Das Web in Südostasien: Geeks on the train und GPRS im Reisfeld

Ich lebe jetzt seit drei Jahren in Südostasien, ein Jahr davon in Kambodscha, zwei Jahre in Vietnam und nun in Laos. Thailand kenne ich eigentlich auch ganz gut. Für die meisten Menschen verbinden sich mit diesen Ländern Erinnerungen entweder an den Urlaub oder an den Geschichtsunterricht. Thailand machte zuletzt ein wenig Aufsehen mit seinen Unruhen, aber das legt sich auch wieder im Gedächtnis der deutschen Öffentlichkeit. Ansonsten bleiben meist nur Tempel, Traumstrände und Reisfelder.

An Technologie, Internet, Webentwicklung denkt dabei kaum jemand. Dabei tut sich eine Menge in diesen Ländern. Ich selbst habe die Barcamps in Kambodscha, Vietnam und Laos mit ins Leben gerufen. Barcamps sind so genannte Un-Konferenzen, Zusammenkünfte der Web- und Programmierergemeinde, bei denen die Teilnehmer auch Macher sind. Vorträge werden am Tag der Konferenz angekündigt, und jeder kann einen halten.

Spontanes Vortreten, unorganisierte Veranstaltungen sind nun wirklich nicht Sache der Asiaten, möchte man meinen. Ich habe andere Erfahrungen gemacht. In allen Ländern (Laos kommt noch, aber das Interesse ist schon jetzt riesig) war es kein Problem das Programm zu füllen – ohne dass Expats alle Räume besetzten mussten. Das Internet macht’s möglich, dass in diesem Ländern eine junge Generation heranwächst, die schnell an das Wissen herankommt, das auch in der westlichen Welt vorhanden ist. Es braucht keine Bücher mehr.

In Kambodscha zum Beispiel hat der Deutsche Norbert Klein nicht nur die Email eingeführt, sondern im Open Institut das KhmerOS Projekt ins Leben gerufen. Seit einigen Jahren haben Kambodschaner erst einen eigenen Webfont entwickelt, dann eine Linuxversion, Firefox, Thunderbird und Open Office in Khmer übersetzt. Das bedeutet es gibt ein komplettes Betriebssystem in Khmer – kein Unternehmen hätte das je auf den Markt gebracht.

Vietnam ist ein klassischer Outsourcing-Standort. Viele, auch deutsche Unternehmen, lassen dort Daten verarbeiten. Jedes Paket in der Schweiz (und zuvor auch die von Quelle), dessen Adresse nicht automatisch gelesen werden kann, wird abfotografiert und im Norden von Saigon sitzt jemand bei einem Ableger der Firma GHP, liest diese Adresse und gibt sie von Hand ein.

In Laos habe ich einen Internetanschluss per Wimax. Hier wird kein Telefonkabel mehr gelegt, stattdessen bekomme ich eine Antenne, über die das Internet gesendet wird. Eine Stunde Anschlusszeit, keine Kabel nötig. Das bedeutet auch, dass die Firma TIGO Investitionskosten spart, wenn sie flächendeckend Intenet anbieten möchte.

Apropos flächendeckend: Man hat in diesen Ländern nicht nur flächendeckend Telefonempfang, sondern in vielen Gegenden auch GPRS, was bedeutet, dass letztlich überall Emails empfangen und gesendet werden können. In den Städten ist die Smartphonedichte schon fast erschreckend, berücksichtigt man, dass allein in Laos 50 Prozent der Bevölkerung hungern und in Kambodscha die meisten Menschen von weniger als 2 Dollar am Tag leben müssen.

Dennoch, gerade in der Webcommunity spürt man in Südostasien einen Enthusiasmus, der wohl mal in den Gründertagen des Silicon Valley geherrscht habe muss. Bangkok hat einen Hackerspace, Phnom Penh hat seine samstäglichen Tweetups (Twittermeetings) und bald das dritte Barcamp. Lediglich Vietnam hat nach anfänglicher Euphorie etwas nachgelassen, wenn es um eine beständige ICT-Community geht. Das liegt auch daran, dass viele Vietnamesen kleine Start-Ups gegründet haben und damit beschäftigt sind, Software zu entwickeln – leider in der Regel nicht in bester Qualität.

Am besten kann man diesen Enthusiasmus spüren, wenn es um Barcamps geht. Barcampnomads sind solche, die die Barcamps der Region bereisen, und das sind nicht wenige. Es gibt einen sehr regen Austausch, auch mit Singapur und Malaysia. In Thailand plant man für die Reise zum Barcamp Vientiane (Laos) einen Zugwagon zu mieten, dort ein Netzwerk einzurichten und während der Nachtfahrt zu programmieren und zu hacken. “Geeks on the train” heisst das dann.

Ähnlich unverfangen geht man auch mit den Beschränkungen um, die es gibt. Kambodscha, Vietnam. Laos und Thailand haben alle bestimmte Zensurgesetze, die sich auch aufs Internet auswirken. Sie werden lediglich unterschiedlich ausgelegt und angewendet. Thailand ist sehr restriktiv im Augenblick, Vietnam versucht regimekritische Blogger mundtot zu machen, Kambodscha und Laos sind etwas lockerer, wohl weil es hier auch viel weniger Blogger und andere gibt, die im Internet publizieren. Gleichwohl kann es in diesen Ländern schnell mit einer Gefängnisstrafe enden, wenn man gegen diese Gesetze verstößt und auch noch den Falschen öffentlich bloßgestellt hat.

