Non-Profit-Journalismus ist mehrheitlich Meinungsjournalismus

In den Anfangszeiten meines Blogs Wortgefecht habe ich viel über den Medienwandel und v.a. über das Web 2.0 in Konkurrenz zum traditionellen Journalismus geschrieben. Eine meiner zentralen Thesen damals – und heute – lautet: Die Medienkonzentration und der mit dieser eingergehende Siegeszug der Forumszeitungen (also ohne klare politische Ausrichtung) sind mitverantwortlich für den Wechsel der Leser ins Netz, weil dort dem Bedürfnis nach Meinungsjournalismus wieder Rechnung getragen wurde und wird. Heute, fast fünf Jahre später, scheint sich das tatsächlich zu bewahrheiten: Wie Pew Research in den USA festgestellt hat, bieten die alternativen News-Quellen im Netz, die häufig von Non-Profits betrieben werden, eine inhaltlich sehr einseitige Berichterstattung. Der Untersuchung zufolge sind 56 Prozent dieser Webseiten eindeutig ideologisch eingefärbt und spiegeln dies auch in ihren Themen und Inhalten wieder.

Um zu ihren Ergebnissen zu gelangen, haben die Wissenschaftler von Pew Research insgesamt 46 nationale und bundesstaatliche Non-Profit-Nachrichtenportale unter die Lupe genommen. Das ernüchternde Ergebnis: Nur lediglich zwei Prozent aller untersuchten News-Artikel, die ein kontrovers diskutiertes Thema behandeln, weisen eine “faire Berichterstattung” auf, der sowohl die Pro- als auch die Kontra-Argumentation zu Wort kommen lässt.

Wenig Inhalt und kaum Transparenz

Wie die Pew-Research-Analyse zeigt, werden die ideologisch besonders stark geprägten News-Seiten in den meisten Fällen lediglich von einer einzelnen Organisation betrieben. Die entsprechenden Nachrichtenangebote tendieren außerdem dazu, weniger Content zu produzieren und in puncto Transparenz sehr sparsam mit Informationen in Bezug auf den tatsächlichen Betreiber und die Bereitstellung der finanziellen Mittel umzugehen. Seiten mit einer eher ausbalancierten Berichterstattung haben dagegen mehrere klar ersichtliche Förderer und behandeln ein breiteres Themenspektrum.

Ideology in the Non-Profit Newsroom (Pew)

Den ganze Report findet man hier. Er wurde zudem auch noch medial aufbereitet.

Von Ursache und Wirkung

Interessanterweise sieht Pew Research die Entwicklung hin zu dieser Meinungspresse im Internet anders als ich und argumentiert auf der eher klassischen Linie: Wegen dem Gratis-Internet stehen die klassischen Massenmedien unter einem harten ökonomischen Druck, der sie zu einem Sparkurs zwingt, was sich wiederum in einer vermeintlich schlechteren journalistischen Leistung niederschlägt. Das mag – in gewissen Grenzen – für die USA durchaus stimmen, deren Medienlandschaft anders als hierzulande auch heute noch von Parteipresse geprägt ist (media bias). Ich bin aber immer noch der Meinung, dass genau die oftmals fehlende klare Linie die Leser ins Netz getrieben hat, weil die Beliebigkeit der (vermeintlichen) Ausgewogenheit keine Orientierung und keinen Halt mehr bot und bietet. Das Internet kam da gerade zur rechten Zeit, denn die Partei- und Meinungspresse verschwand – zumindest in der Schweiz – just in den 1990er Jahren.

Übrigens war bereits 1968 das Verschwinden der Parteipresse wegen der Medienkonzentration ein Thema. Auch damals schon machte man den ökonomischen Druck und die Gratisanzeiger verantwortlich, die Inseratevolumen abschöpfen:

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Hinweis: Im Reader wird hier statt des Videos nur ein Zahlencode angezeigt – bitte den Beitrag im Blog ansehen, um das Video zu sehen.

Quellen u.a.: Pew, pte

Crosspost

 

About Michael Gisiger

Online Communication & Marketing Manager bei einem der ältesten und renommiertesten salesforce.com- und Google Enterprise-Partner im deutschsprachigen Raum. Er bloggt auf "Wort|ge|fecht, das" über Social Media und ihren Einfluss auf die Welt des Marketings, der Public Relations und der traditionellen Medien.
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