Kartografien der Macht – Mapping

Die Blicke, Repräsentationen und Imaginationen der Welt verändern sich: 1569 publizierte Gerardus Mercator seine Weltkarte, welche die Wege des Handelskapitalismus ökonomisierte und bis heute die einzige wirklich global präsente Kartenkonfiguration begründete.

1972 zeichnete der schwedische Künstler Oyvind Fahlström seine World Map: eine Karte, die fast ohne Ozeane auskam und in der sich die Kontinente nach sozialen Zwängen, ökonomischen Mächten und politischen Kriegen formten.

Weniger denn je gibt es eine “offizielle” Weltkarte. Plötzlich wurde das Privileg der Variable “Land” für die Kartenzeichnung gebrochen – viel mehr trat auf den Plan und erwies sich als wichtig. In den neuen Karten der neuen worldmapper brechen die alten Konturen und Gewichte der Kontinente zusammen. Seit einem Vierteljahrhundert drängen neue Blicke auf die Welt in den Vordergrund.

Seit 1989 wird die Welt neu aufgeteilt: der Globalkapitalismus ist bei sich angekommen. Es gibt eine neue – ambivalente – technische Revolutionierung des Mapping. Eine Demokratiserung ist die Folge, die ihre Janusköpfigkeit ausspielt: die Individualisierung, die neue Orientierungsnöte und -räume schafft; und die Totalisierung, diewelthistorisch ungekannte Weltblicke eröffnet. Und ganz prosaisch: die alte Kunst und Wissenschaft der Kartographie wird ent-diszipliniert. Die Kunst der Abbildung (und mehr) expandiert und zerstreut sich in der neuen Welt der Visualisierung über zahllose wissenschaftliche Disziplinen und Künste.

Was sind eigentlich Karten? Und welche Funktion haben sie? Karten sind eine visuelle “versinnbildlichte Repräsentation geographischer Realität…um räumliche Beziehungen abzubilden” (so die Internat. Kartographische Vereinigung ICA), zu klassifizieren und zu kommunizieren. Repräsentiert werden können aber auch so diverse Dinge wie Zeit, Konzepte, Hypothesen, Dinge, Bedingungen, Ereignisse, Prozesse in der menschlichen Welt. Als Visualisierung sind Karten – neben der Sprache – ein zentrales Zeichensystem, das Raum, Territorium, Landschaft als historische Kategorien, also die Welt darstellt. Frederic Jameson entwickelte u.a. in seiner Bearbeitung der geopolitischen Ästhetik das Cognitive Mapping (Jameson Fredric, Cognitive Mapping, in: Cary Nelson und Lawrence Grossberg (Hg.): Marxism and the Interpretation of Culture , Urbana: University of Illinois Press, 1988).

Karten sind les- und sichtbare Strategien der Orientierung: “Sie haben ihr Ziel erreicht”. Sie organisieren visuell den Raum nach unterschiedlichen Kriterien, in denen die Zeit- und Kulturgebundenheit der Wahrnehmung mit Diskursen des Entstehungskontextes verknüpft sind. Als Wissensspeicher operieren sie nach eigenen Normen, Benennungen und Logiken, welche etwa “Höhenlinien”, “Signaturen”, die “Dicke der Straßen” etc. festlegen und Farbsymboliken fixieren. Karten sind aber auch Ausdruck, Grundlage und Voraussetzung für die Ausübung von Macht durch die Kodifizierung, Rechtfertigung und Beförderung von Weltsichten. Ein vitales Beispiel dafür ist die Nutzung von Karten zur Beanspruchung von Rechten auf Grenzverläufe und Landeigentum, wie jahrzehntelang die Auseinandersetzung um die “Oder-Neiße-Grenze” oder, gleich ganz hoch gegriffen, um den Status der DDR zeigten. Für solche weittragenden Effekte steht natürlich voweg die Namensgebung, wie das “america” durch Martin Waldseemüller (1507) zeigt, die kartenbezogene Aufteilung der neuen Welt zwischen Spanien und Portugal 1494, zahllose kolonialen Namensgebungen wie “Westindien” “New Amsterdam” “New York” oder “la Nouvelle France” (Kanada) und, heutzutage, die Kämpfe um Ortsnamen im Elsaß, in Korsika, in Polen und anderswo, die Idendität schaffen wollen. Natürlich sind Karten und Namen längst unentbehrliche Medien administrativer Macht geworden [so schuf etwa das US Public Land Survey ein 1,6/km-Raster für die Landmasse der USA, das die 39 000 administrativen Gliederungseinheiten des Landes neu fixierte].

