Das Wissen der Welt. Gut organisiert.

Ulrich Johannes Schneider, Leiter der Universitätsbibliothek Leipzig hat in einem bemerkenswerten Beitrag in der Süddeutschen Zeitung Anfang März eine fast klassische Konstellation der globalisierten Moderne beschrieben: Die Übernahme öffentlicher Aufgaben durch private Institutionen. Viele der beschriebenen Entwicklungen finden sich auch bei anderen Projekten – Stichwort Suchmaschinen –  wieder. Perspektiven in Zeiten einer Epochenwende.

Auf einen Nenner gebracht: Den politischen Bemühungen von Bibliotheken, dem Google Books Projekt etwas entgegen zu setzen, folgt keinerlei adäquate Implementierung. Auf diesen Nenner könnte man die Situation bringen. Das gilt sowohl für das digitale Bibliotheksprojekt, das, folgen wir Wilhelm, so vor sich hin stottert, das gilt auch für die Frage, inwieweit öffentlich organisierte und finanzierte Suchmaschinen Google oder anderen ökonomisch definierten Projekten Paroli bieten könnten.

They can’t! Zumindest nicht in dieser Situation. Weil Strategie und Handeln immer bedeutet, handlungsfähig zu sein. Und das ganz schnell.

Schneiders Beitrag beschreibt ein weiteres Phänomen: Die Überorganisiertheit von Fachöffentlichkeiten oder -lobbys. Über die tatsächlichen Gründe will ich aufgrund Nichtwissens schweigen. Aber eines steht fest: Es fehlt dem Bibliothekswesen tatsächlich nicht an Institutionen, im Gegenteil, es fehlt ihm an Führungsfiguren, denen es gelingt, die Desorganisation von Kleinstkönigreichen im großen Reich des Wissens zu überwinden. Man ahnt, was auf so einen Artikel folgt: Nestbeschmutzungsvorwürfe, Ausgrenzung, Schmollen in Kleingruppen, passsenderweise (Herr Schneider hat den Zeitpunkt kurz vor dem Leipziger Bibliothekskongress schlau gewählt) an Tischchen am Rande des Leipziger Kongresses, wo man, fast eine Woche lang über die Probleme des Bibliothekswesens und -wahrscheinlich- auch über den Untergang des wissenden Abendlandes memorieren kann.

Rettet die Bibliotheken, ist der öffentliche Schrei. Dabei geht der zweite Halbsatz unter: vor sich selbst. Rettet den deutschen Hang zur Vereinsmeierei, neudeutsch getarnt als Vernetzung, vor massiver Selbstüberschätzung und komplettem Realitätsverlust (dies, könnte man den Bibliothekaren mitteilen, ist kein Bibliotheksproblem, sondern das Problem der Bibliotheken ist ein deutscher Virus, der durch die politisch infizierten Öffentlichkeiten wandert). Beispiele: Politiker reden nur mit Politikern. Und lassen sich von unterbezahlten Journalisten dabei applaudieren. Verleger reden nur mit Verlegern. Und fordern von der Politik Leistungsschutzrechte. Aber das Leistungschutzrecht kann, wie die Abwrackprämie, nur den Untergang der deutschen Verlagslandschaft versüssen, retten kann er sie nicht. Wenn junge Menschen keine Zeitungen mehr lesen, wird auch das Leistungsschutzrecht nichts retten. Da scheinen mir Verleger wie Dumont, der sich daran macht, Redaktionen zusammenzulegen, um einen Skaleneffekt bei Erhaltung der zentralen Leistungen, nämlich redaktioneller Qualität, geltend zu machen, der richtigere Weg. Auch wenn er schmerzhaft ist. Und er bedarf journalistischer Führungsfiguren, die diesen schmerzhaften Weg auch gehen können.

Will heißen: Die Verleger können ihr Geschäft nur retten, wenn sie ihr Gechäftsmodell neu definieren. Und die Bibliotheken sich, das heißt, einen Teil ihrer Arbeitsplätze nur retten, wenn sie ihre Rolle im global digital ratrace neu definieren. Und zwar unter Beachtung ihrer Langsamkeit, die einerseits naturgegeben ist, weil Abstimmung Zeit braucht, aber auch beschleunigbar ist, weil die Überzahl von Gremien sehr wohl reduzierbar ist.

