Wie reformiert man ein träges Innovationssystem?

Interview mit Wolfgang Polt über das träge, aber erfolgreiche deutsche Innovationssystem, Ansätze für Reformen und europäische Perspektiven. Er ist Leiter der Studie zum deutschen Forschungs- undInnovationssystem, die im Auftrag der Expertenkommission für Forschung und Innovation von österreichischen, britischen und niederländischen Innovationsforschern im vergangenen Jahr erstellt wurde. Polt ist Direktor des Zentrums für Wirtschafts- und Innovationsforschung (ZWI)  an der Joanneum Research Forschungsgesellschaft mbH Wien. Über die Studie habe ich bereits für heise online berichtet.

Sie kritisieren in Ihrer Studie das deutsche Innovationssystem als träge. Setzt Deutschland bei der FuE-Förderung denn die richtigen Schwerpunkte?

Wolfgang Polt, Joanneum ResearchWolfgang Polt, Joanneum Research 

Die Möglichkeit der öffentlichen Hand, Technologieschwerpunkte zu setzen, wird allgemein stark überschätzt, da jedes Förderungssystem für Forschung und Innovation mehrere Säulen nebeneinander hat. Den Löwenanteil nimmt in den meisten Ländern die technologie-unspezifische Förderung ein, die zum einen in einer antragsbasierten Förderung, zum anderen – in einer immer größeren Zahl von Ländern – aus der steuerlicher Fördeurng von F&E besteht. Technologiespezifische Programme sind da jeweils nur eine Schiene unter mehreren. Diese sind in verschiedenen Ländern unterschiedlich ausgestaltet, zeigen jedoch prinzipiell die Gleiche grobe Orientierung wie etwa Kommunikation- und Informationstechnologien, Biotechnologien, neue Energietechnologien und Materialien.

Je spezifischer einzelne Technologiebereiche in der Förderung benannt werden, desto höher ist auch das Risiko zu scheitern, das heißt falsch auszuwählen. Weder private noch staatliche Akteure besitzen nämlich die Voraussicht, um sehr treffsicher den zukünftigen technologischen Entwicklungspfad bestimmen zu können. Aus diesem Grund ist es richtig, die Schwerpunkte so breit zu setzen, dass verschiedene technologische Optionen nebeneinander betrieben werden können.

Ist es angemessen die Kernfusion ähnlich stark zu fördern wie erneuerbare Energien?

Das ist eine Frage der inhaltlichen Angemessenheit und kann nicht nur an den absoluten Beträgen gemessen werden. Wenn die Forschung in der Windenergie nur ein Zehntel der Fusion kostet und man beide technologischen Optionen weiter betreiben will, ist es angemessen in diesem Verhältnis zu fördern. Die bloße Relation der Forschungsausgaben zueinander erlaubt keinen Schluss über ein adäquates Verhältnis. Damit verbunden sind politische Entscheidungen. Die Politik muss entscheiden: Ja, ich will hier weitergehen.

Warum wurde die Kritik am deutschen Projektträger-System im EFI-Gutachten außen vor gelassen?

Ich nehme an, weil die politische Chance zu gering eingeschätzt wurde, daran etwas zu verändern.

Hat dies etwas mit dem Neuaufleben der Forderungen Forschung und Entwicklung steuerlich zu fördern zu tun?

Inhaltlich sollte hier kein unmittelbarer Zusammenhang bestehen, weil es ja andere Länder gibt, die andere Strukturen in der direkten Förderung haben oder ihre Systeme in diese Richtung reformieren und gleichzeitig auch steuerliche Förderung von F&E haben. Ich denke, unabhängig von der Diskussion um die steuerliche Förderung gibt es Möglichkeiten der besseren Organisation der direkten Förderung.

Halten Sie das Projektträger-System für reformierbar?

Es so schwer oder leicht zu reformieren wie jedes etablierte System, und es bringt  ja nicht nur schlechte Resultate. Wir meinen, dass es Unstimmigkeiten, vielleicht Unvereinbarkeiten innerhalb des Systems gibt.

Das finnische, schwedische oder österreichische System besitzt die Möglichkeit der Kohärenzbildung innerhalb einer Organisation. Diese Möglichkeit gibt es im deutschen System nicht oder nur unzureichend. Sie könnte vorgelagert in und zwischen den Ministerien passieren, die ein dann abgestimmtes Portfolio haben und das auf die Projektträger verteilen, oder es könnte die Kohärenz auch durch bzw. auf der Ebene einer starken Förderorganisation hergestellt werden, die eine koordinierende Funktion zwischen den Ministerien übernähme. Hier sind sicher verschiedene institutionelle Lösungsansätze denkbar.

