Auf den zweiten Blick

Die Verbindung von realer und digitaler Welt zerfließt. Sogenannte Augmented-Reality-Anwendungen erlauben es, etwa Bilder von Handykameras mit Zusatzinfos zu abgebildeten Orten und Objekten anzureichern. Das journalistische Potenzial dieser Verknüpfungen wird derzeit ausgelotet.

Das New Yorker Magazin Esquire machte es vor. In ihrer Dezember-Ausgabe 2009 brachte die Zeitschrift sowohl auf dem Titel als auch im Heft einen sogenannten Augmented-Reality-Informationsanker an. Hielten die Leser die Ausgabe vor eine Webkamera, konnten sie diverse Videos anschauen. In einem erklärte ein Schauspieler, welche Technik hinter der Aktion steckte, in einem anderen erzählte eine Aktrice ein paar Witze.

Eigentlich ist Augmented Reality (AR) schnell erklärt: Man druckt ein Logo-artiges Zeichen auf ein Stück Papier und hält es vor eine Webkamera. Aufgrund dieses Zeichens erhält eine auf dem Rechner installierte Software den Impuls, mit diesem Informationsanker verknüpfte Daten anzuzeigen. Die Realität wird so mit weiteren Informationen angereichert (augmented).

Als erste deutsche Tageszeitung druckte die Koblenzer Rhein-Zeitung (RZ) ein solches AR-Logo auf einer ihrer Zeitungsseiten. Die RZ-Leser konnten auf dem Bildschirm sehen, wie ein virtuelles 3D-Bienchen – das RZ-Maskottchen “Summ” – über der von der Kamera aufgenommenen Zeitung schwebte. Videos und animierte Tierchen dürften aber nicht das Ende vom Lied der erweiterten Realität für journalistische Zwecke sein. So könnte ein AR-Informationsanker anstatt eines Bienchens auch einen Nachrichtenfeed zu einem bestimmten Thema zeigen. Dossiers oder Features in der Printausgabe ließen sich mit virtuellen Statistiken und Grafiken versehen, die Nutzer selbst durchforschen könnten. Ein einmaliger Mehrwert fürs Printprodukt: Die Zusatzinfos wären nämlich nur per visuellem Code, der auf dem Printprodukt aufgebracht ist, abrufbar.

Zahlreiche Projekte testen derzeit AR-Konzepte. Sie kommen meist nicht aus Verlagshäusern, sind aber dennoch für Journalisten interessant. So können als AR-Informationsanker auch Strichcodes verwendet werden, wie sie auf vielen Produkten zu finden sind. Ein Kunde könnte im Laden ein Produkt mit Hilfe seiner Handykamera regelrecht ausforschen: Welche kosmetischen Inhaltsstoffe enthält es? Was bedeuten die angegebenen E-Nummern? Was sagen die Label oder Gütesiegel aus? Die aus der Schweiz stammende Anwendung Codecheckverwendet die Strichcodes, um Smartphone-Nutzern Fachinformationen zu Inhaltsstoffen eines Produkts und Expertenmeinungen anzuzeigen. Zu den von dem gemeinnützigen Verein Codecheck gesammelten Informationen könnten künftig auch Angaben über Produktionsbedingungen und -methoden gehören oder – angepasst auf den jeweiligen Nutzer – Informationen über unverträgliche oder nicht akzeptable Inhaltsstoffe.

Andere AR-Anwendungen verknüpfen die Bilder, die eine Web- oder Smartphone-Kamera aufzeichnet, mit Hintergrundinformationen oder Analysedaten. So lassen sich etwa beim Sport die Ereignisse auf dem Spielfeld mit Statistiken und Spieldaten ergänzen. Fernsehzuschauer sind dies mittlerweile gewöhnt – doch der Unterschied zum Fernsehen besteht bei einer AR-Anwendung darin, dass die Kamera des jeweiligen Gerätenutzers das Bild aufnimmt und die Software dann das individuelle Bild mit den vom Nutzer nachgefragten Daten anreichert. Für solche Anwendungen eignen sich im Moment Sportarten wie Golf oder Tennis, da die exakte Position der Spieler nicht spielentscheidend ist. Die Software muss also nicht ständig die Position lokalisieren, um einen Bezug zu Spieldaten erstellen zu können.

Wie weit ist die nächste U-Bahnstation?

Einen höheren technischen Anspruch stellt ein Fußballspiel: Hier müssen 22 Spieler in Realzeit mit Hilfe einer Tracking-Funktion verfolgt und identifiziert werden. Eine erste prototypische Anwendung gibt es bereits mit dem Abseitsfallen-Detektor: Die Digitalabteilung PSV Media des niederländischen Fußballclubs PSV Eindhoven hat eine AR-Anwendung entwickelt, die Abseitsfallen darstellen kann. Die Software ordnet Spieler ihren Mannschaften zu und wertet ihre Position auf dem Spielfeld aus. Der Nutzer kann auf seiner Smartphone-Kamera jederzeit anhand eines beweglichen Farbbalkens auf dem Spielfeld erkennen, ob sich ein Spieler im Abseits befindet. Ein weiterer Schritt bestünde in der Einblendung individueller Spielerinformationen, die journalistisch aufbereitet sein könnten.