Dazu erfordert es im ersten Schritt einen radikalen, öffentlichen Mahner. Das hat Herr Schneider getan. Dazu braucht es aber im zweiten Schritt eine ganze Menge mutiger Menschen, die jetzt nicht das alte Schmoll-Spiel weiter spielen, sondern daran gehen, sich und ihren Bereich kritisch und ehrlich anzusehen, gegenüber der Handlungsfähigkeit globaler Großkonzerne realistisch einzuschätzen und gemeinsam (oder eben nur als Teil per Mehrheitsbeschluss) voran zu gehen.

Meine politische Erfahrung sagt: Zwischen Recht haben und Recht bekommen liegt ein tiefer Abgrund. Wenn man der deutschen Kuschel-Mentalität folgt, ist dieser nicht zu überwinden. Wenn es aber darum geht, im Interesse der Wissensgesellschaft eine Perspektive zu entwickeln, wird sich eine Lösung finden, den Netzbeschmutzer als Mahner zu begreifen. Yes, we can! Let’s face the facts!

P.S. Für alle, die nicht wissen, wie die Bibliotheken organisiert sind, gibt es eine Website, die auch das erklärt. Weil es erklärungsbedürftig ist:http://www.bibliotheksportal.de/hauptmenue/bibliotheken/bibliotheken-in-deutschland/verbaende-und-einrichtungen/

About Nikolaus Huss

Kommunikationsberater in Berlin und bloggt ab und an in seinem Frühstücksfernsehen.
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4 Responses to Das Wissen der Welt. Gut organisiert.

  1. Sehr geehrter Herr Huss,

    ich möchte mir erlauben auf das Projekt “Zukunftswerkstatt” aufmerksam zu machen. In diesem Non-Profit-Projekt versuchen wir die Bibliotheken fit für die “digitale Zukunft” zu machen. Es gibt in Deutschland eine Vielzahl an spannenden und innovativen Projekten in Bibliotheken. Leider sind es jedoch Einzelbeispiele. Wir möchten mit unserer Arbeit erreichen, dass sich die gesamte Bibliothekslandschaft auf den Weg macht. Dabei sind unserer Meinung nach zwei wesentliche Punkte von Bedeutung.

    1. Es geht im Web2.0 bzw. in der digitalen Welt nicht mehr um Technologien oder fest definierte Plattformen. Es geht also nicht um die Frage wie eine Community funktioniert oder ein Blog. Vielmehr ist es die dahinter stehende Kultur die die große Herausforderung für die Kultur- und Wissensvermittlung der Zukunft ist. Dabei handelt es sich um eine Kultur der Offenheit, der Kooperation, der Interaktion und der Transparenz.

    2. Das Thema ist (leider) sehr komplex. Unserem Wunsch an die Bibliotheken einfach mal auszuprobieren stehen vielerorts offene Fragen bezüglich technischer, finanzieller und personeller Ressourcen, Rechtsfragen, Berufsbildern, Strukturen, Management, Konw How etc. gegenüber.

    Wir glauben fest daran, dass der Wandel in der Kultur- und Wissensvermittlung möglich ist. Sollten Sie dieses Jahr auf dem Bibliothekskongress in Leipzig sein würde ich mich freuen, Sie an unserem Stand begrüßen zu können. Und wenn Sie mehr über die Zukunft der Bibliotheken wissen wollen können Sie gerne unseren Blog: http://www.zukunftswerkstatt.org besuchen. (Verzeihen Sie bitte die versteckte Werbung – wir sind kein Unternehmen, möchten aber erreichen, dass sich viele Menschen und Institutionen auf den Weg in die Zukunft machen)

    Beste Grüße

    Christoph Deeg
    Zukunftswerkstatt

  2. Sehr geehrter Herr Husss,

    ich muss Ihnen leider in vielen Punkten Recht geben und muss sagen, dass ich nicht ganz so optimistisch bin wie Christoph Deeg (obwohl der Versuch “Zukunftswerkstatt” nicht nur notwendig, sondern auch äusserst sinnvoll ist). Meine Skepsis ist eher prinzipieller Natur. Meine langjährige Erfahrung in Lehre und Forschung der Informationswissenschaften (zu denen wir in Potsdam die Bibliothekswissenschaft zählen) hat mir vor allem gezeigt, dass das Thema so “sehr komplex” (Chr. Deeg) ist, dass es im etwas bedächtigen Deutschland immer weniger einholbar wird. Im benachbarten Ausland wurden die Zeichen oftmals schon früher erkannt (Großbrittanien, Niederlande, Finnland) und entsprechende natioanel Strategien und Innovationsinstitutionen gegründet.

