Gehlens zwiespältige Forderung nach einer Debatte über Netzpolitik

“Der Krieg um das Internet” von Dirk von Gehlen im Feuilleton der SZ ist ein Text, der sehr zwiespältig ist: Er verlangt laut und deutlich eine politische Debatte um Netzpolitik, die er aber selbst nicht wirklich führt.

Dieser Debatte verweigert sich gerade die SZ seit Jahren weitgehend. Dass es anders geht, zeigt die Stuttgarter Zeitung. Sie beherbergt Peter Glasers Glaserei, die auch immer wieder in gedruckter Form erscheint, und veröffentlich auf ihrer Wissensseite mehr Internetthemen in einem Monat als die SZ-Wissensseite in einem ganzen Jahr. (Vielleicht liegt das daran, dass in der SZ sich nicht mehr die Wissens- (ehemals Computer-) seite, sondern das Feuilleton für das Netz zuständig fühlt – dort aber immer wieder auch daneben greift. Kürzlich etwa irritierte mich ein Artikel, der ganz offensichtlich E-Books mit E-Readern verwechselte …)

Bezeichnenderweise räumt von Gehlen dem un-säglichen Frank Schirrmacher in seinem Artikel so viel Raum ein, dass eine wirkliche Debatte um Netzpolitik gar keinen Platz mehr findet. Spannender wäre es gewesen, wenn er sich mit dem recht geradlinigen Text von Tim O’Reilly befasst hätte, der titelgebend für seinen Artikel war: The War for the Web.

Gehlen vermisst auch die Stimmen aus dem bürgerlichen Raum, die sich für die digitalen Bürgerrechte einsetzen. Das irritiert mich noch mehr: War nicht 2009 das Jahr mit der heftigsten Debatte über Netzthemen seit langem – dank Zensursula? Gab es hierzu nicht eine Online-Petition, beim Bundestag eingereicht von einer Frau, die bis dato in der Netzszene nicht sehr aktiv war, also einer Frau “aus der bürgerlichen Mitte”, wie der Spiegel  mutmaßte? Ist der Erfolg dieser Petition nicht ein Zeichen dafür, dass Internetdebatten nun auch die breite Gesellschaft erreichen?

War 2009 nicht auch das Jahr, in dem erstmals eine Partei, die sich ausdrücklich Netzthemen verschrieben hat, bei europäischen wie bundesweiten Wahlen Achtungserfolge erzielen konnte?

Hat nicht eben das Bundesverfassungsgericht endlich die mündliche Verhandlung zur Vorratsdatenspeicherung durchgeführt – und zählen nicht zu den Beschwerdeführern bürgerliche Liberale wie Gerhart Baum, Burkhard Hirsch und Sabine Leutheusser-Schnarrenberg? Und hat nicht auch Heribert Prantl in eben dieser SZ darüber mehrfach geschrieben?

Von Gehlen vermisst außerdem eine Diskussion um “digitale Bürgerrechte” hierzulande. Die ist nun wirklich nicht neu – und wird seit etwa einem Jahrzehnt immer wieder von mehr oder weniger prominenten Personen und Organisationen angeschoben. Das findet aber eben in bräsigen Printmedien kaum Widerhall, da diese die Relevanz  nicht erkennen wollen, oder einen aktuellen Anlass oder einen anderen Nachrichtenfaktor brauchen.

Nur in einem Punkt will ich Dirk von Gehlen folgen: Dem, dass das Thema der Netzneutralität noch nicht debattiert wird, obgleich es alle schmerzlich betreffen wird. Gehlen hätte sich trauen müssen, allein einmal nur über die Netzneutralität zu schreiben, ohne einen Herrn Schirrmacher zu bemühen, nur weil sein Artikel eben auf der ersten Seite des Feuilletons platziert werden würde. Dann hätte er endlich erklären können, warum das Thema wichtig ist. Aber so, nach diesem Artikel, ist Relevanz des Themas noch immer nicht klar. Mal sehen, wann es dafür wieder Platz gibt.