Diese grundlegende Funktion ist unentbehrlich für die Politik, die der – sagen wir: visionären Funktion – des Mapping einhergeht: der Geopolitik.

Die Geschichte der Karten-Beschreibung der Welt reicht weit zurück und kann hier nicht nachgezeichnet werden. In den Mappae Mundi wurden nicht nur gleichsam die “Nahräume” der Betrachter dokumentiert; vor allem wurde die Bibel kommentiert und mit der Orientierung im religiösen Raum die spirituelle Funktion der Karte ausgespielt. Kartographie war in dieser Zeit zugleich auch sehr modern: sie begründete und organisierte Landnahme (“Jerusalem als Zentrum der Welt”). Die Umrisse der Kontinente in der Welt traten zurück gegenüber ihrer räumlichen und zeitlichen Relation zum religiösen Zentrum – eben Jerusalem {siehe etwa die Hereford-Karte oder die Epstorfer-Weltkarte}. Mit der Entdeckung der ptolemäischen Geografie im 14. Jahrhundert, der Gliederung der Welt nach “Breiten”- und “Längengraden”, der Verlagerung des Nordens “nach oben”, die Entdeckung, dass Raum in Punkten, Linien, Gebieten und Oberflächen zureichend konzeptualisiert werden kann, dann die Festlegung des Verlaufs des Nullmeridians durch Greenwich, die Platzierung Westeuropas als Kartenmittelpunkt, die Positionierung Nordamerikas und des Nordatlantiks etc. – in dieser langen Zeit begann sich jener Begriff von Welt herauszubilden, der dann zur bürgerlichen Welt transformiert wurde.

Die Gerardus Mercator-Karte freilich (“A New and Enlarged Description of the Earth With Corrections for Use in Navigation”), welche die Karte der kommerziellen Seefahrt – also der Handelsimperien der Zeit, der Holland, Spanien und Portugal – wurde, war seit dem 18. Jahrhundert dann “die” Weltkarte” und galt als Icone westlicher Überlegenheit.

Diese Karte war nicht der Globus; Aufgrund der Funktion der Projektion wurde – dies war der sichtbarste Effekt – die Proportionalität der Kontinente und Landmassen verzerrt. Die rasch berühmt gewordene Karte von Arno Peters (1974) gab die realen relativen Größen wieder: während die Mercatorprojektion Europa größer als Südamerika oder Afrika und Nordamerika größer als Afrika aussehen ließ und Alaska 3mal größer als Mexiko, korrigierte die Peters-Karte diese Vorstellung. Europa hat 3,8 Mio. Quadratmeilen Fläche und Südamerika 6,9 Mio. und Mexiko ist größer als Alaska und Afrika größer als Nordamerika – wer näher an den Polen ist, wird in der Mercatorprojektion proportional größer dargestellt, so dass dort die ehemalige UdSSR größer als Afrika erscheint, doch Afrika ist größer als die USA und das heutige Rußland zusammen genommen. Europa würde dann mit Australien um den letzten Größenplatz konkurrieren. Da die Länder umso weiter aufgebläht werden, je mehr sie sich vom Äquator entfernen, wirkt auch Grönland mit seinen zwei Millionen qkm Fläche größer als Afrika mit etwa 30 Mio. qkm. Der globale Effekt war die Gewichtsminderung der südlichen Länder. Erst 1988 brachte die National Geographic Society die Weltkugel nicht mehr wie seit 1922 nach der Art des Alphons van der Grinten zu Papier, sondern nach dem 1963 entwickelten Entwurf von Arthur Robinson. Dadurch halbierte sich die vorher Furcht einflößende Landmasse der UdSSR auf die Hälfte.

