Gestern Abend habe ich nochmal die Diskussion über ‘Wichtige Blogger’, (männlich), nachgelesen, die Anne mit ihrem Artikel hier und im Freitag angestoßen hat. Verena von der Mädchenmannschaft, canesco, ich und viele andere haben sich daraufhin auch mit dem Thema beschäftigt.
Witzig. Heute erscheint ein Beitrag von Clay Shirky, in dem er zu demselben Schluss gelangt, den auch ich nach längerem Nachdenken gestern Abend noch gezogen habe: Frauen behaupten sich schlechter als Männer. Und wahrscheinlich liegt es an der jahrhundertelangen Konditionierung, der Frauen unterworfen waren (sage ich, nicht Clay Shirky).
Ich bin in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts aufgewachsen und erinnere mich gut an Kernsätze meiner Erziehung: dräng dich nicht auf, Mädchen sollten nicht im Mittelpunkt stehen, du musst zurückhaltender sein, du bist hier nicht der erste Mann bei der Musik, Mädchen machen sich im Hintergrund nützlich, Schüchternheit kleidet; die Ursula, das ist ein nettes Mädchen, immer so ruhig und bescheiden; lass das mal den Uwe machen. Natürlich wurde ich auf eine Frauenfachschule geschickt, um dort ein ‘Puddingabitur’ zu machen. Als ich einmal eine mathematische Aufgabenstellung nicht begriff und zweimal nachfragte, antwortete der Lehrer, ‘wozu willst du das wissen? Das brauchst du gar nicht, du heiratest ja.’ (Später hatte man ein Einsehen, es wurde dann doch noch ein mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium.)
Ausgerechnet Uwes Vater war es dann, der mir die ersten Werkzeuge in die Hand drückte, vormachte, wie man damit umgeht, und mich ermutigte, mich ‘mal was zu trauen’. Von ihm habe ich do-it-yourself gelernt, was mich später unter anderem in die Lage versetzte, diverse Wohnungen selbst sehr ordentlich zu renovieren.
Jetzt kommt das Paradoxon. Ich konnte zwar alles, was man so an häuslichen handwerklichen Fähigkeiten braucht. Da aber immer irgendein männlicher Jemand da war, der es mir abnahm, habe ich mich natürlich auf die faule Haut gelegt und ihn machen lassen, ohne meine Fähigkeiten zuzugeben.
So herum funktioniert es also; man ist als Mädchen/Frau durchaus in der Lage, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, wenn es der Bequemlichkeit dient.
Was fehlt, ist das Verhalten im entgegengesetzten Fall, nämlich ‘sich vorzudrängen’ und zu sagen, ‘lass mich mal, das kann ich besser’.
Als ich etwa 18 Jahre alt war, hatte ich durch verschiedene technische Hobbys auf einigen Gebieten einen deutlichen Vorsprung vor den Jungs. Es war die Zeit der Frauenbewegung, ich sehr politisch, und so lernte ich schnell, zu sagen, wenn ich etwas konnte, und das auch unter Beweis zu stellen. Was passierte? Nicht das Nächstliegende, nämlich, daß in einer sozialen Gemeinschaft jeder das macht, was er am besten kann. Sondern es bildete sich ein Frauen-Netzwerk (nur hieß das noch nicht so), in dem man sich gegenseitig auf einer Art Tauschbasis half und ziemlich stolz war, ohne Männer klarzukommen.
Ich halte das heute für einen Fehler, aber wir wussten damals einfach noch nicht, wie wir mit der neu gewonnen Unabhängigkeit richtig umgehen sollten. Es wäre besser gewesen, von Anfang an den Jungs/Männern klar zu machen, daß es normal ist, wenn eine Frau von ihr beherrschte Fähigkeiten auch einsetzt. Statt dessen haben wir von der Höhe unserer Frauencliquen auf die Kerle herab geblickt und zu verstehen gegeben, ‘wir haben euch gar nicht nötig’. Das hat die Basis für die Bildung des Grabens geschaffen, an dessen anderem Ufer durch Unverständnis das Emanzenbild Gestalt annahm.
