Wa(h)re Freunde

Ich war nicht wirklich ein großer Freund von Facebook, als ich das erste mal davon hörte. Mein Account schlummerte, bis ich 2008 nach Saigon (Ho Chi Minh Stadt) zog. Dort, stellte ich schnell fest, geht nichts ohne Facebook. Veranstaltungen werden fast ausschließlich dort angekündigt, und andere Expats findet man auch am besten dort. Schnell also änderte sich meine Haltung, weil ich plötzlich einen Nutzen sah.

Zwei Jahre später trat der Spektrum Verlag aus Heidelberg an mich heran mit der Frage, ob ich nicht ein Buch schreiben wolle zu Sozialen Netzwerken.  Ich stellte mir die Frage, worüber ich schreiben wollte – Anleitungen gabe es genügend, Warnungen vor dem Netzwerk erst recht. Dann fiel mir auf, dass es eine Besonderheit im Deutschen gibt: Den Unterschied zwischen Freunden und Bekannten. Facebook macht diesen Unterschied nicht. Dort hat man nur Freunde.

Ändert also Facebook unser Verständnis von Freunden – oder gar unsere Beziehungen zu Freunden und Bekannten?

Also machte ich mich an die Recherche, las Studien, andere Bücher zu dem Thema, fragte Experten, folgte Tweets und Blogkommentaren. Das Ergebnis liegt jetzt vor: “Wa(h)re Freunde – Wie sich unsere Beziehungen in sozialen Online-Netzwerken verändern” ist ein Buch, das weniger wertet als erklärt und vor allem Neulingen eine Handreiche ist. Ich finde es gibt genug Schwarz-Weiß-Malerei, wenn es um soziale Netzwerke geht. Das Buch beschäftigt sich mit den Grautönen: Es geht um kranke Menschen, die sich besser fühlen, weil sie über Facebook Kontakte bekommen. Es geht um Freunde, die sich wiederfinden. Aber es handelt auch von US-Teenagern, die keine 24 Stunden ohne Facebook auskommen, und von der neuen Währung “Freunde” oder “Beziehungen”, die neuerdings das Marketing bestimmen.

Es wird oft vergessen, dass ein kostenloses Angebot nicht auch Geld verdienen kann. Facebook macht uns zur Ware, genauer unsere Daten, den Social Graph. Das ist der Preis den wir zahlen. Es liegt an uns (mündigen Bürgern), abzuwägen, ob der Preis zu hoch ist. Für mich zum Beispiel ist er das nicht: Die Vorteile, die mir Facebook bietet, überwiegen für mich. Was nicht bedeutet, das Facebook nicht auch noch dazu lernen kann, vor allem wenn es um Datenschutz und Privatsphäre geht.

Ich habe mich in dem Buch auch ein wenig mit den deutschen Angeboten beschäftigt, vor allem MeinVZ, weil es die besten Privatsphäreneinstellungen hat, aber auch Wer-kennt-wen. Gerade letzteres wird in der Diskussion über soziale Netzwerke oft unterschätzt, ist aber bei Otto Normalverbraucher beliebter als Facebook – und man kann dort eine Menge darüber lernen, wie Menschen sich in sozialen Netzwerken verhalten.

Sind nun alle meine Facebook-Freunde “wahre” Freunde? Nein. Die meisten sind Bekannte. Ich achte aber darauf, dass ich – bis auf wenige Ausnahmen – alle virtuellen Freunde mindestens einmal persönlich getroffen habe. Und ich habe Listen erstellt: Manches veröffentliche ich nur für Familienmitglieder, manches nur für meine IT-Freunde in Laos.

Wer übers Buch diskutieren will, kann dies bei Facebook tun: www.facebook.com/ware.freunde

Wer das Buch lesen will, kann es natürlich online bestellen: http://www.springer.com/spektrum+akademischer+verlag/spektrum-sachb%C3%BCcher/book/978-3-8274-2783-0


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About Thomas Wanhoff

freier Journalist, Podcaster, IT-Consultant, bloggt unter Wanhoff.de und podcastet unter "WWWW - Wanhoffs Wunderbare Welt der Wissenschaft" und Scienceblogs- Wissenschaft zum Mitnehmen".
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One Response to Wa(h)re Freunde

  1. Mützi says:

    Endlich mal jemand der auf diese Bedeutung des Wortes Freund und die Verwendung im Deutschen zum Unterschied zu Facebook aufmerksam macht. Besonders Autisten haben damit ihre Probleme. Allerdings haben sich die Computerfreaks unter ihnen schnell dran gewöhnt. Ich weiss nicht was ich besser finden soll. Auch ich habe einen fb account und war lange skeptisch. Ein Grund warum dort nur unser Projekt verzeichnet ist, aber zb. ich nicht als “Privatperson”. Als Autist macht es mir auch Probleme, wenn alle möglichen Leute meine Freunde sein wollen, die ich doch gar nicht kenne und nicht weiss wie die auf solche Ideen kommen ;-)
    Ich selbst habe dort auch fast nur Leute die ich irgendwo schon mal persönlich getroffen habe. Auf der “Fanseite” kann sich ruhig jeder melden, aber ich muss nix dazu sagen ;-) . Auch habe ich nicht sowas wie “Freunde der Freunde” aktiviert. Da bekommt der Begriff, einer kennt einen, der einen kennt, wieder völlig neu an Bedeutung ;-) .
    mfg
    Mützi

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