11+ Ideen für mobile Apps von Tageszeitungen

Ich habe mir vor einigen Tagen die iPhone App der Frankfurter Neuen Presse heruntergeladen, auf mein iPad, weil ich digitale und vor allem längere Texte gerne damit lese. Zunächst einmal ist die App nicht wirklich von der FNP, sondern ein Angebot der Agentur AFP für ihre Kunden.

AFP bietet ihre eigene iPhone-App („AFP Mobile“) deutschen Medienhäusern als White-Label-Lösung an. Dabei werden Struktur und Design individuell an die Wünsche der Kunden angepasst.  Im Wesentlichen funktioniert das wie auch bei Diensten wie iSites: Der Kunde bekommt ein Gerüst, dass er anpassen kann. Farben, Logos können selbst bestimmt werden, ebenfalls die Kategorien. Gefüttert wird das ganze dann mit RSS-Feeds.

Eigentlich eine gute Sache: Geringe Einstandskosten, aber man ist ganz vorne mit dabei. Die Frankfurter Neue Presse macht’s erstmal als beta. Wenn dann die Leser lange genug getestet haben, müssen sie bezahlen. Allerdings sind 79 Cent pro Monat ein äußerst fairer Preis, zumindest für den User.

Brauchen regionale Tageszeitungen überhaupt eine iPhone App?

Genau das ist die Frage. Die Antwort ist nicht einfach. Sicherlich ist die klassische Leserschaft der Regionalzeitungen chronisch überaltert und in der Regel weder Änderungen im Allgemeinen und technischen Neuerungen im Besonderen aufgeschlossen. Zwar sind viele in der Einkommensklasse für den typischen iPhone-Benutzer, aber eben nicht in der Altersklasse. Auf große Akzeptanz oder Resonanz sollte man also zunächst nicht bauen.

Warum dann doch eine App?

Zunächst einmal ist das AFP-Angebot wohl für Kunden äußerst verführend. “Schadet nichts”, werden viele sagen und zuschlagen. Viel Arbeit hat man nicht, die meisten Zeitungen haben ihre Inhalte ohnehin schon als RSS Feed verfügbar. Und was man nicht selbst hat, liefert AFP aus seinem Angebot. Die paar Stunden für die Grafik sind auch noch drin.

Darüberhinaus aber kann man wertvolle Erfahrungen sammeln. Welches Feedback gibt es von Lesern? Wie ist die Akzeptanz in der Redaktion? Welche Formate von Fotos sind geeignet (die AFP-App macht Quadrate draus, ein Format, das KEIN Original hat, aber einfacher ins Layout einzubauen ist)? Was kann man noch einbauen und was bringt nichts?

Alles eine Frage der Strategie

Was Tageszeitungen, vor allem den regionalen, meistens fehlt, ist eine digitale Strategie. Oft gehen interne Positionierungspapiere nicht über eine gewisse Zahl an Page Impressions hinaus, manchmal mal gibt es vorsichtige Zahlen von Werbeeinnahmen aus Bannern.

Nicht wenige Zeitungen sind im Internet den anderen gefolgt und haben alles was geht online gestellt. Andere haben schon eine mehr oder weniger hohe Paywall eingerichtet. Von echten Strategien ist aber wenig zu lesen.

Bei der FNP liest sich die Begründung so:

“Mit der Anwendung wolle die Zeitung ihre lokale und regionale Kompetenz aufs iPhone bringen, erklärte der Leiter der FNP-Online-Redaktion, Sebastian Holzapfel.” (Quelle: agenturjournalismus.de)

Auf der eigenen Website steht zu lesen:

“Mit unseren iPhone-Apps für Frankfurt, Main-Taunus, Hochtaunus, Limburg-Lahn, Frankfurt Süd, Wetterau und Usingen liefern wir Ihnen Nachrichten in einer optimierten Version auf das Kult-Handy der Firma Apple.” (Ob man eine App als optimierte Version der Textdarstellung verstehen sollte, sei mal dahingestellt).

Die Begründung ist etwas dünn. Dabei muss man sich doch nur anschauen, was man in Print macht.