Der Fußballclub greift hier auf die Technik des niederländischen Start-ups Layar zurück, das für Smartphones einen AR-Browser entwickelt hat: Der Browser blendet in die von der Kamera aufgenommene Wirklichkeit virtuelle Ebenen unterschiedlicher Bedeutung ein. Dazu nutzt er die Standortinformation des Smartphones, verwendet ortsbezogene GPS-Daten, aber auch Daten der Kamera und des in das Handy integrierten Kompasses.

Hält der Anwender seine Handykamera auf einen bestimmten Punkt, blendet Layar über eine Art Datenfolie zusätzliche Informationen über Objekte ein, die im Bild zu sehen sind. Das kann etwa ein Pfeil mit Entfernungsangabe zur nächsten U-Bahnstation sein, der Preis einer zum Verkauf stehenden Immobilie oder die Bewertung des Gesundheitsamts für eine Restaurantküche. Ein Geschäftsmodell sieht Layar-Entwickler Maarten Lens-FitzGerald im Verkauf einzelner Datenfolien. Verlage könnten hier entsprechende Folien erstellen.

Das niederländische Start-up Mimoa hat bereits eine eigene Layar-Datenfolie entwickelt. Auf seiner Website zeigt Mimoa Bilder moderner Architektur aus ganz Europa zusammen mit der jeweiligen Adresse auf Googlemaps an – eine Art mobiler Architektur-Reiseführer. Architekturinteressierte tragen die Infos über die Bauwerke selbst ein. Auch in Deutschland gibt es bereits für viele Städte Einträge. Mimoa ermöglicht seinen Nutzern auf Basis seiner Datenbank, einen eigenen, personalisierten Architekturführer als E-Book zu erstellen und auszudrucken. Mit dem Layar-Browser können Mimoa-Nutzer sich nun direkt vor Ort die Architekturnotizen anzeigen lassen. Eine weitere Layar-Anwendung ist Sara: Sie blendet die dreidimensionale Ansicht eines Gebäudes, das ein Architekt entworfen hat, an dem Ort in das Bild ein, an dem es später errichtet werden soll.

Filmkritiken vorm Kino

Die Layar-Technologie kann aber auch für soziale Netzwerke genutzt werden. So zeigt beispielsweise Tweetmondo.com mit Hilfe dieser Technik, wo sich Twitter-Nutzer gerade aufhalten. Die Handykamera zeigt die Twitter-Profile der Personen an, die sich in der Nähe befinden. Journalisten könnten sich auf großen Tagungen oder Messen so schnell einen Überblick verschaffen, welche ihrer Kontakte sich vor Ort aufhalten.

Neben Layar macht derzeit auch das österreichische Start-up Mobilizy auf sich aufmerksam. Es hat den sogenannten „Wikitude World Browser“ entwickelt. Wikitude kann ähnlich wie Layar Informationen zu einem Ort auf dem Handybildschirm anzeigen. In der Basisversion verwendet es dafür Wikipedia-Artikel sowie Einträge in das Ortsinformationssystem Qype, das Daten und Nutzerbewertungen über Sehenswürdigkeiten, Restaurants, Hotels und Geschäfte liefert. Ähnlich wie Mimoa versteht sich auch Wikitude als eine Art Reiseführer, der aber auch von Ortsansässigen inzwischen gerne genutzt wird. Mit Wikitude.me können Nutzer wie bei Wikipedia oder dem offenen Kartensystem OpenStreetMap selbst Informationen zu interessanten Orten auf der Karte einzeichnen.

Inzwischen gibt es weitere Wikitude-Anwendungen, die auf Datensätze Dritter zurückgreifen. In der Schweiz können sich Nutzer mit einem dringenden Bedürfnis etwa seit kurzem anzeigen lassen, wo das nächste öffentliche WC ist – und ob es sich auch für Rollstuhlfahrer eignet. Und die New York Times plant, ihre Restaurant- und Filmkritiken jeweils an Ort und Stelle zugänglich zu machen. Möglicherweise wird sie auch Leserkommentare einbinden, wobei sie als Exklusivinformation nur die Kommentare von Lesern zulassen könnte, die entweder prominent sind oder Expertise vorweisen können.

Eine schier unerschöpfliche Quelle für neue Anwendungen bieten im angelsächsischen Sprachraum derzeit Regierungsdaten, die im Zuge der sogenannten Open-Data-Bewegung veröffentlicht wurden. So zeigt eine Layar-Anwendung auf Basis der von der US-Regierung veröffentlichten Daten zum Konjunkturprogramm an, wer das Geld aus dem Programm erhalten hat. Auf einem Spaziergang durch die Straßen von Washington D.C. kann der interessierte Bürger mit seinem Handy die Straßenzüge nach den Geldern scannen. Die Anwendung greift dabei auf die Daten der Website “Recovery.gov – Track the Money” zurück, die dort auf einer Karte zeigt, wohin die Millionen geflossen sind.

