Die Top 10 der vernachlässigten Nachrichten 2009

Nach Ansicht der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) wurden auch im Jahr 2009 wieder wichtige Themen von den deutschen Medien nicht aufgegriffen. Am Samstag, den 30.1.2010, wählte die Jury der INA an der Jacobs University in Bremen die Rangliste der wichtigsten von den Medien vernachlässigten Themen und Nachrichten des vergangenen Jahres.

Die zehn Top-Themen:

1. Notstand im Krankenhaus: Pflegebedürftige allein gelassen

Eine halbe Million Menschen in Deutschland braucht im Alltag eine Pflegekraft. Kommen diese Menschen ins Krankenhaus, müssen fast alle von ihnen auf diese Hilfe verzichten. Denn die Pflegeversicherung zahlt dann keine Betreuung mehr, weil in der Klinik angeblich eine ausreichende Versorgung gewährleistet sei. Tatsächlich haben die Pflegekräfte in den Krankenhäusern bereits zu wenig Zeit für ihre normalen Aufgaben, besonderen Bedürfnissen können sie noch weniger gerecht werden. Häufige Folgen sind: Mahlzeiten werden zu schnell abgeräumt, Patienten mit auffälligem Verhalten werden durch Medikamente ruhig gestellt. Ein Gesetz, das 2009 erlassen wurde, sollte das Problem lösen – es hilft aber nur etwa 500 Betroffenen in ganz Deutschland. Über die Missstände und über das unzureichende Gesetz wurde kaum berichtet.

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2. Psychiatrie: Bundesregierung biegt UN-Konvention zurecht

In Deutschland dürfen Menschen zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesen werden, wenn Fachleute annehmen, dass sie eine Gefahr für sich oder Andere darstellen. Die UN-Behindertenrechtskonvention hingegen schreibt vor, dass Zwangseinweisungen nur bei strafrechtlich relevantem Verhalten erlaubt sind. Sie gilt seit 2009 auch in der Bundesrepublik, doch bei ihrer Umsetzung in nationales Recht wurde die Vorgabe durch Einfügen eines Wortes ausgehebelt: Statt „Eine Freiheitsentziehung aufgrund einer Behinderung ist in keinem Fall gerechtfertigt“ heißt es nun: â€žEine Freiheitsentziehung allein aufgrund einer Behinderung ist in keinem Fall gerechtfertigt.“ Eine Änderung der umstrittenen Praxis wird so umgangen. Von Menschenrechtsanwälten und Patientenorganisationen ist dieses Vorgehen kritisiert worden; die Medien aber haben das Thema weitgehend ignoriert.

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3. Kriegsberichterstattung lenkt von zivilen Friedensstrategien ab

Zivile Konfliktbearbeitung als Alternative zu militärischer Intervention wird öffentlich kaum diskutiert, obwohl sie Krisenregionen befrieden kann. Erfolgreiche Beispiele hierfür sind der Nepal-Konflikt oder die Loslösung der baltischen Staaten von der Sowjetunion. Doch Medien berichten selten über kontinuierliche Verhandlungen und konstruktive Prozesse wie Runde Tische oder präventive Diplomatie, da Journalisten häufig auf Gewalt und spektakuläre Ereignisse achten. Gerade weil sich Deutschland weltweit militärisch in Konflikten engagiert, sollten zivile Alternativen öffentlich gemacht werden.

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4. Rechtswidrige Anwendung von Polizeigewalt

Auch in einem Rechtsstaat wie Deutschland kommen gewaltsame Übergriffe der Polizei vor. Diese Fälle werden selten aufgeklärt, denn gegen die Verdächtigen ermittelt die Staatsanwaltschaft, deren wichtigste Helfer die Polizisten sind. Kommt es dennoch zu Gerichtsverfahren, werden diese meistens eingestellt. Polizisten, die häufig neben den Opfern die einzigen Zeugen sind, sagen selten gegeneinander aus. Die Medien berichten nur über spektakuläre Einzelfälle. Es mangelt jedoch an Informationen über das alltägliche Problem und darüber, dass es keine unabhängige Ermittlungsinstanz gibt.

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5. Lücken der Finanzaufsicht bei Kirchen

Kirchliche Einrichtungen öffentlichen Rechts – beispielsweise katholische Klöster ohne angeschlossenen Betrieb – sind steuerbefreit und werden deshalb von den Finanzbehörden nicht kontrolliert. Sie gelten per se als vertrauenswürdig. Das bietet die Möglichkeit, durch überhöhte Spendenquittungen an Steuerhinterziehungen mitzuwirken. Über diese Lücken der Finanzaufsicht und die potentiellen Steuerschlupflöcher wird in den Medien kaum berichtet. Deshalb wird in der Öffentlichkeit nicht darüber diskutiert, ob das Vertrauen in die kirchlichen Einrichtungen berechtigt ist.

