Kartografien der Macht – Countermapping

Karten haben einen Grund: das Bildliche. Sie funktionieren und operieren nur als Bild. Das ist notwendig, aber nicht hinreichend. Um die Eigenschaft der Karte zu erlangen, muss nicht nur dieses Medium in Gang gesetzt werden, sondern es muss noch etwas hinzukommen, zusätzliche Informationen – Metadata also, die Himmelsrichtungen, Straßennamen oder ein anderes Overlay ins Spiel bringen, das “Google Earth” in “Google Maps” verwandelt.

Will man aus der Fülle der Funktionen, die Karten mittlerweile haben, eine zentrale Funktion herausheben, dann ist es die der Orientierung. Ohne solche Daten gibt es sie nicht. An diese Bestimmung ließe sich eine dramatische Folge anfügen: ohne Metadata keine Orientierung, ohne Orientierung keine Positionierung, ohne Positionierung und Selbtslokalisierung keine Selbstobjektivierung oder gar Idenditätsbestimmung. Ersichtlich wird, welche Grundzusammenhänge durch das mapping vermittelt werden. Ein aktuelles Beispiel hierfür der disorientation Guide 2006 des counter-cartographies collective. Die Orientierungsleistung von Karten hängt sicherlich zentral mit ihrer Fähigkeit zur Repräsentation ab, die (in diesem Fall) mit dem Anspruch auftritt, zwischen “richtig” und “falsch” bei der Positionierung im Raum klar zu unterscheiden. Doch wenn Karten nicht nur repräsentieren und wiedergeben, sondern auch konstruieren (und “erfinden”), dann ist diese Klarheit deutlich relativiert. Orientierung wird durch neue Unterscheidungen bewirkt.

Es wäre daher spannend zu untersuchen, wie sich kulturelle Idenditätskrisen gesellschaftlicher Subjekte (Klassen, Eliten usw.) in Kartenpräferenzen, -innovationen, -gegenstandwahlen, Raumbestimmungen oder spezifischen ästhetischen Strukturierungen niederschlagen, wie veränderte gesellschaftliche Konstellationen ein cognitive mapping hervorbringen, dessen Wandlungen in gesellschaftlichen Orientierungen sich auch in einer Neukartierung der Gesellschaft reflektieren.

Im letzten Jahrzehnt ist eine neue Kartographie des Politischen und des Widerstands, ein heterogenes counter-mapping entstanden. Brian Holmes hat diese Entwicklung mehrfach analysiert. Zu den oft vergessenen Wegbereitern dieser Wende gehören Ronald Segal und der Kartograph und Trotzkist Michael Kidron, die seit Anfang der 80er Jahre mehrere Atlanten zu Politik, Armut, Rüstung, Hunger und Reichtum publizierten, u.a. Hunger und Waffen, Hamburg 1982, Die Aufrüstung der Welt, Hamburg 1983, Die Armen und die Reichen,Frankfurt 1985 und Der Fischer Atlas zur Lage der Welt: globale Trends auf einen Blick, Frankfurt 1996. Die neue Kartographie des Politischen verknüpft neue Orientierungs- und Medientechnologien mit wissenschaftlichen, theoretischen, politischen, häufig auch künstlerischen Zielen. Diese ganz andere, oft kollaborative Kartographie der Macht wirkt erstensauf die Produktion, Bearbeitung und Visualisierung der räumlich relevanten Daten ein (Critical GPS [s. Propen und Crampton/Krygier],Open Public Data, „Data Liberation Initiatives“, Map Hacking) und entwickelt eine eigene kritische und partizipatorische, zuweilen explizit linke Kartographie und Geographie.

