Filter Bubble vs. Evoked Set

Zur politischen Meinungsbildung ist das Internet speziell bei Jugendlichen ein effektives Medium. Nicht zuletzt die Protestbewegung in den arabischen Ländern hat diese bedeutende Rolle aufgezeigt. Aber anders als angenommen kann das Internet offenbar nicht nur kurzfristig (unzufriedene) Massen mobilisieren, sondern schafft gerade bei Jungen echtes und tiefgreifendes Engagement in gesellschaftlich und politisch relevanten Fragen. Verträgt sich das mit der aktuell gehypten vorgeblichen Filter Bubble?

Engagierte Jugendliche

Ein Grossteil des öffentlichen und politischen Lebens geschieht mittlerweile online. Der Aktivismus der Jugendlichen ist dabei keineswegs seicht, sondern geht in die Tiefe. Häufig distanzieren sich die User zwar von traditionellen Wegen. Ihr Engagement findet hingegen in den neuen Medienkanälen der sozialen Medien seinen Raum und reicht von der politisch motivierten Online-Teilnahme über die Entdeckung vielfältiger Perspektiven im Web bis hin zum interessengesteuerten Internet-Aktivismus.

Zu diesem Schluss jedenfalls kommt eine Langzeitstudie des Humanities Research Institute an der University of California und räumt mit dem Vorurteil auf, dass sich die Nutzer nur mit jenen politischen Perspektiven auseinandersetzen, mit denen sie übereinstimmen. Stattdessen beschäftigen sie sich im Internet mit verschiedenen politischen Standpunkten. Zwar sind viele Teenager etwa an Politik generell nicht interessiert. Bei politisch oder gesellschaftlich motivierten Usern sorgen das Web und seine sozialen Netze aber für Diversität.

Und die Filter Bubble?

Diese Resultate widerlegen  Eli Parisers in letzter Zeit durch sein Buch und seinen TED-Talk gehypte Theorie der so genannten Filter Bubble (cf. dazu auch die aktuelle ZEIT) nicht bzw. nur teilweise. Pariser postuliert, dass algorithmisch personalisierte Suchergebnisse bei Google und automatisierte Auswahlverfahren der bei Facebook auftauchenden Statusmeldungen den User in seinem eigenen “Interessens-Universum” gefangen nehmen und alles nicht seiner Meinung entsprechende ausblenden.

Nun ist es also offenbar so, dass rein technisch gesehen, diese Gefahr der einseitigen Information sehr wohl besteht (cf. dazu auch  David Gelernters bereits 1991 postulierte “Spiegelrealität”), auf der anderen Seite aber viele User gewillt sind, sich breit zu informieren. Sind aber die Algorithmen Kern des Problems? Oder liegt es nicht vielmehr daran, dass die Mehrheit zu faul ist, um aktiv Voreinstellungen und ähnliches zu ändern (wie diese Studie hier postuliert) und sich darum freiwillig in dieser Filter Bubble einschliessen? Und ist es nicht auch so, dass dies bei allen (Massen-)Medien schon immer so war? Wir konstruieren uns ja die Wirklichkeit anhand des eigenen medialen Horizonts, der im Internet auch schon vor Facebook und Co. bei den meisten aus nur acht Webseiten besteht ( Evoked Set).

Es ist also – wie so oft – alles eine Frage der Medienkompetenz.

+++ NACHTRAG vom 28.06.2011

Leser MP hat mich in den Kommentaren zum Wortgefecht-Original-Beitrag zu Recht darauf hingewiesen, dass ich keine Resultate der erwähnten Langzweitstudie verlinkt habe. Hier nun ein paar weiterführende Links zum Thema, direkt publizierte Ergebnisse konnte ich ebenfalls keine finden:

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About Michael Gisiger

Online Communication & Marketing Manager bei einem der ältesten und renommiertesten salesforce.com- und Google Enterprise-Partner im deutschsprachigen Raum. Er bloggt auf "Wort|ge|fecht, das" über Social Media und ihren Einfluss auf die Welt des Marketings, der Public Relations und der traditionellen Medien.
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