Für die Zwischenzeit – ein paar Links:

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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13 Responses to Gehlens zwiespältige Forderung nach einer Debatte über Netzpolitik

  1. Stefan says:

    Also die Thesen über Schirrmacher sind wirklich Müll. Das ganze Buch geht ja nur darum, dass wir uns mit Technik beschäftigen müssen. Ich bin gewiss kein unkritischer Leser, aber dieses voneinanderabschreiben ohne die Sache zu kennen, ist schon übel. Gehlen formuliert ja auch eine ganz andere Richtung, das hat mit Vorratsdatenspeicherung gar nix zu tun.

  2. Nein, zunächst hat es natürlich nichts damit zu tun – aber was mich stört, dass er meint, sich überhaupt an Schirrmacher abarbeiten zu müssen. Kann ich nicht nachvollziehen.
    Was die Vorratsdatenspeicherung anbelangt: Das ist das Beispiel, das er nicht nennt, das aber zeigt, dass es eben doch eine Debatte über digitale Bürgerrechte gibt – und zwar eine sehr lebendige. Aber er zitiert hierfür Leute, die in Deutschland keine Rolle spielen. Als wüsste er nicht, was hier wirklich läuft. Das fand ich sehr irritierend.

  3. Wittkewitz says:

    Und keiner in deutschen Landen nimmt die amerikanischen Diskussion rund um die FCC Vorhaben und Regularien wahr. Wahrscheinlich, weil es einfacher ist, sich mit den pseudowissenschaftlichen und sachlichen und fachlich extrem redundanten Behauptungen eines Schirrmachers auseinanderzusetzen. Die substanzielle Expertise sehe ich übrigens auch nicht bei der Piratenpartei. Noch immer fehlt mindestens ein Ansatz einer Netztheorie aus dem deutschsprachigen Europa und alle “Experten” ergehen sich in gestammelten Aufzählungen mehr oder weniger sachfremder Studienergebnisse zum Thema Gesellschaft und Web. Es ist übrigens zuviel verlangt, von einem beruflichen Stand, der sich als algorithmusfreie Filterfunktion im Infodschungel versteht, einen substanziellen Beitrag zum Thema zu verlangen. Ich erinnere nur an die extrem flache Vorlage des “Philosophen” Precht auf den Münchner Medientagen. Ich warte schon lange auf die Sloterdijksche Verballhornung des Netzes als Metapher des Marfeldes etc. pp. Im Ernst: Ihr solltet nicht den Journalismus mit den Medien verwechseln.

  4. goodfellow says:

    Ich finde solche Geschmacksurteile wie “unsäglich” etc. völlig unproduktiv und ärgere mich, wenn ich auf dieser Seite so mit leeren Händen zurückgelassen werde. Und wieso soll der sich nicht an einem Bestseller abarbeiten, den offenbar ein paar amerikanische Kenner für zumindest diskussionwürdig halten? Mich interessieren Argumente und gerne auch die totale Demontage, aber nicht so. Klingt nach Kampf um Deutungshoheit und nix anderes. Sorry.

  5. @goodfellow – du hast recht, aber ich habe mich einfach geärgert. Weil ich seit 12 Jahren, seitdem ich über Netzpolitik schreibe (immer argumentativ, selten so wertend wie hier), immer wieder die Erfahrung mache, wie schwer es ist, solche Themen in den Medien unterzubringen. Mit der “Netzneutralität” als Thema bin ich dieses Jahr mindestens zehnmal an die Wand “das verstehen unsere Leser nicht, machen wir später” gelaufen. Daher der Frust.

  6. Ich warte ja nur darauf, dass du mal den Ansatz lieferst :) Du hattest ja kürzlich schon ein Namedropping vorgenommen – aber irgendwie hat sich kein Bild in meinem Kopf ergeben.