In diesem Kontext steht die Etablierung einer kritischen Geographie ausgehend vor allem von den USA seit den 80er Jahren, die theorie- und wissenspolitisch stark zurückgriff auf postkoloniale und marxistische Ansätze und – neben vielen anderen – repräsentiert ist durch Autoren wie David HarveyNeil SmithSimon DalbyGearóid O TuathailJohn Agnew oder Matthew Sparke (eine zweite Tradition der kritischen Thematisierung des Raumes und seiner Politik knüpfte an die Linie Michael Foucault, Deleuze, Guattari u.a. an). Diese oder Gruppen wie An Architektur oder das Counter-Cartography Collective versuchen sich an der politisch-wissenschaftlichen und -ästhetischen Instrumentierung sozialer Bewegungen und jener, die diese zu vertreten beanspruchen: Indigene, Ausgeschlossene, Pauper und Prekarisierte, Subalterne, Arbeiterklasse, MigrantInnen, Frauen, Behinderte. Für derlei Kartographien der Klassenkämpfe stehen etwa die wissenschaftlichen Themen des globalisierungskritischen „Atlas der Globalisierung“ von Le Monde Diplomatiqueoder die ästhetisch operierenden antikolonialen Großkarten und Arbeiten des beehive design collective. Stichworte für die historischen Entwicklungszusammenhänge solcher politischer Praxen sind: Situationismus, Surrealismus, Psychogeographie, Mapping als Kunstaktion, taktische Medien. Das ästhetische Feld, in dem sich solche Politiken der politischen Bildung behaupten müssen, lässt sich etwa in den zwei Blogs visualcomplexity und infosthetics oder an der Arbeit von Jonathan Harris sehr schön nachlesen und -sehen. Oft operieren solche Ansätze historisch (dabei natürlich nicht immer unbedingt kritisch, aber oft ironisch). Diese Atlanten und Kartenerzählungen können als Informations-, Wissens- und Bildungskarten angesehen werden, welche die Individuen in den Stand versetzen sollen, lernend Macht zu erkennen und mit ihr in ihrem eigenen Interesse umzugehen. Sie werfen von unten einen Blick auf die vielen Variationen der Beziehungen zwischen der Macht und der Machtlosigkeit. Die sozialen Beziehungen und die Kämpfe, die sich in deren Feldern konkretisieren, sind das Thema in diesem zweiten Feld der anderen Kartographie der Macht, weniger die Subjekte selbst (z.B. Klassen), die in solchen Beziehungen stehen.
Das dritte Feld thematisiert als social mapping Sozialwelten, die in den Staats- und Kapitalperspektiven nicht oder schief vorkommen: es geht hier beispielsweise um

Hier sind imperiale Plätze, Orte und Landschaften das Thema:

  • die Orte der Gewalt (der Ausrottung und Vernichtung, die Orte der Bombardements, die Testbeds und die Zonenethnischer Säuberungen, die Orte des Verschwindes und der Verwahrung, der Geheimhaltung, die Militärbasen, die groundzeros und die expansiven landscapes of fear). Und es geht um
  • die „lebendigen“ Orte der Appropriation und Enteignung, der Landschaften der Ausbeutung, Armut und Assymmetrien, welchein die ständig neuen Hinterhöfe der Globalisierung mutieren – die natürlich auch inmitten der Hauptländer dieser Aktionen liegen (z.B. sind die ungenutzten Industrieareale in der Schweiz so groß wie die Stadt Genf – und die bemerkenswerte Karte Pariser Sex.Shops ist ebenso ein Beitrag zur Ökonomie der Enteignung).

Das vierte Feld schließlich umreisst die anderen Strukturbilder der Macht, also die Karten und Organigramme der Strukturen der Machtund ihrer Subjekte. Exempel sind etwa die „narrativenStrukturen“ Mark Lombardi`s, die Kartierung der Exxon-Verflechtungen, die Visualisierung medialer Netzwerkmacht durch die FAS oder die AmsterdamerGovcom-Stiftung, das interaktive Projekt They Rule von Josh On, Hans-Jürgen Krysmanski`s machtsoziologische Ringburgen und Power Maps und endlich die cool verschwörungspolitisch operierenden Organigrammkarten des französischen Bureau d`Etudes, die zwar als Konzeptkunst klassifiziert werden, aber ebenso als avantgardistische Organogramme der Machtstrukturforschung gelten können oder military urbanism. Sie alle kartographieren bzw. visualisieren die Akteursstrukturen der Weltmacht und reflektieren dabei die Ergebnisse intensiver empirischer (ökonomischer und soziologischer) Bestandsaufnahmen, theoretischer Analysen und ästhetischer Entscheidungen. Ihr Ort ist die Peripherie der selbst randständigen Machtstrukturforschung und Kulturproduktion und sie sind wenig verbreitet in den textverpflichteten und bildpolitisch zumeist kargen Politik- und Bewegungszusammenhängen, denen sie sich zurechnen. Ihr cognitive mapping(Frederic Jameson) kann aber gleichwohl gesehen werden als strukturanalytischer Unterbau massenwirksamer realistischer Aktualisierungen des Geopolitischen durch Filme wie Syriana oder Der ewige Gärtner, die das dunkle Milieu der wohltätigen Warren Buffetts ["If there is a class war going on, my side is winning"] aufhellen und deren Herrschaftsblicke auf die Welt konterkarieren. Das Paradigma dieser Ansätze insgesamt sind Karten, die nicht als statische Produkte, sondern als aktive Prozesse, Praxen Performanzen verstanden werden, welche Kartenräume schaffen, in denen sich Wissenspolitiken konfrontieren; Karten, die Wirklichkeiten repräsentieren und machen, die Subjekte kodieren und Idenditäten produzieren, Karten, die Realitäten der Macht kritisieren und versuchen, sie wissenspolitisch zu verändern.

