Zum Tod von Andreas Pfitzmann

Prof. Dr. rer.nat Andreas Pfitzmann ist gestorben. Seine Ideen und Überzeugungen rund um die informationelle Selbstbestimmung hatten weiten Nachhall gefunden. Er entwickelte inspiriert von David Chaum datenschutzfördernde Technologien wie etwa den JAP bzw. ANON zur Herstellung von anonymen Kommunikation sowie Prototypen zum Identitätenmanagement. Damit prägte er weltweit die Entwicklung von Privacy Enhanced Technologies (PET).

Die Nachricht von seinem Tod hat mich sehr berührt – und mein Beileid gilt ganz seiner jungen Familie. Andreas Pfitzmann hat sich in seiner freundlichen und überlegten Art immer Zeit für meine Fragen genommen. Erstmals hatte ich Kontakt mit ihm im Zuge der Kryptodebatte der späten 90er Jahre, in denen er mit klaren, einfachen und durchdachten Argumenten nicht nur mein Denken, sondern auch maßgeblich die deutsche liberale Kryptopolitik prägte.

Später schaffte er gemeinsam mit dem schleswig-holsteinischen Landesdatenschützer Helmut Bäumler mit der Entwicklung von JAP bzw. ANON konsequent technische Tatsachen – und focht in Folge etliche Auseinandersetzungen mit dem Bundeskriminalamt durch.

Integrität war für ihn viel mehr als eine Soll-Eigenschaft informationstechnischer Systeme. Es hat mich erschüttert, wie er, der einer der wenigen kritischen und unabhängigen Informatikprofessoren in Deutschland war, von der ehemaligen Leitung des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik in der Diskussion um den biometrischen Pass nicht mehr zur Kenntnis genommen wurde.

Andreas Pfitzmann war eine humanistische Stimme der Informatik. Er hat sich noch zu vielen weiteren Themen kritisch, aber  unaufgeregt geäußert. Die Vorratsdatenspeicherung war eines, die biometrischen Pässe ein weiteres, auch zum BSI-Gesetz fand er eine klare Position. Er hatte immer die gesellschaftliche Relevanz der Informatik im Blick.

Erst vorgestern las ich im Zusammenhang mit dem CCC-Hack des neuen Personalausweises zufällig einen Teil meiner Mitschrift eines Gesprächs mit ihm aus dem Jahr 2005 über das Thema Biometrie. Seine Überlegungen fand ich sehr überzeugend. Allerdings fand dieser Teil aus Platzgründen nur stark gekürzt Eingang in den entsprechenden c’t-Artikel. Andreas Pfitzmann sagte damals in Bezug auf die immer weiter greifende Überwachung:

Wir brauchen einen Ausgleich an anderer Stelle, eine gesellschaftsrelevante Ausbalancierung, die über viele Lebensbereiche hinwegreicht. Mein Gefühl ist, dass Menschen Räume brauchen, in denen sie probieren, experimentieren und versuchen können, ohne dass ihnen das lebenslänglich vorgehalten wird.

Zum Beispiel war ich in einer kirchlichen Jugendgruppe. Es ist zutiefst menschlich, dass jemand in so einer Gruppe auch einmal radikale Gedanken äußern kann. Es ist wichtig, dass kein Nachrichtendienst dann entscheiden kann, diesen Menschen aufgrund dieser Äußerungen bis ans Ende seines Lebens zu beobachten. Die Welt ist ungefährlicher, wenn solche Phantasien einmal geäußert werden können, als wenn man damit alleine bleibt.

Wenn wir in der realen Welt immer überwachbarer werden, brauchen wir einen Ausgleich.

In technischer Sicht sehe ich den Ausgleich nur im Internet. Wie wir dort Unbeobachtbarkeit und Anonymität gewährleisten können, ist in der Forschung bekannt. Das ist noch das Beste, was mir als Techniker einfällt. Ich bin mir sicher, dass wir nicht Überwachungstechnik in allen Lebensbereichen voranbringen dürfen, weil es dann diese Diskussionsräume nicht mehr geben wird. Das würde dann eine sehr gefährliche Welt werden, weil jeder für sich alleine ausmachen würde, was er tun würde.

Ich halte es für durchaus möglich, dass wenn sich Schily mit der Vorratsdatenspeicherung durchsetzt, dass dann, wenn die Freiheitsräume im physischen Raum schwinden, ein Rückbau im Internet erfolgen wird, etwa mit der Protokollierung von Anonymitätsdiensten …

Andreas Pfitzmann sprach im Sommer noch mit Martin Rost vom Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz in Schleswig-Holstein über seinen Werdegang und seine Motivation, sich mit Datenschutz zu beschäftigen. Hier der Link zu dem etwa eineinhalbstündigen, unbedingt sehenswerten Video. Ab Minute 24 sagt er auch etwas zur Frage wirtschaftsunabhängiger Forschung und einigen mutigen, weil etwas unüblichen Entscheidungen. Das Ganze gibt es auch als Audiostream.

