Buen Vivir: Gemeingüter für ein Gutes Leben
Von Silke Helfrich • 02.Februar 2010 • Kategorie: Zivilgesellschaft629 views • Kein Kommentar
Klimaretter und taz bringen Beiträge von Gerhard Dilger zur Debatte um das Gute Leben und die Gemeingüter auf dem 10. Weltsozialforum in Porto Alegre. Das Weltsozialforum ist als Regionalforum am Freitag mit 35. 000 Teilnehmern zu Ende gegangen.
Foto on flickr, CC: BY pardeshi
Dilger konstatiert zu recht, dass die politisch-programmatische Botschaft insgesamt diffus blieb. Doch warum sollten ausgerechnet die sozialen Bewegungen schon mit Klarheit punkten können, während allerorten konzeptionelle Ratlosigkeit herrscht?
“Dabei wird seit dem Weltsozialforum 2009 in Belém mit dem “Guten Leben†und dem Komplex “Gemeingüter†in Umrissen ein mögliche Plattform sichtbar, auf der sich die unterschiedlichsten Diskurse zusammenführen ließen… Die Brücke zwischen der antikapitalistischen Linken und den Gemeingütern schlug Edgardo Lander: ‘Als globales System steht der Kapitalismus dem Erhalt des Lebens entgegen’, sagte der venezolanische Soziologe, ‘wir müssen die Wachstumslogik radikal überwinden und zu einer Umverteilung des Zugangs zu Gemeingütern kommen.’
Raus aus dem Fortschrittsdenken, dem “desarrollismoâ€! Das war Konsens der Teilnehmer_innen eines internationalen Strategieseminars, zu dem ich im Kontext des 10. WSF (Regionalausgabe) eingeladen war, um über Gemeingüter zu sprechen. Doch sozial-bewegter Konsens hin oder her, die südamerikanischen Linksregierungen hielten nicht nur am herkömmlichen Fortschrittsdenken fest, sondern hätten es sogar vertieft:
“Lula hat die Gentechnik in der Landwirtschaft zugelassen, und unter Hugo Chávez ist die Wirtschaft Venezuelas abhängiger vom Erdöl als vor zehn Jahren.â€, erinnert Lander.
(Ich habe mir in Porto Alegre den Spielfilm über den brasilianischen Präsidenten “Lula, der Sohn Brasiliens†von Fabio Barretto angesehen. Seitdem glaube ich, dass dieser Fortschrittsglaube im Falle Lulas unüberwindbar ist. Biographische Prägungen sitzen tief. Lula kommt aus dem bitterarmen Nordosten des Landes. Der Zugang zu Arbeitsplätzen in der Industrie hat ihn zu dem gemacht, was er ist.)
Die Aktivistin Fatima Mello aus Brasilien bringt auf den Punkt, was nicht mehr geht und was gehen könnte:
“Es reicht nicht mehr, antineoliberal oder antiimperialistisch zu sein. Mit dem Kampf um die Gemeingüter hat letztes Jahr in Belém (dh. auf dem 9. Weltsozialforum - S.H.) ein neuer Zyklus für die Weltbürgerbewegung begonnen, der sich auch auf den Straßen Kopenhagens gezeigt hat.â€
Ich muss mich mit dem Thema noch intensiver auseinandersetzen, aber bislang sehe ich drei Aspekte in der Beziehung zwischen den beiden Konzepten Buen Vivir und Gemeingüter :
1. Es gibt viele Gemeinsamkeiten – z.B. die Abwendung von klassischen Wirtschaftsindikatoren, die Redefinition der Rolle des Staates (der nicht etwa wiederbelebt werden soll, um die Wirtschaft anzukurbeln) die Verteidigung der Dinge die der Gemeinschaft gehören und eine Orientierung auf die Reproduktion des Lebens statt von Gütern. In beiden Debatten geht es mithin darum,
“eine Alternative aufzuzeigen, die sich wesentlich von den neo-keynesianischen und neo-fordistischen Antworten unterscheidet, welche in den sozialen Bewegungen und in den linken Parteien die Oberhand haben. … indem die Fragestellung gewechselt wird: Es geht nicht darum, unseren Konsum generell und in abstrakter Art zu vermindern, … sondern darum, gegen die Konsumideologie zu kämpfen, indem von der Lebensqualität ausgegangen wird und nicht von der Menge der verbrauchten Güter†(Aguiton)
2. Eine Gesellschaft, die die Reproduktion der Gemeingüter in ihre Formen des Wirtschaftens einschreibt, ist eine Gesellschaft, die unterschiedliche Realisierungsformen des Guten Lebens zum Zweck hat. Sorum sehe ich das. Umgekehrt (aber auch in unauflösbarer Beziehung) sieht es Aguiton, der das Buen Vivir als “universelle Perspektive†beschreibt, die
“auf der Verteidigung der gemeinsamen Güter beruht, also Güter, die die natürlichen Ressourcen, materielle Güter als auch die Kenntnisse und Traditionen einschließen, welche auf gegenseitigem Beistand und Solidarität beruhen.â€
Diese Sichtweise entsteht m.E. dadurch, dass Aguiton die Gemeingüter als Ressourcen definiert (statt als Sozialbeziehung) und den Begriff nicht in Bezug auf eine alternative Produktionsweise denkt.
3. Das stark auf lokale (indigene) Gemeinschaften bezogene Konzept des Bien Vivir erfährt im Konzept der Gemeingüter seine notwendige Erweiterung und Verallgemeinerbarkeit. Denn die Gemeinschaften, von denen hier die Rede ist, sind vielgestaltig – eben nicht nur lokal und indigen. Auf welche Gemeinschaft Bezug zu nehmen ist, hängt letztlich von der Ressource ab. Beim Klima (dh. bei globalen Gemeingütern) ist es eben die gesamte Weltgemeinschaft. Das ist ein Problem, welches das Konzept des Buen Vivir nicht aufzuarbeiten scheint. Weswegen auch der Vorschlag eines dezentralisierten und multinationalen Staates
„in dem alle Gemeinschaften ihre Beziehungen untereinander auf gleicher Ebene gestalten.“ (Aguiton), nicht weit genug trägt, da der hier verwendete Gemeinschaftsbegriff nicht weit genug reicht.
Das sind erste Gedanken. Zu diesem Thema wird noch viel zu diskutieren sein. Möglichkeiten dazu gibt es genug: 2010 sind noch etwa 30 regionale und thematische Foren in aller Welt geplant, darunter Anfang Juli das Europäische Sozialforum in Istanbul.
Für LeserInnen, die des Portugiesischen mächtig sind: Die Zusammenfassung der Debatten über Bem Viver / Buen Vivir und über Gemeingüter. Das nächste Mal, werden die sicher nicht parallel laufen!
Silke Helfrich ist freie Bildungsreferentin und Publizistin. Sie lebt und arbeitet in Jena/Thüringen. 1999-2007 Auslandsmitarbeiterin der Heinrich-Böll-Stiftung für Zentralamerika, Mexiko und Kuba. Dort Beschäftigung mit vielen Einzelthemen, Biodiversität, Energie, Wasser, freie Software, Menschenrechte, Demokratie, die in der Auseinandersetzung mit den Commons mündeten. Sie bloggt regelmäßig in ihrem CommonsBlog.
Eine E-Mail an den Autor bzw. die Autorin schreiben | Alle Beiträge von Silke Helfrich