In Frankfurt schon machbar

Nach derselben Funktionsweise entstehen derzeit in Großbritannien verschiedene Web- und Mobildienste. Sie können auf Tausende von Datensätzen zugreifen, die die britische Regierung jüngst in maschinenlesbarem Format auf der Website data.gov.uk veröffentlicht hat. Einen nicht unwesentlichen Beitrag an der Offenlegung der Daten hat übrigens die Tageszeitung The Guardian, die sich in einer jahrelangen Kampagne für die Freigabe eingesetzt hatte. Und kein geringerer als Web-Erfinder Sir Tim Berners-Lee war für die technische Umsetzung des Projekts verantwortlich.

In Deutschland können Entwickler vorerst auf bereits frei verfügbare Daten wie die Wikipedia, OpenStreetMaps oder Qype zugreifen. Eine Offenlegung staatlicher Daten böte auch hier einen großen journalistischen Mehrwert. Zu den ersten Diensten dieser Art in Deutschland gehört frankfurt-gestalten.de – eine Site, die der Politikwissenschaftler Christian Kreutz entwickelt hat. Sie arbeitet mit der Parlis-Datenbank der Stadt Frankfurt und reichert sie mit Schlagworten und Ortsdaten an. Dabei geht das Projekt Fragen nach wie: Was entscheiden Politiker in meiner Nachbarschaft? Was passiert in meiner Straße?

Bürger können Vorlagen wie die Anfrage zur geplanten Entfernung der Radaranlage Offenbacher Landstraße online diskutieren. Journalisten können dies wiederum für ihre lokale Berichterstattung aufgreifen. Sie könnten aber auch für andere Städte ein derartiges Angebot aufsetzen. Eine Augmented-Reality-Variante von frankfurt-gestalten.de gibt es zwar noch nicht, aber sie wäre mit Hilfe der aufbereiteten Daten bereits machbar.

Dieser Text erschien auch in der April-Ausgabe des Medienmagazins journalist.


Beiträge zu verwandten Themen:

  1. Netzwerkanalyse-Software für Spendenzahlungen online
  2. 6+ Anwendungsmöglichkeiten für Augmented Reality für journalistische Zwecke

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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9 Responses to Auf den zweiten Blick

  1. erz says:

    Fußball? Müssen wir jetzt wirklich schon auf Fußball zurückgreifen, wenn wir über neue Medienkonzepte nachdenken? Schlimm. Ganz Schlimm.

    natürlich begeistert: Ich ;-)

  2. Christiane Schulzki-Haddouti says:

    S’gibt doch auch Fußballjournalismus :)

  3. Mark S says:

    “Das journalistische Potenzial dieser Verknüpfungen wird derzeit ausgelotet.”

    Die im Beitrag genannten, schon tatsächlich umgesetzten Projekte sind doch eher ernüchternd. Über reine spielerische Technik-Demos geht da nichts hinaus. Und alles andere bleibt bis auf weiteres Zukunftsmusik. Zudem ist die Frage “Wie finanziert sich das?” noch nicht ansatzweise berücksichtigt.

  4. Pingback: Medial Digital» Linktipps Neu » Linktipps zum Wochenstart: Goldene Zeiten für Journalismus

  5. Ja, da gibt es im Moment nur eine Menge Potenzial, aber nicht viel Realisiertes. Das ganze steht ziemlich am Anfang. Ich glaube, dass man hier mit der Entwicklung eigener Service-Layars doch einiges in Gang bringen könnte (“journalistische Geschäftsmodelle”).

  6. Martin Adam says:

    @Christiane Schulzki-Haddouti
    Ich bin ganz Ohr!
    Wenn Sie interessante Konzepte haben, setze ich sie gerne für Sie um.
    Ich bringe Ihre interessanten Inhalte auf die relevanten AR-Browser und sorge auch noch dafür, dass die Nutzer Ihre Inhalte bezahlen können.
    Wir, die AR-Schnittstellen-Entwickler, sind darauf angewiesen, dass Sie uns interessante Inhalte liefern, die wir dann für Sie technisch in die AR-Browser integrieren.
    Ich habe bereits 15 Projekte umgesetzt, den Großteil zu Testzwecken. Fünf Projekte sind bei “Layar” online, aber auch bei “Wikitude” und “Junaio” findet man meine Projekte. Die Anbindung an “Acrossair” ist bereits fertig gestellt, aber noch nicht online, “Bionic Eye Germany” folgt als nächstes.

  7. Martin Adam says:

    @Christiane Schulzki-Haddouti

    Ich habe gerade erst Ihren Artikel mit der Überschift “6+ Anwendungsmöglichkeiten für Augmented Reality für journalistische Zwecke” gesehen.
    Sie haben die richtigen Beispiele genannt. All das ist möglich. Aber wir benötigen die Contentproduzenten.
    mCRUMBS ist technikorientiert. Wir kümmern uns um techische Lösungen, die Ihre Inhalte sicher in die Augmented Reality bringen.
    Wenn Sie Inhalte haben, dann lassen Sie uns etwas damit anfangen.

  8. Danke für die Aufforderung! Das ist toll. Ich überlege mir etwas …

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