Wenn Geeks auf Bücherwürmer treffen

Ich freue mich schon auf die Tools for Change-Konferenz in Frankfurt. Das würde ich so schnell jetzt von keiner Tagung sagen, die ich sonst so besuche. Hier treffen sich nämlich zwei Welten, die bislang wenig miteinander zu tun hatten, die ich aber beide sehr schätze: Die IT-Welt mit der Bücherwelt.

Jede Welt für sich birgt erst einmal wenig Überraschendes. Beide zusammen ergeben aber eine recht merkwürdige Mischung. Besonders dann, wenn Geeks auf fremdelnde Bücherwürmer treffen.

Clay Shirky zum Beispiel hat für mich wenig Provozierendes. Deshalb war ich auch nicht sonderlich gespannt auf seinen Vortrag letztes Jahr. Klar, er veröffentlicht seine Bücher unter BY-NC im Netz – und verkauft sie im Print – vielleicht deshalb – sehr erfolgreich. Dass er die Verleger mit  seinem Vortrag provozieren wollte, war abzusehen. Erstaunlich war dann, dass es ihm nicht wirklich gelang:

Shirky erschien wie ein marktschreierischer CC-Aktivist in einer Runde von Verlagsaristokraten, die ihn sanft abbürsteten. Seine Botschaft kam nicht wirklich an. Wohl weil er ein ganz spezielles Segment im Buchmarkt bedient, für das er den optimalen Marketingmix gefunden hat – der aber in anderen Segmenten so schnell gar nicht funktionieren wird.

Genauso wie O’Reillys geniales Safari-Books-Online-Konzept so erst einmal nur mit IT-Afficionados funktionieren kann, sich aber nur schwer auf andere Sparten übertragen lässt. Safari Books Online bietet im Abo-System E-Books an. Wer bereits die Printversion hat, kriegt außerdem einen erheblichen Nachlass. Interessant sind solche Bundlings für alle diejenigen, die die Bücher in ihrer alltäglichen Arbeit als Referenz brauchen – wie zum Beispiel Gerd Kamp vom dpa newslab.

Genauso merkwürdig war dann ein Tag später eine Diskussion, die newthinking veranstaltete. Hier versuchten unter anderem Markus Beckedahl und Mathias Schindler von Wikimedia den Messebesuchern die Gedankenwelt von Creative Commons näher zu bringen. Man merkte nicht, dass hier irgendein Funke übergesprungen wäre. Die Welten sind sich noch zu fremd. Trotz aller Wikipedia-Erfolge. Die Skepsis ist einfach zu groß, die Spielwiese zu weit.

Überhaupt eine erstaunliche Atmosphäre: Nach den Vorträgen: Höfliche Nachfragen, keine Diskussionen. Auf den Pressekonferenzen: So gut wie keine Fragen. Ein – scheinbar – höriges Lauschen. Gepaart mit einem kaum spürbaren Widerstand, nein, eher Widerwillen gegen die Digitalisierung. Der sich dann in der Praxis zum Beispiel in exorbitant hohen Preisen für E-Books niederschlägt.

In diesem Jahr werden Jeff Jarvis und Douglas Rushkoff für die Provokation zuständig sein. Mal sehen, ob sie diesmal auf spür-, ja hörbaren Widerstand treffen werden. Oder ob sie gar schon mit offenen Armen empfangen werden.

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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