Vielleicht doch ein Missverständnis. Nachgedanken zum Politcamp 2010.
Von Nikolaus Huss • 21.März 2010 • Kategorie: Zivilgesellschaft3,543 views • 16 Kommentare
Der Hype ist vorbei. Das steht nach dem ersten Tag des diesjährigen Politcamps jedenfalls fest. Die 900 Teilnehmer, die die Organisatoren feiern, twittern vielleicht Meldungen wie “weiß nicht, ob gut oder schlecht, dass ich nicht da bin”, da waren definitiv weniger. Und irgendwie muss sich die Szene neu sortieren. Wie nach dem Hype in Höhenluft das Tal der Tränen aussieht, davon konnte man sich am ersten Tag einen guten Eindruck machen.
Damit’s keiner missversteht. Internet ist super, Web 2.0 ist super, wenn man neue Kommunikationswege herstellen kann, ist es super. Man muss halt nur wissen, warum und wozu.
Womit wir mitten im Thema wären: Die Internetszene ist, jedenfalls in dem Ausschnitt, in dem sich sich auf dem Politcamp 2010 präsentiert hat, echt out. Zum Beispiel die Eröffnungsdiskussion mit den Top-Politikern. Thema? Fehlanzeige. Moderation? Nur dem Namen nach. Ist es wirklich den Politikern vorzuwerfen, wenn sie ihre Bälle vereinzelt in die Luft werfen, nicht ungeschickt, aber doch mit dem verständlichen Wunsch, beim Publikum Gefallen zu finden. Das war doch durchwegs nicht schlecht gemacht, selbst von der Ministerin Schröder, bei der man sich nebenher fragt, ob sie eigentlich die Dreißig wirklich schon überschritten hat.
Eine Diskussion war das keine, aber das hing vor allem damit zusammen, dass es kein Thema gab und kein Engagement, wirklich mal was aus den anwesenden Personen herauskitzeln zu wollen. Dahinter twitterte es ununterbrochen. Und während man vergangenes Jahr noch interessiert lesen wollte, was wohl der Sinn von all dem Twittern ist, bin ich mir heute ganz sicher: Es ist vielleicht das Dampf ablassen, die massenmediale Umformung des Zwischenrufes, das ist ja ganz ok. Aber wer glaubt, dass daraus alleine schon eine neue Qualität von Politik erwächst, hat sich gewaltig vertan. Und so endete nicht nur die Eröffnungsdiskussion – für mich – mit einer gewissen Ernüchterung darüber.
Oder auch das Thema ePartizipation. Petitionen sind ok. Online-Petitionen sind ok, aber wenn einer der Vortragenden dann anführt, man müsste die Sachverhalte besser darstellen und erklären, und das trotz Online-Angeboten von wirklich zahlreichen Medien, Online-Medien, den Öffentlich-Rechtlichen und anderen Akteuren, dann stellt sich schon die Frage, ob hier eine Szene, die von sich behauptet, politisch zu sein, wirklich etwas von Politik verstanden hat. Politik bleiibt nämlich doch das Bohren dicker Bretter, auch wenn man die Anleitungen inzwischen online herunter laden kann. Was bedeuten soll, dass Politik auch gemacht und durchgesetzt sein will. Und dass manche der Webaktivisten der feinen Meinung sind, sie müssten Politik nur irgendwie in den virtuellen Himmel hängen und schon würden sich Interessensgegensätze einfach in Luft auflösen.
Nein, Jungs und Mädels, so einfach ist das nicht. Denn es sind nicht nur die bösen Lobbyisten und die dummen Politiker, denen die witzigen und flippigen Twitterer mal den Marsch blasen müssten. Es bleibt das Kernproblem nachlassender politischer Aktivierung, dass Politikmachen gelernt sein muss. Was heißt, um Argumente zu werben, die eigene Sicht der Dinge in eine gemeinsame Perspektive zu stellen, um einen Schritt weiter zu kommen, individuelle Sichtweisen zu kollektiven Ansichten zu machen. Und damit erst politikfähig zu werden.
Was heißt: Web 2.0 macht Dialoge einfacher. Ja. Und es ist auch gut, die Macht der Parteien zu reduzieren. Aber das wird nur dann zu einer besseren Politik führen, wenn es gelingt, aus berechtigten “So nicht”-Wortmeldungen “Ich zeige euch, dass es besser geht”-Aktive zu machen. Da kann online helfen, aber nur, wenn die Menschen lernen, sich einzumischen. Und, meine These ist ganz unsexy, da finde ich jeden Elternbeitrat in der Schule, der es schafft, eine ernsthafte Diskussion über Drogenmißbrauch von Jugendlichen zu führen und damit auch die anwesenden Kinder und Eltern zu sprechen und sie in ihrem eigenen Verhalten und ihrer Verantwortung anzusprechen, wesentlich politischer als 5000 Twitterwände, in denen die immergleichen, oberschlauen Politikerbashingsprüche virtuell an die Wand genagelt werden.
