Wikis im Unternehmen: Das Fallbeispiel Fraport AG

Seit Oktober 2006 gibt es bei der Fraport AG ein unternehmensöffentliches Wiki, das heißt, alle Mitarbeiter können es lesen und nutzen. Vor der Einführung hatte der unternehmensinterne Newsletter „Wissensmanagement“ unter 1.100 Abonnenten eine Umfrage angestellt. Als ein Ergebnis unter anderen wünschten sich 45 Prozent der Befragten ein Unternehmenswiki.

Vorbereitung

Die Fraport-eigene IT-Entwicklungsabteilung mit sieben Mitarbeitern prüfte zunächst verschiedene Wiki-Engines. Sie entschied sich schließlich für MediaWiki, da viele Mitarbeiter bereits Erfahrungen mit Wikipedia gesammelt hatten, das ebenfalls auf MediaWiki aufsetzt. „Der Anfangsaufwand bei der Anpassung ist nicht zu unterschätzen“, sagt Helmut Sins. Die Entwicklungsabteilung nahm folgende Veränderungen vor:

  • Das Aussehen des Wikis wurde entsprechend dem Fraport-Corporate Design angepasst. Die IT-Abteilung entwickelte ein eigenes Wiki-Logo, das sie je nach Jahreszeiten und Feiertagen ändert. Damit will sie, so Helmut Sins, einen „spielerischen Trieb reinbringen“. Die Mitarbeiter zeigten sich begeistert. Sins: „Die Leute haben sich stark identifiziert. Wichtig ist uns, dass es sich wie Fraport-Anwendung anfühlt.“
  • Ein WYSIWYG-Editor wurde nicht implementiert.
  • Mehrere Erweiterungen wurden eingefügt: So wurde beispielsweise ein Kategorien-Baum sowie eine Kategorienliste eingefügt.
  • Jeder User kann einen beliebigen Namen im Wiki verwenden.
  • 45 Prozent der Nutzer verwendeten dennoch ihren echten Namen bzw. ihre Personalnummer. Außerdem wurden eine Tag-Cloud und ein Syntax-Highlighting ermöglicht.
  • Das Wiki wurde in fünf Portale unterteilt.
  • Auf der Startseite gibt es eine Einleitung, die erklärt, wie man sich zur Wiki-Schulung anmelden kann. Dort werden auch neue Artikel, kürzlich aktualisierte Artikel und die Top-5-Artikel angezeigt.
  • Außerdem kann der Benutzer über eine Funktion „Neuen Artikel anlegen“ auswählen, ob er ein leeres Template oder das Template für einen Standard-Artikel verwenden will, das bereits mit Titel, Literatur und Weblinks vorstrukturiert ist.

Abbildung:  Die Startseite des Skywiki der Fraport AG (Screenshot: H. Sins, Fraport AG)

Einführung

Die Einführung erfolgte reibungslos – Sins „hatte mehr Widerstände erwartet.“ Die IT-Entwicklungsabteilung war an den Abteilungsleiter mit der Idee herangetreten, der sich sofort begeistert gezeigt hatte – „sonst wäre es schwierig gewesen“, meint Sins. Außerdem gab es auch seitens der Führungskräfte „überhaupt keine Widerstände“.

Zunächst bildete eine Administrationsgruppe aus fünf Mitarbeitern aus den Abteilungen Personalabteilung, Unternehmenskommunikation, Wissensmanagement und IT den Nukleus. Die Entwicklung eines Wikis sprach sich sehr schnell herum. Binnen drei Monate meldeten sich 42 neue Autoren. Innerhalb eines halben Jahres entstanden so die ersten 530 Artikel. Nur die Autoren konnten in dieser Zeit mit ihren Einzelberechtigungen Wiki-Beiträge lesen und verändern.

Als das Wiki unternehmensweit frei geschaltet wurde, war das Interesse sehr groß. Die Anzahl der Autoren stieg innerhalb von wenigen Wochen über 300. Außerdem werden monatlich Mitarbeiter geschult. Die Nutzer finden die Beiträge meist über die Suche, nur wenige navigieren sich durch das Wiki über die Kategorien. Zurzeit läuft eine Umfrage unter den Mitarbeitern, um Verbesserungspotentiale zu erkennen.

