“Haltung” als journalistische Kernkompetenz

Ich habe vor längerer Zeit fünf journalistische Kernkompetenzen benannt, die ich heute um einen wesentlichen Faktor erweitern will – ohne den guter Journalismus nicht möglich ist: Haltung.

Die fünf Kernkompetenzen sind folgende:

  1. Recherche und Monitoring;
  2. Die Erschließung und einfache Darstellung komplexer Zusammenhänge;
  3. Trends erkennen und verständlich visualisieren, kontextualisieren, vertonen, vertexten;
  4. Dialog und Moderation: Einen Diskurs, einen Dialog zwischen verschiedene Interessensgruppen anregen und moderieren;
  5. Aufmerksamkeit generieren, Publizität herstellen, Veröffentlichungsprozesse beherrschen.

Heinz Wittenbrink hat diese Kernkompetenzen nochmal etwas weiter aufgeschlüsselt, aber nicht wesentlich erweitert. Jeff Jarvis hat dies wiederum in einem eigenen Beitrag aufgegriffen und stimmte grundsätzlich zu. Als nächsten Schritt forderte er eine Überprüfung des journalistischen Outputs entlang dieser Kriterien, um einen neue “Vision” von Journalismus entwickeln zu können. Aber auch er vermied wie ich und Heinz Wittenbrink die Wertediskussion – die einige Leser aber vermissten.

Dass Journalismus ohne “Haltung” überhaupt nicht möglich ist, zeigt ein einfacher Vergleich von journalistischer und auf Public Relations ausgerichteter Arbeit. Beide greifen auf die fünf Kernkompetenzen gleichermaßen zurück. Es besteht überhaupt kein Unterschied. Gleichwohl müssen sich beide voneinander abgrenzen. Denn sonst ginge das Vertrauen der Rezipienten verloren. Und für diese Abgrenzung ist einzig und allein “Haltung” erforderlich.

Was bedeutet das? Rezipientenvertrauen darauf, dass Journalisten ihre Informationen nicht interessensgeleitet veröffentlichen. Sie erwarten eine gewisse Unabhängigkeit der Journalisten. Eine “gewisse Unabhängigkeit” heißt, sie erkennen meist an, dass Journalisten nicht völlig losgelöst von ihrer Umwelt Gegebenheiten und Zusammenhänge reflektieren.Dass Eigentümer von Verlagen oder Sender als Einfluss nehmen können und dürfen, wird in der Regel anerkannt (wenn auch nicht immer akzeptiert). Nicht anerkannt wird hingegen, wenn Inhalte so zurechtgestutzt und manipuliert werden, dass sie etwa den Interessen von Anzeigenkunden entsprechen. Dies ist jedoch ein offensichtlicherer Zusammenhang als das Verschweigen und Vertuschen, um wertvolle Informanten oder Tippgeber bei Laune zu halten. Dies ist für Journalisten eine wesentlich schwierigere Gratwanderung. Und hier hilft nur: Haltung.

Haltung hat etwas mit “aufrechtem Gang” zu tun, den die Bürger im 19. Jahrhundert mühesam einübten. Was darunter zu verstehen ist, erklärt Jürgen Leinemann in seiner jüngsten Autobiografie:

„Wer sich als Journalist den aufrechten Gang erhalten will, (…) der braucht ein reflektiertes Verhältnis zu sich selbst und seinem Beruf, einen bewussten Umgang mit der eigenen Subjektivität. Das ist die wichtigste Erfahrung meines beruflichen Lebens: Für jeden Journalisten sollte es selbstauferlegte Pflicht sein, sich durch reflektierte Erinnerung eine Haltung zu erwerben, eine für ihn ganz persönlich charakteristische, bewegliche Beharrlichkeit im Umgang mit dem Leben. In seiner Haltung hat die Freiheit des Journalisten ihren Rückhalt. Wie er auf Ereignisse und auf Menschen reagiert, wie er sich zur Macht und gegenüber Mächtigen verhält, das ist nicht nur individuell relevant, sondern das hat auch politische Folgen. Für mich sind zwei Sätze als Leitlinien bestimmend geworden. Der erste heißt: Wirklichkeit ist alles, wo man durch muss. Der zweite ist eine Gedichtzeile von Peter Rühmkorf: ‘Bleib erschütterbar und widersteh.’”

Angesichts der immer wieder aufflammenden Debatte um das Verhältnis zwischen PR und Journalismus, uneinheitlichen Berufskodizes sowie Studiengängen, die beides vermitteln, frage ich mich, warum man dies nicht direkt als ethisches Problem thematisiert – und von dieser Perspektive her direkt angeht.

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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9 Responses to “Haltung” als journalistische Kernkompetenz

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  2. Fischer says:

    OK, aber was ist mit wirtschaftlichen und systemimmanenten Zwängen, was mit der drückenden materiellen und methodischen Überlegenheit der PR? Wie weit trägt einen die eigene Haltung, wenn die Deadline in einer halben Stunde abläuft?

    Die PR kriecht heutzutage quasi hintenrum in den Journalismus, einfach weil sie inzwischen die Deutungshoheit über praktisch alle Bereiche des Alltags erobert hat. Man kann sich als Journalist dagegen wehren, aber man kriegt es i.d.R. nicht bezahlt. Schon gar nicht als Nachrichtenredakteur.

  3. Christiane says:

    Hallo Herr Fischer,
    klar, das sind auch alles Faktoren, die die Qualität bzw. die Haltung beeinflussen. Aber es geht um die Unterscheidbarkeit von Journalismus und PR. Die wird umso größer, je mehr man Haltung zeigt. Und die drückt sich durch das Bemühen um Unabhängigkeit aus. Was muss ich dafür tun? Recherchieren! Wenn ich das nicht tue und Pressemitteilungen nur redigiere, ist das halt kein Journalismus. Und egal wer das produziert, freier Autor oder Redakteur, darf nicht behaupten, das wäre Journalismus.

    Was ich meine, was eigentlich nötig ist, wäre eine ethische Debatte. Also: Inwieweit darf ich als Freie PR und Journalismus gleichzeitig machen? Welche Spielregeln sind akzeptabel? Das Netzwerk Recherche meint ja, das geht gar nicht, ich müsste mich enthalten. Andere meinen, das ginge, aber man müsse es trennen. Die Frage ist: Wie trennen? Darf ich dann über die Themen so lange nichts schreiben? Aber wie verträgt sich das mit dem Prinzip der Öffentlichkeit? Da entstehen eine Menge kniffliger Fragen, die man mal sauber auseinandernehmen müsste.

  4. —- aus Versehen gelöscht, harrt der Rekonstruktion —

  5. Richtig, sowohl PR, als auch der Journalismus haben Berufskodizes entwickelt. Die machen letztlich den Unterschied aus. Und die Debatte geht eigentlich darum, was und wieviel ich dafür tun muss, um eine Trennung in meiner Arbeit als Journalistin zu realisieren. Da spielt auch Vertrauen rein – was wohl hinter mancher, aus meiner Sicht etwas unrealistischen Forderung von der zölibatären Abstinenz seitens Journalisten steckt.

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