In den Staats- und Weltkarten des 18. und 19. Jahrhunderts reflektierte sich die Herausbildung der professionellen Disziplin Kartographie vor nunmehr über einem Jahrhundert. Sie versammelte eine oft enthustiastische, engagierte, immer wieder auf Alltags- und Laieninteressen zurückgreifendeGemeinde. Es waren aber auch Karten der Selektivität und des Schweigens, der impliziten, “natürlichen” Positionsnahme, aber auch des Teilwissens: wie sollten die Kartenwelten des frühen Imperialismus mit Grasland, Wüsten und Meer umgehen? Langsam, aber sehr millionenfach, wanderte die physical world map der Moderne in die Medien, Klassenzimmer, Museen, Geschichtsbücher und Köpfe ein. Zugleich waren Karten Medien, in denen sich Veränderungen der Welt widerspiegelten: der Blick vom Süden nach Norden etwa des uruguayischen Modernisten Joaquín Torres-García in seiner 1943 gezeichneten Upside-down Map Südamerikas. In den 80ern des letzten Jahrhunderts beginnt dann der fundamentale Wandel von “Handkarten” zur digitalen Kartographie. Davor und damit die Etablierung einer neuen Ökonomie der Karten: Michelin! ITM aus Kanada! Und: Mairs geographischer Verlag aus Ostfildern. In Hamburg findet sich “Dr.Götze” als größter Karteneinzelhändler der Bundesrepublik Deutschland mit 50 000 Landkarten. Sukzessiv entstehen im Internet riesige Kartenanbieter wie National Geographic. Und es beginnt der lange Zug der neuen Welterfassung, des globalen Blicks par excellence – der Satellitenbilder. Uwe Pörksen hat über diese Revolution des Blicks auf die Erde früh geschrieben. Dieser Blick ist aber auch gepägt von den Retuschen, mit denen die Bearbeiter ihren Vorstellungen von Weltblicken nahekommen wollten: die frühen Bilder zeichnen eine wolkenlose Erde aus Land und Wasser, in den hohen Breiten und Höhen ist Winter, in niedrigen Breiten dominiert die grüne Sommervegetation, Flüsse werden der besseren Sichtbarkeit halber breiter gemacht, Falschfarben werden benutzt, Zeichen von Zivilisation, von Städten und Licht werden beseitigt, um die Vorstellung unberührter Natur zu vermitteln. Der wirkliche Kampf um den Blick jenseits dieser ideologischen Produktionen fand anderswo statt und dauert bis heute an: es ging darum, ob der Militärstaat das Monopol auf diesen Blick behält, welche Geheimhaltung dieser Staatsblick durchsetzen kann oder ob der private Blick der neuen Raumfahrtmonopole und Militärindustrie in den Vordergrund kommt.

Heute werden im Zeichen der Globalisierung des Kapitals die alten Karten erneut revidiert. Die Geopolitik schreibt wieder eine Neuaufteilung der Welt, aber ihre jetzt digitalen Texte und Bilder haben mehr Verfasser denn je und es geht schon lange nicht mehr nur um die Beziehungen des Raums. Wie jeher organisieren und kodifizieren zwar auch die neuen Karten der Welt Visionen des Raums, speichern Wissen, legitimieren Politik und rechtfertigen Eigentumsansprüche. Übrigens: sie „lügen“ natürlich auch noch [S. Mark Monmonier: Lying with Maps, in: Statistical Science 3/2005S.215-222], freilich differenziert, aufwendig und erfinderisch, vor allem dann, wenn es um die Mediengeographie der Kriege geht. Der letzte Nahostkrieg etwa brachte vielfach digitale Karten hervor, die detailliert Ziele und Treffer, zuweilen auch Opfer kartierten und dabei die tödlichen Resultate der eigenen Aktivitäten ausklammerten – ein Beispiel jene Karte, auf der die Ziele, Treffer und Opfer des Raketenbeschusses durch die Hizbollah fehlten. Auch hier gilt: „Karten konstituieren eine Wirklichkeit, gegenüber der sie vorgeben sekundär zu sein“ (Stephan Günzel)

Die Verbindung von Wissen und Macht wird in der neuen Kartographie der Macht dramatisch verdichtet – und ist zugleich transparenter denn je, denn im letzten Vierteljahrhundert ist das Kontrollmonopol über die Sammlung wie Produktion von Daten und ihre digitale Repräsentation (also auch ihre Umsetzung in Karten, Perspektiven und Blicke) den alten Kartierungsmächten entglitten. Die Kartierung ihrer Kerngeschäfte ist gleichwohl weiterhin Geheimsache, aus kommerziellen oder militärischen Gründen. Wo die Grenzen alter Souveränitäten der Nationalstaaten und –kapitale immer neu verwischt werden, ersetzen aber Wirklichkeitsvermutungen die hergebrachte Repräsentationssicherheit. Die Kartographie ist im so oft angerufenen spatial turn längst entdiszipliniert. [S. vor allem das exzellente Buch von Karl Schlögel: Im Raum lesen wir die Zeit. München 2003; weiter John B. Harley: The New Nature of Maps, Baltimore 2001; Deconstructing the Map, in: Cartographica 26,2 (1989) S.1-20; Ute Schneider: Die Macht der Karten, Darmstadt 2004; Denis Woods: The Power of Maps, New York 1992].

