Lesenswerte Reflexion von Jakob Augstein über die “Zukunft der Zeitung”: exemplarisch über die eigene Print-Online-Strategie – sowie über die der Bild-Zeitung und des Spiegels. Sowie viele kluge Beobachtungen, unter anderem diese:
Aber ich war vor ein paar Monaten mal in einer Klasse der Henri Nannen Schule und habe mit denen geredet. Die hatten alle Herbert Riehl Heyse als Role-Model. Das war ein toller Reporter. Aber er ist tot. Und seine Zeiten sind vorüber. Das klingt hart. Das ist hart.
Der Job des Journalisten ist ein anderer als früher. Ich glaube, dass wir darüber in einer anderen Veranstaltung noch ausführlicher sprechen werden.
Und diese, die ich ganz und gar teile:
Ich weiß nicht, ob Sie Gelegenheit hatten, im vergangenen Frühsommer das SZ Magazin zu lesen. Mit der Ausgabe, die sich der Zukunft des Journalismus gewidmet hat. (…) Als ich mir dieses SZ Magazin durchgelesen habe, habe ich mich gefreut, wie hübsch und professionell das gemacht war. Und ich war verblüfft, wie ängstlich es war. Wie wenig selbstbewusst. Wie unsouverän. Wie verschlossen. Wie regressiv.
Und zum Schluss:
Sie können im Netz genau das machen, was Sie auf Papier machen können. Und noch viel mehr. Aber – Sie verdienen damit kein Geld. (…) Das ist eine ganz wichtige Grundlage zum Verständnis des Verhältnisses von Netz und Print. Man braucht beides. Aber nur eines verdient.
Der Link oben bezieht sich auf “Teil2″ – hier ist der Link zu “Teil 1″ der Reflexionen. Und hier noch ein Video aus der Veranstaltung an der Hamburg Media School, das unter anderem Jakob Augstein im Gespräch mit Markus Beckedahl zeigt:


Kluge Beobachtungen? Na ich weiß nicht. Bei mir jedenfalls hat er keine neuen Erleuchtungen augelöst. Wenn man die zwei Sätze zusammenfasst: “Der Job des Journalisten ist ein anderer als früher” und “Sie können im Netz genau das machen, was Sie auf Papier machen können … Aber – Sie verdienen damit kein Geld”, dann kann ich daraus nur den Schluss ziehen: Das Netz ist nichts für professionelle Journalisten. Das wäre ein ziemlich fataler Schluss. Letztlich beschreibt er nur den Status Quo, vielleicht mit der besonderen Perspektive eines Mediums, das weder gedruckt noch online Geld verdient.
Und wenn er darüber schreibt, wie er Blogbeiträge ungefragt redigiert – dann sollte er vielleicht einmal einen seiner Blogger seinen Text redigieren lassen. Das täte dem gut, nicht nur wegen der vielen Tippfehler.
Ich hatte den Eindruck, dass der Text eine Mitschrift seines Vortrags war. Das mit der Korrektur fand ich aber eher lustig. Das erfordert ja viel Zeit und Mühe …
Ja, fataler Eindruck, den ich aber in seiner Zweischneidigkeit teile. Für kleinere Publikationen ist im Netz über Werbung so gut wie nichts zu verdienen. Ich habe daher großen Respekt vor Leuten, die ihr Blog in hoher Konstanz einfach durchziehen. Das könnte ich nicht – denn Brötchenverdienen geht vor.
Komisch, Politico in den USA plant einen Printableger, eine Stadtzeitung für Washington, ich selbst bin podcaster/blogger seit 2003, fülle als blogger die Lücken der entlassenen Lokalredaktion bei der WAZ, und blogge bei der Freitag, wo von Herrn Jacob Augstein die Blogger schon im Firmenkonzept steckten. Fazit: ab Januar gibt es eine Print Stadtteilzeitung für Bochum Mitte, denn irgendwie müssen wir unsere Brötchen verdienen,MP
Die Erkenntnis kommt mindestens fünf (5) Jahre zu spät, wenn nicht sogar zehn (10)!
Verlage haben sich dieses Medium nicht erschlossen. Das Statement Springers (und deutscher Politiker) zur Tagesschau-App zeigen das ganz deutlich. Hier versucht eine Branche durch staatliche Reglementierung ihr Geschäftsfeld zu wahren.
Der Kauf der VZ-Gruppe durch Holzbrinck, das Verhalten der WAZ-Gruppe gegenüber der Thüringer Allgemeinen Zeitung, die Springer Presse-Erklärung und das Interview mit Jakob Augstein werfen ein Licht auf eine Branche die Trends bestens hinterherläuft anstatt an ihnen zu partizipieren und festzustellen das Qualitätsjournalismus und Werbefinanzierung nicht mehr wirklich vereinbar sind.
