Scienceblogs vermarktet Volltextfeed

Scienceblogs steigt vom derzeit gekürzten Feedmodell auf einen Komplettfeed mit Banner-Werbung um. Ich sprach mit Scienceblog-Projektleiterin Manon Littek und Scienceblog-Teammitglied Marc Scheloske über die Erfahrungen in den letzten 15 Monaten und Hintergründe der neuen Vermarktungsstrategie.

Das Scienceblogs-Team (v.l.): Marc Scheloske, Manon Littek, Jessica Riccò

 

Das Scienceblogs-Team (v.l.):
Marc Scheloske, Manon Littek, Jessica Riccò


 

 

Christiane Schulzki-Haddouti: Wie verlief aus Ihrer Sicht die Entwicklung von Scienceblogs im letzten Jahr?

Marc Scheloske: Nach 15 Monaten Scienceblogs.de können wir ein wirklich positives Zwischenfazit ziehen: die Besucherzahlen steigen von Monat zu Monat. Die Wachstumsrate liegt knapp über 10%, was uns auch für die nächsten Monate optimistisch stimmt. 

Noch erfreulicher ist die Entwicklung, was die Diskussion in den einzelnen wissenschaftlichen Blogs betrifft, die unter dem ScienceBlogs-Dach versammelt sind. Inzwischen haben wir die kritische Masse an Lesern überschritten, so dass wir genau die lebendigen Diskussionen haben, die wir uns zum Start gewünscht haben. Aktuell erhält jeder einzelne Artikel rund 16 Kommentare. Es gibt natürlich Beiträge, bei denen es letztlich bei 3-4 Kommentaren bleibt, andererseits kommen manche Artikel auf 500 oder 600 Kommentare. 

Hier merken wir, dass Blogs eben doch ein wunderbar geeignetes Format sind, um gerade wissenschaftliche Themen einem interessierten Publikum nahezubringen. Und ich persönlich bin regelmäßig begeistert, wie auch der häufig angemahnte interdisziplinäre Dialog auf Scienceblogs stattfindet. Wo sonst diskutieren Klimaforscher mit Politikwissenschaftlern und Geologen über dieselben Themen und tauschen ihre Argumente aus?

Warum haben Sie sich zu diesem, für einen Verlag noch sehr ungewöhnlichen Schritt des Volltext-Feeds entschieden?

Manon Littek: Für Scienceblogs war immer klar, dass wir neue Konzepte ausprobieren wollen und offen für Web2.0-Modelle sind. Und das bedeutet auch, dass wir uns bewußt vom alten Denken der klassischen Nachrichtenportale absetzen. Dort wurde bislang kaum begriffen, welche Chancen im Onlinebereich liegen und welches Potential die Vernetzung bietet. Wer heute seine eigene Website als Insel sieht, hat die Zeichen der Zeit einfach nicht verstanden.

Für Scienceblogs ist – im Gegensatz dazu – die Verlinkung auf spannende externe Inhalte eine Selbstverständlichkeit. Zugleich haben wir in den letzten Monaten immer mehr Anfragen erhalten, ob wir unsere Artikel nicht vollständig als RSS-Feed anbieten können. Nun wollen wir diesem Wunsch der Scienceblogs-User nachkommen und eben alle Blogartikel komplett im Feed lesbar machen.

Auch dieser Schritt ist für uns ein Zeichen der Souveränität: Unsere wissenschaftlichen Autoren schreiben kompetente, authentische Texte. Wieso sollten wir diesen hochwertigen Content also nicht auch für die RSS-Abonnenten zu 100% nutzbar machen?

Man könnte ja nun annehmen, dass nicht mehr so viele Besucher auf die Website kommen?

Manon Littek: Wirkliche Sorgen, dass wir durch diesen Schritt Besucher auf unserer Homepage verlieren, haben wir nicht: unsere Stammleser kommen dennoch auf die Seite, um sich dort an den Diskussionen zu beteiligen und zu kommentieren. Und ehrlicherweise wurde unsere Entscheidung für die Umstellung auf einen kompletten Feed dadurch erleichert, dass wir hier künftig einen Werbebanner schalten werden.

Wie konnten Sie den Kunden gewinnen, in Volltext-Feeds zu werben?

