10+ Faktoren für den Qualitätsjournalismus

Die aktuelle Mediendisput-Analyse, die ich gemeinsam mit Miriam Bunjes und Geribert Jakob erstellt habe, macht zehn mehrfach miteinander verknüpfte Faktoren sichtbar, die sich essenziell auf die Güte und die mittel- und langfristigen Rahmenbedingungen der journalistischen Arbeit und ihrer Ergebnisse auswirken.

Deutlich wird dabei, dass sich die allermeisten dieser Faktoren in den letzten Jahren negativ entwickelt haben. Neu ist aber nicht die Entwicklungrichtung der einzelnen Faktoren, sondern die hier vorgenommene Zusammenschau der Faktoren, die zeigt, dass es mehrere begründete Anlässe zur Sorge um den Journalismus gibt. Die Digitalisierung, die in der Diskussion zurzeit im Vordergrund steht, kann hierbei als Beschleunigungs- und Transformationsfaktor gleichmaßen verstanden werden.

Die zehn Faktoren, die guten Journalismus beeinflussen:

  • Geld: Die knapper werdenden finanziellen Ressourcen führen in den Redaktionen zu einem Abbau des Personals und bei freien Journalisten über weniger Aufträge und Honorardumping zu einem niedrigerem Einkommen.
  • Zeit: Es steht aufgrund des erhöhten finanziellen Drucks immer weniger Zeit für Recherche und Qualitätssicherungsmaßnahmen zur Verfügung.
  • Routinen: Die Selektionskriterien von Journalisten können zu einer systematischen Vernachlässigung von Themen führen, die für die Bevölkerung relevant sind. Die Recherche als Routine wird zunehmend abgebaut.
  • Organisation: Redaktionen wurden in den letzten Jahren aufgrund des erhöhten finanziellen Drucks umorganisiert. Eine erste Studie zeigt, dass die Annahme, dass diese Umorganisationen mit Qualitätsverbesserungen einhergehen, in Frage gestellt werden muss.
  • Recht: Zahlreiche Gesetze haben in den letzten Jahren das Redaktionsgeheimnis und den Informantenschutz geschwächt. Juristische Auseinandersetzungen um Unterlassungsklagen häufen sich. Das Akteneinsichtsrecht wird noch zu wenig in der Praxis genutzt bzw. die Nutzung wird von Behörden oftmals blockiert. Änderungen im Urheberrecht führten zu einer Schwächung der Urheber zugunsten von Sendern und Verlagen.
  • Bildung: Die soziale Herkunft der Journalisten vornehmlich aus der Mittelschicht führt zu einem Mainstream-Journalismus. Das Ausbildungssystem begegnet derzeit der Herausbildung elitärer Zirkel nicht, um einen anwaltschaftlichen Journalismus zu vermitteln.
  • Selbstverständnis: Die Ko-Orientierung der medialen Elite führt zu einer von den gesellschaftlichen Bedürfnissen abgehobenen Berichterstattung – und zur Vernachlässigung relevanter Themen oder Themenzugänge. Der erhöhte finanzielle Druck lässt Journalisten ihr Selbstverständnis zunehmend in den Hintergrund stellen.
  • Eigentum: Im Bereich der Lokalzeitungen ist der Markt gefestigt; Wettbewerb findet nur noch punktuell statt. Eigentümerwechsel und Kostenreduzierung bleiben als letzte Maßnahmen, um dem finanziellen Druck zu begegnen. Außerdem ist zu beobachten, dass Publikationen und Sendungen in medienpolitischen Streitfragen für die eigenen Verlags- oder Betreiberinteressen eingespannt werden.
  • Public Relations: Der Anteil der PR-beeinflussten Beiträge im redaktionellen Teil nimmt deutlich zu. Journalistische Inhalte werden immer häufiger als Umfeld für Werbekunden betrachtet. Die Grenzen zwischen Redaktion und Anzeigen verwischen zunehmend. Berufsständische und sonstige journalistische Interessenvertretungen und Verbünde können sich aber nicht auf eine einheitliche Linie in der Definition ethischer Grundsätze einigen.
  • Digitalisierung: Die Beteiligungsbarrieren für Laien sinken, die Medien verlieren ihre Gatekeeper-Funktionen. Junge Nutzer und Intensiv-Leser wenden sich verstärkt den Online-Medien zu. Dabei ignorieren sie zunehmend das Inhalte-Bundling von Anbietern. Es entstehen deterritorialisierte Kommunikationsräume.

