Im H-Blog der Medienkritik

Als “H-Blocks” waren im Volksmund die zentralen Zellentrakte des berühmt-berüchtigten Maze Prison bekannt. Die britische Regierung nutzte das Hochsicherheitsgefängnis bis zum Jahr 2000, um im Verlauf des Nordirlandkonflikts unzählige Angehörige paramilitärischer Organisationen wegzusperren, nicht wenige der Insassen ließen dort im Hungerstreik ihr Leben.

Als “H-Blogs” wird man möglicherweise irgendwann einmal die dahindarbende Gattung der Medienblogs bezeichnen. Auch sie scheinen sich aktuell einen Hungerstreik verordnet zu haben, denn ihre Stimme verliert im öffentlichen Diskurs nach und nach an Kraft. Manch ein Exponat hat schon jetzt den letzten Atem ausgehaucht.

Beim Blick auf den gegenwärtigen Zustand der deutschsprachigen Medienblogosphäre macht sich Bitternis breit. Schon dass die bloggenden Medienanalysten im Krisenjahr 2009 eine Negativmeldung nach der anderen absonderten, ließ die Lust an der Lektüre einschlägiger Organe schwinden. Doch auch die Medienblogs selbst durchlaufen eine Krise. Auffälligstes Anzeichen dafür war in den vergangenen Monaten das Aus von medienlese.com. Dereinst als eines der vielseitigeren Formate für Medienkritik im Neuen Netz geschätzt, musste das Blog den regulären Publikationsbetrieb Ende April einstellen, weil die “wirtschaftliche Entwicklung” keine andere Wahl lasse, wie der geschäftsführende Verleger Peter Hogenkamp mitteilte. Und auch jenseits von medienlese.com stehen die Zeichen auf Abschwung: Fast jedes größere Medienblog musste im Verlauf des vergangenen Jahres massive Rückgänge bei der Anzahl der eingehenden Links hinnehmen. Der gemeine Web-2.0-Nutzer, so scheint es, vernetzt sich mittlerweile anderweitig. Das belegt auch die jüngste ARD/ZDF-Onlinestudie: Während das Interesse am Format der Weblogs in Deutschland auf niedrigem Niveau stagniert, boomen vor allem private Netzwerke und Communitys. Ist Bloggerland nun endgültig ausgebrannt?

Zumindest im Segment der Medienblogs gehen offenbar so langsam die Lichter aus. Das ist ebenso bedauerlich wie bedenklich. Noch vor nicht allzu langer Zeit wurden Medienblogs nämlich als neues Wundermittel der medialen Selbstreflektion gefeiert. Auch von wissenschaftlicher Seite schrieb man der Medienkritik im Neuen Netz große gesellschaftliche Potenziale zu, da Medienblogs im Vergleich zu anderen, traditionellen Instanzen der Medienselbstregulierung, so die Hoffnung, freier und unabhängiger agieren könnten. Mittlerweile muss diese Annahme jedoch revidiert werden: Vergleicht man beispielsweise die Medienberichterstattung der überregionalen Tagespresse systematisch mit den Postings der wichtigsten Medienblogs im deutschen Sprachraum, wird deutlich, dass Letztere auffällige Defizite aufweisen. Dazu nur drei Schlaglichter:

