Über multiple Identitäten und Abwerbeversuche – Interview mit Hal Faber

Hal Faber wird diese Tage 10 Jahre alt. Anlass genug, um Hal mal ein paar Fragen zu stellen:

Christiane Schulzki-Haddouti: Hal, ich habe den Eindruck, du bist der erst IT-Blogger Deutschlands. Stimmt das?

Hal Faber

Hal Faber: Erster IT-Blogger? Nun ja, kurz nach Start des WWWW ging auch der Schockwellenreiter an den Start, den Blog-Chroniken nach der erste. Also ja, könnte sein. Aber das WWWW war nicht als Blog angelegt, obwohl ich damals vor dem ersten WWWW im November einen Artikel über den “ersten” Blogger Doc Searls geschrieben habe.

Stimme aus dem Off: Nö. Es gab ja mal den Spruch, dass der Newsticker an sich das älteste Blog der Welt ist – was nicht so ganz von der Hand zu weisen ist, wenn man Blogs als Sammlung von chronologisch geordneten Beiträgen sieht, die kommentiert werden können. Aber heise.de ist schon erstmal ein klassisches journalistisches Angebot, halt mit einigen online-spezifischen Erweiterungen in Bezug auf Foren und kontinuierliche Berichterstattung etc. Das WWWW ist dann auch kein Blog im Newsticker, sondern, um das mal zu zitieren, “Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.” Also eher die Kommetarseite der Tageszeitung, umgesetzt auf eine Online-Zeitung.

Wie ist deine Beziehung zu anderen Bloggern?

Hal: Zu den Bloggern gibt es nur die allerbesten Beziehungen. Nicht nur wegen der Leser, die ein WWWW rüberspült, sondern vor allem wegen der Links, wenn sie etwas abgedrehter sind.

Was hat dich denn dazu gebracht, wöchentlich zu schreiben?

Hal: WWWW sollte einfach die Besucherzahlen bei Heise über das Wochenende stabilisieren, mehr nicht. Da war die Redaktion über das WE noch nicht besetzt. Stellenweise ist das ganz gut gelungen.Schon komisch der Anfang, kaum Links und die Wikipedia kam erst später.

Was ich schon immer wissen wollte: Bist Du eine Person oder mehrere?

Hal: Eigentlich sollte Hal eine multiple Persönlichkeit bekommen. Im Moment darf beispielsweise die eine Hal-Persönlichkeit kaum noch Musik hören, weil das fast alles inzwischen von einer anderen aka “Stimme aus dem Off” kommt. Doch aus der Multi-Autorenschaft wurde nicht wirklich was. Es blieb meistens doch an einer Person hängen und strukturiert seit 10 Jahren das Leben dieser Person. Lustig war ein WWWW im Fefe-Stil, an dem Fefe tatsächlich mitgearbeitet hatte. Da waren Leute sehr empört wegen Plagiariat usw.

Aha, da haben wir ja immerhin schon einmal eine Persönlichkeitsfacette identifiziert. Hal, kannst du denn die Identität deiner Hauptpersönlichkeit denn ein- und für allemal lüften?

Stimme aus dem Off: Wir halten es bislang immer noch so, dass Hal Faber eben Hal Faber ist. Punkt.

Hal: In einem Germanistik-Seminar über Stylometrie (siehe den 26c3-Vortrag zum Thema) haben sie mal versucht, den Schreibstil vom WWWW mit einem Heise-Redakteur zu korrelieren. Aus der Wikipedia entnehme ich, dass die Zuschreibung nicht ganz gesichert ist. Also, ich kann da auch nicht weiterhelfen.

Hal, wer ist dir lieber – Stanley Kubrick oder Max Frisch?

Stimme aus dem Off: Was für eine Frage – da gibt es keine Entscheidungsmöglichkeit.

Hal: Hal Faber entstand aus der Idee, dass ein Computer die Wochen-Rückschau macht. Da war Hal naheliegend. Homo Faber als der rationale Techniker schlechthin war dann nur konsequent.

Arbeitest du immer stückchenweise die Woche daran, oder geht das auf einen Rutsch dann durch?