Die Technologien der Geoinformatik und des detaillierten Blicks aus dem All, der Stadt, den Vehikeln der Mobilität und der häuslichen Webcam haben die alte Orientierungsmaschinerie entwertet, schöpferisch zerstört und so revolutioniert. Geocodierung erlaubt die Verknüpfung von Karten mit beliebig anderen Informationsschichten. Eine alte biopolitische Utopie hat die Akteure dabei unerhört mobilisiert: die dynamische Ortung, Erfassung, Überwachung, Kontrolle und Disziplinierung der Subjekte (sei`s der Individuen oder der dangerous classes) durch Identifizierung ihrer Standorte und Positionen, ihrer Wegstrecken, Bewegung, Entwicklung und ihrer sozialen oder kommunikativen Zusammenhänge – in Realzeit. Anderes, altes, hergebrachtes und oft im Nahbereich exklusiv kompetentes Raumwissen wird entwertet.

Sicherlich kann man einem strengen Begriff des Mapping folgen, was hier nicht geschieht [s. so Wolfgang Ernst: Jenseits des Archivs: Bit Mapping (2004)]. So wird es leichter, wenn auch verführerischer, die Fülle der neuen Ambivalenzen zu erfassen. Seit einem Vierteljahrhundert ging mit dem biopolitischen Ausgriff ja einher eine unerwartete Demokratisierung des Mapping: die Standortbestimmung durch satellitengestützte Orientierungstechniken ist kein Monopol der technologisch avanciertesten Militärapparate mehr, die in der Regel nicht ohne Detailwissen über ihre Opfer auskommen. Individual mapping ist die Kehrseite dieses ungeheuren Zuwachses an Macht, der aus völlig neuen Dimensionen des Raumwissens schöpfen kann. Der Wahn des Sehens (Buci-Glucksmann) ergreift alle. Technologiegestützte Orientierung im Raum durch GPS und ihr kognitives und visuelles Remix öffnen neue Möglichkeiten des Empowerment des Einzelnen. Nach den Stadtkarten, die mit den Zwischenstädten, dem Sprawl, den Zonen und Knoten zu kämpfen hatten, den Land- und Weltkarten kommen nun die Individualkarten. Die binäre Unterscheidung map maker / map user lässt sich auf – schnell kontrolliert. Datenzugänge werden ein Schlüsselproblem – und ein Geschäft: EU gibt im Moment 9,5 Mrd € für die Erhebung von Daten aus und nimmt durch Verkauf und Lizenzierung 68 Mrd ein, die USA geben 19 Mrd aus und nehmen 750 Mrd. ein.
Diese vielfältige Vergesellschaftung der Technologien der Orientierung und des Raumwissens hat neue Konfliktfelder und umstrittene Themen mit sich gebracht. 2005 dann das Schlüsselereignis hier: Google Earth. Zusammen mit Yahoo Maps oder MS MapPoint steht es für integrative Großtechnologien, die auf das Mitmachen von Millionen aus sind, die Räume identifizieren und mit sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Overlays neu dimensionieren. Das alte Spiel des prekären Einbaus der Mobilisierten in „offene“ Machtprojekte wird hier neu aufgelegt. Das Risiko, dass die damit angerufenen Kulturen des counter-mapping [Begriff und Konzept wurden eingeführt von Nany L. Peluso: Whose woods are these? Counter-mapping forest territories in Kalimantan, Indonesia, in: Antipode 4 / 1995 S.383-406] aus dem Ruder laufen, sehen die milliardenschweren Erben der New Economy offenbar als gering an. Spätestens die politische Folgenlosigkeit des Durchbruchs des Mappings von Geodaten über die mashups von google earth zum Hurrikan Kantina 2005 steht dafür.

About Rainer Rilling

Er ist außerplanmäßiger Professor für Soziologie an der Philipps-Universität Marburg und beschäftigt sich mit Internationale Beziehungen (American Empire) und Kapitalismusanalyse. Weitere Themen sind Politische Soziologie der Kommunikation, insbesondere des Internet. Er gibt Lehrveranstaltungen zu Themenbereichen aus der Politischen Soziologie, Wissenschaftsforschung bzw. -soziologie, Friedensforschung und Kommunikationssoziologie u. a. in Münster und Marburg. Er bloggt regelmäßig hier.
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