Springer versus Burda – welches Netzkonzept ist realistischer?

Entweder App oder PDF: Hauptsache Tablet-fähig.

Es scheint derzeit einen Disput zu geben zwischen den beiden großen der Medienbranche: Während Springer auf’s Digitale setzt und Vorstandschef Döpfner nicht müde wird, Tablets und iPads zu loben, sitzt auf der anderen Seite Burda und meint, das Internet sei maßlos überschätzt.

Nun haben beide recht, wenn man sich die Zahlen anschaut: In der Tat scheint Springer einiges richtig zu machen im Netz – wohl auch dank geschickter Auf- und Einkäufe, aber auch dank Bild.de -, während Burda sich zwar innovativ gibt, aber daraus wohl nicht genügend Profit machen kann. Ein DLD macht halt noch keinen Unternehmens-Gewinn.

Die Frage ist aber nicht erst seitdem das Trendmagazin Wired in der letzten Ausgabe das Ende des Internet verkündete, wie wir Informationen in Zukunft verarbeiten. Da hat Burdas Welte recht, wenn er meint, Internetseiten bringen nicht genügend Geld ein. Denn Internetseiten wie wir sie kennen werden immer weniger benutzt. Der Anteil mobiler Anwender steigt, dank Tablets und Android werden viele Webseiten in so genannte Apps verpackt. Ich selbst benutze die fast ausschließlich: Die CNN-App, die TIME-App, New York Times Times Editor Choice, Wired for iPad. Sogar die Vientiane Times, die englische Zeitung hier in Laos, bekomme ich als PDF geschickt und lese sie auf dem iPad.

Die Ausdrucker unter den Internetusern haben eigentlich imemr recht gehabt: es liest sich besser auf einem DIN-A4-Papier als auf einem Computer. Man kann sich zurücklehnen, es in die linke oder die rechte Hand nehmen, in der anderen die Kaffeetasse. Lesen am Bildschirm ist und war immer eine Qual. Die Handys brachten zwar Mobilität, aber auch einen kleinen Bildschirm.

Der Erfolg der Zeitung und Zeitschriften liegt nicht so sehr am Papier, sondern am Format. Handlich sind sie, selbst die ZEIT – man kann sie ja falten. Man muss nichts hochfahren und warten, man kann sie schnell und einfach in die Tasche stecken. Das Handy erfüllt einige dieser Funktionen, aber so richtig der Durchbruch sind die Tablets. Sie machen lesen wieder attraktiv – vor allem weil man eben noch andere Funktionen wie Internet und Email hat.

Die Frage ist nun, wie und was entwickelt man für diese Tablets? Springer hat sich innovativ gezeigt und mit dem Iconist einen ersten Versuch gelandet. Meiner Meinung nach ambitioniert, aber nur eine Studie. Inhaltsleer und Multimedia an den falschen Stellen.

Das US-Magazin WIRED macht es da besser: Vor allem Text und Animationen, wo es eine Grafik hergibt, Video wo ein Video sinnvoll ist und Audio, wenn es zum Beispiel um Musik geht. Unvergessen die 360-Grad-Bilder, bei denen man mit dem Finger quasi sich im Cockpit eines A 380 umschauen kann. Hier macht neue Technik Sinn.

Da Crossmedia noch immer nicht in den Redaktionen angekommen ist, sollten Schuster bei ihren Leisten bleiben. Entweder habe ich als Reporter eine Videokamera dabei und kann Bilder liefern oder nicht. Dann schreibe ich halt. Gelesen wird immer und gerne. Aber bitte nicht eine krampfhafte Videoanimation oder einen abgedroschenen Google-Earthflug zu dem Ort in China, wo ein Sack Reis umgefallen ist.