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About Rainer Rilling

Er ist außerplanmäßiger Professor für Soziologie an der Philipps-Universität Marburg und beschäftigt sich mit Internationale Beziehungen (American Empire) und Kapitalismusanalyse. Weitere Themen sind Politische Soziologie der Kommunikation, insbesondere des Internet. Er gibt Lehrveranstaltungen zu Themenbereichen aus der Politischen Soziologie, Wissenschaftsforschung bzw. -soziologie, Friedensforschung und Kommunikationssoziologie u. a. in Münster und Marburg. Er bloggt regelmäßig hier.
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4 Responses to Kartografien der Macht – Countermapping

  1. B. Coulmont says:

    Vielen Dank !
    Zusätzlich zur Karte von Sex-Shops in Paris, habe ich auch andere Karten hergestellt
    http://coulmont.com/cartes/
    (Diese Karten sind auf Französich verfasst)

  2. Kleine Notiz: Ich bin über den Begriff “Countermapping” in einem Paper von Nils Zurawski gestolpert, der als Quelle diesen Artikel hier angab. Zwar sind Rainers Beiträge schon ein paar Jahre alt, aber diese Art von Übersicht ist im Netz bis jetzt immer noch einzigartig. Daher hier noch einmal vielen Dank für die Duplizierungsgenehmigung! Und ich hoffe schwer, dass irgendwer irgendwann demnächst ein Update schreibt mit aktuellen Beispielen. Da muss sich allein aufgrund der inzwischen verfügbaren Tools doch einiges getan haben.

  3. Hallo Rainer,

    Schön, mal wieder was von dir mitzukriegen – tolle Arbeit! Und was für eine Menge Material… da hat man ja tagelang was zu schauen!

    Mich beeindrucken auch die von der DIE ZEIT gelegentlich gebrachten Infografiken, mal aufwändiger (“Wasserverbrauch”), mal schlicht gestaltet (wie etwa “Seid umschlungen, Milliarden” zur Finanzkrise), jedoch immer sehr eindrücklich, was die Aussage angeht. Es sind auch manchmal Karten, die find ich nur gerade nicht.

  4. Liebe Claudia,
    danke für die netten Worte und Christiane für die Initiative zur Duplizierung! Ganz bestimmt mache ich mich nochmal darüber her, dazu hat es viel zu viel Spaß gemacht! Also: 2011. Mittlerweile gibt es natürlich eine überbordende Fülle von sehr schönen weiteren Beispielen, die Krise und die damit verbundene soziale Dramatik sind dafür eine traurige Triebkraft; es gibt ausgezeichnete Versuche vor allem in den USA, die Krise zu visualisieren, in Mainstreammedien wie die New York Times ebenso wie in vielen kleineren linken Publikationen, über die ich mittlerweile gestolpert bin. Auch Theoretisierungen der Sache gibt es, etwa in dem Sammelband Mediengeographie, hgg. von Jörg Döring und Tristand Thielmann bei Transcript (2009). Aber die Ausnahme bleibt das Zusammenbringen von Politik, Ökonomie usw. …
    Grüße! Rainer

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