Politik trifft Web 2.0. Schön, dass wir geredet haben. Und schade, dass wir nichts verstanden haben. Aber das kann ja noch anders werden. Wenn die Selbstreferentialität der Web2.0-Gemeinde endlich mal ein Ende findet.
P.S. Die beste Diskussion war übrigens die Nachbereitung der Parteien zum Online-Wahlkampf. Super Moderation, mit Ausnahme der FDP, die ja sowieso auch hier alles schon immer früher und besser gemacht hat als alle anderen, große Offenheit, die eigenen Fehler zu reflektieren. Dank deshalb an alle Teilnehmer für eine gepflegte Diskussion.
P.S.S. Auch Markus Beckedahl hat mit seinem Tagesausklang zum Thema Netzneutralität einen guten Aufschlag gemacht. Auch wenn ich anderer Meinung bin, weil die Epoche der Internetneutralität von den großen Drei, Google, Apple und Microsoft, schon längst gekapert worden ist. Es gibt keine unschuldige Lösung im Tal der Tränen. Aber dazu wird noch an anderer Stelle zu reden sein.
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Nikolaus Huss ist Kommunikationsberater in Berlin und bloggt ab und an in seinem Frühstücksfernsehen.
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[...] Vielleicht doch ein Missverständnis. Nachgedanken zum Politcamp 2010. [...]
Klar, sehr selbstreferenzieller Kommentar, aber: Das Video zur besagten Diskussionsrunde zum Onlinewahlkampf kann bei mir im Blog auch nachgesehen werden: http://blog.mathias-richel.de/2010/03/21/video-panel-der-onlinewahlkampf-zur-bundestagswahl-auf-dem-politcamp10/
konnte nicht da sein und danke für das schöne résumé.
“Politik trifft Web 2.0. Schön, dass wir geredet haben. Und schade, dass wir nichts verstanden haben. Aber das kann ja noch anders werden. Wenn die Selbstreferentialität der Web2.0-Gemeinde endlich mal ein Ende findet.”
Bei dem Satz bin ich voll bei dir – Ich sehe das genauso – das Web 3.0 wird genauso sein wie Web 2.0 nur politischer
[...] Sonntag, 21. März 2010 | Autor: zoom Web 2.0: Der Hype ist vorbei. Nachgedanken zum Politcamp … kooptech [...]
[...] Huss findet bei KoopTech die »Internetszene out«. Statt einer Kommunikation zwischen [...]
[...] Huss auf Kooptech.de durchaus auch mein Stimmungsbild recht passend abbildet, daher kann ich seinen Beitrag jedem Interessierten [...]
Die „großen Drei“ haben vllt. die Softwarehoheit. Aber bis auf Google baut keiner davon an seinem eigenen Netz — Netzneutralität ist definitiv in deren Interesse, schließlich sind es Inhalteanbieter.
Dem Grundtenor des Artikels stimme ich zu. Dank an den Autor für die kritischen Gedanken zum Thema!
Dazu zwei globale Kritikpunkte:
1) Die ersten beiden Absätze versteht man kaum, wenn man nicht vor Ort war.
2) Die Okay-es-gab-auch-was-Positives-Anmerkungen als Postscripta auftreten zu lassen, ist von der Komposition her nicht gelungen. Stattdessen hätte man sich um deren Einbau in den Gedankengang bemühen sollen.
Ferner drei Detailkommentare:
1) “Es bleibt das Kernproblem nachlassender politischer Aktivierung, dass Politikmachen gelernt sein muss.” Zum Kernproblem wird zunehmend die politische Deaktivierung (vulgo Politikverdrossenheit) selbst. Man betrachte nur die jüngsten Wahlen im Nachbarland Frankreich: 51% Wahlbeteiligung und große Stimmenanteile bei rechts- und linksradikalen Parteien. Hier stellt sich alsbald die Frage nach der demokratischen Legitimation des Souveräns, und dieses Problem wiegt zumindest politiktheoretisch schwerer als die Frage, wieviel Web 2.0 die Poltik braucht.
2) In der Tat ist jeder schulische Elternbeirat politischer als alle Twitter-Walls zusammen.