Die Hightech-Strategie soll ja schon eine Verbesserung des Status Quo erreicht haben?

Bei der Hightech-Strategie ist die Frage, ob man mit ‚etwas Verbesserung‘ – die zweifellos erreicht wurde – zufrieden ist oder höhere Ambitionen hat. Sie hat sich bisher als Instrument einer ‚schwachen Koordination‘ erwiesen und daher ist es fraglich, ob ihre Wirkung über die nahe Zukunft hinausreicht. So lange es keine eingebaute Struktur gibt, die auf Kohärenz abzielt, werden dann immer Ad-Hoc-Reparaturen am System notwendig sein.

Es gibt wie Sie schreiben ja schon etliche übergeordnete Gremien wie acatech, die Forschungsunion oder EFI, doch keine habe das Mandat für den Durchgriff. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Es bräuchte einen klaren Zug von Zuständigkeiten, wer wen in welchen Materien berät. Hier wird auch international um Good-Practice-Modelle gerungen. Es gibt nur wenige wie das immer wieder zitierte finnische Modell, die sehr gut funktionieren. Der finnische Forschungs- und Technologie-Rat steht unter der Leitung des Premierministers und setzt sich aus den Ministern für Bildung, Industrie und Finanzen sowie Experten zusammen. Der Rat ist damit politisch entscheidungsfähig.

Könnte nicht auch ein starkes BMBF das Problem lösen?

Nein, nicht lösen, aber es würde die Koordination erleichtern. In den meisten Ländern sind die wesentlichen Entscheidungsprozesse dual organisiert: sie haben meistens  ein Wissenschafts-, Erziehungs- oder Bildungsministerium, das für Forschung und Technologie zuständig ist und dann ein Handels-, Industrie- oder Innovationsministerium, das für Technologie und Innovation zuständig ist.

Forschung und Innovation ist also in jedem Land ein umkämpftes Territorium. Um Dopplungen und Lücken zu vermeiden gibt es beispielsweise in Finnland und Österreich Koordinationsinstitutionen, an die die Ministerien mit Förderideen herantreten.  In Finnland beauftragt diese Einrichtung Technologie-Foresights und unterbreitet auf dieser Grundlage eigene Vorschläge, die sie an die Ministerien weiterreicht. Das ist prozedural eine saubere Lösung, aber ob damit auch inhaltlich die richtigen Entscheidungen getroffen werden, steht auf einem anderen Blatt.

Ist das Vorgehen in Deutschland nicht vergleichsweise unkoordiniert?

Das deutsche System der FTI-Politik ist sehr komplex und in seiner Komplexität nicht immer stimmig organisiert. Gleichwohl sind zentrale Teile des Innovationsystems ganz tolle Assets: so haben wir gefunden, dass die außeruniversitäre Forschung ist auch im internationalen Vergleich sehr gut aufgestellt ist. Es gibt eine sehr gute und klare Arbeitsteilung zwischen den Institutionen bei guter Interaktion und Kooperation mit den Universitäten und dem Unternehmenssektor, die in anderen Ländern so nicht existiert und als nachahmenswert empfunden wird.

Wie ist die Innovationspolitik in der EU aufgestellt?

Es gibt beim europäischen Innovationssystem wesentlich mehr Kritikpunkte wie am deutschen System.  Wir haben vor kurzem eine Studie gemacht über Innovationseffekte der Rahmenprogramme. Sie sind positiv, aber überschaubar. Die Art der Projektförderung verlängert nämlich lediglich Tätigkeiten, die man sowieso macht. Durchbrüche wird man aus vielen verschiedenen systematischen Gründen nicht erwarten können.

In den neuen Vorschlägen zur „Innovationsunion“ gibt es aber ein paar Ansätze, die erlauben würden die sichtbaren Wirkungen der Forschungs- und Innovationspolitik auf europäischer Ebene deutlich zu erhöhen. So etwa die so genannten Grand Challenges, also große gesellschaftliche Herausforderungen, die als zentrale Orientierungspunkte für die künftige Forschungspolitik benannt werden und eine missionsorientierte Forschung auf EU-Ebene auf den Weg bringen sollen.

 

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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