Think twice. 9 Thesen für eine andere Innovationspolitik.

Deutsche Innovationspolitik produziert hohe Sitzungsgelder, Spesenrechungen und wenig Ergebnisse. Einige Thesen, wie es anders gehen könnte.

1) Der Verzicht auf Fördertöpfe. Das Schielen auf Fördertöpfe lenkt Gründer und Entwickler vom eigentlichen Marktgeschehen ab. Und die Summen sind oft lächerlich gering.

2) Die Verbesserung der Anreizstruktur. Es geht im Kern darum, die Rahmenbedingungen künftiger Märkte attraktiver zu machen. Also z.B. Kaufanreize zu geben, indem man CO2-Emissionen verteuert etc und damit die relative Marktpositionierung verbessert. Die Märkte von Morgen von den Rahmenbedingungen her restrukturieren.

3) Eine Strategie zu entwickeln. Die Erarbeitung eines Strategiepapiers mit Maßnahmen, Zeitpunkten und Akteuren sowie die Diskussion derselben kann zu einer Priorisierung des entsprechenden Bereichs in den Köpfen der Innovatoren und Investoren führen. In dieselbe Richtung zu denken, entwickeln und investieren heißt, eine gemiensame Denkrichtung zu etablieren. Die Entkoppelung von Papier und Geldvergabe führt zu einer unabhängigen Beschreibung der Szenarien.

4) Venture Capital fördern. Der einzige Bereich, in dem Venture Capital Sinn macht, ist der Innovationsbereich. Verbrennen von Geld gehört hier zum Geschäft. Und neben dem “Output” erfolgreiche Unternehmengründung ist der Output Manpower nicht zu unterschätzen. Auch die sogenannte Internetblase 2001 hat zu einer enormen “Reifung” von Menschen mit Forschungs, Entwicklungs und Gründungsbiographien geführt, von der wir noch heute leben.

5) Das Meinungsoligopol zerschlagen. Oder konkurrierende Oligopole schaffen. Deutsche Politik heute ist konsenszermürbt. Wer am besten Strippen zieht, hat gewonnen. Weil das ja schwer zu kontrollieren ist, wäre ein Ansatz, Unterschiedliche Gravitationszentren zu schaffen, zwei Innovationsstrategien, die am Markt antreten. Und sich bewähren müssen. Und nicht vergessen: Es geht nicht darum, welches Papier das richtige ist. Sondern darum, welches Papier, welche Innovationen lostritt. Auch gescheiterte Strategien können wertvolle Impulse für Innovation auslösen.

6) Reviews unabhängig anlegen. Die Strategiepapiere werden regelmäßig reviewed. Ziel: Sichtbar zu machen, was klappt. Und was nicht klappt. Voraussetzung: Die Fähigkeit, unabhängig zu denken und zu schreiben. Die Hoffnung: Alle sind bewußt, dass Innovation immer ein Teil Erfolg und ein Teil Scheitern ist. Wahrnehmungssteuerung betreiben. Und, hallo Politik, darauf verzichten ,die Dinge schön zu färben. Eine politische Heldentat wäre nötig!

7) Strukturelle Weichenstellungen vornehmen. Publikations-Infrastrukturen, gut ausgestattete Forschungsreinrichtungen, unbürokratische Hochschulstrukturen. Vernetzungen.

8) Jetzt noch eine ketzerische Idee. Wie wäre es, wenn die beurteilenden oder steuernden Fachabteilungen in den Verwaltungen in ihrer beamteten Form augelöst und durch Projektgruppen ersetzt würden. Denn gerade in innovativen Märkten ändern sich Konstellationen und Zeiten schnell und ein langfristig “gesichertes” Wissen exisiert nicht. Alternative: Steering Comittee mit bürokratischem Support.

9) Forschen. Und Forschen lassen. Wer die deutsche Internetszene beobachtet, sieht, dass sich dort, abseits staatlicher Alimentierungen, eine stabile Innovationskultur gebildet hat, die Lust am besten Ergebnis hat. Die Know-How-Sharing betreibt. Die vernetzt. Daraus können wir lernen. Politik kann nicht nur befördern, es kann auch blockieren. Es kann ein Nadelöhr sein, durch das alle hindurch müssen. Politische Demut ist damit eine der Haupttugenden.

Just do it!

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About Nikolaus Huss

Kommunikationsberater in Berlin und bloggt ab und an in seinem Frühstücksfernsehen.
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5 Responses to Think twice. 9 Thesen für eine andere Innovationspolitik.

  1. Markus says:

    “Wer die deutsche Internetszene beobachtet, sieht, dass sich dort, abseits staatlicher Alimentierungen, eine stabile Innovationskultur gebildet hat, die Lust am besten Ergebnis hat.” Echt? Und warum wundern sich alle, dass deutsche Start-Ups in der Regel nur Copycats sind? Wo ist da die beschriebene Innovation?

  2. Auf jeden Fall kopieren die, ohne dass da große Forschungsprogramme aufgelegt werden. Und was machen die Oberinnovatoren stattdessen? Da wäre man schon froh, wenn sie kopieren würden. Also: Du hast zwar Recht, aber gegenüber manchen, was hier groß geplant wird, ist es immer noch ein Fortschritt.

  3. Christiane Schulzki-Haddouti says:

    Also ich halte Förderungen nicht von Grund auf für verabscheuungswürdig. Ich würde nur behaupten wollen, dass die aktuellen Förderinstrumente a) zu schwerfällig bzw. bürokratisch b) daher abstoßend für kleine und kleinste Initiatoren c) nicht für zivilgesellschaftliche Innovatoren d) zu überdimensioniert im Budget sind. Da ließe sich sicherlich etwas ändern. In den Niederlanden gibt es ja ein entsprechend erfolgreiches Programm mit den “Digitale Pioniers”, die “soziale Innovation in den digitalen Medien” vornehmlich aus dem zivilgesellschaftlichen Bereich fördern. Auch in Großbritannien gibt es solche Innovation Hubs. Das ist ganz anders als der Multimediawettbewerb des BMWi.

  4. @Markus Ich glaube nicht, dass Nikolaus an die Start-Ups dachte, an die du denkst, sondern eher an die Diskussionskultur, die er vielleicht auf der re:publica erlebt hat.

  5. Pingback: 5 vor 12 (x3): Lex Google, Papst, Krisen & Kritik : netzpolitik.org

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