Inside Wikileaks – einige Eindrücke

Die mitreißende Beichte von Daniel Domscheit-Berg über seine Zeit “inside Wikileaks” habe ich fasziniert gelesen. Es ist vermutlich seiner Protokollantin Tina Klopp zu verdanken, dass auch die emotionale Seite so klar geschildert und der Bruch zwischen ihm und Julian Assange sehr nachvollziehbar wird. Das ist mutig, da es doch einiges an kritischer Selbstreflexion erfordert. Etwa das Eingeständnis der Eitelkeit und Arroganz. Danke dafür. Gleichwohl versetzt es dem Buch eine derart persönliche Schlagseite, dass wichtige andere Aspekte untergehen zu drohen.

Vermisst habe ich beispielsweise alles, was das Thema Whistleblowing an sich anbelangt. Das Kapitel zu Bradley Manning reißt es zwar an, aber für meinen Begriff zu kurz. Zu kurz kam auch die Schilderung der Technik, die Whistleblower schützen soll. Sie bleibt völlig im Ungefähren. Der Bericht zerstört eigentlich das Vertrauen in die Institution Wikileaks. Das Vertrauen in die Technik wird erst gar nicht aufgebaut. Zwar gibt es lobende Worte über die Leistungen des “Architekten”, aber es wird nicht wirklich geschildert, warum Whistleblower der Technik, die bis zu seinem Weggang eingesetzt wurde, vertrauen sollten. War denn das Einreichen von Dokumenten nicht schon vor dem Erscheinen des Architekten sicher?

Das Vertrauen ist überhaupt das Kern-”Asset” von Wikileaks. Erschlichen wurde es mit einem Hack, der allerdings das Vertrauen vieler in die Sicherheit und vor allem Vertrauenswürdigkeit der Tor-Server nachhaltig erschüttern sollte. Detlef Borchers hat schon darauf hingewiesen: Es geht um das “chinesische Paket”. So wurden über eine Million Dokumente von einem End-Server des Tor-Netzwerks abgezogen. Sie sollen aus einem chinesischen Hackerangriff stammen.

Geschildert wird dieser Vorgang aber nicht von Domscheit-Berg – ja, nicht einmal angedeutet -, sondern von den Journalisten des Spiegel und Guardian in ihren Büchern. Dabei ist die Schilderung des Guardian übrigens noch ein wenig detailreicher. Das Tragische daran ist, dass dieser Hack eigentlich ein Verrat der Hackerethik ist, die sich dem Schutz privater Daten, aber nicht dem öffentlicher Daten verschrieben hat. Das Tor-Netzwerk soll genau dem dienen und darf nicht korrumpiert werden. Schon in der Geburtsstunde von Wikileaks also lag das ganze Projekt schief.

Es wird Zeit, dass das Anliegen – öffentlich relevante Daten der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen – auf richtige Füße gestellt wird. Die von Domscheit-Berg am Schluss des Buches angesprochene Stiftung, die in diesem Jahr gegründet werden soll, könnte dafür ein Anfang sein.

P.S. Noch ein Hinweis auf meine aktuelle Titelgeschichte in “M – Menschen Machen Medien”:

  • (Alp-)Traum WikiLeaks – Analyse der Veröffentlichungsstrategie der “Fantastic Five”
  • Anonyme Depots – über alternative, neue Whistleblower-Plattformen
  • Für ein Optimum an Transparenz – Interview mit Horst Poettker, der hier den Anstoß für die Pressebeschwerde gegen den Spiegel gab. Sie wird übrigens am 24.3. nicht-öffentlich in Berlin verhandelt.

 

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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