Verlage tun gut daran, ihre Printinhalte nun einfach und unkompliziert zu vertreiben. Weniger ist mehr. Beim Iconist lädt die App sich einen Wolf beim Blättern – ein Killer. Dann lieber im PDF blättern, dieses am besten noch im ePub-Format, so dass ich mir bei iBooks Teststellen markieren kann und es eben auch auf anderen Reader lesen kann. Vor allem aber bitte keine PDFs, die geschützt sind wie Fort Knox und nur an einem Computer, einem bestimmten eReader oder einem Tag gelesen werden können. KISS – keep it stupid simple. Jeder Schutz wird eh geknackt.

Ob sich Apple einen Gefallen tut, die zarte Pflanze Verlagsapps mit 30 Prozent Provision und 40 Prozent Werbeeinahmen gleich zu ernten, bevor sie Früchte trägt, ist eine andere Frage. Wenn Google Android fürs Tablet fertig hat, wird es genügend iPad-Alternativen geben.

Insofern hat Döpfner recht: Die Zukunft liegt in Tablets und Apps. Nicht zwangsläufig in beidem. Geraten sei, so die Lehre aus dem Iconist, entweder eine gute App zu machen oder lieber keine und dann simple PDFs zu verschicken. Hauptsache, der Inhalt wird gelesen.

In Laos, Kambodscha und Vietnam bekomme ich alle englischsprachigen Zeitungen als PDF-Abo, und die ersten Apps in Vietnam gibt es auch schon. Sollte doch auch in Deutschland möglich sein, oder?

About Thomas Wanhoff

freier Journalist, Podcaster, IT-Consultant, bloggt unter Wanhoff.de und podcastet unter "WWWW - Wanhoffs Wunderbare Welt der Wissenschaft" und Scienceblogs- Wissenschaft zum Mitnehmen".
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10 Responses to Springer versus Burda – welches Netzkonzept ist realistischer?

  1. Schön gedacht, aber was wird in dieser Welt der Apps und Pdf’s aus Blogmedien wie KoopTech? Liest die dann noch jemand, wenn die großen Anbieter mit ihren Apps die Homescreens der Tablets bevölkern?

    Den Pdf’s wünsche ich erst recht keine Zukunft: Sie sind nicht interaktiv und man kann auf sie auch nicht verlinken. Medien in Form eines Pdf sind ein Rückschritt gegenüber allem, was das Social Web in den letzten 10 Jahren an Neuem geschaffen hat.

    Dass ich ein Plädoyer für Apps und Pdf-Medien in einem Blog (!) wie KoopTech lesen muss, schon bitter irgendwie….

  2. Kürzlich habe ich feststellen dürfen, dass sich dieses kleine Blog ganz prima mit dem Smartphone lesen lässt. Seither habe ich keine große Angst mehr vor diesen mobilen Geräten und ihrem Möglichkeiten. Aber wenn ich meine Statistiken ansehe, muss ich sagen: Es kommen nur ganz wenige mobile Leser vorbei. Verstehe ich nicht so ganz.

    Was die PDFs anbelangt: Schau dir mal das Wired-Video an – die PDFs sind interaktiv. Und es kommt auch jemand von Adobe zur Sprache, der erklärt, wie.

    Neulich habe ich auch noch gedacht, dass das iPad samt diesen ganzen Tablets floppen wird. Aber die Verkaufszahlen zeigen ja ganz deutlich etwas anderes. Und der Witz dabei ist. Diese zahlungskräftige Kundschaft, die sich diese Spielzeuge leisten kann, wird gerne bereit sein, auch für Content zu zahlen. Auf die paar Euro kommt es auch nicht mehr an. Aber ich glaube nicht, dass kleine Blogs die Kraft haben, in diesen Verkaufslisten irgendwie nach oben zu kommen. Das verlangt inzwischen einiges an SEO-Power.

    Das Problem mit kleinen Blogs, die sich natürlich an kleine Zielgruppen wenden, ist vielmehr: Sie erreichen schon heute nicht genügend Leser, als dass sie sich je finanzieren würden. Schon gar nicht im deutschsprachigen Raum, der einfach zu klein ist. Diese kleinen Blogs motivieren sich anders – quasi als ideelle Quersubvention.

  3. Marcus says:

    “Der Anteil mobiler Anwender steigt, dank Tablets und Android werden viele Webseiten in so genannte Apps verpackt.”

