Nicht Verleger, sondern Redakteure entscheiden über Qualität

Rundum lesenswerter Text von RZ-Chefredakteur Christian Lindner über die allseits gerne gepflegte Legende vom Verleger als Qualitätsverhinderer, den ich in Varianten auch gerne einmal von anderen Chefredakteuren lesen würde:

Die meisten Verlage in Deutschland aber leisten sich nach wie vor deutlich mehr als Rumpfmannschaften, nicht viel weniger auch inhaltlichen Anspruch. Und in all diesen Häusern liegt Verantwortung für engagierten Journalismus nicht auf der Ebene der Verleger, sondern bei den Journalisten selber. Genauer gesagt: beim Redaktionsmanagement. Hier wird faktisch die Entscheidung getroffen, ob Journalisten Zeit zum Recherchieren haben – oder mit zu viel Routinen blockiert werden.

In unserer Studie “Begrenzter Journalismus” schrieben wir  zum Thema Organisation:

Veränderungen in der etablierten Redaktionsorganisation können die Qualität des Journalismus verbessern – wenn sie nicht als Sparmaßnahme verwendet werden. Die Teamarbeit wird in deutschen Redaktionen noch viel zu wenig genutzt. Newsrooms und Newsdesks wurden vielerorts dafür genutzt, Personal zu kürzen, anstatt entstehende Freiräume durch Qualität zu füllen.

Gerade Recherche ist in deutschen Redaktionen verbesserungswürdig – auch durch Umorganisation, wie ein Blick ins Mutterland der investigativen Recherche, die USA, zeigt. Auch dort wird im Zuge der Zeitungskrise jetzt auf Kosten der Qualität gespart. Dennoch wird immer noch deutlich mehr Geld in eine Redaktionsstruktur investiert, die dem deutschem Journalismus gut täte: Während es hierzulande bei keiner Zeitung ein eigenes Ressort für investigative Recherche gibt, arbeiten in den USA investigative Reporter als Teams und werden von anderer Arbeit frei gestellt, zeigt Redelfs. Es gibt dort das Berufsbild des Computer Assisted Reporters, der im Rechercheteam professionell Datenbanken und digitale Quellen durchsucht und systematisch große Datenmengen zu Ergebnissen verarbeiten kann. Viele Verlage leisten sich darüber hinaus noch Archivare, die Literatur und Archivrecherche betreiben. Ein aufwändig recherchiertes Stück gilt in den USA auch als ökonomische Investition in die Auflage der Zeitung. Ergebnisoffene Recherche ist dabei Teil des Konzepts. Die Aufgabenteilung zwischen investigativen Rechercheuren und Redakteuren mit Übersicht hat sich dort bewährt – allerdings mit mehr Investitionen und mit einer anderen Wertzumessung von Qualitätsjournalismus.


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About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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