  • Medienblogs sind im Vergleich zur Qualitätspresse strukturell im Nachteil. Das lässt sich unter anderem an ihrer geringeren Produktivität festmachen. Um rein quantitativ das gleiche Maß an Texten zu erarbeiten, das “Süddeutsche Zeitung”, “Frankfurter Allgemeine Zeitung”, “Frankfurter Rundschau” und “taz” regelmäßig auf ihren Medienseiten publizieren, braucht es mehr als zehn Blogs. Medienblogs veröffentlichen, wohl vor allem aufgrund geringerer Ressourcen, weitaus diskontinuierlicher als herkömmliche Medienjournalisten und betreiben auch weniger aktive Recherche. Während auf den Medienseiten der Tagespresse die Mehrzahl der Beiträge selbstrecherchiert ist, überwiegt in den Blogs das Muster einer additiven Recherche, d.h. die Inhalte basieren im Kern auf einem Thema, das von einem Fremdmedium recherchiert wurde, auf das im eigenen Beitrag (z.B. kommentierend) Bezug genommen wird.
  • Die Berichterstattung in Medienblogs ist durch eine Spezialisierung auf bestimmte Themenbereiche gekennzeichnet, wohingegen Medienjournalisten überregionaler Tageszeitungen eher universalistisch vorgehen und sich thematisch möglichst breit aufstellen. Das zeigt sich unter anderem am vorherrschenden Medienbezug der veröffentlichten Texte: Während in Blogs gut die Hälfte aller Beiträge das Internet thematisiert, spielen Printmedien und Rundfunk nur eine untergeordnete Rolle. In inhaltlicher Hinsicht interessieren sich Medienblogger vor allem für die Strukturkontexte des Mediensystems, worunter sich Themenbereiche wie Medienökonomie, Medienorganisationen, Medientechnik und Werbung zusammenfassen lassen. Bezüge auf Rollen-, Funktions- und Normenkontexte kommen demgegenüber zu kurz. Die Medienseiten der Qualitätspresse liefern, obwohl ebenfalls nicht ohne Makel, insgesamt ein ausgewogeneres Bild.
  • Medienblogs erfüllen für die Gesellschaft und ihr Mediensystem in erster Linie eine Kritikfunktion, können aber keine journalistische Grundversorgung im Sinne einer Informationsfunktion leisten. Das legt eine Auswertung der vorherrschenden Darstellungsmuster in den veröffentlichten Beiträgen nahe. Während in den Blogs fast zwei Drittel aller Texte argumentieren und kommentieren, herrschen in der Tagespresse aus gutem Grund objektivierende Textsorten vor.

Medienblogs lassen sich somit allenfalls als sinnvolle Ergänzung zum medienjournalistischen Diskurs in den Qualitätszeitungen begreifen, nicht aber als Konkurrent oder gar Ersatz, denn dazu ist ihr konzeptioneller Zuschnitt viel zu unterschiedlich. Der Ansatz, Medienblogger zur neuen Avantgarde der Medienselbstregulierung zu stilisieren, geht an der gesellschaftlichen Wirklichkeit vorbei. Die deutschsprachigen Medienblogs sind eine weitere Stimme, eine neue Nuance im großen Selbstgespräch der Medien, allerdings keine sonderlich bedeutsame. Und solange sie zurückgezogen in ihrer selbstauferlegten Isolationshaft verharren, wird sich an diesem Status auch nichts ändern.

About Tobias Eberwein

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Journalistik der TU Dortmund
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9 Responses to Im H-Blog der Medienkritik

  1. Zumindestens das Argument des Rückgangs an eingehenden Links ist offensichtlicher Unsinn. Der Rückgang betrifft alle Blogs, ganz unabhängig vom Thema, wie man mit einem kurzen Blick in die Entwicklung der Deutschen Blogcharts sehen kann. Da muss schon ein gewichtigeres Argument her, um diesen Niedergang zu belegen.

  2. Ja, die zurückgehende Verlinkungsdichte halte ich auch nicht für “den Beweis”, da es eine Verschiebung hin zu den sozialen Netzwerken und Microblogging-Diensten gegeben hat. Aber die inhaltliche Vergleichsanalyse trifft es schon. Meinem persönlichen Eindruck nach spielen einige Player eine entscheidende Rolle: Turis Link-Newsletter ist mittlerweile sehr gut etabliert. Meedia produziert ebenfalls in hoher Konstanz und gibt damit einen gute Überblick über das Geschehen. Dagegen scheinen Bildblog und Niggemeier mit ihrer Medienkritik schon etwas nischig. Carta ist für mich hier der echte Newcomer, indem es sich auf den Medienbereich spezialisiert hat – auch wenn der ursprüngliche Anspruch erheblich breiter war. Das Besondere an Carta ist, dass es eine gute Mischung von eigenen Artikeln und Gastbeiträgen hat – und diese sehr regelmäßig einwerben kann. Dafür habe ich hohen Respekt!

