In der FAZ sinniert der niederländische Netzkultur-Theoretiker Geert Lovink über die Entwicklung im letzten Jahrzehnt und vermisst die Netzavantgarde der 90er Jahre.
Unter anderem meint er zum Thema Anonymität im Netz:
Der wichtigste Faktor, der das freie Variieren der Identität verhindert hat, war der E-Commerce und seine „Trust“-Parole.
Das halte ich für deutlich zu kurz gegriffen, da viele Nutzer gerade im Social Web eine direkte Selbstrepräsentation bewusst zulassen, um ihre “analoge” Identität zu erweitern – und durch den Reputationsgewinn (ja, -verluste gibt es auch) zu profitieren. Da ist wenig Fremd-, sondern viel Eigeninteresse im Spiel.
Besser gefallen hat mir hingegen:
Niemand übersieht die Auswirkung der Kostenloskultur. Wir müssen dieser Entwicklung entgegenwirken. Wir müssen Modelle fördern, die es einem Journalisten ermöglichen, über Monate hinweg an einem Thema zu arbeiten. Diese essentielle Arbeit darf nicht wegfallen. In dem neuen Modell ist dafür kein Platz. Der Journalist wird hier zum Datenverarbeiter. Was dazu führt, dass Nachrichten immer mehr von Bewusstseinsmanagern und PR-Agenturen hergestellt werden.


Ohje, es gibt mittlerweile Generation von Menschen die mit dem Internet, Spiele Konsolen aufgewachsen ist, und die es als selbstverständliches Medium wahrnimmt, so wie wir TV und Radio als selbstverständlich erachten. Diese
Generation erlebt Dienste wie Facebook als reine Bequemlichkeit, in der Konvergenz herrscht — schön ist wenn dann Journalisten schreiben, das Facebook der E-mail den Rang abläuft (tut sie, allerdings nur für Teilnehmer von Facebook).
Diese Generation, an denen die Volkszählung nahezu spurlos vorbeigegangen ist, hat keine Ahnung von informationeller Selbstbestimmung, Privatsphäre – für sie ist Eigenpräsentation und Privatsphäre auf Facebook, Twitter kein Widerspruch, Facebook ist für sie bequem und freundlich. Das man mitunter einen hohen Preis für diese Dienste in Form von Vermessung und Auswertung bezahlt, scheint nicht bewusst wahrgenommen zu werden, wer solche Themen aufbringt, gilt als Spassverderber.
Unsere Datenschützer sind bestenfalls einäugig. Medienkompetenz findet in Deutschland nicht statt.
Ich würde das mehr oder weniger als Lemming-Effekt bezeichnen, das es so falsch nicht sein kann, wenn es alle Menschen einer ständig wachsenden Peergroup tun, besonders im Hinblick auf Facebook und Twitter.
Journalisten sind Toast, ihr habt das Medium und die Technologie nicht verstanden (du lieferst dafür ein schönes Beispiel mit 19 Javascripts u.a. von Google Analytics und Sitemeter), ihr prostituiert euch für Werbung, eure Nischen werden unbedeutend, ihr schreibt nicht mehr für eure Leser, ihr schreibt für eure Kollegen und verlinkt und lobt euch gegenseitig hoch. Geeks sind da nicht wirklich besser. Leider konvergieren die Eliten nicht wirklich
zueinander.
Es besteht kein Interesse an Eliten oder Vordenkern mehr, wenn das Internet genug Unterhaltung und Informationen bietet, die die Grenzen des eigenen Niveaus nicht überschreiten, niemand braucht sich dabei Gedanken machen, wie das Individuum gegängelt, entmüdigt, bevormundet, gezählt und vermessen wird um später festzustellen, das Konvergenz bedeutet, das alles auf einmal ausfällt, und man nicht mal mehr die Hotline anrufen kann.
Um Dinge kritische zu betrachten, muss es das Individuum betreffen, tut es allerdings nur in den seltensten Fällen, so entsteht keine kritische Masse weder politisch noch gesellschaftlich noch naturwissenschaftlich – auch wenn das Internet diese Konvergenz über Eliten technologisch leisten könnte.
Es geht heutzutage nicht mehr darum was jemand kann, es geht darum was andere Menschen glauben was er tun könnte.
@Stefan Onymous, Kann in großen Teilen zustimmen – aber der Text spricht so viele verschiedene Teilaspekte gleichzeitig an, dass ich er mir summa summarum in seiner Pauschalität wiederum auch nicht gefällt. Zum Beispiel die Sache mit den Journalisten: Wenn diese bloggen, so wie ich das hier tue, tun sie es meistens einfach aus Spaß oder um etwas mit anderen zu teilen oder um eine Frage mit anderen zu diskutieren (Kollegen, die das semi-professionell tun wie Stefan Niggemeier möchte hier ausnehmen). Dass sie dann wiederum eher auf ihre Kollegen verlinken, ist zu erwarten, da solche Diskussion im Kollegenkreis einfach virulenter sind und die Bindung damit etwas stärker. Ich selbst verlinke auf viele Experten, Blogger – aber eben auch auf die Kollegen, weil sie mir eben beruflich nahe stehen.
Was meine Javascripts anbelangt: Ja, wir sind im Jahr 2010 und nicht mehr im Jahr 1996. Meine Homepage bspw. habe ich genau aus diesem Grunde jahrelang nicht wesentlich renoviert – irgendwann wurde es aber etwas seltsam, da diese Javascripts ja oftmals Feedbacks liefern, auf die man reagieren möchte. Hier im Blog finde ich sie daher ziemlich sinnvoll. Google Analytics habe ich aber, wie schon getwittert, inzwischen deaktiviert. Zum einen weil Ihre Kritik hier klar berechtigt ist, zum anderen aber auch, weil ich es so gut wie nie verwendet habe. Sitemeter reicht mir, das nach einer Reihe von Abfragen die Daten auch wieder löscht. Darauf verzichten werde ich aber nicht, weil a) auf Technorati leider kein Verlass mehr ist, b) Rivva ein wenig zu eklektizistisch ist und c) die linkto-Abfrage bei Google ziemlich mühsam ist. Da denke ich, sollte man doch eher ein noreferrer-Tag setzen, wenn man Referrers verhindern möchte. Die restlichen Daten sind zu ungenau, um wirklich Einzelnutzer identifizieren zu können. Ich habe daher damit überhaupt keine Bauchschmerzen. Und ich glaube, die Datenschützer auch nicht (vor Jahren habe ich deshalb mal einen gefragt, der hatte keine Einwände).
Zum Elitendenken: Natürlich gibt es die Eliten immer noch – oder wie anders wären etwa amerikanische Vordenker wie Clay Shirky, Jeff Jarvis, Danah Boyd oder David Weinberger einzuordnen? Das Internet zerfällt heute in mehr Interessensgrupen wie vor 10 bis 15 Jahren – aber das war doch zu erwarten. Und auch damals erreichte die Netzelite nur wenige Leute. (Man muss auch heute nicht meinen, dass es alle erreicht, was Shirky sagt.) Ein telepolis- oder Spiegel-online-Artikel von mir, der damals 600 Abrufe in wenigen Stunden erzielte, war schon ein Renner. Darüber kann ein halbwegs erfolgreicher Blogger heute nur müde lächeln.
Ich habe den Verdacht, dass Geert Lovink deshalb so larmoyant über Eliten spricht, weil er selbst nicht mehr wirklich gehört wird. Seine Thesen haben den Anschluss an den vorherrschenden Diskurs verloren.