Inhalte

Hinsichtlich der Inhalte zeigen die Mitarbeiter trotz Pseudonymen eine „ungeheuer große Disziplin“, berichtet Sins. „Wir hatten mehr Unsinn erwartet und waren angenehm überrascht.“ „Wildwuchs“ gab es bis auf einen einzigen Artikel über Bruce Springsteen keinen. Der wurde nicht gelöscht und der Nutzer bedankte sich mit weiteren, mehr sachbezogenen Beiträgen.

Die Artikel drehen sich rund um Themen des Luftverkehrs, behandeln Technik, stellen Projekte vor, sammeln Tipps und Tricks. Unter anderem enthält das Wiki inzwischen

  • 8000 Airport-Begriffe in Deutsch/Englisch,
  • bereichsspezifische Glossare,
  • Beschreibungen von Arbeitsabläufen,
  • Projektbeschreibungen,
  • bebilderte Länderberichte und Flughafen-Beschreibungen, Informationen zur Flughafeninfrastruktur, Airline-Portraits.
  • Tipps und Tricks: Wie verwendet man am effektivsten Outlook, Google oder Excel für die täglichen Arbeiten?
  • Beschreibungen aller in der Fraport AG eingesetzten Informationssysteme,
  • Portraits der Tochterfirmen und
  • Informationen rund um Personalfragen.

Grundsätzlich gilt: Informationen, die bereits im Intranet stehen, kommen nicht ins Wiki, ebenso wenig Wikipedia-Artikel. PDF-Dateien und Office-Dokumente dürfen in Ergänzung zu den Artikeln ins Wiki hochgeladen werden. Dabei ersetzt das Wiki nicht das hauseigene Dokumentenmanagementsystem.

Es gibt eine Redaktionsgruppe, die sich wöchentlich trifft. Sie bespricht anstehende Aufräumarbeiten wie die Auflösung von Kategoriebäumen, Neuzuordnungen und Weiterentwicklungen des Wikis. Die Gruppe achtet darauf, dass sich Strukturen bilden. Grundsätzlich werden erstmal keine Artikel gelöscht – ausformulierte Verhaltensrichtlinien ähnlich wie bei IBM gibt es bei Fraport noch nicht.

Die Redaktionsgruppe versucht immer wieder neue Anreize fürs Mitmachen zu setzen:

Sie wählt monatlich die besten Artikel aus, die dann einen Button „exzellenter Artikel“ erhalten, der mit einem Wikinger-Logo versehen ist. Diese Artikel werden außerdem in der Flughafenzeitschrift vorgestellt.

Um in der Tag-Cloud zu erscheinen, müssen die Mitarbeiter mindestens fünf Artikel zu einem Stichwort schreiben.

Die Redaktion spricht Know-How-Träger zu bestimmten Themen an, etwa um ein Projekt vorzustellen oder um einen Artikel zu korrigieren, über dessen Richtigkeit sich die Redaktion im Unklaren ist.

Abbildung: Die Skywikinger als Logo für aktive Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen (Screenshot: H. Sins, Fraport AG)

Gleichwohl gibt es nur geringen Änderungsbedarf, etwa im Fall von Tippfehlern. Auch Diskussionen gibt es wenig. Ab und zu werden Artikel aktualisiert. Diesen Umgang mit Beiträgen von anderen Autoren schildert Sins als „Bruch in der Unternehmenskultur”: „Man kann selber korrigieren, anstatt nur andere zu kritisieren,“ so Sins. „Besserwisser haben hier keine Chance“. Kritik seitens des Managements gab es bislang keine.

Folgen

Inzwischen haben bereits einzelne Abteilungen Bedarf an einem eigenen Wiki angemeldet. So gibt es bereits ein Wiki für die Software-Entwickler, um Code abzulegen und Fachbücher zu speichern. Auch die Revisionsabteilung will ein eigenes für kollaboratives Arbeiten.

Das Fallbeispiel ist der KoopTech-Studie entnommen.


Beiträge zu verwandten Themen:

  1. Wikis im Unternehmen: Das Fallbeispiel IBM
  2. Wikis im Unternehmen: Das Fallbeispiel Deutsche Werkstätten Hellerau

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
This entry was posted in Organisation and tagged , , , . Bookmark the permalink.