    Dass dies dank neuer Technologien (HTML5, CSS3, etc.) gar nicht nötig ist und die zukünftige Unterscheidung wohl eher nicht zwischen PDF und App, sondern eher zwischen Native und Web App stattfinden dürfte, das würde ich gerne ergänzend anmerken.

    Zum Angucken: http://www.tagesschau.de/mobilecast/

    Zum Lesen: Gearing Up to Build an iPad App? Consider a Mobile Web App First

    http://www.poynter.org/column.asp?id=31&aid=179030

    BTW – iDings-Hyperventilation: Wie man ein geschlossenes monopolistisches System mit willkürlicher Zensurregelung hypen kann, um in totaler Abhängigkeit seine Haut retten zu wollen, das ist mir relativ schleierhaft.

  4. Das hat wohl mit dem Nimbus diese iDinger zu tun, sich erfolgreich monetarisieren zu lassen.

  5. Webapps sind sicherlich ein Faktor, aber ich glaube, reine Apps werden mindestens einen großen Teil ausmachen. Ich kann die Ablehnung von PDFs verstehen, aber mir ist ein gutes PDF immer noch lieber als eine schlechte Multimediaanwendung – und davon gibt es viele. Unsinnige Spielereien kennen wir schon von Webseiten, und ich habe ehrlich gesagt gerade bei Nachrichtenseiten wenig Multimedia gesehen, auf die ich nicht hätte verzichten können. Im Videobereich haben alle die gleichen Reutersvideos, Audio ist fast gar nicht vorhanden, und die Flashgrafiken werden auch nur zu besonderen Anlässen gemacht.
    Das Festhalten an Webseiten und Betrauern des schwindenden Nutzens erinnert mich sehr an die Haltung von Printleuten, als immer mehr Leser ins Internet wanderten. Technologie ist schnell, und es bleibt nichts anders übrig, als sich dem zu stellen. Nicht blind alles mitmachen, aber wenn, dann richtig.

  6. Marcus says:

    Werter Herr Wanhoff,

    das Festhalten am offenen System des Browsers im direkten Vergleich zum walled und am besten paid Gardensystem der native Apps hat nichts mit der nostalgischen Haltung von Printleuten zu tun, sondern viel mehr mit der Angst vor der schwindenden “Openness” die das Netz zu dem gemacht hat, was es heute noch ist.

    Siehe: http://www.economist.com/node/16943579?story_id=16943579

    Die familiengerechte Mickey-Mouse-Version des Internets mit balkanisierten Infohäppchen und schönen Icons ist zunächst reizvoll. Spätestens dann, wenn man bemerkt, dass nahezu alle Angebote (Wired inzwischen ausgenommen) komplett linkfreie Zonen sind, möchte man vielleicht doch zurück in den Browser. Native Apps sind deswegen genau das was die von Ihnen erwähnten Printleute wollen und verstehen – sie kosten, sie halten den Nutzer auf dem eigenen Angebot und machen ihn wieder zu einem reinen Konsumenten. Ob das eine zukunftsfähige Vison für das 21. Jahrhundert ist? Hoffentlich nicht.

    Siehe: http://relations.ka2.de/2010/04/08/ipad-news-apps-review-welcome-to-the-link-free-zone/

  7. Ich schreibe hier über Verlage, und der gedruckte Spiegel und die gedruckte Zeit waren erst recht geschlossene Systeme. Ich sage auch nicht, dass wir das Internet und seine Offenheit nicht brauchen, ganz im Gegenteil. Nur glaube ich zum einen, dass Regierungen das Internet mehr verschließen als Verlage. Zum anderen habe ich zum Beispiel den PDF-Weg bewusst angesprochen. Und im übrigen: Der Leser einer Zeitung ist nunmal Konsument.
    Den Verlagen sind die Leute ins Internet abgewandert, weil es dort fast alles umsonst gab. Und sie haben es, aus vielerlei Gründen nicht geschafft, ähnliche hohe Erlöse im Internet zu erwirtschaften wie in Print. Das ist nunmal ein Fakt. Das fehlende Verlinken ist ein Urproblem von Print, der Spiegel und andere scheuen es bis heute. Das hat nichts mit Apps zu tun, da kann man sehr wohl Links setzen.
    Viel interessanter ist die Frage, wo wir suchen, wenn wir nur Apps haben. Und wie die Suchmaschinen App-Content erfassen.

