Google versus China – Was heißt das nun?

Noch ein Blogpost über Google und China. Würden sich die meisten Blogger nicht gerade die Finger über das Jesus-Tablett blutig tippen, dann würde zum Thema “Google und China” sicher erstmals die Zahl der Blog-Einträge die Zahl der Blogger überholen. Cyberwar und „Don’t be Evil“, Zensur im Netz, die Große Firewall und der Internet-Imperialismus – man kann sich kaum losreissen. Vermutlich deshalb: zu entscheiden, wessen Position man weniger ausstehen kann, fällt schwer. Aber wer muss das schon, meinungsreichaltiger Unwillen genügt, dafür hat der liebe Gott Blogs schließlich erfunden.

Klar ist zunächst einmal , dass die USA im Laufe des vergangenen Jahres China als Malware-Meister aller Klassen abgelöst hat: der jüngste Sophos Security Report zeigt, wie sich das Verhältnis der Ursprungsländer von Phishing, Viren etc. in kurzer Zeit umgekehrt hat: noch 2007 kamen über 50 Prozent aller Attacken und übler Ware aus China, 2009 kommt 40 Prozent aus USA, Chinas Zahlen sind drastisch zurück gegangen. Speziell die Attacke gegen Google, die eine Lücke in Adobe-Produkten ausnutzt, ist nun aber klar auf China zurückzuführen, wie man liest.

Noch nicht so lange her ist die Entdeckung die Aufregung über das chinesische “Ghostnet”: Dateien auf den Rechnern ausländischer Unternehmen, Ministerien, Botschaften und tibetischer Exilpolitiker wurden gestohlen, gelöscht oder beschädigt. Computer wurden gegen ihre Besitzer gerichtet, indem die eingebauten Mikrofone und Kameras zu Spionage-Marionetten an den Schnüren der hijackenden Puppenspieler wurden. China wurde als unmittelbare Quelle dieser Angriffe ausgemacht, aber es gab eine Tendenz (wenigstens unter den akademischen Experten) zur samtpfotigen Wortwahl, um nicht den Schlamm aufzuwühlen, der jetzt die Sicht zwischen den Regierungen in Washington und Beijing behindert: wenngleich die Attacken aus China kamen, konnte natürlich nicht ausgeschlossen werden, dass die angreifenden Computer selbst Opfer eines Angriffs und Teil eines Zombie-Nets seien – Gewissheit über die tatsächlichen Hintermänner ließe sich schwer finden. Immerhin gibt es mittlerweile ausführliche Untersuchungen zu der Frage, die U.S.-China Economic and Security Review Commission publizierte ihren Bericht zum Thema “Chinese Cyber Warfare & Espionage“.

Die deutschen Nachrichtendienste kamen zu ähnlichen Ergebnissen, als sie 2007 verkündeten, dass Spionageprogramme (in .ppt und .doc versteckt) auf Rechnern deutscher Ministerien nach China zurückverfolgt werden konnten. Die chinesische Regierung bestritt das vehement – und die Stimmung zwischen den Regierungschefs war verdorben. Bestritten wird weiterhin und beständig – mit dem neueren Twist, dass nicht nur China nicht Täter, sondern vielmehr Opfer von Attacken aus dem Ausland, genauer vorzugsweise aus Kalifornien, sei. China Daily und Global Times, die englischsprachigen Verkündungsroboter, haben da seit Mitte Januar eine klare Meinung.

Und was heißt das nun alles insgesamt … ? Natürlich: in einer globalen Wettbewerbsökonomie werden viele Akteure alle Sicherheitsleinen kappen und alle Hebel in Bewegung setzen, um an das nächste Stückchen wertvolle Information zu kommen, den Konkurrenten zu schaden oder durch Diskreditierung für Unruhe zu sorgen. Ob es um Markt- oder Politik-Wettbewerb geht, darf man vermuten, ist dabei egal.