Die junge Internetgeneration stört sich daran eher wenig. Zum einen hält sich die Politisierung in Grenzen – iPhones und Onlinegames sind wichtiger. Zum anderen findet man immer Wege, Beschränkungen zu umgehen. In Thailand werden Proxies benutzt, in Vietnam machte noch am gleichen Tag, als man Facebook blockierte, ein Workaround die Runde. In Kambodscha wird viel über 3G auf dem Handy oder per Tethering gesurft, weil man am Computer oft Stromausfälle fürchten muss.

Frühstück mit Al Jazeera auf dem iPad

Mein Macbook wird hier in Laos schneller und günstiger repariert als in Deutschland, mein iPad hatte ich in Vietnam als man in Deutschland noch davon träumen musste, das iPhone 4 haben Vietnamesen schon gefilmt als es noch in den Fabriken war. Man sollte technisch nicht glauben dass man hier in Asien hinterherhinkt. Der Unterschied ist, das der gemeine Bürger diese Technik nicht hat: Der Farmer, der Fischer, der Dorfschullehrer (wobei Letzteres zumindest in Vietnam sich gerade stark ändert).

Was letztlich diesen Ländern fehlt, ist eine Idee, was man mit der Technik machen kann. Es braucht coole Programmierer. Ich kenne einige sehr kreative Köpfe. Wenn man einen Teil der unsinnigen Entwicklungshilfegelder hier in Startups stecken würde, könnte man Arbeitspätze und wirtschaftliche Entwicklung schaffen. Und dann rockt SEA!

About Thomas Wanhoff

freier Journalist, Podcaster, IT-Consultant, bloggt unter Wanhoff.de und podcastet unter "WWWW - Wanhoffs Wunderbare Welt der Wissenschaft" und Scienceblogs- Wissenschaft zum Mitnehmen".
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7 Responses to Das Web in Südostasien: Geeks on the train und GPRS im Reisfeld

  1. bugsierer says:

    sehr interessanter bericht, vielen dank für diesen artikel.

    ich habe kürzlich in meinem blog ein paar podcasts zur internet situation in afrika zusammengestellt. einer davon berichtet vom neuen unterseekabel in madagascar und v.a. wie dort via handys auch die arme bevölkerung von kommunikationstechnologie profitieren kann. sehr interessant z.b. ist das projekt, in dem bauern via simples handy-interface für ihre feldarbeit beraten werden und schon mit einfachsten tipps ertragssteigerungen im zweistelligen prozentbereich erreichen. bitte hierlang:
    http://henusodeblog.blogspot.com/2010/06/afrika-podcasts.html

    eine frage in die runde: gibt es ein portal oder blog, das solche initiativen sammelt? falls nein: wäre es nicht eine gute idee, ein solches zu lancieren? vielleicht unter dem gesichtspunkt: wir hier in der reichen welt könnten solche projekte für die arme welt besser fördern, wenn wir mehr darüber wüssten. und die bauern in asien könnten von oben erwähntem handyprojekt in madagaskar auch profitieren, aber vermutlich wissen sie nichts davon. eine art newsportal über web-innovationen in der dritten welt… fehlt irgendwie.

    oder?

  2. Sehr gute Idee mit dem Portal. Ist mir leider keines bekannt. Ich würde aber KoopTech gerne dafür öffnen. Das (aktualisierte) Motto passt ja. Vielleicht ist das auch besser, als ein neues Portal mit engem Fokus ganz neu aufzubauen. Schließlich können Innovationen dort auch hier befruchtend wirken.

  3. bugsierer says:

    stimmt, die grossen tech-unternehmen schicken ja auch ihre scouts in diese länder ;-)

    finde ich eine gute idee, kooptech dafür zu öffnen, das würde in der tat gut passen. bin gespannt, wie du das anstellst.

  4. Bin selbst gespannt …:)

    Tja, öffnen heißt ja erstmal: Thematisch offen sein. Du könntest zum Beispiel deinen Bericht hier für’s Erste crossposten (bzw. dein Okay dafür mir erteilen). Und dann natürlich Leute ansprechen, die etwas wissen könnten. Für Unterstützung wäre ich dankbar!

  5. bugsierer says:

    nur zu, crossposten ist gerne erlaubt.

    ich werde mal andré marty ansprechen. und sicher kommt mir noch der eine oder die andere in den sinn.

  6. André says:

    Hm, im Nahen Osten wird das Netz sehr häufig als eigentliches politisches Schlachtfeld be- und genutzt. Natürlich gibt es die enorm lebendige Blogger- Szene in der arabischen Welt, v.a. Aegypten, Bahrain, aber eine Plattform im oben genannten Sinn ist mir leider nicht bekannt. Will mich mal umhören und allenfalls laut geben.

    Kompliment übrigens in den Fernen Osten – feine Sache, Ihre Brücken, die Sie auf ihrer Seite bauen

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