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6. Mangelhafte Deklarierung von Jodzusatz in Lebensmitteln

Eine starke Lobby propagiert – unterstützt von der Pharmaindustrie – den Zusatz von Jod in Lebensmitteln. Dabei leiden etwa zehn Prozent der Deutschen an Jod-Unverträglichkeiten, während gleichzeitig auf Jodmangel beruhende Erkrankungen in der Bevölkerung abnehmen. Zudem belegen Studien, dass zu viel Jod Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse verstärken kann. Seine Zugabe muss aber oft nicht auf Lebensmittel-Verpackungen deklariert werden. Dies macht es Betroffenen schwer, jodhaltige Nahrungsmittel zu meiden. Über die fehlende Wahlfreiheit der Verbraucher wird in den Medien kaum berichtet.

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7. Patente auf menschliche Gene und Gensequenzen

Entschlüsselte menschliche Gene und Gensequenzen können patentiert werden. Das betrifft zum Beispiel Gene, die zu Bluthochdruck oder Brustkrebs beitragen. Die Monopolstellung der Patentinhaber wie Forschungseinrichtungen und Unternehmen hindert konkurrenzfähige Firmen an der Entwicklung alternativer Medikamente und macht unabhängige Forschung teuer. Auch für Patienten können Nachteile entstehen, weil lizenzfreie Behandlungswege von den Krankenkassen aus Kostengründen bevorzugt werden. Über Chancen, Risiken und Konsequenzen der Gen-Patentierung wird nicht themenübergreifend berichtet.

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8. Schulen für Gehörlose unterrichten keine Gebärdensprache

In den meisten deutschen Gehörlosenschulen wird den Schülern keine Gebärdensprache beigebracht. In Deutschland leben rund 80.000 Gehörlose. Wissenschaftler streiten seit Jahrzehnten darüber, ob sie die Gebärdensprache erlernen sollten. Häufigstes Gegenargument: Dadurch würden die Betroffenen aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Stattdessen sollten die Schüler die Lautsprache lernen. Kritiker wenden ein, dass nur 30 Prozent der gesprochenen Sprache von den Lippen abgelesen werden kann. In den Medien wird das Thema bestenfalls als fachpädagogische Debatte behandelt.

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9. Mangelnde Kontrolle deutscher Rüstungsexporte

Seit Jahren gehört Deutschland zu den weltweit größten Rüstungs-Exporteuren, auch von so genannten „Dual Use“-Gütern, die sich sowohl zivil als auch militärisch nutzen lassen. Eines der Kontrollinstrumente, der jährliche Rüstungsexport-Bericht der Bundesregierung, wird dem Bundestag mit großer Verspätung vorgelegt und auch kaum debattiert. Aufgrund mangelnder Kontrolle landen deutsche Waffen regelmäßig auch in Krisenregionen wie Darfur, Georgien oder Afghanistan. Die sehr aufwändige Recherche des heiklen und komplexen Themas leisten Medien nur in Ausnahmefällen.

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10. Sondermüll beim Bauen und Sanieren

Auch nach dem Verbot von Baustoffen wie dem krebserregenden Asbest werden in Deutschland noch Materialien verwendet, die für Mensch und Umwelt problematisch sind. Dazu gehören Chemikalien in Wand- und
Bodenbeschichtungen, die Allergien auslösen können. Dabei gibt es für so gut wie alle Materialien eine ökologische Alternative, künstliche Dämmstoffe wie Styropor ließen sich durch Naturstoffe wie Flachs, Hanf oder Wolle ersetzen. Dass die breit thematisierte Wärmedämmung mit der Entsorgung dieser Materialien belastet ist, wird allenfalls in Fachmedien und Sonderbeilagen aufgegriffen.

Über die Initiative Nachrichtenaufklärung:

Die INA wurde im Mai 1997 gegründet und wurde in diesem Jahr von der TU Dortmund und der Jacobs University Bremen getragen. Ideengeber der Initiative ist das US-amerikanische “Project Censored”.

Anm. der Redaktion: Das ist die Pressemitteilung der INA – die Juryberichte werden hier verlinkt, sobald sie endredigiert sind.

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16 Responses to Die Top 10 der vernachlässigten Nachrichten 2009

  1. Fischer says:

    Eine bedenkenswerte Sammlung, wie immer. Danke dafür.