In der Folge wurden Frauen, die etwas konnten und es auch sagten, als laut, aufdringlich, nervig, schlimmstenfalls als Mannweiber wahrgenommen. Wir haben durch Kleidung und Habitus selbst viel dazu beigetragen. Um Himmels Willen hätten wir uns nicht sozialen Geschicks oder gar des Kochen-könnens gerühmt, statt dessen haben wir dies negiert, aus Angst, man würde uns wieder ins Lager der Hausmütterchen abschieben. Eine vernünftige Selbstdarstellung als weibliche Frau, die ganz normale handwerkliche, technische, naturwissenschaftliche Dinge kann, kam nicht vor. Einer der am häufigsten gehörten Sätze war, ‘wie, du kannst kochen?!’.
Dann schlug das Pendel in die andere Richtung aus. Mitte/Ende der 1980er Jahre wurde Weiblichkeit plötzlich ‘in’. Zwar war die Mode mit ihren Schulterpolstern martialisch, darunter hatte sich aber eine feminine, gerne etwas zarte und anlehnungsbedürftige Frau zu verbergen. Nun, das war ja das Rollenbild, in dem wir erzogen waren, kein Problem also, sollte man denken.
Zu der Zeit waren young urban professionals in Mode, Yuppies, die von der Frauenbewegung, Feminismus, Politik im allgemeinen überhaupt nichts wissen wollten. Dummerweise waren sie die Abteilungsleiter und hatten die Stellen im mittleren Management, just die Jobs, die man selber gerne gehabt hätte, um sich von da aus hochzuarbeiten. Es gab künftig genau zwei Möglichkeiten: Entweder man fand sich damit ab, ewig Fußvolk zu bleiben. Oder man lernte, die Kerle wegzubeissen. Letzteres bedeutete aber so gut wie immer, daß man es nicht nur mit einem Kerl zu tun hatte, sondern mit einer ganzen Reihe von ihnen. Die Frauenbewegung und vor allem, daß wir versäumt hatten, sie zur gemeinsamen Sache zu machen, war mit ein Grund, warum sich Männer solidarisierten, eine Eigenschaft, die ihnen sowieso besser liegt als uns.
Hatte man es ‘geschafft’, blieb einem nichts anderes übrig, als immer wieder ‘besser’ zu sein als ein Mann. Das hieß Überstunden, Seminare, Weiterbildung, Aneignung zusätzlicher oder Spezial-Kenntnisse, noch ein Schein, noch ein Diplom, während die Kerle Feierabend, Wochenende oder Urlaub hatten. Daran sind unzählige Beziehungen gescheitert. Eine Freundin ging damals für ihre Bank nach Brüssel. Der arme Ehemann wurde ringsum bemitleidet, ‘wie kommst du denn jetzt nur ohne Patricia zurecht?’ Wäre Patricia daheim geblieben, hätte sie das niemand gefragt.
Langsam normalisierte sich das Verhältnis ein wenig. Es gab zunehmend Männer, die sich auch im Haushalt auskannten und die Kinder hüteten, und Frauen, die beruflichen Erfolg hatten. In der Gesellschaft wurde nun immerhin diskutiert, daß auf dem Gebiet noch viel zu tun sei. Einige Kinder aber waren seit Beginn des Feminismus in den Brunnen gefallen und würden dort auch noch ein, zwei Generationen ungeborgen bleiben.
Die heranwachsende Töchtergeneration nahm die kämpferisch erworbenen Frauenrechte als gegeben hin. Viele junge Frauen verübelten es ihren Müttern, daß sie sich auf Versammlungen und Demos herumgetrieben hatten, statt sich um die Kinder zu kümmern. Ihr Verhalten schlug ins Gegenteil um: sie gefielen sch wieder in der Rolle der Hausfrau, die sich um Mann, Kinder, Hund und Garten kümmert. Einher ging eine gesellschaftliche Strömung, die konservative Werte zurück brachte (schön beschrieben in ‘Das Biedermeier-Komplott‘ von Claudia Pinl).