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  9. Vielen Dank für Ihre Anmerkungen zu meinem Text. Leider komme ich erst heute dazu, diesen Kommentar hier zu lesen und darauf zu reagieren: Das grundlegende Missverständnis steckt in dem, was Sie “die bräsigen Printmedien” nennen. In diesen läuft derzeit eine Debatte, die von anderen Grundannahmen (eben z.B. von der Payback-Veröffentlichung) bestimmt ist als die Debatte im Netz. Zu letzterer habe ich mich – im Netz – geäußert (http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/485245). Die Debatte im Print ist jedoch eine andere, darauf wollte ich mich dem gedruckten Artikel hinweisen. All die von Ihnen genannten Aspekte von Online-Petition bis Piratenpartei waren bestimmt von einer Netz-Öffentlichkeit, die Debatte in den so genannten klassischen Medien ist aber eine andere.

    Ich glaube, es gibt in Deutschland einen Graben, der zwischen diesen unterschiedlichen Öffentlichkeiten läuft. Ihr Kommentar bestätigt das. Meiner Einschätzung nach ist eine der wichtigen Herausforderungen der kommenden Jahre, diesen Graben zu schließen – so bräsig die eine Seite die andere auch jeweils finden mag.

  10. Absolute Zustimmung! Allerdings hatte ich für diese “Print-Haltung” vor einigen Jahren noch mehr Verständnis als heute. Heute gibt es so viele Menschen, die tagtäglich im Netz sind. Man kann einfach nicht mehr annehmen, dass sich die Leserschaft so stark zwischen Print und Online unterscheidet. Das halte ich für ein gepflegtes, und inzwischen ärgerliches Vorurteil. Ich schreibe ja auch für Print und mein Ärger rührt auch ein Stück daher, dass ich immer wieder gegen diese Mauern anlaufen muss – und diese sind bei den Medien unterschiedlich hoch. Wie gesagt: die Stuttgarter Zeitung kennt solche Vorbehalte kaum noch, die SZ sehr wohl; auch beim Spiegel lässt sich so etwas immer wieder herauslesen.

    Diese Haltung scheint mir leider auch ein Teil der SZ-Redaktionskultur zu sein (so sehe ich das von außen) und Ihren Artikel empfand ich daher als einen Appell an die eigenen Kollegen, etwas offener zu denken. Andererseits, und das hatte ich ja geschrieben, fand ich es schade, dass solche Appelle nach 15 Jahren lebhafter Netzpolitik überhaupt noch notwendig sind und daher umso bedauernswerter, dass man die jetzt notwendigen Diskussionen nicht einfach straight – ohne Rechtfertigungsumwege – führen kann. Das wäre nämlich bitter notwendig – alles andere ist eine Zumutung für die Leser, nicht umgekehrt.

  11. Ich glaube es geht weniger um die Redaktionskultur (die ist übrigens in der SZ besser als Sie annehmen) als um den öffentlich Diskurs, den ein Buch wie Payback auslöst. Dieser ist – leider – losgelöst von der Debatte um Netzkultur, die Sie zurecht erwähnen. Mir sind zahlreiche sogar in digitalen Fragen bewanderte Menschen begegnet, die sagten: Eigentlich hat Schirrmacher Recht. Und um diesen Diskurs ging es dem Artikel zunächst: Um die Frage also, worüber reden wir eigentlich, wenn wir übers Netz reden?

    Damit ist, hier stimme ich Ihnen absolut zu, das Thema keineswegs erschöpfend behandelt. Aber: Es ist, so denke ich, notwendig, auf diesem Weg überhaupt Verbindungen zu schaffen zwischen den unterschiedlichen Diskursen. Denn nur wenn man die Kompromissbereiten auf beiden Seiten erreicht, kommen wir an einen Punkt, an dem in den deutschen Feuilletons, in den entsprechenden TV-Sendungen und den politischen Magazinen des Landes mit der gleichen Kompetenz und Intensität über Netzneutralität, Internet-Sperren und somit über die politische Dimmension der Digitalisierung debattiert wird, wie dies heute schon im Netz selber getan wird.

    Die Widerstände, von denen Sie sprechen, die man dafür überwinden muss, sind mir im übrigen auch bekannt. Insofern kann ich Ihren Ärger durchaus nachvollziehen …

  12. Pingback: KoopTech » KoopTech empfiehlt ... » Kai Biermann über Netzneutralität

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