Zivilgesellschaft – mangelnde Debatten und die Chancen des Internets
Von Brigitte Reiser • 17.Dezember 2009 • Kategorie: Gastbeitrag, Zivilgesellschaft1,292 views • 8 Kommentare
In Deutschland mangelt es an einem breiten Diskurs über die Bedeutung der Zivilgesellschaft und darüber, wie Beteiligungsmöglichkeiten für Bürger ausgebaut werden können. Diese Themen werden zwar diskutiert, – aber vorwiegend in Expertenkreisen und weniger mit den Bürgern selbst. Auch im gemeinnützigen Sektor stehen die partizipativen und demokratiepolitischen Seiten des bürgerschaftlichen Engagements im Hintergrund und wird der Dialog mit den Bürgern zu selten gesucht.
Diese fehlende öffentliche Debatte zwischen den Institutionen in Staat, Drittem Sektor, der Wirtschaft und den Bürgern ist auf das reduzierte Verständnis von Zivilgesellschaft in Deutschland zurückzuführen. In unserem Land wird die Zivilgesellschaft als ‚Helfergesellschaft’ (A. Evers 2009, 3). interpretiert. Im Mittelpunkt steht das konkrete bürgerschaftliche Engagement in gemeinnützigen Einrichtungen. Dieses soll – so wird gefordert- durch ein Gesetz und einen Engagementförderplan des Bundes gestärkt werden.
Mehr soziale Mitarbeit, mehr Bürgergesellschaft – so lautet der Tenor (vgl. Evers).
Übersehen wird dabei, dass sich die Zivilgesellschaft nicht nur durch konkretes Tun, sondern vor allem auch durch den öffentlichen Diskurs, durch Debatten, Mitsprache und Mitgestaltung konstituiert. Es darf nicht nur um den Bürger als Helfer, sondern es muss auch um den Bürger als Mitdiskutant auf Augenhöhe gehen.
„Nicht gefragt zu werden, dürfte gegenwärtig eine der zentralen Quellen politischer Verdrossenheit in der Bürgerschaft sein“ (R. Roth 2009, 9).
Und dieser Mangel an Mitgestaltung existiert nicht nur im Hinblick auf staatliche Institutionen, sondern auch im gemeinnützigen Bereich, speziell bei den professionellen Dienstleistern.
Dabei gibt es heute mit dem Internet einen öffentlichen Raum, der aufgrund niedrigschwelliger Publikationsmöglichkeiten einen solchen Dialog zwischen Bürgern und Drittem Sektor sehr leicht zulassen würde, ergänzend zu den bestehenden öffentlichen Räumen. Aber das Internet ist als Thema im Politikfeld ‚Bürgerengagement’ nur wenig präsent. Wenn das Internet hier eine Rolle spielt, dann in Form von Informations- und Vermittlungsplattformen. Keines der zehn Dialogforen des ‚Nationalen Forums für Engagement und Partizipation’, das im Frühjahr 300 Experten aus Staat, Wirtschaft und gemeinnützigem Sektor zusammenbrachte, thematisierte grundlegend die Bedeutung des Internets für die Zivilgesellschaftim Hinblick auf Dialog- und Partizipationschancen.
Obwohl viele gemeinnützige Organisationen im Internet präsent sind, wird zu wenig darüber gesprochen, welche Herausforderungen speziell das Mitmach-Internet für die einzelne gemeinnützige Organisation und den ganzen Sektor mit sich bringt. Kann man als freier Träger auf Anregungen und Kritik aus der (lokalen) Bürgergesellschaft verzichten, obwohl es so einfach wäre, diese über das Internet abzufragen? Kann man Spender auf ihre Rolle als Geldgeber beschränken, obwohl das Internet die Möglichkeit böte, sie stärker in einen Dialog mit der Organisation einzubinden? Das Internet bietet das Potential, die Partner einer Nonprofit-Einrichtungstärker einzubeziehen, – nicht nur in Umsetzungsprozesse, sondern auch in die Programmformulierung.
Wie man diesen Dialog gestalten und organisatorisch bewältigen kann, darüber müsste in der gemeinnützigen Szene stärker nachgedacht werden. Ebenso über die grundsätzliche Haltung der Einrichtungen, wenn es um Partizipation versus hierarchische Organisationsprozesse oder um das Spannungsfeld Profession versus freiwillige Helfer geht. Es wäre ein erster guter Schritt, über das Internet und dessen Bedeutung für den Dritten Sektor und die Bürgerschaft eine breite öffentliche Debatte zu beginnen. Das Thema ‚Internet’ zu verdrängen, auszusitzen oder einfach nur ablehnend zu behandeln, ist fahrlässig angesichts der Dimension, die die digitale Welt zunehmend im Leben der Bürger spielt.