Diese neokonservative Stimmung herrscht bis heute vor, sie findet ihren Niederschlag in Diskussionen um Herdprämie, Krippenplätze, Vereinbarkeit von Beruf und Familie und wird verschärft durch die Weltwirtschaftskrise, die vielen nicht mehr erlaubt, sich auszusuchen, wie sie am liebsten leben würden.
Die Diskussion um Frauenrechte hat sich in das ‘neue’ Medium Internet verlagert, ein Feld, auf dem manche Diskussion noch geführt werden muß. Viele Frauen publizieren im WWW, auf eigenen Blogs, als Gastautorinnen, in Teams oder auf Communityseiten von Online-Zeitungen. Sie haben gelernt, dort ihre Meinung laut und deutlich zu sagen, scheuen weder vor kontroversen noch vor ehemals männlich besetzten Themen zurück. Einige von ihnen haben sich auf diese Art Respekt und Anerkennung erschrieben, ihre Meinung wird gehört und geachtet. Innerhalb der Blogosphäre dürfte es den meisten Lesern gleichgültig sein, ob ein Mann oder eine Frau etwas geschrieben hat, Hauptsache, der Text ist treffend, weiterführend oder erhellend. (Im richtigen Leben ist die Toleranzgrenze noch etwas höher; viele Menschen wissen nicht recht, was ein Blog ist und warum jemand dort schreibt.)
Die Frauen, von denen die Rede ist, sind um die dreißig oder darüber, Mütter, Ehefrauen, Singles, Lesben, einmal quer durch den Garten. Ebenso vielfältig sind ihre Betrachtungsweisen, Weltanschauungen, Meinungen, Vorurteile und politischen Ansichten. Natürlich werden sie gelesen. Natürlich werden sie diskutiert. Natürlich geben sie wichtige Anstöße.
Aber sie sollten es lauter tun. Eine Flüstertüte nehmen und rufen, ‘seht her, ich hab was geschrieben, das euch interessieren wird!’. Mit Leuchtfarbe auf Twitter, facebook, identi.ca – wo auch immer, annoncieren. In anderen Blogs Werbung machen. Sich vernetzen. Sich was trauen. Für Öffentlichkeit sorgen.
Wahrgenommen werden.
Crossposting mit freundlicher Genehmigung.



Dazu empfehle ich den tief schürfenden Artikel von Antje Schrupp
Schon wieder und immer noch: Die Vermännlichung der Welt
und
Der Störfaktor Frau und das männliche Imaginäre
Das Problem, das leider nicht so schnell aus der Welt verschwindet, ist die Tatsache, dass eine Frau ein großes Stück “gefühlte Weiblichkeit” verliert, wenn sie dominanter und durchsetzungsstark auftritt. Wogegen Männer dadurch ihre Männlichkeit bestätigen und bekräftigen.
Machtausübung auf weibliche Art geschieht deshalb oft eher “hinten herum”. Kürzlich war zum Beispiel wieder wochenlang Merkel-Bashing angesagt: zuwenig FÜHRUNG, keine MACHTWORTE etc. – es ging um den Streit über das Datum der nächsten (von der FDP vehement gewünschten) Steuersenkung, wo sich Seehofer und Westerwelle gegenseitig beharkten. Schröder hätte in so einer Situation mit einer “Basta-Rede” punkten können, Angela Merkel tut sowas konsequent NICHT.
Doch wurde dann kürzlich in den Nachrichten berichtet, sie hätte sich mit Steinmeier (SPD) getroffen, um sich darüber abzustimmen, dass man den Afghanistan-Einsatz aus dem politischen Gezänk möglichst heraus halten wolle. Die darauf folgende Nachricht zun Steuerstreit meldete den vorläufigen Rückzieher der FDP: es sei nicht so wichtig, WANN die nächste Steuersenkungsstufe komme, nur sollte es im Lauf der Legislaturperiode sein…
Ein Schelm, wer da eine Macht-taktische Verbindung sieht…?