Vernachlässigtes Europa

Ich habe in den letzten acht Wochen die Presseberichterstattung zur Europawahl recht genau verfolgt (und hierbei dieses Blog sträflich vernachlässigt). Dabei konnte ich feststellen, dass das, was wir vor Jahren innerhalb der “Initiative Nachrichtenaufklärung” bereits festgestellt haben, auch heute noch stimmt: Europa ist in der Berichterstattung vernachlässigt. Zu komplex, zu schwierig, nicht in zwei Sätzen zu erklären.

So lesen sich im Übrigen auch die etwas weinerlichen Entschuldigungen der Journalisten im sehenswerten ZAPP-Beitrag “Kampf um Aufmerksamkeit“.

Das Versagen der Berichterstattung führt wiederum zu dem Trugschluss: Es gibt keine europäischen Themen. Dies wiederum verführt die Parteien quer durch die Union dazu, einen nationalen, aber keinen europäischen Wahlkampf zu führen.

Die einzigen personenbezogenen EU-Themen in diesem Wahlkampf waren: Tritt Barroso erneut an? Warum stellen die Sozis keinen Gegenkandidaten auf? Hat Silvana Koch-Mehrin im Parlament zu wenig gearbeitet? (Diese Geschichte geht übrigens in erster Linie auf die Abgeordnetenwatch-Plattform  Parlorama sowie einige Blogger zurück – und nicht auf die nationale Berichterstattung.)

Andere Europawahlkandidaten hingegen hatten es schon schwerer, Aufmerksamkeit zu erregen. Martin Schulz schaffte immerhin ein schönes Spiegel-Interview, aber die politische Botschaft blieb verschwommen. Die Grünen wumsten Bütikofer und Harms irgendwie ins Parlament und schafften es, den Slogan “New Green Deal” ins öffentliche Bewusstsein zu pflanzen.  Von der Linken bleiben nur merkwürdig dunkelblaue Plakate in Erinnerung – mit Themen, die eigentlich im Europaparlament nicht viel verloren haben. Die CDU war sich als Kanzlerinpartei und Marke selbst genug.

Sachthemen hätte es zur Genüge gegeben: So etwa die hochbrisante Frage der Energiesicherheit – und die Frage, warum der EU-Russland-Gipfel in Chabarowsk scheiterte und sich die Mitgliedstaaten von Gazprom feinsäuberlich auseinander divideren lassen. Die Klimaverhandlungen, die jetzt schon auf Hochtouren laufen – und vor allem zwischen der EU und den USA ausgetragen werden. Das Thema Internetsperren, das angesichts der geplatzten Verabschiedung des Telekom-Pakets schon bald erneut zwischen Rat, Parlament und Kommission verhandelt wird. Die umstrittene europäische Finanzaufsicht: warum wollen und können die Briten wieder einmal nicht? Die Milchquote samt der Einstellung der Agrarsubventionen in wenigen Jahren. Das alles sind europäische Themen, die nationalen Bezug haben.

Es ist also nicht so, dass es keine europäischen Themen gäbe – zahlreiche Meta-Publikationen zeigen tagtäglich, dass es Berichtenswertes gäbe. Dazu zählen EurActiv,  New Europe,  Eurotopics,  EuropeanVoice,  EUObserver und seit Neuestem auch Presseurop . Aber auch die vielen EU-Blogger wie Jon Worth Julien FrischBrussels SunshineBrusselsbloggerEurocratEuropa TransparentEuropean Law BlogJan Seifert und Kosmopolito, der unter anderem auch den lobenswerten Blog-Aggregationsdienst BloggingportalEU betreibt. (Beliebteste Bloggingplattform der EU-Blogger ist übrigens nicht WordPress, sondern Blogger.com, weswegen viele Trackbacks sich auch irgendwie verlaufen.)

Aber die Vernachlässigung wird vermutlich eher noch zunehmen. Die Irish Times stellte eben erst fest, dass krisengeschüttelte Verlage immer weniger Leute nach Brüssel schicken – unter anderem zählen dazu die Irish Times selbst, Le Monde, The Guardian, The Daily Telegraph und Independent. Die europäischen Eliten informieren sich im Übrigen am liebsten aus der Financial Times,  stellte soeben laut Julien Frisch ein wissenschaftlicher Artikel namens ”Exploring the European elite sphere: The role of the Financial Times“  fest. Die FT sei demnach “das zentrale Presseorgan in Brüssel” , andere Tageszeitungen berichteten nicht präzise genug bzw. lediglich “banal” national.

Bei all dem ist es etwas müßig über die schlechte Wahlbeteiligung zu rätseln. Es ist ganz offensichtlich: So lange die Relevanz von Europa nicht täglich deutlich wird, so lange nur die nationale Karte gespielt wird, so lange werden die Bürger sich auch nicht an die Urne bemühen.

