Egoismus als selbsterfüllende Prophezeihung

“Ob jemand mit einem anderen Menschen kooperiert, ist von seiner Erwartungshaltung abhängig”, so resümiert die WELT die jüngsten Forschungsergebnisse des Bonner Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern. Wer also Egoismus im Kopf hat und / oder andere gering schätzt, tendiert dazu, eigennützige Entscheidungen zu treffen und / oder Menschen zu begegnen die selbiges tun. In anderen Worten: Unser Menschenbild erzeugt die dazu passende Realität.

In Gemeinwohl-Spielen wollten die Forscher des MPI im interkulturellen Vergleich unter anderem der Theorie der “zerbrochenen Fensterscheibe” nachgehen. Sie besagt, sehr kurz gefasst, … dass eine zerbrochene Scheibe die Verwahrlosung ganzer Stadtviertel nach sich ziehen kann und wurde zur Durchsetzung allerlei Law-and-Ordner-Strategien benutzt. Die Versuchsanordnung war  so klassisch wie begrenzt. Gruppen aus vier Spielern erhielten jeweils 20 Taler, die entweder einbehalten oder in ein Gemeinschaftsprojekt investiert werden konnten. Jeder in das Projekt investierte Taler wurde mit 0,4 Taler vergütet. Wenn alle vier Gruppenmitglieder ihre 20 Taler investierten, erhielte jeder 32 Taler, also 12 Taler mehr, als ursprünglich verfügbar. Investierten jedoch nur drei von vier in die Gemeinschaft, erhielte der egoistische Mitspieler 44 Taler und profitierte damit als Trittbrettfahrer besonders vom Einsatz seiner Mitspieler für die Gemeinschaft.

Es wäre durchaus spannend, zu sehen was geschieht, wenn differenziertere Anreize ins Spiel kämen. Wenn also die Anerkennung für den Einzelnen nicht nur in Talern bemessen würde. Schließlich motiviert sich der Mensch nicht nur durch Moos allein. In Grenzwissenschaft-aktuell wird diesselbe Studie kommentiert. Dort resümiert Andreas Müller:

“Die eigene Erwartung wird [...] zur selbsterfüllenden Prophezeiung: Wer von Egoismus ausgeht, trifft dann tatsächlich häufiger auf unkooperatives Verhalten bei seinen Mitmenschen.”

In der Bonner Studie investierten 82 % in das Gemeinschaftsprojekt – etwa die Reparatur zerbrochener Fensterscheiben. In London waren es hingegen nur 43%. Interessant ist nun der weitere Versuchsverlauf. Vor der zweiten Versuchsreihe in Bonn informierten die Forscher neue Mitspieler über die Ergebnisse der Londoner Studie. Diese reagierten sehr negativ: Statt wie anfangs über 80 Prozent investierten nur noch 51 Prozent in die Gemeinschaft.

‘Logo’, wird so manche_r innerlich beipflichten. ‘Der Mensch ist halt nicht so.’ ‘Ich bin doch nicht blöd, denkt doch eh jeder nur an sich.’ Solche Sätze erzeugen enorme Resonanz. Wir können tatsächlich Nicht-Kooperation flugs herbei-, aber weniger flugs wieder wegreden, denn, so die MPI-Forscher:

“Gute Beispiele machten aus schlechten Mitspielern keine Musterknaben.”

Vielleicht sollte man sagen: Gute Beispiele (will sagen Vorbilder) ALLEIN genügen nicht. Könnte es indes nicht sein, etwa man die zentrale Erkenntnis der Studie mit den Vorbildern verbinden muss?

Die Studie bestätigt aus meiner Sicht etwas Wesentliches: Wenn wir das kulturelle Klima und die Alltagspraxis ein Stück weiter in Richtung Kooperation, in Investitionen für das Gemeinwohl, in gemeinschaftliche Verantwortung verschieben wollen, ist es wichtig, von einem Menschenbild auszugehen, dass den Menschen als soziales, auf Kooperation angelegtes Wesens in den Mittelpunkt rückt. Erst vor diesem Hintergrund werden gute Beispiele ihre Wirkung entfalten. Und das macht das Geschichtenerzählen so wesentlich. Wir brauchen ständig Geschichten über gelungenes commoning.

Was wäre der alternative Schluss aus der (fast schon zum Gemeinplatz geronnenen) Erkenntnis, dass Trittbrettfahrer individuell und kurzfristig am besten fahren? Mehr Null-Toleranz-Konzepte und eine überforderte Justiz? Wohl kaum. Ebenso wenig können wir aufhören, die Fensterscheiben zu reparieren, dann zieht’s im Handumdrehen für alle.

Kooperation und Investitionen in Gemeinschaftsprojekte lohnen sich also. Das ist nicht verhandelbar.

Zur MPI-Studie von Christoph Engel, Sebastian Kube und Michael Kurschilgen.

Crosspost

About Silke Helfrich

Freie Bildungsreferentin und Publizistin. Sie lebt und arbeitet in Jena/Thüringen. 1999-2007 Auslandsmitarbeiterin der Heinrich-Böll-Stiftung für Zentralamerika, Mexiko und Kuba. Dort Beschäftigung mit vielen Einzelthemen, Biodiversität, Energie, Wasser, freie Software, Menschenrechte, Demokratie, die in der Auseinandersetzung mit den Commons mündeten. Sie bloggt regelmäßig in ihrem CommonsBlog.
This entry was posted in Beobachtungen and tagged , , , . Bookmark the permalink.

4 Responses to Egoismus als selbsterfüllende Prophezeihung

  1. Man könnte fast auch titeln: Studiendesign als selbsterfüllende Prophezeiung.

  2. Silke says:

    Ja, genau. Da fällt mir noch ein Kommentar ein, den ein Leser unter den WELT-Artikel schrieb:
    “Wieviel hat dieser Allgemeinplatz den deutschen Steuerzahler gekostet? …
    Vielleicht verkündet uns die WELT demnächst Forschungsergebnisse darüber, dass ein sehr niedriges Einkommen zu Armut führen kann?”

  3. Aber immerhin – diese Differenz ist schon beachtlich. Ich kannte diese Art von Studien, wusste aber nicht, dass sie sich in dem Maße manipulieren lassen. Und natürlich sind diese Geldbelohnungsmechanismen ziemlich primitiv. Lässt sich auf das Netz gar nicht übertragen. Hier funktioniert vieles ja über Reputation und Aufmerksamkeit. Eine Studie müsste also irgendwie diesen Aspekt auch berücksichtigen.

  4. Pingback: Frische Fische Agentur-Blog » Blame it on the youth – Lesenswertes aus der 17. KW

Comments are closed.