ORF schießt Futurezone ab

Seit einigen Monaten rumorte es beim ORF – jetzt scheint es endgültig zu sein: Das Aus für das Futurezone-Magazin. Für die europäische Netzpolitik ist das ein großer Verlust.

Die ORF.at-Redakteure versuchten es am Freitag mit einem öffentlichen Appell, über den nicht nur Christoph Chorherr in seinem  Blog, sondern sogar der Standard berichtete. Doch der Streit zwischen Verleger und Öffentlich-Rechtlichen scheint in Österreich mit der kleinen Futurezone sein Opfer gefunden zu haben.

Die Futurezone hatte sich seit Jahren vor allem mit eigenen Recherchen und Berichten rund um digitale Bürgerrechte im deutschsprachigen Raum einen Namen gemacht. Gründungsmitglied ist unter anderem Erich Moechel, mit dem ich gemeinsam die Enfopol-Recherchen für Telepolis gemacht habe – Enfopol war praktisch der europäische Vorläufer der Vorratsdatenspeicherung. Auch Fuzo-Redakteur Günter Hack ist ein alter Telepolis-Autor.

Doch nun ist die Futurezone zum Bauernopfer des neuen ORF-Gesetzes geworden, das praktisch zwischen ORF und dem Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) ausgehandelt wurde. Der Deal: Für die Aufgabe der Futurezone wollen die Verleger einer Ausweitung der Online-Werbemöglichkeiten auf vier Prozent der Gebühreneinnahmen zustimmen. Der von der Regierung vorgestellte Gesetzesentwurf sah zwei Prozent vor. Das aber hätte dem ORF kein weiteres Wachstum im Online-Werbemarkt ermöglicht. Die Futurezone wurde damit gegen vom Standard geschätzte rund 5 Mio. Euro mehr an Werbegeldern verscherbelt. Möglicherweise weiß ORF-Verhandlungsführer Grasl aber gar nicht, was er damit aufgegeben hat. Nämlich neben heise.de die einzige zuverlässige konstante Quelle zur europäischen Netzpolitik im deutschsprachigen Raum.

Dramatisch ist das deshalb, weil Netzpolitik grundsätzlich europäisch gemacht und entschieden wird – allen nationalen Scharmützeln und Enquète-Kommissionen zum Trotz. Es ist umso unverständlicher, wenn man weiß, dass in den nächsten Jahren mit der “digitalen Agenda” die wichtigsten Weichenstellungen im digitalen Raum vorgenommen werden sollen. Ohne eine kompetente Berichterstattung werden selbst die Politiker wohl etwas blind werden – bei dem Tempo, in dem in Brüssel Kompromisse durchverhandelt und kommuniziert werden.

Und weil diese Art der Berichterstattung erfahrungsgemäß besucherstatistisch wenig bringt, ist nicht zu erwarten, dass die Verleger, die in ihrer eigenen Berichterstattung bislang von den Vorrecherchen der Futurezone profitierten, wirklich selbst nachlegen und Zeit und damit Geld in diese Art Journalismus investieren werden. Sie verlieren damit eine wichtige Quelle – und werden dabei die neue Nische nicht einmal selbst besetzen können, weil diese so subsidiär ausgerichtet war. Die Verleger haben sich und den Lesern damit einen wahren Bärendienst erwiesen (Stichwort “Erhaltung und Sicherung von Medien- und Meinungsvielfalt”).

Dramatisch an diesem Konflikt ist auch, dass beide Lager – wie schon im deutschen Verlegerstreit – sich als Konkurrenten, nicht aber als mögliche Kooperationspartner gesehen haben, die im Dienste einer informierten Öffentlichkeit – wie sie für jede Demokratie essentiell ist – gemeinsam eine Lösung hätten finden können. In diese Richtung hätten sie etwas Phantasie entwickeln müssen – und sich wohltuend auch von der deutschen Medienpolitik abheben können. Chance vertan. Boden verbrannt.

P.S. Noch gibt es eine winzige Chance, dass die Futurezone gerettet werden könnte. Denn es gibt noch keine Unterschrift unter den Vertrag. Doch dafür muss jemand erst einmal allerspätestens bis diesen Freitag einen Kommunikationskanal zu Herrn Grasl etablieren.

Disclaimer: Die Autorin schreibt ab und zu für die Futurezone und ist in diesem Fall überaus parteiisch.


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About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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