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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12 Responses to Vernachlässigtes Europa

  1. Ulrike Langer says:

    Ein sehr informativer Artikel. Ich finde es ja immer klasse, wenn Blogger sich die Mühe machen, viele relevante Links zum Thema zusammenzutragen. Danke! (Ich hatte mich übrigens schon gewundert, wann hier mal wieder etwas erscheint. Aber das Warten hat sich gelohnt….;-) )

  2. Gratulation zu diesem Artikel, und auch dafür, dass du der EU-Blogger-Szene soviel Platz eingeräumt hast. Es gab übrigens noch mehr Themen und auch wahrnehmbare Personenkonflikte, z.B. die Kandidatur des Liberalen Graham Watson als Präsident des Europäischen Parlaments, die Rede von Daniel Hannan gegen Brown im Europaparlament, die auf Youtube hunderttausende Male angesehen wurde, etc.

    Unsere Aufgabe als Euroblogger wird aber jetzt sein, diese Sachen auch in die Welt der nationalen Blogs zu tragen, auf EU-Themen auf nationaler Ebene mit Kommentaren zu reagieren und so eine Verbindung zwischen den Ländern und der EU-Ebene zu schaffen.

    Ein paar von uns EU-Bloggern treffen sich nächste Woche, und ich denke, uns werden schon ein paar Ideen kommen, wie wir in Zukunft dafür sorgen können, europäischen Themen eine größere Öffentlichkeit zu verschaffen.

  3. @ula Danke für den “Blogger” :D
    Ganz ehrlich: Ich hätte jetzt nicht gewusst, wem ich diesen Artikel hätte anbieten können. Nabelschau, Europa … wer will sowas lesen? ;) Und übrigens: Wie du weißt, hätte ich im Moment ganz anderes zu tun. Reine Prokrastination!

    @Julien Das ist schön zu hören, dass ihr euch irgendwie koordinieren wollt. Und danke für die weiteren Themennennungen, die ja schon wieder über den nationalen Tellerrand hinausreichen ;) Ich denke, eine wesentliche Orientierung würde eine tägliche, umfassende, aber kurze und prägnante Presse- und Blogschau bieten – denn auch die genannten Euromagazine leisten das noch nicht wirklich und insofern fehlt doch immer irgendwie auch der Überblick. Eurotopics oder Presseurop arbeiten ja sehr eklektizistisch. Du hattest ja mit so etwas schon begonnen – vielleicht wäre dafür auch eine eigene Plattform sinnvoll??? (an einer Mitarbeit hier hätte ich durchaus auch Interesse, wobei ich aber schon in Richtung Professionalisierung denke)

    Noch wichtiger wäre aber die thematische Übersetzungsarbeit “Region – Nation – Europa”: Warum ist das regionale Thema europäisch? Warum ist das europäische Thema für die Region relevant? Wenn das nicht transkribiert wird, wird nicht erkennbar, warum Europa wichtig ist und Europa bliebe weiterhin das Nischenthema der Elite.

  4. Die Frage ist, wie sich eine solche Professionalisierung finanzieren ließe. Gerade weil europäische Themen noch immer wie Randthemen erscheinen, auch wenn sie tatsächlich in die meisten Bereiche unseres Lebens reichen, ist das allgemeine Interesse nicht groß genug, um damit Geld zu machen. Ich kenne jedenfalls keinen EU-Blogger, der davon leben kann.

    Als Privatmensch ist es ziemlich schwierig, neben dem einfachen Bloggen, das bei EU-Angelegenheiten schon ziemlich viel Aufwand erfordert, parallel noch andere “Aufgaben” zu übernehmen, auch wenn ich mir tausend gute Dinge vorstellen könnte, die ich noch machen möchte.

    Aber wenn du da gute Ideen hast, bin ich für Vorschläge immer zu haben.

    Hingewiesen sei übrigens auf http://politikportal.eu/ von Stefan Happer, das ist schon eine ziemlich gute Presseschau, die zumindest die deutschen Quellen relativ gut abdeckt, und dabei auch hin und wieder Blogs mit einbezieht.

  5. Das mit der Bezahlung ist wirklich der Haken. Denn die Bundeszentrale für politische Bildung ist mit eurotopics schon engagiert (wobei ich das etwas dünne finde für den Aufwand, für die Redaktion), die Kommission hat eben erst Geld in Presseurop gepumpt (wobei der Output auch hier merkwürdig spärlich ist). Politikportal.eu ist schon ganz prima – aber erspart noch nicht die Sortierarbeit. Man braucht einfach eine prägnante multilinguale (DE/FR/EN) Zusammenschau nach Themenschwerpunkten, so eine Art Turi2 – mit verschiedenen Schwerpunkten (z.B. Klima und Energie, Umwelt und Gesundheit, IT und Telekommunikation, usw.). Und man müsste es so machen, dass andere das auch nutzen dürfen (also RSS-getriebenes Widget). Dieses Widget könnte man dann vielleicht nur gegen Abo-Gebühr anbieten. Wenn sich nur drei Leute (DE/FR/EN) für den Anfang zusammentäten, könnte was daraus entstehen.