Er hinterlässt eine große Lücke. Ich wünsche seiner Familie und seinen Wegbegleitern viel Kraft.

  • Nachruf der TU Dresden: “Wir alle verlieren in ihm einen wirklichen Menschenfreund, einen hervorragenden Wissenschaftler, engagierten Hochschullehrer und weitsichtigen Dekan.”
  • Nachruf des CCC: “Unvergessen werden uns seine mitreißenden Vorträge und anregenden Gedankenexperimente bleiben.”
  • Nachruf im taz-CTRL-Blog: “Danach war er mir und anderen KollegInnen bei der taz ein wertvoller und kenntnisreicher Gesprächspartner, weil er sich als Wissenschaftler nicht scheute, Meinungen zu vertreten, die von denen der Bundesregierung und der ihr nachgeordneten Behörden abwichen.”
  • Nachruf des ULD: “Wir haben viel von ihm gelernt. Zugleich war er eine liebe und liebenswerte Person, ernsthaft, selbstbewusst und selbstkritisch und voller Lebensfreude. Er wird uns fehlen.”

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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8 Responses to Zum Tod von Andreas Pfitzmann

  1. Annette Brückner says:

    Herrn Prof. Pfitzmann habe ich bei der Anhörung zum BSI-Gesetz im DBT im letzten Jahr kennen gelernt und seine ruhige, sachlich fundierte und überzeugende Argumentation im Gutachten und Sachvortrag bewundert und geschätzt.

    Dass es Professoren wie ihn – mit Stimme, Werten und Haltung – gibt in der deutschen Hochschulszene empfand ich als Hoffnungsschimmer und wesentliche Stütze einer Bewegung für die informationelle Selbstbestimmung. Ich habe heute bestürzt und fassungslos von seinem Tod erfahren.

    Mein Mitgefühl gilt seiner Familie und allen, die ihm beruflich und menschlich nahe standen.

    Annette Brückner

  2. holger krekel says:

    Vielen Dank für den Nachruf. Ich habe bei Andreas an der Uni Hildesheim studiert, auch als Hiwi bei ihm gearbeitet, und ihn fachlich und menschlich sehr geschätzt. Auch danach hatte ich immer wieder Kontakt und war kurz davor, ein neues Projekt mit ihm letztes Jahr zu starten. Ein großer Verlust. Ich bin sehr traurig.

  3. Mathias says:

    Auch ich trauere um Andreas, und ich teile Deine Wahrnehmung über seine Bedeutung in der Wissenschaft Informatik. Es ist kaum noch ein kritischer Geist da, der nicht von der Industrie bezahlt wird. Wenn es welche gibt (und ich kenne einige), so werden sie nie Professoren werden, denn kritische Wissenschaft ist nicht gleich Drittmittel einwerben. :(

    Ich sitz den halben Tag an der Kondolenzkarte für seine Familie, aber bringe einfach nichts zu Papier.

  4. Y. Schumbitrus says:

    Ein großer Schock, ein schwerer Schlag für alle, die IT zur Fortschreibung der Demokratie (und daher deren Integrität (und damit der Abwesenheit von leichtfertigen Vereinfachungen und Annahmen)) mit höchster Priorität verfolgten.

    Warum werden die Todesumstände nirgends genannt? Wenn ein so wichtiger Stachel im Fleisch opportunistisch-hedonistisch denkender Vereinfacher, mitten im Lebend stehend, plötzlich und unerwartet verstirbt, dann darf man schon fragen, ob er vielleicht zu viel wusste. Ich traue den Herrschenden auch in Deutschland alles zu, um den Status Quo der “bürgerlich-demokratischen Ohnmacht” mit allen möglichen Mitteln zu verteidigen.

    Btw.:
    Warum ist Heise offline? Ich verfolge das Portal seit seinen ersten Tagen mit größter Aufmerksamkeit. An einen derart langen Ausfall kann ich mich nicht erinnern.

    Ist es eine Koinzidenz, dass in kurzer Folge zwei mächtige Sprachrohre gelebter Demokratie aufhören zu senden?

    Y.S.

  5. Ich habe gehört, dass Andreas Pfitzmann schwer krank war.

  6. Y. Schumbitrus says:

    Ich bin über das Ziel hinaus geschossen und bitte die hier Lesenden um Entschuldigung.

    Es ist eine sehr traurige Nachricht.

    Y.S.

  7. Christiane says:

    Ja, man kann es irgendwie nicht wahrhaben wollen.

  8. Joerg Bertram says:

    Ich konnte Andreas Pfitzmann persönlich als Tutor an der Universität Karlsruhe kennen lernen, er war einer der Menschen, die mich zutiefst geprägt haben. Ihm verdanke ich meine kritische Haltung zu vielen gesellschaftlichen Entwicklungen, die unsere persönliche Freiheit immer weiter eingeschränkt haben. Mit ihm haben wir einen grossartigen Menschen verloren und ich bin zu tiefst bestürzt und traurig.

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