Ich sehe nicht das ein Verlag irgendwelche Impulse in Richtung Contentmanagement, Micropayment, Nutzerorientierung, neue journalistische Formen oder Konvergenz gegeben oder gefördert hat.
Stattdessen versucht man die Produkte mit Leistungsschutzrechten und politischer Lobbyarbeit auf einem Markt zu belassen, den Kunden nach und nach verlassen werden.
Ein französische Verlag räumt dem Suchmaschinenriesen die Portokasse leer, und feiern ihre Exklusion aus einem weltweitem, durchsuchbaren Literaturindex.
Wenn eine Organisation durch ihre Produkte nicht in der Lage in ein Medium zu konvergieren, sich dieses Medium zu erschließen, neue Gruppen, Leser anszusprechen und ein Geschäftsmodell zu entwickeln, wird es vielleicht Zeit darüber nachzudenken das man die Verbindung zu seinen Kunden, Geschäftspartnern und Lesern verloren hat?
Das die eigenen Produkte nicht mehr zeitgemäß sind und darüber nachzudenken, was man dafür tun kann, dass das eigene Produkt auch im neuem Medium nachgefragt wird, oder dieser neue Markt erschlossen wird, erschlossen werden kann, steht nicht mal im Ansatz zu Diskussion.
Stattdessen versucht man durch Regulation und staatliche Reglementierung einem Markt zu erhalten, an dem das historische Nachrichten- und Anzeigen-Produkt existieren kann.
Mich erinnert die Situation der Verlage, der Verwertungsgesellschaften, der Musikindustrie an einen Ohnmachtsanfall, man liegt am Boden, weiss nicht wie es passiert ist, noch wann es passiert ist, und verfolgt weiterhin die Annahme, man habe sich garnicht hingelegt.
Währenddessen versucht man ein marodes, vergangenes Geschäftsmodell am Leben zu erhalten oder sich durch Zukäufe ein innovatives Prestige zu geben.
Die Aussagen Augsteins sind sämtlich mit besitzstandswahrerischer Trommelei für den “institutionellen Qualitätsjournalismus” unterlegt. Kein Wunder, dass er Aust, den online-Verächter, für den größten aller Spiegel-Chefs hält, die investigative Recherche ausschließlich in “Fachhand” sehen will und sich selber als wohlwollend redigierender Schulmeister für seine um sich gescharten Bloggerlein stilisiert.
Dieses rüchwärtsgewandt-anmaßende Geschwätz passt zu seinem vorangegangenem, siehe
http://oxnzeam.de/2009/11/10/weltfremdes-journalistengeschwatz/
@Marcel Postert, Zurück zum Print? Klingt ja wie Ende gut, alles gut
Im Ernst: Kannst du ein wenig mehr über diese Stadtteilzeitung schreiben? Gibt es hier ein Print-Online-Konzept?
@oxnzeam, Nichts für ungut, aber investigative Recherche ist meist aufwändig und mit juristischen Risiken versehen. Ich glaube, dass vor allem diese juristischen Risiken abschreckend wirken – vor allem wenn man mit dem Bloggen im Schnitt 12,31 Euro monatlich verdient – und unter Umständen gar nicht auf den üblichen Rechtsschutz zurückgreifen kann, wenn dieser sich nur auf klassische Medien bezieht. Aber selbst wenn der Rechtsschutz greifen würde: Juristische Auseinandersetzungen sind seltenst fruchtbar und sehr zeitraubend. Und können allein daher existenzbedrohende Ausmaße annehmen. Ich erinnere da nur mal an die Auseinandersetzung von Jens Weinreich mit dem DFB. Im Moment findet daher, meiner Meinung nach, eine solche Berichterstattung in den Blogs nur punktuell statt.
Ich finde die Beobachtungen von Augstein deshalb gut, weil sie die (nicht besonders inspirierende) Realität beschreiben. Visionär sind deswegen, leider, aber nicht. Ich glaube, wir wünschen uns alle etwas Besseres als den Status Quo. Haben aber noch nichts wirklich Besseres gefunden – sondern nur hier und da ein paar Projekte die in mögliche Fahrtrichtungen weisen.
@Christiane Schulzki-Haddouti, Hallo unter meinem podcast kannst du mal die 0 Nummer anschauen, ein besseres,weil schon erfolgreiches Beispiel für Stadtteilzeitung kommt aus Gelsenkirchen, der Bueraner, vom Michael Otterbein, der hat schon 6 Monatsexemplare draußen, und kann davon leben, kein Bock mehr kostenlos für WAZ,Freitag,Zeit und Co zu arbeiten,Marcel