Zivilität ergibt sich in einer Gesellschaft nicht zwingend von selbst. Zivilität muss man lernen und fördern. Auch den zivilenUmgang miteinander im Internet und die verantwortliche Ausübung von Partizipationsmöglichkeiten. Es wäre wünschenswert, dass der Dritte Sektor eine wichtige Rolle bei der Erschließung der zivilgesellschaftlichen Chancen des Internets spielt. Dies könnte gemeinnützige Organisationen stärken und ihnen neue Perspektiven und Ziele ermitteln.
Für alle, die am Thema ‘Zivilgesellschaft und Internet’ interessiert sind und die Chancen des Internets für den Dritten Sektor und die Bürgerschaft ausloten wollen, gibt es nun eine neugegründete Xing-Gruppe, in die herzlich eingeladen wird.
Brigitte Reiser ist Bloggerin und Beraterin von Nichtregierungsorganisationen. Hierfür betreibt sie zwei Websites, Soziales Kapital für gemeinnützige Organisationen und Web 2.0 für gemeinnützige Organisationen, sowie ein Blog zu Stakeholder-Management und Web 2.0.
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Das, was Sie schreiben, Frau Reiser, kann ich nur bestätigen und unterstützen! Ich bin seit Jahren selber in der Zivilgesellschaft aktiv, habe den SuMa-eV (www.suma-ev.de) gegründet, um dort, wo “der Staat” ganz offensichtlich versagt, mit der engagierten Zivilgesellschaft zu handeln. “Der Staat”, bzw. seine Repräsentanten sind heutzutage mit Sicherheit in vielen Bereichen einfach im Wissen überfordert. Darum ist es extrem wichtig, das Einbringen der Zivilgesellschaft auf eine breitere Grundlage zu stellen.
Auch aus meiner Sicht muss ich das Gesagte bestätigen. Ich selbst habe aus einem Bundesmodellprogramm http://www.efi-programm.de/ heraus die Erfahrung gemacht, dass zuwenig Akteure überhaupt per Internet erreicht werden. Immer noch 50 % der Zielgruppe (ältere Menschen, die sich bürgerschaftlich engagieren) nutzen das Internet überhaupt nicht. Etwa nurn 5 % nutzen das Internet regelmäßig und intensiv. Die verbleibenden 45 % nutzen das Internet so gut wie nie bis gelegentlich. Das sind harte Fakten. Geht man den Gründen nach, warum die älteren Menschen das Internet so wenig nutzen, trotz aller Bemühungen, die von Bund und Ländern mit nicht unerheblichen Geldmitteln unterstützt werden, so kommt man zu einem “Hürdenlauf” http://stufr.de/wuedesign/blog/?p=551
Über Gründe, warum die NPOs so zögerlich an die Thematik herangehen, beschäftigt sich u.a. die NPO-Blogparade in ihrer 12. Runde. Die Auswertung finden Sie hier http://netzwerkpr.de/index.php/2009/12/auswertung-der-12-npo-blogparade/
Besonders bedauerlich ist die Tatsache, dass sich das Nationale Forum wenig bis gar nicht mit dem Internet und der Nutzung für das Bürgerschaftliche Engagement beschäftigt.