3) Die Selbstreferentialität ist ganz ohne Zweifel DAS Problem der Social Web-Aktivisten. Das Gute daran: Man könnte den Münchausen geben und sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen, sobald genug Einsicht und Wille aufgebracht werden.
danke.
[...] Mit dem Ablauf einiger der Panel-Diskussionen war ich auch nicht zufrieden und teile die Kritik von Thomas Knüwer, der ein Panel moderiert und an einem mitdiskutiert hat. Ich hätte mir auch gewünscht, dass mehr mit- und weniger übereinander geredet wird. Diese Kritik betrifft sowohl die Teilnehmer auf dem Podium, wie die Zuhörer im Saal. Wenn ein Podiumsteilnehmer nur für die 45 Minuten seiner Session einfliegt und danach wieder geht, ist das einfach zu wenig! Bei dem Terminplan einer Bundesministerin ist das noch nachvollziehbar, aber so ein normaler Parlamentarier hat da mehr Spielraum. Was mich persönlich bei einigen Beiträgen der Zuhörer störte, ob nun virtuell über die Twitterwall oder über das Mikro, war dann doch wieder der Rückfall in Schubladendenkweisen und plumpes Politbashing, sowie die Selbstdarstellung einiger Gruppierungen. Nicolas Huss hat hierzu eine gute Analyse geschrieben. [...]
[...] Mit dem Ablauf einiger der Panel-Diskussionen war ich auch nicht zufrieden und teile die Kritik von Thomas Knüwer, der ein Panel moderiert und an einem mitdiskutiert hat. Ich hätte mir auch gewünscht, dass mehr mit- und weniger übereinander geredet wird. Diese Kritik betrifft sowohl die Teilnehmer auf dem Podium, wie die Zuhörer im Saal. Wenn ein Podiumsteilnehmer nur für die 45 Minuten seiner Session einfliegt und danach wieder geht, ist das einfach zu wenig! Bei dem Terminplan einer Bundesministerin ist das noch nachvollziehbar, aber so ein normaler Parlamentarier hat da mehr Spielraum. Was mich persönlich bei einigen Beiträgen der Zuhörer störte, ob nun virtuell über die Twitterwall oder über das Mikro, war dann doch wieder der Rückfall in Schubladendenkweisen und plumpes Politbashing, sowie die Selbstdarstellung einiger Gruppierungen. Nikolaus Huss hat hierzu eine gute Analyse geschrieben. [...]
[...] Nachgedanken zum Politcamp 2010. (KoopTech) Die Internetszene ist, jedenfalls in dem Ausschnitt, in dem sich sich auf dem Politcamp 2010 präsentiert hat, echt out (tags: twitthis gruenemenden) [...]
[...] sich nicht mit den politischen Themen beschäftigt zu haben – zumindest nicht, wenn es um politische Prozesse geht und die Umsetzung von politischen Ideen. Das geht nicht von heute auf morgen und auch nicht, wenn man mal einen Blogbeitrag schreibt. [...]
Ich glaube, dieser Vortragende war ich, und beim letzten Nachgucken habe ich durchaus einiges an Politikverständnis. Gerade deshalb weiß ich auch, dass es Politik zwei Seiten hat, die sich ganz besonders am Thema Partizipation reiben.
Natürlich ist Politik zumeist das Bohren dicker Bretter, aber: es ist auch das Vermitteln des Bohrens. Um in dem Bild zu bleiben: welchen Bohrer wähle ich warum, wieso hier und nicht da, warum überhaupt bohren usw. …
Und nein, die Online-Angebote von zahlreichen Medien scheinen da nicht zu funktionieren – für viele, zunächst, weil sie diese weder kennen noch nutzen. Für vielleicht etwas weniger auch, weil die Angebote immer schon eine Einstiegshürde mit sich bringen und gar nicht versuchen, grundsätzlich zu erklären.
DAS war der Punkt: Partizipation ist schön, toll, wünschenswert, aber sie scheitert an dem Punkt, wo man zur Teilhabe oder Teilnahme aufruft. Weil – schönes, aber weltfremdes Menschen- bzw. Bürgerbild – ein Grundinteresse und auch ein Grundverständnis vorausgesetzt wird. Solange man also Partizipation im Kreise der üblichen Verdächtigen (also die Mischung aus Sowieso-Entscheider und Politik-Troll) machen will, muss nix passieren. Aber dann verspielt man mehr als eine Chance.
[...] Ein paar doch eher kritische Nachgedanken zum Politcamp 2010 [...]