    Ich bin aber gerne offen für Vorschläge, wie Verlage im Internet Geld verdienen sollen mit totaler Offenheit.

    Und im übrigen bin ich nicht der Meinung dass das Internet an sich tot ist. Ich sehe nur einen Teil abwandern. So wie junge Menschen heute kaum mehr Email benutzen.

    Und noch etwas zur Offenheit: Ich gehöre zu denen die 2004/2005 versucht haben mit Podcasts eine neue Art des Publizierens zu schaffen und vor allem zu promoten, unabhängig von Medien und Rundfunkanstalten. Alles sehr offen, mit CC-Lizenz und gegenseitigem Verlinken bis zum Abwinken. Geändert hat das gar nichts. Leider.

  8. Ich glaube, man muss hier unterscheiden, mit welcher Art von Publizität wir hier es zu tun haben. Verlage müssen ein Interesse haben, Geld zu erwirtschaften, sonst können sie ihre Infrastruktur, vor allem ihre Journalisten nicht bezahlen. Sie sollten daher alle Wege ausprobieren, dies auch im Netz zu tun. Völlig legitim.

    Öffentlich-Rechtliche haben den Auftrag im Sinne der Öffentlichkeit tätig zu werden – und nicht direkt damit Geld zu erwirtschaften. Sie haben einen Grundversorgungsauftrag. Sie sollten alle Wege ausprobieren, ihre Informationen im Netz zu streuen. Ich denke, Marcus, du argumentierst mit der Brille der Öffentlich-Rechtlichen.

    Problematisch ist es natürlich dann, wenn Nutzer nur noch von den öffentlich-rechtlichen Anstalten frei verfügbare Infos erhalten, weil die Verlage im Netz dicht machen. Das ist wohl auch der Grund, weswegen die Verlage erst einmal dafür sorgen mussten, dass dieses Angebot deutlich ausgedünnt wird. Ob das aber auch im Interesse einer wohl informierten Öffentlichkeit ist, wage ich stark zu bezweifeln.

  9. Marcus says:

    Ganz ohne öffentlich-rechtliche Brille will ich eher als mündiger Nutzer argumentieren. Und auch gar nicht gegen Verlage, gegen Geld verdienen, gegen PDFs oder gegen Native Apps. Auch eine Debatte Öffentlich-Rechtlich versus Privatverlage will ich gar nicht führen. Ich halte nur ein Internet, das für weite Teile der Menschheit aus Native Apps besteht nicht für erstrebenswert. Aus Nutzersicht. Von mir aus auch sehr gerne aus zahlender Nutzersicht.

    “Nicht blind alles mitmachen, aber wenn, dann richtig.” – Das unterschreibe ich sofort.
    Sehe bei den iPad-Bestrebungen deutscher Verlage im Moment nur leider Nichts was aktiv, interaktiv, experimentierend, datenvisualisiert und begeisternd in die Zukunft weist. Siehe:

    http://training.dw-world.de/ausbildung/blogs/lab/?p=1490

    Abgesehen davon mag ich die Debattenkultur hier sehr gerne. Und jetzt wünsche ich ein schönes Wochenende und schweige :-)

  10. Sehe bei den iPad-Bestrebungen deutscher Verlage im Moment nur leider Nichts was aktiv, interaktiv, experimentierend, datenvisualisiert und begeisternd in die Zukunft weist

    ACK
    wie die Informatiker so schön schreiben

    In der Tat, was mir jetzt auch erst klar wurde, man kann ja durchaus verlinken, mit HTML5 usw. herumexperimentieren und dennoch Bezahltinhalte damit machen.

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