Open Content: Öffentlich-Rechtliche als Informationsdienstleister für Private?

Wolfgang Blau hat einen guten Gedanken über die künftige Rolle der Öffentlich-Rechtlichen als Informationsdienstleister für Private in der SZ andiskutiert, über den man ein wenig meditieren sollte – und nicht von der Hand weisen sollte, so wie es Robin Meyer-Lucht flugs getan hat. Blau denkt darüber nach, dass die Öffentlich-Rechtlichen ihre Dienste kostenlos den Privaten zur Verfügung stellen könnten:

Was spräche beispielsweise dagegen, dass öffentlich-rechtliche Sender sämtliche Inhalte, an denen sie die nötigen Rechte klären können, auch den Nachrichtensites der Printmedien kostenfrei zur Verfügung stellen? Weshalb kaufen die Websites der Printmedien vor großen Sportereignissen oder Wahlen teure interaktive Datenbank-Module ein, statt die entsprechenden Module der öffentlich-rechtlichen Websites nutzen zu dürfen, durchaus auch als White-Label-Produkt, also ohne das Logo des jeweiligen Senders zeigen zu müssen?

Mir ist ein ähnlicher Gedanke auch kürzlich gekommen, als ich mich für “M” mit den mobilen Apps der Öffentlich-Rechtlichen beschäftigt habe und damit mit der Frage, ob diese auch den Drei-Stufen-Test durchlaufen sollen. So viel kurz vorab: Ich denke, dass die Frage mindestens strittig ist, wenn die Apps mehrwertige Funktionalitäten enthalten. Der VPRT meint natürlich auch, dass man grundsätzlich bei den Apps testen sollte, während die Rundfunkräte das von der Hand weisen.

Am Schluss des Beitrags versuche ich ein wenig weg von der Drei-Stufen-Test- und Löschdiskussion zu kommen, die letztlich ein wenig destruktiv ist. Dafür habe ich mit Rainer Tief, dem Online-Chef des BR gesprochen. Dabei ging es im Gespräch vor allem um Verkehrs- und Wetterdaten sowie Regionalinfos. Tief zeigte sich erstaunlich aufgeschlossen:

In diese Richtung denkt etwa Rainer Tief, Multimedia-Chef des Bayerischen Rundfunks. Er sagte „M“: „Natürlich freuen wir uns, wenn unsere qualitätsgeprüften Angebote über möglichst viele Kanäle verbreitet werden.“ Und das müssten nicht immer die eigenen sein. Falls unsere Inhalte mit klarem Branding und ohne Zugangsbarrieren für die Allgemeinheit erreichbar bei einem neuen Service oder z.B. für Augmented-Reality-Anwendungen sinnvoll eingebettet werden sollen, kann man darüber natürlich reden. Natürlich müsse man jeden Einzelfall ansehen, so Tief. Aber man wäre für die Entwicklung innovativer Angebote auf Basis öffentlich-rechtlicher Daten und Inhalte durch Dritte durchaus aufgeschlossen.

Tief ist das Branding wichtig – und ich glaube nicht, dass die Öffentlich-Rechtlichen Interesse an White-Label-Infos hätten. Weil es ihnen wichtig ist, zu zeigen, woher die Informationen kommen. Und weil es ihnen wichtig ist, in welchem Umfeld ihre Informationen publiziert werden, werden wir es auch nicht so schnell erleben, dass sie diese unter eine Creative-Commons-Lizenz stellen.

Grundsätzlich geht es hier aber um die Frage: Warum nicht versuchen, das Potenzial der Öffentlich-Rechtlichen auf konstruktive Weise zu nutzen? Immerhin werden mit Gebührengeldern wertvolle Inhalte erstellt, die eigentlich den Gebührenzahlern immer zur Verfügung stehen sollten. Nachrichtenagenturen oder Anbieter von Sportticker, wie Robin Meyer-Lucht schreibt, wären dadurch keineswegs gefährdet, sondern wären bereichert – und könnten ihr eigenes Angebot mit Hilfe des Zugelieferten noch stärker ausdifferenzieren. Wichtig ist nur, dass alle Interessierten die selben Chancen erhalten, die Informationen zu bekommen. Waffengleichheit würde keine Marktverzerrung nach sich ziehen.

Allerdings glaube ich nicht wie Blau, dass die Öffentlich-Rechtlichen die Inhalte, die sie von anderen Anbietern angekauft haben, weitergeben dürften. Dagegen würden sicherlich die mit diesen abgeschlossenen Verträge stehen. Es ginge bei den entsprechenden Informationen vielmehr um diejenigen, die selbst produziert wurden und die entsprechend der vertraglichen Grundlagen weiterverwendet werden dürfen. Für Autoren wäre dies natürlich mit einem Total-Buy-Out verbunden (und hoffentlich entsprechend höheren Honoraren). Eine politische Voraussetzung wäre außerdem, dass die Öffentlich-Rechtlichen auf Werbeeinnahmen ganz verzichten.

Dahinter steht derselbe Gedanke wie auch bei den Daten von Behörden: Warum sollte man mit Steuergeldern erstellte Informationen nicht einfach frei zur Verfügung stellen, anstatt sie mit einem urheberrechtlichen Verweis zu versiegeln und die Nutzungsrechte an kommerzielle Anbieter zu verkaufen, wie es heute beispielsweise für den Nachdruck von Gesetzestexten gilt?

Die Open-Data-Bewegung in den USA und Großbritannien profitiert heute enorm von der Öffnung dieser Datenschätze. Es werden von Privaten, darunter nicht nur Unternehmen, sondern vielen freien Entwicklern Tausende von Apps bzw. neue Dienstleistungen entwickelt, die auf den Daten basieren. Verlage können ihre Angebote weiter entwickeln und ausdifferenzieren. Eine ähnliche Entwicklung hier – unterstützt durch die Öffentlich-Rechtlichen – wäre großartig. Zumal die Informationsfreiheitsgesetze hier keine ähnlich umfangreiche Freigabe der Daten erlauben wie in den USA oder Großbritannien.

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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4 Responses to Open Content: Öffentlich-Rechtliche als Informationsdienstleister für Private?

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  3. vera says:

    JA! Da hast Du eine feine Synthese aus W. Blau und RML gefunden.

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