Eine kooperative Wissensplattform im Twitter-Format: Wer braucht das?

Vor mehr als 12 Jahren hat sich Google vorgenommen, das Wissen der Welt zu organisieren. Seit 10 Jahren ist die Mitmach-Enzyklopädie Wikipedia online und vor knapp 4 Jahren hat der Kurznachrichtendienst Twitter damit begonnen, dass Mitmach-Web zu revolutionieren. Wer braucht da eine weitere kooperative Wissensplattform? Wer braucht Twick.it – die Erklärmaschine?

Das Prinzip der Erklärmaschine ist schnell erklärt: Jeder kann mitmachen, beliebige Themen erklären und die Erklärungen von anderen Nutzern bewerten. Einzige Herausforderung: Die Erklärung, welche auch Twick genannt wird, darf nicht länger als 140 Zeichen sein. Für weiterführende Informationen kann jedoch ein Link zu einer beliebigen URL gesetzt werden. Durch das kollektive Bewertungssystem wird die beste Erklärung ermittelt und bei folgenden Suchanfragen an oberster Stelle gelistet.

Das klingt auf den ersten Blick ein bisschen nach UrbanDictionary. Aber die von Markus Möller und mir (Sean Kollak) erfundene Erklärmaschine kann deutlich mehr.

Anhand semantischer Algorithmen erkennt sie automatisch die wichtigsten Schlagworte und verwandte Themen. Bei einer Suche nach „Beatles“ wird zum Beispiel „John Lennon“ als wichtiges Schlagwort erkannt und verschiedene Beatles-Lieder als verwandte Themen angezeigt. Weitere wichtige Unterschiede zu UrbanDictionary sind die Begrenzung auf 140 Zeichen, der Link zu einer beliebigen URL mit weiterführenden Infos und vor allem die Qualitätssicherung durch die Nutzer. Überhaupt steht bei Twick.it der Nutzer deutlich mehr im Fokus: Dafür sorgen die Abbildung der Gravatare, eine Ranking-Übersicht aller Benutzer und die RSS-Feeds, mit denen sich Nutzer über neue Beiträge in ihren Interessensgebieten auf dem Laufenden halten können.


Beatles-Twick

Kurzer Sinn statt langer Rede

Worin liegt der Nutzen der kleinen, kooperativen Wissensplattform? Meiner Erfahrung nach (ich arbeite als Projektmanager in einer Werbeagentur) sind viele Menschen von der Informationsfülle der Google-Treffer und dem wissenschaftlichen Ansatz von Wikipedia schlicht überfordert. Twick.it bietet eine Anlaufstelle für Menschen, die nach einem schnellen Überblick der wichtigsten Informationen suchen. Auf der anderen Seite können sich Nutzer mittels eigener Erklärungen eine nachhaltige Online-Reputation aufbauen. Offenbar kommt dieses Prinzip gut an: Nur drei Monate nach dem Start der öffentlichen Beta-Phase haben sich knapp 500 Nutzer angemeldet und über 7.000 Twicks geschrieben. In ihren Rezensionen loben unsere Nutzer immer wieder das Verdichtungsprinzip – durch die Limitierung auf 140 Zeichen müssen alle unnötigen Informationen weggelassen werden.

Twitter + Wikipedia = Twick.it?

Twick.it ist ein Kunstwort aus Twitter und Wikipedia. Denn bei der Entwicklung haben wir uns zum Ziel gesetzt, eine Wissensplattform zu schaffen, welche die enzyklopädische Struktur von Wikipedia mit der Usability von Twitter vereint. Gleichzeitig war es uns sehr wichtig, eine eigenständige Lösung zu entwickeln – und nicht einfach ein bereits erfolgreiches Vorbild aus Amerika zu kopieren. Darum haben wir uns für multiple Erklärungen entschieden. Der Vorteil: Im Gegensatz zu Wikipedia kann bei Twick.it kein Edit War entstehen, da jeder Nutzer seine eigene Erklärung erstellt. Und im Gegensatz zu Twitter verpuffen die Mitteilungen nicht in der Echtzeit. Jeder Twick bildet vielmehr einen Baustein in einer stetig wachsenden Wissensplattform.

„Warum sollte ich da mitmachen?“

Die Frage nach dem Nutzen der Kooperations-Plattform ist schnell beantwortet. Alle Kurzerklärungen stehen unter der Creative Commons Lizenz CC-BY und können von externen Diensten weiterverwendet werden. Dazu steht eine offene API-Schnittstelle zur Verfügung. Mit dem Tool Tip Plugin zum Beispiel können Leser von Websites selber entscheiden, welche Begriffe sie erklärt haben wollen. Man hält einfach die Alt-Taste gedrückt und markiert einen beliebigen Text mit der Maus. Das Plugin durchsucht automatisch die Twick.it Datenbank. Bei einem Treffer öffnet sich ein Pop-Up-Fenster mit der gesuchten Erklärung. So bekommt der Leser genau die Information, nach der er sucht – ohne das momentan geöffnete Browser-Fenster verlassen zu müssen. Darüber hinaus sind zahlreiche weitere Anwendungsmöglichkeiten für die Mini-Erklärungen denkbar.

Wie viel Wissen passt in 140 Zeichen?

Kann man Fachbegriffe wie „Gravitation“, abstrakte Konzepte wie „Heimat“ oder vielseitige Persönlichkeiten wie „Michael Jackson“ überhaupt in 140 Zeichen erklären? Ich meine: Man kann – allerdings nur sehr rudimentär. Unser Publikum sucht nicht nach einer detaillierten Antwort, sondern nach einem schnellen Einstieg in das Thema. Wer weiterführende Informationen benötigt, wird sich direkt an Wikipedia oder spezialisierte Foren wenden. Im Gegensatz zu anderen, ausführlicheren Wissensplattformen hat die Erklärmaschine jedoch einen großen Vorteil: Durch die Kürze der Informationseinheiten sind diese für mobile Anwendungen deutlich besser geeignet. Darum werden wir noch in diesem Jahr eine Website fürs Handy entwickeln. Dann können die Nutzer direkt mit dem geplanten WikiReader für die englischsprachige Wikipedia vergleichen, welche Plattform es besser versteht, Wissen auf den Punkt zu bringen.

About Sean Kollak

ist Online-Projektmanager, Texter und SEO in einer Siegener Werbeagentur. Er bloggt für Reimix, einem Forum für illustrierte Kinderreime und twittert hier über Social Media.
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