Buzz Kill: Und niemand merkt, dass du verschwunden bist

Leo Laporte (Leoville Blog) hat etwas erlebt, das all sein Denken und Fühlen über “Social Media” über Nacht grundstürzend verändert hat. Er war einer derjenigen, die gerne alles Neue mitmachen und sich bereitwillig auf immer neuen Social-Media-Seiten aktiv einbringen. Er liebte die vielfältigen Vernetzungsmöglichkeiten und glaubte an das “magische Potenzial” der sozialen Medien, die Menschen besser denn je zusammen zu bringen.

Als Googles Buzz erschien, war er begeistert von der intelligenten Kombination verschiedenster Features, die auf anderen Plattformen so nicht zu haben waren. Bald nutzte er Buzz exklusiv (statt Twitter, Friendfeed, Facebook, die nur noch beliefert wurden) und bald folgten ihm 17000 Leute. Er war glücklich.

Der Absturz

Am 21. August bemerkte Leo, dass seine Buzz-Postings auf Twitter nicht mehr gemeldet wurden. Zu diesem Zweck hatte er einen dieser Weiter-Sende-Dienste abonniert – doch an dem lag es nicht. Auch auf Buzz selbst waren all seine Texte seit dem 6. August nicht mehr aufzufinden: sie waren dort gar nicht erst veröffentlicht worden. Über 15 Postings und alle Meldungen seines Twit-Podcast-Networks.

Woran es gelegen hat, fand er nicht heraus. Er räumt locker ein, vielleicht etwas falsch eingestellt oder versehentlich umgestellt zu haben. Das ist nicht der Punkt, sondern:

Es hat niemand gemerkt! Nicht einmal er selber. Und das hat ihn richtig fertig gemacht:

“It makes me feel like everything I’ve posted over the past four years on Twitter, Jaiku, Friendfeed, Plurk, Pownce, and, yes, Google Buzz, has been an immense waste of time. I was shouting into a vast echo chamber where no one could hear me because they were too busy shouting themselves. All this time I’ve been pumping content into the void like some chatterbox Onan. How humiliating. How demoralizing.”

“Alles, was ich in den letzten vier Jahren auf Twitter, Jaiku, Friendfeed, Plurk, Pownce, und ja: Google Buzz postete, erscheint mir jetzt als einzige große Zeitverschwendung. Ich rief in einen leeren Echo-Raum, in dem mich keiner hören konnte, weil alle viel zu sehr damit beschäftigt waren, selber zu rufen. All diese Zeit hab’ ich Content ins Leere gesendet, ganz wie ein Chat-Onanist. Wie demütigend. Wie deprimierend.”

Reue und Rückkehr ins eigene Blog

Immerhin steht seine Broadcast-Webseite noch, wo er eine User-Gemeinde versammelt hat, die ihn mit Mails bombardieren würde, wenn auf einmal nichts mehr käme. Er fühlt sich jetzt wie “aus einem schlechten Social Media Traum” erwacht und denkt reuig an sein vernachlässigtes Blog, fest entschlossen, künftig all seine Inhalte DA zu veröffentlichen:

“I should have been posting it here all along. Had I been doing so I’d have something to show for it. A record of my life for the last few years at the very least. But I ignored my blog and ran off with the sexy, shiny microblogs. Well no more. I’m sorry for having neglected you Leoville. From now on when I post a picture of a particularly delicious sandwich I’m posting it here. When I complain that Sookie is back with Bill, you’ll hear it here first. And the show notes for my shows will go here, too.
Social media, I gave you the best years of my life, but never again. I know where I am wanted. Screw you Google Buzz. You broke my heart.”

“Hätte ich doch nur alles HIER gepostet! Dann wäre es wenigstens noch da und ich hätte mindestens eine Aufzeichnung über mein Leben der letzten vier Jahre. Aber ich ignorierte mein Blog und fuhr auf die sexy schillernden Mikro-Blogs ab. Nie wieder! … Von jetzt an werde ich das Bild eines tollen Sadwichs HIER zeigen. Und wenn ich beklage, dass Sookie zu Bill zurück gekehrt ist, werdet Ihr es hier zuerst erfahren…
Social Media – ich gab euch die besten Jahre meines Lebens – aber damit ist jetzt Schluss! Ich weiß jetzt, wo ich gebraucht werde. Leck mich, Google Buzz: Du hast mein Herz gebrochen”

(Alle Zitate aus Buzz Kill / Leoville – Übersetzungen von mir).

Fazit:

Ich kann Leo gut verstehen, allerdings wundert es mich, dass er diese Erfahrung erst so spät macht. Mir war immer klar, dass Twitter, Facebook, Friendfeed u.a. kein ERSATZ für eine eigene Webseite, ein eigenes Blog sind. Man geht dort in der Menge der Meldungen und Möglichkeiten unter, kann zwar hier und da mal dem einen oder anderen positiv auffallen, aber wenn man plötzlich fehlt, wird das nicht bemerkt. Und über die eigenen Inhalte hat man nur insoweit Macht, wie es dem Plattform-Eigner gerade passt.

Ausschließlich in Social Media publizieren ist wie Zeichen in den Flugsand schreiben. Wer gerne bleibende Spuren hinterlässt und wiederkehrende Leser schätzt, ist mit einem Blog besser dran.

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Dazu auch

Thnks Fr Th Mmrs: The Rise Of Microblogging, The Death Of Posterity
(TechCrunch)

crosspost


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About Claudia Klinger

eine Internetautorin der ersten Stunde, ihr "Digital Diary" zählt zu den ältesten deutschsprachigen Webdiarys. Zahlreiche weitere Projekte finden sich auf ihrer Homepage.
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15 Responses to Buzz Kill: Und niemand merkt, dass du verschwunden bist

  1. asaaki says:

    Danke für diesen Beitrag. Ich glaub, dass braucht die Blogosphäre auch als Aufmunterung zwischendurch, denn hier wird ja bewiesen, dass dieses “Social Media Microblogging in den Sand schreiben Dingens” nicht die nachhaltigste Lösung ist.