  2. Silentjay says:

    zu 6. “Eine starke Lobby propagiert – unterstützt von der Pharmaindustrie – den Zusatz von Jod in Lebensmitteln. ”
    Hä?
    Dieser erste Satz nimmt dem Ganzen schon wieder 50% seiner Glaubwürdigkeit.
    Iod ist essentiel für einige Schilddrüsehormone. Iodmangel führt zur Vergrößerung der Schilddrüse und somit zur Kropfbildung. Das durch vermehrte Iodzusätze die Iodmangelerkrankungen zurück gehen ist klar oder?!
    Richtig, zuviel Iod ist nicht gesund, aber der Absatz stellt es in meinen Augen so hin, als würde hier in jedem Fall ein sinnloser Zusatz auf Kosten der Bevölkerung betrieben, was gerade nicht der Fall ist.
    Aber ja, Ich bin dafür, das die welche unter einer engeren therapeutischen Breite für Iodzusätze leiden, eine Kennzeichnung auf Lebensmitteln bekommen. Funktioniert bei Phenylalanin, Gluten und Lactose ja auch.

    Böse Lobby, böse Pharmaindustrie, böse Politiker, böse Wissenschaftler, böse Medien nicht zu vergessen #facepalm

  3. Pingback: Was 2009 in den Medien gefehlt hat: Sorgen Gehörlosenschulen für Ausgrenzung von Gehörlosen? « Not quite like Beethoven

  4. Danke für den Hinweis. Bin gespannt auf die ausführlichen Berichte der Jury.

  5. Ja, die werde ich re-posten verlinken, so bald sie redigiert sind …

  6. Pingback: Worüber DerWesten, RP-Online, Ruhr Nachrichten  Co. in 2009 nicht berichtet haben » Pottblog

  7. Irene G. says:

    @ Silentjay / Thema 6 (kollektive Jodprophylaxe):

    Das Dilemma ist in diesem Beitrag erklärt:
    http://steiermark.orf.at/stories/147669/

    Der Punkt ist: Jodreiche Ernährung erhöht bei entsprechender Veranlagung das Risiko, an Morbus Basedow oder autoimmuner Thyreoiditis (a.k.a. Hashimoto) zu erkranken. Das betrifft immerhin rund 10 % der Frauen, deren Krankheit oft erst nach Jahren erkannt und bis dahin als psychosomatisch abgetan wird. Bei Männern ist der Anteil der Kranken niedriger, wie bei einigen anderen Autoimmunerkrankungen auch.

    Der Jodgehalt der Nahrung ist übrigens nicht nur dadurch gestiegen, dass häufig Jodsalz verwendet wird, sondern auch durch die Tierfutterjodierung: Vom Stoffwechsel nicht benötiges Jod scheidet das Vieh auch mit der Milch aus, sodass v.a. konventionell erzeugte Milch heute wesentlich mehr Jod enthält als früher. Und so haben Leute, die sich wegen einer Schilddrüsen-Überfunktion (sei es nun Basedow oder Autonomie) jodarm ernähren sollten, ein Problem, wenn sie Milchprodukte aus dem Supermarkt konsumieren wollen. Und die wenigsten Ärzte wissen Bescheid, viele glauben ja sogar, ohne Jodsalz, Seefisch und Jodetten bekäme man automatisch einen Jodmangelkropf.

    Man sieht, ich bin schon gut in dem Thema drin, vielleicht sollte ich es gleich am Montag anbieten :-)

  8. Someone says:

    Es freut mich sehr, dass die Jod-Problematik öffentlich gemacht wird. Meine Frau leidet auch an Morbus Hashimoto, was übrigens auch erst nach Jahren und durch ihre eigene Initiative erkannt wurde. Vorher hatte sie über zehn Jahre Depressionen. Dass diese körperliche Ursachen haben könnten, daran hat niemand gedacht. Wer weiß, ob ihre Krankheit überhaupt jemals so schlimm geworden wäre, wenn nicht überall Jod in den Nahrungsmitteln zugesetzt wäre…

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  11. Silentjay says:

    Betreffs: Iod /Morbus Basedow/Hashimoto

    In dem verlinkten Artikel wird der allgemeinen Iodprophylaxe der Vorrang vor entweigen Nebenwirkungen gegeben.
    Wie gesagt, eine Kennzeichnung wäre gut und richtig, so wie bereits bei Gluten, Lactose etc. etabliert.
    Fraglich finde ich trotzdem immernoch was die Pharmaindustrie mit der Iodprophylaxe zu tun hat. Soweit ich weiß, werden Iodate hauptsächlich dem Haushaltssalz zugesetzt, bzw. in Verbindung mit Salz in Fertigprodukten. Hab noch nie Kochsalz von Glaxosmithkline gekauft.
    Und wenn es zur Einschleppung von Iodsalz durch Kuhmilch kommt, sollte man vllt. die Tierfutterverordnung diesbezüglich überarbeiten.
    Bisher habe ich noch keinen Supermarkt erlebt, wo man kein uniodiertes Kochsalz kaufen konnte.

    Die Kunst besteht wohl darin das Problem ins Bewusstsein zu bringen, ohne das es gleich wieder in einer Hysterie endet, wie zuletzt bei der Schweinegrippe.

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