Die in den Faktoren jeweils aufzufindenden Details verdichten sich auf folgende drei gleich gewichtige Kernprobleme, nämlich:

  • der Erhaltung unabhängiger Berichterstattung bei Gefährdung durch subtile Einschränkungen der Berichterstattungsfreiheit,
  • der Erhaltung der Güte journalistischer Arbeitsergebnisse bei Gefährdung durch Verknappung essenziell notwendiger Ressourcen sowie
  • der Erhaltung der gesellschaftlichen Funktion journalistischer Tätigkeit, die durch erodierende Nachrichtenmärkte, interne wie externe Einflussnahme und verändertes Rezipientenverhalten insbesondere in der jüngeren Generation gefährdet ist.

Bitte diskutieren.

Wir haben auch in unserer Analyse Lösungsvorschläge zu jedem einzelnen Faktor vorgestellt. Sie hier an dieser Stelle zusammenzufassen, ginge jedoch zu weit. Ich bitte daher um einen Blick direkt ins PDF.

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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18 Responses to 10+ Faktoren für den Qualitätsjournalismus

  1. Pingback: Qualitätsjournalismus « Wir sprechen Online.

  2. Spannend. Vielen Dank für die Veröffentlichung.

  3. Pingback: Fundstücke vom 08.11.2009 «

  4. Chat Atkins says:

    Infolge des fortschreitenden Stellen- und Lohnabbaus in den Redaktionen werden die Journalisten schon bald wieder auf dem Boden der Tatsachen stehen. Dann legt sich das auch mit dieser mainstreamigen Mittelstandsfixierung, weil sie selbst ja keiner mehr sind.

  5. Pingback: 10+ Faktoren für den Qualitätsjournalismus : netzpolitik.org

  6. Wittkewitz says:

    Dann verweise ich hier mal auf meine Diskussion des großen Schirrmacher Interviews bei edge.org um ein wenig die nötige mentale Tiefe des Problems zu eröffnen. Zugleich natürlich als Ergänzung das aktuelle Interview von Shirky bei GritTV…

    http://www.digitalpublic.de/journalisten-zwillingserde-web-nachdenken-digital-schirrmacher-carr

  7. Christiane says:

    Naja, also so den ganz direkten Zusammenhang möchte ich jetzt nicht erkennen. Aber interessanter Beitrag. Schirrmacher will ja gerne das “big picture”, was aber wohl etwas unscharf formuliert war, um es höflich auszudrücken.

  8. Pingback: Linktipps 09/11/09 | Think 2

  9. Wittkewitz says:

    Der Kontext besteht darin, dass die Aufklärung mit all ihren Implikationen die falsche Leitideologie für postmodernen Journalismus ist. Und Schirrmacher tappt in die Falle, die die so viele laufen, zu glauben, dass das Web eine Art Vehikel für die demokratisierte community of thinkers ist…um es mal freundlich und zahm zu formulieren.

  10. Pingback: Lesetipps für den 10. November | Blogpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0

  11. Jörg, formuliere doch bitte die richtige Leitideologie für postmodernen Journalismus – oder hast du einen Link parat? Bin neugierig.

  12. Wittkewitz says:

    Es wäre ja schon sinnvoll, jetzt zunächst eine europäische Netztheorie zu formulieren und darauf aufbauend ein Gerüst für einen demokratischen Journalismus im Netz. Dazu müsste der Einfluß und die Hörigkeit gegenüber den/der Hippiyuppies und den/der konservativen Anarchisten etwas eingedämmt werden. Ein erster Schritt wäre dabei ein kritischer Rückgriff auf Lyotard und Habermas um den Kontext der Öffentlichkeit endlich angemessen zu bestimmen und zwar IN der Öffentlichkeit und nicht ex cathedra. Sicher wären auch Latour und Stengers wichtige Impulse im Aufbegehren gegen das Primat der Systemtheorie. Mit Alfred Schütz könnte man die Relevanzdiskussion endlich zu einem theoretischen Modell erweitern und Wikipedia und dem Journalismus endlich ihre mittelalterliche Exegesekultur vorhalten. Mit Theunissen und der Dialogphilosphie wäre ein Gerüst für das ganze Gefasel um digitale Dialoge neu zu bestimmen. Und statt McLuhan könnte man seinen Urahn Innis wieder aus der Versenkung befreien. Wenn ich so nachdenke kommt mit auch die französische Neubestimmung des wilden Denkens in den Sinn, wenn ich an crowdsourcing denke usw.

    Aber es gäbe da sicher noch sehr viel mehr wesentliche Einflüsse, die in der aktuellen Diskussion nur sehr am Radne stattfinden. Als ich die naiv-trivialisierende Misinterpretation von Schirrmacher las bzw. hörte und vor allem die Antworten und Hohelieder seines uralten Gedankens der Erweiterung der community of science, da war ich schon platt. Es erinnerte mich an Mühlmanns gesammelte Gedichte über Darwin und Weltwirtschaftskrieg. Heutzutage sucht man sich ein paar Metatheorien, liest etwas Sekundärliteratur dazu, kondensiert die auf zwei Sätze und fertig ist das Modell für das digitale Jahrtausend.

