Jürgen Kuri über die Digitale Aufklärung

Jürgen Kuri vertritt in seinem – wohl leider – einmaligen Cebit-Blogbeitrag “Digitale Aufklärung” die Ansicht, dass nur ein informierter Bürger mit den Widersprüchlichkeiten der digitalen Welt umgehen kann:

Es ist aber nur für einen informierten Nutzer, der keinen realen Kontrollverlust in Kauf nehmen muss, möglich, zu entscheiden, wie weit das gehen soll: Wie weit er sich auf die Simultanität von Ereignis und Information einlassen will, wie weit er mit der Gleichzeitigkeit seiner Handlungen gehen will, was er künftig unter Privatsphäre oder gar einem halböffentlichen Leben im Netz verstehen will. Nur ein informierter Nutzer kann entscheiden, wie weit die Kakophonie aus Wissen, Verschwörungstheorien, Gerücht, Information, Lüge und Wahrheit von ihm sortiert werden kann und befeuert sowie genutzt werden soll. Wer aber die umfassende Information über die Grundlagen seines Lebens im Netz einfordert und bekommt, kann auch entscheiden, beispielsweise seine Privatsphäre aufzugeben: Das ist seine Angelegenheit als autonomer Bürger der digitalen Welt. Dafür aber muss er die Kontrolle behalten und Werkzeuge entwickeln, eigene Regeln aufstellen, Filter einrichten, um Relevanz von Nichtigkeit, Spaß von Unsinn, Lüge von Wahrheit, Sinn von Unsinn unterscheiden zu können.

Völlig richtig. Doch ich wundere mich ein wenig, warum gerade in eigentlich wohl informierten Kreisen wie unseren führenden Medien dann doch immer so merkwürdige Sachen über das Netz zu lesen sind. Offenbar reicht eine gute Allgemeinbildung nicht mehr aus, um als “autonomer Bürger” mit den Widersprüchlichkeiten, der Komplexität des digitalen Seins selbstbewusst umgehen zu können.

Die Schulen, die ja eigentlich für das Leben rüsten sollen, scheinen hier aber auch den Nachwuchs nicht gut vorzubereiten. So weiß ich von einem Informatikkurs an einem Gymnasium hier in Bonn, der auch im zweiten Jahr an der Vermittlung von Turbo Pascal festhält und nur eventuell, kurz vor den Ferien, noch ein wenig Java thematisieren will. Und einem Deutsch-Leistungskurs, der kurz vor dem Abitur noch schnell das Thema “Medien” mit ein paar Texten über Marshall McLuhan abhandeln will. Das muss dann genügen.

Eine “digitale Aufklärung” nach Kant (“Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“) sähe wohl anders aus. Sie würde all das Digitale nicht als Unterrichtseinheit fassen wollen, sondern in jedes Fach als notwendiges Handwerkszeug integrieren – die erwünschte IT- und Medienkompetenz würde sich über Jahre hinweg einfach einstellen.

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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