Killing Roads – Verkehrsmeldungen mal anders

Tödliche Routine

Norwegens Straßen sind tückisch. Auf den ersten Blick erscheinen sie harmlos, so malerisch, wie sie sich zwischen Fjorden und Bergen hindurchschlängeln. Das täuscht. Viele Autofahrer unterschätzen den kurvigen Straßenverlauf, fahren zu schnell oder verlieren die Konzentration, wenn ihnen kilometerlang kein Verkehr entgegenkommt. Meldungen über Unfälle, bei denen Menschen schwer verletzt oder gar getötet wurden, sind an der Tagesordnung.

Auch die norwegische Tageszeitung „Bergens Tidende“, die vor allem in Norwegens zweitgrößter Stadt Bergen gelesen wird, veröffentlichte täglich diese Hiobsbotschaften. Die Auflage beträgt 83.086 Stück, die Klickzahlen waren mäßig. Für viele Leser gehörten die Unfallmeldungen zum Frühstück. Man dachte nicht weiter darüber nach.

Lokaljournalismus auf neuem Level

Das brachte die Berger Journalisten auf eine Idee. Kann man, fragten sie sich, die Geschichte von Verkehrsunfällen neu erzählen und den Lokaljournalismus auf ein neues Level heben? Sie starteten ein Projekt, gaben ihm den reißerischen Namen „Killing roads“, stellten es 2010 online. Plötzlich stieg die Anzahl der Webbesucher dramatisch: 500 000 Unique Users verzeichnet http://www.bt.no mittlerweile. Eine beachtliche Zahl für eine Stadt mit 260 000 Einwohnern.

Mit „Killing roads“ stiegen die Journalisten vom „Bergens Tidende“ tiefer in das Thema Verkehrsunfälle ein. Sie wollten zeigen, wie es auf den schmalen und verwinkelten Straßen zu Unfällen kommt. Das Problem war nur: Woher konnten sie die Daten beschaffen?

Sie wandten sich an das norwegische Verkehrsamt und bestanden auf das Informationsfreiheitsgesetz, das vergleichbar bürokratische Hindernisse aufweist wie das deutsche. Den Unterschied beschreibt der in Norwegen lebende Walter Heise, der gegen Deutschland wegen fehlender Informationsfreiheit bei den Vereinten Nationen klagt: „Wenn in Norwegen eine Behörde eine Einsicht verweigert, muss sie die Klage entgegennehmen. Meistens gibt derjenige Beamte schon im Vorfeld nach – denn eine Verweigerung muss er begründen, mit Einsicht ist die Sache erledigt. Das Entscheidende ist: In Norwegen gibt es ein kostenloses Klagesystem, das funktioniert. Im Falle einer Verweigerung können Bürger auch den Bürgerbeauftragten beziehungsweise Ombudsmann anrufen. Er kontaktiert dann den betreffenden Beamten. Oft nimmt dieser dann die Weigerung zurück und man erhält die Einsicht.“

Zusammenarbeit mit Programmierern

Das Verkehrsamt gewährte den Journalisten Einsicht in eine Datenbank mit allen Verkehrsunfällen im Land von 2000 bis 2010. Sie stellte sich als Goldmine heraus: 11400 Unfälle waren in einer Excel-Tabelle verpackt, inklusive exakter Position des Unfalls und Informationen über Anzahl der Getöteten, Verletzten, Schwere der Verletzungen, Fahrbahnbeschaffung, Autotyp oder Geschwindigkeitsbegrenzung.

Nun begann der eigentliche Datenjournalismus mit der Frage, wie man diese Informationen am sinnvollsten darstellt. Die Journalisten holten Programmierer ins Boot und ordneten in einem ersten Schritt die Unfälle auf einer großen Google Map an.

Guter Journalismus dreht sich um Menschen. Deswegen suchten die Redakteure Verwandte der Opfer, baten um Fotos und interviewten sie über ihre Erfahrungen auf den Straßen. Daraus entwickelte sich eine große Karte mit individuellen Geschichten, die ohne erhobenen Zeigefinger aufzeigt, wie gefährlich Norwegens Straßen sein können.

Fazit

Ich bin der norwegischen Sprache nicht mächtig und musste mich auf mehr oder weniger exakte Übersetzungen verlassen. Das erschwerte für mich die Navigation, fällt aber weniger ins Gewicht: Ich gehöre schließlich als Nicht-Norwegerin nicht zur Zielgruppe.

Für Bewohner des Landes allerdings ist „Killing Roads“ eindringlicher als alle Zahlen über Unfallopfer es je sein können. Sie können ihren Arbeitsweg betrachten, die Strecke zum Supermarkt, zu Freunden, die vermeintlich bekannte Urlaubsroute – und anhand von grünen und roten Ballons sofort sehen, wer schwer verletzt wurde oder tödlich verunglückte. Das wirkt.

Besonders hilfreich ist die Karte mit den Leserkommentaren. Hier können User selbst vor unübersichtlichen oder schwierigen Stellen warnen, an denen sie einen Unfall oder eine brenzlige Situation erlebt haben.

Bedenken habe ich jedoch, was die Fotos der Opfer angeht. Ich habe diese Information aus einem Artikel über das Projekt; selbst habe ich noch keine gefunden, mir aber auch nicht alle 11400 Einträge angesehen. Prinzipiell halte ich das jedoch für problematisch. Muss man Fotos veröffentlichen, um auf Gefahren hinzuweisen? Ich denke, dass auch ein anonymer 18-Jähriger, der auf dem Nachhauseweg sein Leben gelassen hat, schlimm genug ist.

Es bleibt zu hoffen, dass „Killing Roads“ nicht nur für mehr Klickzahlen beim „Bergens Tidende“ gesorgt hat, sondern auch der norwegischen Polizei einen Anstoß gab, mehr Kontrollen durchzuführen.

Der Artikel entstand im Rahmen eines Seminars zu Daten-Journalimus an der Hochschule Darmstadt. Dozent Christian Kreutz.

About Jule Roesch

Sie studiert Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt (Diplom).
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