Klassische Medien im Spannungsfeld mit dem Internet – 8 Dimensionen des Problems

Klassische Medien im Spannungsfeld mit dem Internet und seinen vielfältigen Onlineerscheinungsformen, das heißt:

  • Abwehr?
  • Rückzug?
  • Annäherung? Kritische Nutzung?
  • Koexistenz?
  • Vereinnahmung?

Ich möchte diese Fragen aus meiner Perspektive als Informations-, Kommunikations- und Medienwissenschaftler beantworten. Warum? Weil ich zum einen in vielen Gesprächen und Diskussionen mit Verlegern, Redakteuren und Journalisten intensiven Kontakt zum Thema habe, weil ich natürlich auch mit dem Studiengang Online-Journalismus in meinem Fachbereich zu tun habe und weil eine von aussen herangetragene Sicht durchaus erhellend sein kann.

Für mich stellt sich angesichts einer Zeitungskrise, wie sie in den USA mit einem Vorlauf von zehn Jahren gegenüber den europäischen Verhältnissen statt gefunden hat, und Sendern mit Qualitätsanspruch, deren Hörer und Zuschauer in größer werdender Zahl altersbedingt wegsterben ein Problem dar, das uns wirtschaftlich, kulturell, sozial und politisch herausfordert.

Die relevanten Dimensionen des Problems sind:

Nebulöses Verständnis der Begriffe und Zusammenhänge.

Die meisten Menschen, auch und vielleicht sogar gerade Journalisten, benutzen wie selbstverständlich Begriffe und Zusammenhänge, deren exakte Bedeutung sie niemals hinterfragt haben weil alle der Überzeugung sind, das gleiche darunter zu verstehen und die Sachlage ehedem klar wäre. Spätestens, wenn nachgefragt wird, was denn z.B. Qualität ist, wird die Unsinnigkeit der angenommenen Selbstverständlichkeit sofort sichtbar. Wer über komplexe Dinge redet, sollte die Fakten und Definitionen kennen. Um es mit einem juristischen Bild zu sagen: “ein Blick ins Gesetz erspart viel Geschwätz”. Leider halten sich nur wenige daran.

Verstehen des Internets und Paradigmenwechsel im journalistischen Selbstverständnis.

Das Internet wird als Medium verstanden – was es nicht ist! Das Internet ist eine Sammlung uni- und bidirektionaler Kommunikationskanäle, nicht mehr und nicht weniger. Durch die Ergänzung von Broadcast, also “eins-zu-viele”-Kommunikation wie bei papiergebundenen Zeitungen und Zeitschriften oder frequenzgebundenen Sendern, um Rückkanäle, asynchrone und echte (realtime) Kommunikationskanäle, wie eMail, Chat, SMS etc., änderen sich die Anforderungen, d.h. die Rolle von Journalsisten mit ihrer publizistischen, vermittelnden und öffentlichen Aufgabe. Siehe hierzu auch Veränderungen im medialen Ökosystem .

Verändertes Rezipientenverhalten

Meine Jouralismusstudierenden lesen keine Tageszeitung mehr :-o . Das ist eine winzige Facette einer Entwicklung der Mediennutzung mit großer Wirkung, die stellvertretend für die Veränderungen im Verhalten der relevanten Zielgruppen ist.

Multi-Channel-Konzepte.

Cross-Media ist als Denkansatz falsch!

Veränderte Geschäfts- und Kommunikationsprozesse.

Veränderte Geschäftsmodelle.

Wer hätte vor zehn und im Vergleich vor fünf Jahren für Firmen wie Google, eBay und Amazon eine Prognose geben können, die den heutigen Tatsachen entspricht? Und was wird aus der Realität von Medien?

Politische Einflüsse.

Das ist der übelste Teil des Problems. Ich finde, dass die Amerikaner mit ihrem 1st Amendment “Freedom of Speech” und die Europärer mit ihrer früheren gesellschaftlichen Sozialverantwortung zwei Prinzipien realisiert haben bzw. hatten, die fundamental für die freie und erfolgreiche Presse waren – ohne dass Politiker glaubten, ihren Einfluss und ihre Überzeugungen, oder sollte ich besser Eigeninteressen sagen, geltend machen zu müssen.

Kosten/Nutzen-Aspekte und journalistische Qualität.

Die Verleger vergangener Tage sind gestorben. Menschen, wie Gerd Bucerius, die die Zeitung als kontollierende demokratische Macht verstanden und ein publizistisches Selbstverständnis hatten sind heute rar zu finden. Statt dessen sind Betriebswirte und Kaufleute in die Verlage und Sender eingezogen
:-( .

Sicher sind finanzielle Aspekte für das Überleben der Medien wichtig. Andereseits wurden schon ganz andere Industrien totgespart.
Um Lösungen anbieten zu können sind eine Reihe von Erwartungen zu definieren und zu verifizieren, die über validierte wenn-dann-Beziehungen zu Handlungsempfehlungen führen. Weil wir uns in einem sozialwissenschaftlichen Umfeld befinden, sind die Folgerungen naturgemäß nicht so hart, wie in der Physik oder Mathematik.

Dazu mehr in neun Kernthesen morgen!


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About Geribert Jakob

Professor für Medienwissenschaften an der Hochschule Darmstadt und ist erreichbar und diskussionsbereit über Geribert.Jakob *at* h-da.de oder direkt hier ... in den Kommentaren.
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