter Instanz” entscheidet. Väterchen Stalin hing als Bild bei den Eltern von Linus Torvalds. Nur so viel gesagt: einige Versuche mit Google und shared documents liegen hinter mir, dazu plane ich noch ein größeres Stück bzw. Experiment.

    4.) Zur Vergütung habe ich ja das VG-Wort-Dilemma angesprochen, was für Online-Journalisten *das* Thema auf der re:publica war. Als Erstunterzeichner der Petition von privatkopie.net und Verfechter der Kulturflatrate bin ich jedenfalls gespannt, wohin die Reise geht, kann aber keine Lösung anbieten.

  11. Wittkewitz says:

    zu 1.) Ist es nicht so, dass in der Zeit vor dem Web die Leser und Zuschauer eher rezeptiv veranlagt waren oder wurden, verantwortungslos und streng getrennt vom „Zauber der Signifikanten“, d.h. von Veränderung des Codes. Sie konnten nicht tauschen, nichts zurückgeben und somit nichts ändern. Das war keine Sternstunde der demokratischen Instanz Massenmedien bzw. Journalismus. Und die Tatsache, dass sich die seriösen Journalisten aktuell gegenüber den Bloggern genau aufgrund dieser Codedifferenzen in eine gesonderte Existenz hineinzuschreiben wünschen (siehe z.B. Frey) realisiert doch genau diese von Baudrillard bezeichneten Machtspiele. Die Recherche als Auszeichnung von Journalismus erscheint mir hier auch keine hinreichende oder notwendige Bedingung. Und auch die Rede ohne Antwort wird nicht ernsthaft erweitert um den Terminus des sachdienlichen Hinweisgebers.

    2.) “sich mit dem Log in eine Existenz einzuschreiben”, klingt mit Verlaub ein wenig nach Frankolatrie. Das “Da” ist vielleicht mehr im Schellingschen Sinne: “Im Geist des Menschen schlägt die Natur die Augen auf und erkennt sich als freies Gegenüber eines freien Schöpfergottes.” zu verstehen, wenn eine reflexive Haltung im Blog erkennbar ist. Es geht damit zunächst sicher um eine Befreiung von den externen Attribuierungen. Aber angesichts der allgemeinen Exkrementik rund um web 2.0 kann ich den Hinweis auf Lacans präpersonale Phasen verstehen.

    4.) Ich habe ein ungutes Gefühl, zu den GEZ-Gebühren des Rundfunks noch eine Kultur-GEZ einzuführen. Sicher der Rundfunk schafft sich mit der ständigen Konverganz aller Medien auf die kaufkraftschwächsten Zuschauer/hörer/leser auf lange Sicht selber ab. Ob aber als Antwort auf diese Entselbstung eine Kollektivierung des modernen Künstlers stattfinden sollte. Liegt doch der Wert der modernen Kulturschaffenden – leider – zuoft in der Hybris einer überzüchteten Subjektivität, die nichts anderes mehr anerkennt als das Erschaffen von mentalen Gestellen. Ich hätte Lessig gerne applaudiert, der ja auch in die Richtung Kulturflatrate denkt. Aber genau hier denke ich dann wieder an die prädemokratischen Wahrnehmungsschwellen, die schon die seriösen Journalisten ohne gesellschaftlichen Auftrag selbstherrlich einziehen. Wer will denn entscheiden, wie der Kuchen verteilt wird? Hätte Flatz in seiner Anfangszeit Geld von so einem zentralistisch verwalteten Fonds bekommen? oder Fetting, oder die Oehlens oder gar ein Francis Bacon, der gerade in einem Hinterhof vor sich hin experimentiert. Da bin ich wohl konsequenterweise eher beim Bürgergeld…Aber auch das überzeugt mich nicht wirklich als Alimentationsstrategie. Die destruktiven Zeichen des Verfalls der Hochkultur leuchten bei all diesen Konstrukten allzu stark in das Dunkel der Masse an Menschen, die sich solche elaborierten Gebäude gar nicht verständlich machen können. Kurz: Es gibt ganz andere Aufgaben, die weniger messianisch aber menschlicher daher kommen.

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