Wenn China involviert ist, spielen natürlich noch ein paar andere Aspekte eine Rolle: das Netz wird sehr ambivalent gesehen (Quelle von Wohlstand und Modernisierung versus Quelle von Unruhe und Kontrollverlust). Wie viele Regierungen so sitzt auch die chinesische voller Menschen mit profunder Unkenntnis zu allen Aspekten der Informationsgesellschaft, handle es sich um technische oder soziale Aspekte und Auswirkungen. Die Art und Weise, wie Staat und Wirtschaft zudem in China miteinander bis zur Ununterscheidbarkeit verwirkt sind, lässt es auch recht wahrscheinlich erscheinen, dass solche konzertierten Groß-Angriffe, wie sie aus China heraus abgefeuert wurden, auf die ein oder andere Weise den Regierungs-Apparat durchlaufen haben – einige der Angriffe, so las man, konnten sogar direkt chinesischen Armeecomputern zugeordnet werden.

Und sieht man sich die permanenten und starken Eingriffe in die Freizügigkeit von Internet-Anbietern an, wirkt es mindestens wie ein seltsamer Fall von eingedelltem Führungs-Selbstbewusstsein, dass keine der (zahlreichen) chinesischen Regierungsinstitutionen, die für Internet-Regulierung zuständig sind, das Rückgrat hat, sich hinzustellen und zu rufen “So schützen wir unsere Werte und unsere Gesellschaft. Deshalb darf man Folgendes nicht machen:…” Stattdessen liest man regelmäßig kurios unsinnige Statements wie dieses: “In China, we don’t have software blocking Internet sites. Sometimes we have trouble accessing them. But that’s a different problem.” Was daraus erwächst, ist weniger ein Gefühl der Bürger, von ihrer Regierung vor Übel bewahrt zu werden. Allenfalls das Gefühl wird gestärkt, dass Zweifel am Verstand, der in dieses Regulierungssystem einfloss, angemessen sind.

Traurig an der ganzen Geschichte ist vor allem, dass niemand, der Genaueres über die Zusammenhänge weiß, darüber redet, sondern stattdessen alle umso mehr, die nichts wissen (ja, danke, mea culpa, schuldig wie angeklagt). Ist die Affäre um Google China eine elegante Market-Exit-Strategie? Kann sein. Oder verhält sich das Unternehmen wie ein Anfänger im Beijinger Seidenmarkt, der hörte, dass man beim Verhandeln mit den Marktschreiern dringend die Weggeh-Drohung praktizieren müsse (“Nein zu teuer, dann kaufe ich nicht. Ich gehe jetzt weg. Wirklich, ich gehe dann, wenn es nicht billiger wird. Achtung, ich bin schon fast weg, schau, einen Schritt vor den anderen, ich zähle bis drei und dann… gleich…”) Es klingt zumindest danach. Und außerdem: niedriger Marktanteil, traurige Werbeumsätze, und eine hübsche Mechanik vor Augen, politische Rückendeckung einzusammeln und noch dazu ein wenig frische Politur auf das nach den China-Abenteuern schon etwas matte “don’t be evil”-Schild zu reiben – klingt nicht allzu riskant.

Und die Chinesen? Wann wird jemand in der Zentralregierung willens und fähig sein, in rechtsstaatlichen Verfahren transparente Gesetze und Verordnungen auf den Weg zu bringen, aus denen man auch tatsächlich erfährt, was genau erlaubt und verboten ist? Die man durch Exekutivorgane auch umgesetzt bekommt und deren Akkuratesse man vor Gerichten überprüfen kann? Die eine verlässliche Grundlage für Investitionen und Innovationen bieten? Ohne solche Regelungen ist das Internet zweifellos einfacher zu kontrollieren. Mit ihnen wäre es ein besseres Netz, nützlicher für die Wirtschaftsmaschine China, und für den politischen Akteur China, der ernst genommen werden möchte.

Wie im echten Leben, so auch in der Informationsgesellschaft: alle kurzen Antworten sind falsch …


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About Thomas Hart

Unabhängiger Berater für Themen der europäischen und chinesischen Wirtschaft und Informationsgesellschaft. Er lebt in Peking und notiert seine Eindrücke regelmäßig in seinem Blog.
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