Manon Littek: Derzeit haben wir rund 3.000 Abonnenten des RSS-Feeds. Das sind natürlich die wirklichen Fans unserer Website und gleichzeitig besonders technik- und webaffine Nutzer. Das heißt gleichzeitig auch, dass es sich hier um eine spannende Zielgruppe handelt. Bei uns sind das – wie wir durch eine Nutzerbefragung wissen – zu Zweidrittel Akademiker mit überdurchschnittlich hohem Einkommen. Und diese Gruppe der RSS-Abonnenten ist durch andere Werbeformate kaum mehr erreichbar.

Wie gesagt: es war der Wunsch der RSS-Abonnenten, dass wir unsere Inhalte komplett im Feed lesbar machen. Damit bietet der Scienceblogs-Feed nun tatsächlich einen handfesten Mehrwert; egal ob in den gängigen RSS-Readern oder per Mobile-Applications können nun die Scienceblogs-Texte abgerufen werden – und der Werbepartner wird hier exklusiv mit einem Banner platziert. Dieses Sponsoring erlaubt uns das Anbieten des kompletten Feeds und wir denken, dass diese Tatsache durch unsere Leser honoriert wird.

Wie wird das abgerechnet? Welche Statistikgrößen nutzen Sie als Nachweis – oder läuft das pauschal?

Manon Littek: Wir haben zum Start einen Pauschalpreis vorgesehen. Zu einem monatlichen Festbetrag können interessierte Werbepartner als Sponsoren des Scienceblogs-RSS-Feed auftreten. Es wären natürlich auch andere Modelle denkbar, aber die monatliche Lösung ist in unseren Augen mit dem geringsten Aufwand umsetzbar und zugleich transparent: wir hatten im letzten Monat rund 350 Artikel und etwa 3.000 Abonnenten. Wieviele Kundenkontakte das ausmacht, kann sich jeder leicht ausrechnen.

Welche Erfahrungen konnten Sie als PortalbetreiberInnen in Zusammenarbeit mit Ihren AutorInnen bis jetzt machen? 

Marc Scheloske: Unsere Autoren sind – mit wenigen Ausnahmen – hauptberufliche Wissenschaftler. Das heißt, dass die Artikel für Scienceblogs nebenbei entstehen: am Feierabend, in der Laborpause, am Wochenende. Scienceblogs lebt von diesem bemerkenswerten Engagement unserer Autoren. Die Leidenschaft der Blogger, ihre Begeisterung für Wissenschaft und die Begeisterung an der Wissenschaftskommunikation sind unser Kapital. 

Deshalb ist für uns auch absolut wichtig, dass sich die Blogger bei Scienceblogs wohl fühlen. Wir haben ein internes Forum, in dem sich die Blogger austauschen und diskutieren und neue Formate werden ebenfalls dort entwickelt. Insofern ist das Forum – glaube ich – durchaus ein identitätsstiftendes Moment: unsere Autoren begreifen sich dadurch stärker als Teil der Scienceblogs-Community und merken, dass uns ihre Meinung wichtig ist. 

Viele wichtige Entscheidungen – wie etwa die aktuelle Umstellung des Feeds auf einen Komplett-Feed – werden gemeinsam mit unseren Bloggern getroffen. Oft greifen wir deren Anregungen auf und versuchen sie umzusetzen oder wir diskutieren über Ideen, ob sie sich verwirklichen lassen. Scienceblogs ist in diesem Sinne ein Gemeinschaftsprojekt der Blogger und des Scienceblogs-Teams.

Wie werden Sie das Angebot in Zukunft weiterentwickeln?

Marc Scheloske: Aktuell gibt es bei uns 35 einzelne Blogs. Themenschwerpunkte sind Astronomie und Raumfahrt, Biologie und Physik, sowie Ökologie und Klimaforschung. In anderen Themenbereichen haben wir noch Nachholbedarf. Wir werden unser Blogangebot in den nächsten Monaten weiter ausbauen, allerdings mit Augenmaß. 

Wir bekommen regelmäßig Anfragen von Autoren, die gerne bei Scienceblogs schreiben würden. Hier sind wir ehrlicherweise sehr wählerisch. Die Blogger müssen einfach zu uns passen. Deshalb sprechen wir gezielt geeignete Autoren an und führen Gespräche, ob ein längerfristiges Engagement bei Scienceblogs in Frage kommt. 

Dabei ist tatsächlich der Faktor “Leidenschaft” sehr entscheidend: ein wissenschaftlicher Blog ist zeit- und arbeitsintensiv – dafür müssen also Blog- und Wissenschaftsbegeisterung zusammenkommen, bevor ein neuer vielversprechender Scienceblogs an den Start geht.


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About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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