Über OCLC, den Katalogmonopolisten der Bibliothekswelt
Von Adrian Pohl • 18.März 2010 • Kategorie: Wissensmanagement837 views • Ein Kommentar
OCLC macht wieder von sich reden – mit einer Unternehmensstrategie, die man sonst eher von Herstellern proprietärer Software kennt: dem Lock-In-Effekt.
SkyRiver & die Bibliothek der Michigan State University
Aber beginnen wir am Anfang. (Die Zahlen aus dem folgenden Text stützen sich auf einen Artikel im Library Journal und einen Blogbeitrag von Karen Coyle.)
Im Oktober startete SkyRiver “a new bibliographic utility that offers a low cost alternative for cooperative cataloging”. Gegründet hatte es Jerry Kline, dem Mitgründer und Chef von Innovative Interfaces. SkyRiver wurde vom Library Journalsogleich als ernstzunehmender Konkurrent zu OCLCs WorldCat im Bereich Fremddatenübernahme gehandelt.
Die Bibliothek der Michigan State University (MSU) rechnete sich nicht unerhebliche Einsparungen aus und beschloss – nach 40 Jahren Nutzung des OCLC-Fremddatenangebots – seine Fremddaten zukünftig von SkyRiver zu beziehen. Die Bibliothek hatte allerdings nicht vor, OCLC vollständig den Rücken zu kehren, sondern wollte weiterhin seine Bestandsangaben in den WorldCat laden, um seine Bestände anderen Bibliotheken weiterhin für die Inter Library Loan – das angelsächsische Pendant zuer Fernleihe – anzubieten. Die MSU-Bibliothek machte seine Berechnungen mit dem Preis von 0,23 US-$ für das Hochladen eines Titels. Daraus ergabn Kosten von etwa 6000 $ jährlich für das Hochladen von etwa 26 000 Titeln pro Jahr. (Es ist doch bemerkenswert, dass Bibliotheken von sich aus diese – zugegebenermaßen geringen – Kosten auf sich nehmen, damit andere Zugriff auf ihre Bestände haben. Vgl. hierzu auch einen Blogbeitrag von Jonathan Rochkind.) Für die Teilnahme an der Fernleihe via OCLCs WorldCat zahlt die Bibliothek übrigens zusätzliche 88,500 $.
OCLC forderte schließlich aber einen ganz anderen Preis für diese – eigentlich in einer Preisliste festgelegte – Dienstleistung: Statt 0,23 $ pro Titel sollte das Ganze auf einmal 2,85 $ pro Titel kosten. Das ist mehr als das Zwölffache! Dieser enorme Preis für das Hochladen von Titeln in den WorldCat würde sämtliche finanziellen Vorteile, die die Bibliothek sich durch den Wechsel versprochen hat, nivellieren, so dass die MSU-Bibliothek auf eine Aktualisierung ihrer Bestandsangaben im WorldCat in Zukunft verzichten wird.
OCLCs Rhetorik
OCLCs Umgang mit dem Thema ist geprägt von einer einfachen Rhetorik. Bibliotheken, die den WorldCat nur für Fremdleihzwecke nutzen, nicht aber an dessen Aufbau und Pflege mitarbeiten wollen, wird parasitäres Verhalten vorgeworfen. Im Januar ließ Larry Alford, Vorsitzender des OCLC Board of Trustees, anklingen, dass sich Bibliotheken wie die der MSU eben nur die Rosinen rauspicken wollen: “In some ways, I believe this is the equivalent of ‘skimming the cream off the top without buying the whole bottle of milk.’” (Seine faktenlose und rhetorikgetränkte Rede ist seit Kurzem online verfügbar.) OCLC verkauft sich als der selbstlose Ermöglicher und Hüter bibliothekarischer Kooperation, deren Hauptziele eben Aufbau und Pfelge des WorldCat seien. Sämtliche Bibliotheken, die nicht bereit sind horrende Preise für die auf der weltweit größten bibliographischen Datenbank basierenden Dienste zu zahlen und die sich von OCLC abwenden möchten, trügen zum Untergang des WorldCat bei. Larry Alford:
“To be very frank, if enough libraries—not a lot, but enough—choose to consume more value from the cooperative than they return to the cooperative, then we risk losing WorldCat … Decisions for short-term benefit or economic relief can be very harmful in the long term to our commons.” (S.3 des Redetexts)
Ich weiß nicht, ob diese Rhetorik auch nur annähernd ihren Zweck erreicht. Meinem persönlichen Eindruck nach hat OCLC sich mittlerweile ziemlich in die Scheiße geritten und trägt mit seinem Verhalten zum Erstarken und Aufbegehren der Mitgliedsinstitutionen und zur Entstehung neuer konkurrierender Angebote bei.
Schwung für die Open-Data-Bewegung
Ich habe bisher auf Mailinglisten und in Blogposts keine Stimmen vernommen, die sich hinter OCLC stellen und sein Verhalten rechtfertigen. (Siehe etwa die Sammlung von Reaktionen hier sowie den Diskussionstrang zum Thema in der Mailingliste NGC4LIB, der hier startet.) Das war letztes Jahr bei OCLCs Versuch eine restriktive Metadaten-Policy durch die Hintertür einzuführen noch anders.
Ganz im Gegenteil scheint OCLC mit seinem krampfhaften Versuch, das eigene Monopol im angelsächsischen Raum zu erhalten, dazu beizutragen, dass sich immer mehr BibliothekarInnen mit einem Open-Data-Ansatz anfreunden. Auf NGC4LIB jedenfalls wurden entsprechende Forderungen, Katalogdaten auf einem Server abzulegen und über OAI-PMH bereitzustellen von verschiedenen Leuten unterstützt. Aus dieser Perspektive kann ich nur sagen: “Weiter so, OCLC!”
Crosspost – Lizenz für diesen Beitrag: CC: BY
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Adrian Pohl ist Student an der FH Köln und studiert den MALIS. Er arbeitet außerdem im hbz und interessiert sich für Bibliotheken, Open Access, Open Data sowie wissenschaftliche Kommunikations- und Erkenntnisprozesse im Allgemeinen. Er bloggt regelmäßig bei Übertext.
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