    Sehr viel Platz für weitere Player ist nicht mehr, wenn man an das Zielpublikum im Netz denkt – außer man würde thematisch in die Breite gehen. Denn auch ein weiterer, neuer Blog-Player müsste wohl zunächst mit Gastbeiträgen arbeiten – und dabei, als Neuzugang, ein noch besseres Konzept als Carta vorweisen, um neue Autoren zu gewinnen. Dazu kommt, dass es vermutlich nicht viele Personen gibt, die in dieser Wirtschaftslage nicht nur das Interesse, sondern genügend freie Zeit haben, um ein solches Projekt zu gründen. Vermutlich wird es daher nur einige Blogs aus der Hochschulecke geben, die in dieser Richtung etwas aufbauen könnten – vielleicht auch, indem sie sich besser untereinander vernetzen.

  3. Robin says:

    Lieber Tobias,

    ich hätte mir einen besser recherchierten und in der Perspektive ausgewogeneren Text von Dir erhofft.

    1. Die Schlüsse aus einem Rückgang der Verlinkung in den Blogcharts sind sachlich falsch. Die Verlinkung geht zurück, weil Verlinkungen über Twitter und Facebook dort nicht gezählt werden. Viele Nutzer sind aber inzwischen dorthin migriert.

    2. Wir haben mit Meedia.de und DWDL.de zwei Angebote, die innerhalb kürzester Frist die alten Platzhirsche wuv.de und horzont.de ganz schön an den Rand gedrängt haben. Und wir haben Turi und letztlich auch Heise.de. Das sind beispiele für eine extrem vitale Medienpublizistik-Szene im Web. Hier zeigt sich, wie stark neue Online-Only-Projekte sein können. Mit dem Blick auf Einzelblogs ist Deine Analyse der Medienpublizistik im Netz viel zu eingeengt. Hingegen hat der publizistische Einfluss der Medienseiten der Tageszeitungen sicher nicht abgenommen.

    3. Gerade dieses Jahr hat gezeigt, dass Online-Publikationen erheblichen Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung haben. Da sind die Datenskandale zu nenen, die Netzpolitik aufgedeckt hat (auf die der Spiegel stolz gewesen wäre), da ist das Internetmanifest zu nennen, das allein auf einer handvoll Blogs und auf einer Website veröffentlicht sehr viel Aufmerksamkeit bekommen hat und vor allem natürlich die riesige Debatte um Netzsperren, zu der Online-Medien maßgeblich beitragen haben.

    4. Natürlich leisten einzelne Blogs alleine keine Nachrichten-Grundversorgung. Mit welchem Recht würde man das von ihnen fordern? Blogs sind nur ein Teil des Mediensystems und sind frei, ihre Kompetenzen freu zu entfalten. Zugleich ist es aber nicht selten so, dass Blogs Meldungen produzieren, die dann vom Mainstream aufgegriffen werden. Jedem von uns fallen dazu genügend Beispiele ein.

    5. Die Spezalisierung ist ein großes publizistisches Pfund gegenüber den häufig eher generalistisch arbeitenden Kollegen bei den Tageszeitungen.

    6. Um zu der schwammigen Aussage “nicht sonderlich bedeutsam” zu kommen, wäre es schon gut, die operationalisieren. Genauso richtig wäre sonst auch die Aussage, dass viele Regionalzeitungen in Deutschland publizistisch nicht sonderdlich bedeutsam sind.

    7. Richtig ist, dass die Ertragskrise im Netz natürlich auch die Blogs betrifft. Darüber hat Carta geschrieben:
    http://carta.info/16804/medienkrise-blogkrise-blogs/

    8. Die Online-Publizistik hat – gerade auch im schwierigen Jahr 2009 – hierzulande Fortschritte gemacht. Das sollte man jetzt nicht mit einer “Das Glas ist halb leer”-Rhetorik kleinreden. Damit macht man es sich zu einfach und urteilt viel zu pauschal.