Um Internet-Skeptikern den Schritt vom ‘Citoyen’ zum ‘Netoyen’ schmackhaft zu machen, reicht oft der Hinweis auf Chancen und Nutzen des neuen Mediums nicht aus. Nach meinen Erfahrungen im Bereich der Kulturarbeit ist es gerade bei älteren Engagierten hilfreich, im persönlichen Kontakt/ Gespräch Vertrauen in die Seriosität von Webangeboten zu schaffen. Das setzt natürlich voraus, dass die empfohlenen (eigenen) online-Angebote den Qualitätsansprüchen hinsichtlich Inhalt, Lesbar- und Verständlichkeit sowie Beteiligungsmöglichkeit entsprechen. Am besten funktioniert der Abbau von Hemmschwellen, wenn man sich mal zu einem gemeinsamen Kaffee vorm Rechner trifft – und dadurch eventuell auch einen Mutliplikator für weitere Vernetzung gewinnt…
Ich habe den Eindruck, dass “Partizipation” hier das Schlüsselwort ist. Wenn Teilhabe angeboten wird und diese den Menschen sinnvoll oder attraktiv erscheint, werden sie diese auch wahrhaben. Auch wenn sie bereits älter sein sollten. Eine interessante Erfahrung war für mich das Projekt “Erlebte Geschichte” (inzwischen offline), als ich gemeinsam mit der Landesbüchereistelle Koblenz Teilnehmer suchte, die Inhalte für das Projekt beisteuern sollte. Fündig wurden wir vor Ort in den Bibliotheken. Und anstatt der von uns erwarteten Zielgruppe “Jugendliche, junge Erwachsene” konnten wir vor allem, ja fast ausschließlich Senioren gewinnen. Seither denke ich, dass für ein erfolgreiches Projekt verschiedene Faktoren mit hineinspielen müssen: Die Menschen müssen davon erfahren können, das Angebot muss einem Bedürfnis entgegenkommen, es muss Vertrauen hergestellt werden – und vor allem: Es muss Teilhabe ermöglicht werden. Vielleicht denken viele Projektmacher noch zu sehr in klassischen Medienschemen, die eher von “Rezipienten” ausgehen.
?Ganz sicher kann man über den persönlichen Kontakt sehr viel von den Chancen, die Social Media bieten, vermitteln.
Das ist auch ein Ansatz, der mir bei dem Projekt der Blogpatenschaften (http://www.bloggerpatenschaften.de/about/) gefällt: einfach das Notebook einpacken, zu einer Selbsthilfegruppe gehen oder sich im Café verabreden und zeigen, was mit dem Mitmach-Internet möglich ist. Es wäre sicher sinnvoll, wenn es auf kommunaler Ebene Netzwerke aus Freiwilligen gäbe, die als ‘Digitale Mentoren’ die Tour durch die örtlichen Vereine und Initiativen machen und Social Media vorstellen, – speziell ihre Potentiale für die Zivilgesellschaft. Im Unterschied zur Socialbar.de (eine wichtige Institution), die Social-Media Interessierte und Experten an einem Ort zusammenbringt, wäre dies eher eine ‘aufsuchende’ Form der Vermittlung.
‘Internet-Paten’ strebt auch das Bundesprojekt ‘Internet erfahren’ des BMWi an. Aber deren Funktion ist – so wie ich die Ministeriumsankündigung verstehe – Individuen den Umgang mit dem Internet zu vermitteln. Es geht bei dem Programm nicht primär darum, Dritt-Sektor-Organisationen und Bürgern die zivilgesellschaftlichen/partizipativen Chancen des Netzes aufzuzeigen.
Mehr Teilhabe von Bürgern wird in Institutionen häufig als Kontrollverlust wahrgenommen.
Darüber vergisst man die Chancen, die mit mehr Dialog und Mitsprache verbunden sind: Die eigene Perspektive wird um fremde ergänzt, das eigene Leistungsangebot kann besser auf die Nutzer abgestimmt werden, nachträgliche Programmänderungen werden vermieden und die Beziehungen zu den Nutzern vertieft, weil das gegenseitige Vertrauen und die gegenseitige Kenntnis wachsen.
Partizipation bedeutet nicht nur Verlust (der traditionellen Praxis), sondern auch einen Zugewinn an Handlungschancen.
Wunderbarer Artikel, liebe Brigitte Reiser, denn er ist brauchbar für alle Arten sozialer Arbeit in der Schule als Elternbeirat z. B., im Stadtteil in der Nonprofit-Zeitung, für die Diskussion z. B. hier in Berlin von Schöneberg über Hohen- bis Niederschönhausen, für die Bürgersprechstunden der Parteien in den Stadtteilen u. ä. Also von der Internetmedienebene herüber auf andre Ebenen zu transponieren wie Druck-, Funkmedien, ja sogar für Bildungseinrichtungen wie die Jugendtheater u. ä. Danke auch den Kommentatoren! Wir werden Euren argumentativen Reichtung hoffentlich ins nächste Jahr 2010 herüberretten.
Gutes Neues Jahr Euch glücklicherweise extravertierten Medienleuten! (vielleicht bin ich 2010 als Aktiver dabei!? Denn erst jetzt hab ich nach Umzügen und Krankeit Euch entdeckt, obwohl ich lt. Diplom Mediendidaktiker und -praktiker bin.)
Freut mich, wenn der Beitrag Sie inspiriert!