    Schade, dass Deleuze/Guattari so verfemt sind in Deutschland, Manchmal hoffe ich, es könnte Sinn machen wieder dahin zurück zu kehren. Aber für eine Neubewertung solcher Metageschichten ist es wohl noch nicht soweit. Warum sollte man auch Gruppenhydraulik mit Kapitalismus in einen Zusammehang setzen. Es könnte die aktuelle These der gerechten sozialen Marktwirtschaft sprengen – das würde unweigerlich das Selbstbild des Journalismus sprengen. Wenn ich mir nur die MMD Verquickung mit der PR-Welt ansehe, wird das deutlich. Eigentlich verkörpert alles am MMD diese Nähe des Journalismus zum selbstlosen Sponsorentum. Es lohnt sich einfach nur jeden einzelnen Sponsor anzusehen und zu recherchieren und das Vorhaben des MMD zu betrachten und alles entlarvt sich und liegt offen.

  13. Wittkewitz says:

    Wer gerade nicht versteht, was ich da im letzten Absatz meine:
    http://www.visdp.de/post/234160396/schweigen-lugen-und-vertuschen

  14. Kannte ich schon. Aber den fand ich etwas platt. Willst du denn behaupten, die Sponsoren hätten tatsächlich irgendeinen inhaltlichen Einfluss? Davon habe ich nichts gemerkt.

  15. Wittkewitz says:

    Nun ich denke, dass man es von zwei Seiten betrachten kann. Dass eine ist der schöne Eingangssatz zur PR. Auch das NR und MMD haben ein Image. Angesichts dieses Image ist die Auswahl der Sponsoren ein Kriterium für die eigene Gluabwürdigkeit (eat your own dogfood). Andererseits sind die Sponsoren alle in mehr oder weniger heikle Skandale verwickelt. Es ist geradezu lächerlich, dass noch keiner den CDU-Spendensakandal aufgedeckt hat, aber vielleicht hat sie ja auch Veranstaltungen von investigativen Journalisten gesponsort. ;-)

    Es ist denkbar, dass es Einflüsse gibt. Es kann sein, dass die besonders honorigen investigativen Rechercheure in Vorbereitung auf diesen Event die besonders honorigen Exzellenzen der Sponsoren in lockerer Runde kennenlernen. Ob danach noch eine neutral Journalistische Arbeit möglich ist, kann wohl nur H. J. Friedrichs’ berühmter Satz beantworten. Aber der scheint ja im NR eh wenig Gültigkeit zu besitzen. Da werden dann lieder solche Metadiskussion wie Standards für Qualität diskutiert, die ich gelinde gesagt substanzlos halte, weil kaum ein Theoriegerüst oder Modell mehr genug Erkläungsmacht hat, solche Kriterien zu reflektieren. Aber das ist mal wieder eine wissenschaftstheoretische Frage. Und da vertrete ich ja eh Randpositionen mit meiner Einschaätzung, dass die Psychologie als Schnittmenge aus Geistes-, Sozial-, und Naturwissenschaften genauso lautstark gescheitert ist wie die Physik in der Erklärung von Raum, Zeit und Energie.

  16. Zeit online resp. dpa hat die Studie tatsächlich nicht nur verlinkt, sondern auch gelesen: http://www.zeit.de/digital/internet/2009-11/gebuehren-online-journalismus

  17. Pingback: SchönLinks aus der vergangenen Woche (weekly) | SchönSchriften

  18. Qualitätsjournalismus wurde schon vor vielen Jahren an den Anzeigenmarkt geknüpft. Er ist daher abhängig von der Anzeigenkonjunktur und Anzeigenkultur eines Landes. Dem Qualitätsjournalismus geht es dabei in Deutschland besser als in anderen Ländern, z. B. in den USA. Kunden in Deutschland sind immer noch bereit für Qualitätsjournalismus zu bezahlen. Das deckt aber bekanntlich nur die Vertriebskosten der Zeitungen. Die Lösung der Probleme liegt im Onlinegeschäft. Anstelle abgespeckte Varianten von Zeitungsartikeln dort zu präsentieren, müssen die Verlage dort hin wandern, wo ihre Kundengelder seit ein paar Jahren angelegt werden: in das Onlinegeschäft. Sie müssen die Onlineportale in schlagkräftige, hochqualitative Internetportale verwandeln und Unternehmen z. B. in den Bereichen Stellen- und Anzeigenmarkt Konkurrenz bieten.

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