    Zur guten Organisation gehört ja auch eine gute Konzeption und eine vorhergehende Analyse der Tatbestände (und sei es per Ideeübernahme aus dem Ausland). Aber dazu fehlt es in Deutschland an Gelegenheit: die zentrale Organisation, die hier Beistand hätte geben können – das Deutsche Bibliotheksinstitut – wurde vor über 10 Jahren auf föderalen Druck hin abgeschafft und einen sonstigen “Überbau” wie eine ausgebaute universitäre Informationswissenschaft findet man in Deutschland kaum. Wer soll also die Führungsrolle übernehmen, wenn es keine Navigatoren und Steuermänner gibt? Ausländisches Know How ist halt oft immer noch in Englisch und die vorhanden Ergebnisse wohl oft zu sperrig für eine direkte Übertragung in Handlungskonzepte im zersplitterten deutschen Kontext.

    Und noch etwas klarer: während die Bibliothek darunter leidet, ausschließlich mit “Buch” assoziiert zu werden, wird – m.E. noch viel schlimmer – die Bibliothekswissenschaft als eine Art Hilfswissenschaft der florierenden Buch- und Medienwissenschaften ebenfalls aufs Abstellgleis gefahren. Die Ressourcen, die hier zum Überdenken und Navigieren für das Schiff “Bibliothek” vorhanden sind, sind konsequenterweise lächerlich gering (ein einziger Lehrstuhl in D). In einem jüngeren Gutachten des Wissenschaftsrates wurde explizit eine Reform der Medienwissenschaften angestoßen; die im gleichen Wissenschaftscluster befindlichen Bibliotheks- und “Dokumentationswissenschaft” jedoch einfach vergessen (!). Und wenn ich dann Politiker von der Informationsgesellschaft reden höre werde ich oft nicht mehr nur traurig.

    Wenn wir die Bibliotheken als Herz der Informationsgesellschaft (unlängst Motto des Weltbibliotheksverbandes IFLA) retten wollen, dann geht das m.E. nur durch eine Stärkung der Reflektion über sie, um evident zu machen, was wir sonst verlieren würden. Es geht nicht (nur) über Digitalaktivismus.

    Hans-Christoph Hobohm
    Potsdam

  3. phu says:

    “…geht das m.E. nur durch eine Stärkung der Reflektion über sie, um evident zu machen, was wir sonst verlieren würden. Es geht nicht (nur) über Digitalaktivismus.” Vielen Dank dafür.

  4. Jakob says:

    Ich würde etwas mehr Digitalaktivismus eher begrüßen als Führungspersonen. Christoph Deeg ist ein gutes Beispiel dafür dass man kein Bibliotheksdirektor sein muss, um die Führung zu übernehmen und Bibliotheken voranzubringen. Dazu muss man kein Bibliotheksdirektor o.ä. sein. Problem ist nur, dass sich die meisten Bibliothekare nicht mit der Zukunft (bzw. inzwischen Gegenwart, das Web ist 15 Jahre alt) beschäftigen können oder wollen. Solange Bibliothekaren sich zwar mit Büchern auskennen aber ihnen die Grundbegriffe der Digitalen Realität nicht in Fleisch und Blut übergegangen sind (z.B das noch immer unverstandene Prinzip des Hyperlink sonst wären Kataloge durchgehend verlinkbar), ist mit Bibliotheken kein Blumentopf zu gewinnen. Dazu kommt dass die meisten Direktoren lieber das gesamte Bibliothekswesen zugrunde gehen lassen solange ihre eigene Einrichtung dabei nicht schlechter dasteht als andere Bibliotheken. Es gibt genügend Beispiele wo Bibliotheken nicht nur der Entwicklung hinterherhinken sondern sie aktiv sabotieren.

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