  6. Ob sich der Aufwand für eine allgemeine Themenschau lohnt, bezweifele ich, dafür müsste die Nachfrage vermutlich erst künstlich geschaffen werden. Ich glaube, dass “Research on Demand” eher funktionieren könnte:

    Journalisten, die eine Story zu einem bestimmten Thema mit EU-Bezug benötigen, aber sich nicht wirklich in den Untiefen der EU-Politik auskennen, fragen bei einem Pool von EU-Spezialisten dieses Thema nach, die dann gegen Bezahlung nach relevanten Informationen suchen und sie vielleicht auch schon in “Konfliktform” oder nach dem Schema “Region-Nation-Europa” aufbereiten.

    Wenn sich da eine regelmäßige Nachfrage ergäbe, könnte man dann in einem nächsten Schritt einen regelmäßigen Dienst daraus machen

  7. Ja, es gibt sicherlich mehrere Möglichkeiten, so etwas aufzusetzen.
    Das was dir vorschwebt, müsste mit so etwas ergänzt werden. Denn wie willst du deine Kompetenz denn vermitteln? Eine reine Willensbekundung reicht da nicht, da muss man schon etwas Interessantes bieten. Und “nur” ein Blog – ob das reicht?? Ein Zusammenschluss auf die eine oder andere Weise plus ein gemeinsamer Dienst wäre sicherlich sehr sinnvoll.

    Ich schätze den Aufwand für eine tägliche Presseschau mit einer allgemeinen Stimmungslage (ein bis drei aktuelle Themen) sowie drei bis vier Themenschwerpunkten auf mindestens 3 bis 4 Stunden, der sich auf 2 Stunden am Abend und 2 Stunden am Morgen aufteilt. Das ist natürlich nicht mehr als Hobby zu betreiben.
    Wenn man das auf drei Leute aufteilt, dürfte das vielleicht ein Aufwand von 2 Stunden sein. Darunter geht es aber nicht. Um so etwas zuverlässig und dauerhaft anbieten zu können, braucht es natürlich eine finanzielle Unterstützung. Durch den Werbemarkt ist so etwas im Moment nicht zu bekommen. Also müssten durchaus Institutionen einspringen. Vielleicht wäre ja auch das Parlament interessiert. Hier müsste man entsprechende News aber auch mit Positionen der Abgeordneten ergänzen, damit es richtig interessant würde. Für die interne Kommunikation könnte das enorm hilfreich sein.

    Vielleicht gibt es ja auch Leser/innen, die hier einhaken möchten, Interesse hätten – wäre schön …

  8. Ich werde mal sehen, was die Diskussionen unter uns EU-Bloggern nächste Woche für Ideen hervorbringt.

    (Ich für meinen Teil habe eigentlich bislang nicht an Professionalisierung gedacht, auch weil ich weg müsste von dem was mich persönlich interessiert. Bislang betrachte ich das als von Neugier und Idealismus getriebenes Engagement…)

  9. Ich weiß – es ist ein ziemlicher Schritt von freiwilligem Engagement hin zu professionellem. Letztlich ist das auch eine die Frage, zu welchem Grad man sich engagieren möchte. Ich jedenfalls weiß, dass ich mich freiwillig gerne für dies und das engagiere – langfristig aber muss das dann schon eine Perspektive haben, sollte das Engagement stärker sein.

    Bin auch gespannt, was ihr euch ausdenkt. Und wenn am Ende dabei herauskommt, dass man lediglich den Aggregationsdienst verbessern müsste (vielleicht nach dem Vorbild Rivva), ist ja auch schon etwas getan.

  10. Pingback: Quotes of the week (V) – Kosmopolito

  11. Sehr interessante Diskussion, die ich – trotz Hinweis – leider sehr erst sehr spät gelesen habe.

    Christiane, Ich bin nicht sicher, was Sie (Du?) sich genau vorstellen. Ich möchte vom existierenden Politikportal.eu ausgehen. Sie schreiben es erspare nicht “die Sortierarbeit”. Was genau müsste anders sein? Ein Blick auf das Portal zeigt, dass heute die Themen Barroso / Lissabon-Garantien / und die Agrar-Transparenz Debatten die dominierenden EU-Themen sind. Im Newsletter ist alles pro Tag zusammengefast, auf der seite beträgt der sichtbare Zeitraum auf der Startseite etwas mehr als einen Tag.

    Würden Sie sich mehr soetwas vorstellen, wie es das Parliament Magazine in Brüssel macht (allerdings wiederum sehr auf englischsprachige Medien fokussiert, aber dafür mit eigenen Zusammenfassungen)? http://is.gd/14m28

  12. Ja, das kommt meinen Vorstellungen schon recht nahe …

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