    Gruss,

    Robin

  4. Ja, würde ich auch alles unterschreiben! Nur: Den Hinweis auf die mediale Selbstreferenzialität halte ich für sehr wichtig. Da gilt es Lücken zu schließen – das wäre ein Zeichen der Reife.

  5. Tobias says:

    Lieber Robin,

    dem Text kann man sicherlich vieles vorwerfen — aber nicht, dass er schlecht recherchiert ist. Er geht hervor aus einem Forschungsprojekt, das mich über weite Teile des ablaufenden Jahres beschäftigt hat und in das unzählige Einzelstimmen aus den verschiedensten Lagern eingeflossen sind. Dass der Beitrag allerdings nicht sehr ausgewogen argumentiert, ist sicherlich richtig — und auch gewollt. Mir ging es darum, einige zentrale Befunde besagter Forschungsarbeit zu pointieren, um damit auf das geschilderte Problem hinzuweisen. Differenziertere Publikationen zum Thema sind in Vorbereitung. Dazu mehr im kommenden Jahr…

    Deine Sachargumente kann ich im Großen und Ganzen teilen. Sie stehen allerdings mehrheitlich nicht im Widerspruch zu meinen Thesen. Ich beziehe mich in meiner Inhaltsanalyse, die dem Gesagten zugrunde liegt, auf eine ausgewählte Gruppe von Medienblogs im engeren Sinne. Für diese Formate fielen die empirisch erhobenen Daten vergleichsweise ernüchternd aus. Entsprechend ernüchternd liest sich deswegen auch die obige Kolumne. Meine Kritik auf die gesamte Medienpublizistik im Internet zu beziehen, ist auf Grundlage dieses Textes nicht zulässig. Den Vorwurf einer “Pauschal-Kritik” sehe ich durch meinen Text nicht gedeckt. Im Gegenteil: Wer mich ein bisschen kennt, der weiß, dass ich für entsprechende Publikationsprojekte eine ganze Menge übrig habe. Andernfalls würde ich mich wohl kaum mit meinen Studenten in Dortmund derart intensiv mit dem Themenbereich Medienjournalismus im Netz auseinandersetzen.

    Zu deiner Beruhigung: Carta war nicht in meiner Stichprobe. Als ich das Sample zusammengebastelt habe, war noch nicht abzusehen, welch rasante Entwicklung dieses Projekt nehmen würde. Seitdem sind eure Linkzahlen jedoch rasant gestiegen — ein schönes Gegenbeispiel, das hoffen lässt!

    Herzliche Grüße

    Tobias

  6. Pingback: Medienblogs im Selbstgespräch at coolepark.de

  7. Chat Atkins says:

    Bist du nicht gewissermaßen selber ein ‘Medienblogger’?

  8. Tobias says:

    Ein guter Punkt! Ich würde das bejahen — und verstehe meinen Sermon damit durchaus auch als Selbstkritik. Mein eigenes Beispiel ist ja geradezu symptomatisch: In den paar Stunden, die ich pro Jahr aktiv bloggend verbringen kann, lässt sich eben keine systematische und umfassende Medienkritik leisten…

  9. Florian says:

    Schließe mich weitgehend Robin an. Mag sein, daß seine Argumente sich mit dem engeren Rahmen des Forschungsprojektes entkräften lassen, aber dann gelten sie dennoch als Argumente gegen ebendiesen Rahmen. Die deutschsprachige Medienblogosphäre war schon mal deutlich müder, seitdem sind aber Angebote wie etwa carta.info, medialdigital.de, leanderwattig.de, print-würgt.de und marian-semm.de hinzugekommen. Ein größeres Projekt wie Meedia, das sich inhaltlich zu weiten Teilen in nichts von einem Medienblog unterscheidet, muß man dafür noch nicht mal einbeziehen.

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