Hochwertigen lokalen Content liefern, in der Regel auch exklusiv

Genau das muss auch eine Strategie einer iPhone-App sein. Ich glaube nicht daran, dass man mit Weltnachrichten als Regional-App erfolgreich sein kann. Wohl aber mit Premium-Inhalten kombiniert mit Technik. (Die FNP macht das schon genau richtig, mit Fokus auf Lokales, Eintracht Frankfurt und Hessen.)

Einige Ideen:

  1. Die App lokalisiert auf Wunsch das Gerät und bietet Nachrichten aus der unmittelbaren Umgebung an.
  2. Da die meisten Regionalzeitungen einen guten Veranstaltungskalender haben, muss das auch rein, am besten noch mit Buchungsmöglichkeiten.
  3. Breaking News (Push), zum Beispiel bei Bürgermeisterwahlen, aber auch bei einem Feuer um die Ecke (jeder will wissen was die Feuerwehr da macht).
  4. Kleinanzeigenmärkte: auch hier mit einer Map kombiniert. Gebrauchtes kauft man gerne um die Ecke.
  5. Umfangreiche Suche nach Text, aber auch Location.
  6. Einfacher Rückkanal, zum Beispiel Kommentare, aber auch Dienste wie Twitter. Wichtig: App merkt sich den User, keine erneute Anmeldung. Möglichkeit Fotos an die Redaktion zu schicken oder auch Videos.
  7. Gewichtung: bei der FNP steht schon mal das Kinoprogramm ganz oben, weil die Artikel meist die Länge als Gewichtungskriterium haben. Macht keinen Sinn: Die Bestückung der APP muss ein Mensch machen, analog zur Webseite.
  8. Maps: Dank Google Maps und entsprechende Layer kann eine Regionalzeitung recht einfach eine eigene Map erstellen. Hilfreich auch als Bebilderung.
  9. Tipps für Touristen: Wer in eine Stadt kommt sucht Infos in der Tageszeitung. Demnächst auch in der App. Das bringt neue Kunden.
  10. Werbung: Ich weiß um die Bedenken der regionalen Werbekunden (meist eher der Agenturen) und auch der hauseigenen Anzeigenabteilung, wenn es um Werbung geht. Ich glaube aber immer noch fest daran, dass wer sich bemüht auch Werbekunden finden kann. Kleine Schnipsel im RSS Feed stören nicht, können aber für den Nutzer wertvolle Infos enthalten (Sonderangebote im Supermarkt, Autoschnäppchen). Gerade die lokalen Zeitungen sind noch dichter am Kunden dran und können in persönlichen Gesprächen digitale Kampagnen entwickeln. AFP machts schon möglich: Über Schnittstellen für Adserver kann die Vermarktung der App entweder durch den Kunden selbst oder andere Vermarktungspartner erfolgen.
  11. Weiterdenken: Zeitungsmacher wissen es am besten: Gelesen wird immer. Die Frage ist wo. Am Computer macht es keinen Spaß, am iPhone auch nicht wirklich. Die Lesezukunft gehört den Tablets. Deswegen heißt es Aufpassen, welche Möglichkeiten sich da bieten.

Müssen Regionalzeitungen denn jeden digitalen Mist mitmachen?

Ja. Weil es Teil des Marktes ist. Wie weit sie mitmachen ist eine andere Frage. Man muss keine iPhone-Redaktion aufbauen, aber man muss sich Gedanken darüber machen, wie man seine Inhalte profitabel distribuiert. Und mobile Geräte sind ein großer Markt. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, ob es iPhone-Plattformen sind. Android ist schwer im Kommen, und immer mehr Programmierer entwickeln Crossplatform-Lösungen oder fahren zweigleisig.

Wichtig ist, bevor man sich mit Kosten und Ideen beschäftigt, wie oben erwähnt, eine Strategie zu entwickeln oder zu schauen, inwieweit das Bestehende in diese Strategie passt. Mit der AFP-Hilfe (oder auch iSites) kann man kostengünstig Erfahrungen sammeln. Und ist schon mal vorbereitet auf das, was da kommt.

About Thomas Wanhoff

freier Journalist, Podcaster, IT-Consultant, bloggt unter Wanhoff.de und podcastet unter "WWWW - Wanhoffs Wunderbare Welt der Wissenschaft" und Scienceblogs- Wissenschaft zum Mitnehmen".
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