    Wer auch immer in den letzten Monaten vom Tod der Blogs schrub oder schrie, der verkannte wohl, dass Microblogging der Tod des Bloggers ist, und niemand würde es merken …

    Auf mein Blog kann ich mir einen denkwürdigen Grabstein setzen, aber mein Twitter-Account ist nur ein Teil eines riesigen, anonymen Massengrabes.

    //flattered

  2. drikkes says:

    Ach Gottchen, da hat sich einer selbst überschätzt und ist unsanft auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Kann in jedem Medium passieren.

    Man muß doch nur mal schauen (also muß man nicht ständig, aber sollte man zur Überprüfung des eigenen Standpunktes mal getan haben), wieviel z.B. der Links, die man so twittert, wirklich angeklickt werden. Bei meinen über 500 Followern sind das – je nach Uhrzeit und sonstigem Inhalt – so zwischen 20 und 50 Klicks.

    Und hat der gute Mann denn nie in die Referrer seines Blogs geschaut?

  3. vera says:

    Ich weiß schon, warum ich mein Blog so mag.

  4. Frank says:

    Das ist einerseits heftig und zeigt zugleich auch die Charakteristika von Social Media. Social Media ist an erster Stelle tatsächlich sozial orientiert und Mittel zur Kommunikation und nicht Plattform zur Prominenz. Als Trend ausgedrückt vollzieht sich ein Wandel zu Nischen, zur Granularisierung:
    http://tinyurl.com/granularisierung

    Doch wer professionell im Social Web unterwegs ist und publiziert, der sollte auch an die Sicherheit denken. Mittel hierzu wären spezielle Backup Services für Social Media Inhalte:
    http://folden.de/asp-backup.shtml

    Auch sämtliche Inhalte an andere zu geben scheint wenig sinnvoll. Umgekehrt ist gerade ein Blog eine gute Grundlage Inhalte zu erstellen und kann ebenso als zentrale Einheit zur Verteilung von Inhalten genutzt werden.

  5. Irgendwelche Erfahrungen mit diesen Diensten? Wie pusht man denn die Backups in Facebook oder Twitter wieder hinein?

    Das Blog, denke ich auch, ist auf jeden Fall das Zentrum. Schade, dass so viele gute Blogs in den letzten ein, zwei Jahren eingeschlafen sind, weil anderweitige Social-Media-Aktivitäten überhand genommen haben.

  6. Seb says:

    Hmm, er hat Butz genommen um irgendwas nach Twitter zu blasen? Und zwei Wochen gebraucht, zu merken, dass da nix mehr ankommt? Kein Wunder, dass das niemand vermisste. Ist halt ein bisschen einseitig, in einem dialogorientierten Medium nur irgendwelche postings reinlaufen zu lassen. Albern, jetzt microbloggingplattformen zu verdammen.

  7. Claus says:

    Völlig richtig , die gleichen Erfahrungen habe ich auch mit Twitter, da kann man schreiben bis man blöde wird, es nützt nichts. Man geht in der Menge der Meldungen unter.. und es interressiert ja auch keinen kritische Sätze zu lesen. Da liest man lieber was Promis so schreiben. Ist auch wohl interressanter.
    Man kann es überspitzt auf den Punkt bringen.. die grosse leere der vielen Meldungen..
    daher habe ich mich auch aus dieser art der Mitteilung ausgeklinkt, denn es bringt mir nichts..

  8. Pingback: Linkdump vom Di, 24. August 2010 bis Mi, 25. August 2010 Links synapsenschnappsen

  9. Pingback: Social Media: so vergänglich | Tim Schlotfeldt » E-Learning

  10. Frank says:

    an Christiane: Selbst habe ich keine konkreten Erfahrungen mit den Backup Services, halte diese aber aufgrund ihrer Services rund um Compliance Anforderungen für seriös. Die Wiederherstellung von Daten wird dabei über denselben Weg erfolgen wie die Sicherung und vermutlich einfach mittels Klick.

    Das ist überhaupt eine interessante Sache, da Unternehmen ihre geschäftliche Kommunikation zu dokumentieren haben. Vermutlich werden auch bereits etablierte Anbieter von Backup Services künftig Dienste für Social Media Inhalte bieten, wobei die Frage bleibt an welcher Stelle dokumentiert wird.

  11. Pingback: Lesetipps für den 26. August | Netzpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0

  12. Pingback: Glanzlichter 30 « … Kaffee bei mir?

  13. @Seb: nein, NICHT nur das! Er hat gemerkt, dass auch all seine Postings auf BUZZ nicht veröffentlicht worden waren! Und das sind eben nicht nur 140 Zeichen!

    @Claus: für mich ist Twitter kein Medium, um zu “chatten” bzw. Stimmfühlungslaute auszutauschen. Und schon gar nicht, um dort “Freunde zu finden”. Sondern ein großartiger Info-Kanal, dessen Inhalte ich mir selbst zusammen stelle.

    Selber sende ich auch im wesentlichen Infos über das, was mir in der täglichen Lektüre als bemerkenswert erscheint – und natürlich die eigenen Postings auf meinen Blogs.

    Wer mag, kann mir ja folgen: http://twitter.com/HumanVoice

  14. Pingback: CARTA

  15. eco says:

    Twitter ist viel zu kurzlebig wie man ja auch in diesem Beitrag lesen kann.
    Denke dieses Hype um diese kurzmeldungen wird genauso schnell verschwinden wie
    es aufgetaucht ist.

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