Hal: Immer in einem Rutsch in 4 bis 6 Stunden. Ich habe aber einen Notizblock, auf dem ich unter der Woche WWWW-Ideen kritzel, dazu Ausrisse aus den vier Tageszeitungen hier und Link-Fundstellen, Halfutter-Mails usw. Dann kommen noch Vorschläge von Jürgen, der hauptsächlich die Musike abdeckt und Weiterleitungen aus den Newstipps. Ein WWWW komponiert sich zusammen und schaut auch in die Geschichte, z.B. jetzt für den 10.1. wäre es die Publikation von “Common Sense”, das Was wird in die nächste Woche usw.

Vieles schreibt sich selbst wie die Pressemitteilung zum europäischen Polizeitkongress, dass im Ausstellungsbereich aus aktuellem Anlass eine Referenzausstellung von Nacktscannnern stattfindet und der Veranstalter extra ein Lara Croft-Lookalike engagiert hat, dass durch die Geräte schreiten wird: Termin NUR für Fotografen. Diese verdruckste Geilheit braucht keinen Kommentar.

Frühzeitig muss ich nur abwägen, was ich auch als separaten Artikel in den Newsticker hinein bekomme. Für den 27.2. hätte ich Doob und das hochinteressante Roulette-Problem, aber den krieg ich nicht durch, also wird er Halfutter. Manche Sachen sind noch langfristiger. Jetzt erscheinen z.B. in enger Reihenfolge ein paar Bücher, die das Internet kritisieren. Schirrmacher ist schon draußen, Lanier im Druck, von Carr habe ich das Manuskript und Kelly und Rheingold werden wohl die Schlusslichter. So tüftel ich erstmal an einem Begriff analog zu Bobos rum, der im ersten Dotcom-Boom beim WWW wirklich gezündet hatte. Leider geht Lobos nicht, da sitzt in Berlin ein Aufmerksamkeitsgestörter.

Wie hilft dir das WWWW auch beim Rest der journalistischen Arbeit?

Hal: WWWW hilft, Kommentare loszuwerden, die in einem kommentarlosen Medium wie den Newsticker nicht drin sind. Strukturieren tut es in dem Sinne, dass ich es einplanen muss, manchmal vorschreiben usw. Meistens geht der Samstag bei drauf. Ich habe schon komische WWWWs gehabt, etwa in Hongkong oder Singapur, mit fantastischem Blick aufs Meer oder in der Höhe von Potosi.

Was war das schwierigste WWWW für dich?

Hal: Das schwierigste WWWW war IMHO das nach dem 11.9.2001. Es ging darum, nicht flapsig zu werden, ernst, aber auch kritisch zu sein, also die richtige Balance zu finden. Es hat geholfen, dass WWWW-Leser daran gewöhnt sind, wenn Gedicht-Ausschnitte im Text auftauchen. Hier war es Auden und der Satz “Wir haben das Pearl Harbour des neuen Jahrhunderts auf den Bildschirmen gesehen, wieder und immer wieder , und warten auf sein Hiroshima.” Der wurde zigfach zitiert.

Mit einem WWWW kassierte Heise eine juristische Niederlage gegen Gravenreuth, weil ich ein Deep Link auf den “Freiherren” im Kampfanzug drin hatte. Die populärsten WWWW sind jetzt die Rätsel-Dinger im Sommer und immer dann, wenn Hitparaden oder Top-Ten bei den Computerfilmen usw. gesucht werden.

Liest du eigentlich alle Kommentare, oder ziehst du nur stichpunktmäßig?

Hal: Nach Möglichkeit lese ich alle Kommentare, übrigens auch von meinen Newsticker-Meldungen. Manchmal geht das unterwegs aber nicht.

Greifst du Sachen direkt aus den Kommentaren auf?

Hal: Manche greife ich auf, manches kommt natürlich von den Regulars im Off-Topic-Forum von Heise, wo die harten Fans sind.

Arbeitest du eigentlich hauptsächlich nur noch für das WWWW – so viele Links, wie du zusammenträgst?

Hal: Ich habe einen festen Stamm von 20, 30 Lesern, die Halfutter schicken. Ohne die müsste man heute endlos durchs Web turnen.

Hal, wollte dich schon mal jemand von heise abwerben?

Hal:

Stimme aus dem Off: Bislang hat keiner versucht, Hal Faber von heise abzuwerben. Wär ja auch noch schöner.

Vielen Dank!

Bild: Vermutetes Aussehen von Hal Faber.

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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