Wikileaks: Ein äußerst ironischer Durchbruch für den Datenjournalismus

Viele Journalisten sehen in den Wikileaks-Enthüllungen 2010 den Durchbruch für den Datenjournalismus (in Deutschland). Dabei erfüllen die Arbeiten an den Wikileaks-Dateien maßgebliche Grundsätze des Datenjournalismus nur bedingt.

Die großen Datenmengen bei den Kriegstagebücher aus Afghanistan und dem Irak, sowie die Botschaftsdepeschen, brachten zwangsläufig die Notwendigkeit nach datenjournalistischer Auswertung mit sich. Einerseits für den Leser, aber auch für die Redakteure selbst. Dabei ergab sich ein großes Problem: Die Wikileaks-Dateien gingen vorrangig und mit großer Geheimhaltung und Vorsicht an vermeintliche Star-Journalisten der beteiligten Medien. Journalisten mit Erfahrung in der jeweiligen Thematik und/oder mit investigativer Berichterstattung. Datenjournalisten waren sie jedoch meist nicht.

Simon Rogers vom Guardian brachte es auf den Punkt: „When we received the Afghanistan War Logs from Wikileaks, we had our brilliant team of reporters with great knowledge on Afghanistan, wars in general and foreign policy. But none of them had ever used a spreadsheet.“

Rogers Guardian schlug sich jedoch noch mit Abstand am besten, als es darum ging, die Dateien im Internet anschaulich zu präsentieren. Bei Spiegel hingegen misslang dies in den meisten Fällen, auch wenn in Hamburg bei der Irak-Veröffentlichung und den Botschaftsdepeschen aus den zuvor gemachten Fehlern gelernt wurde und vermutlich auch kräftig bei den anderen Medien abgeguckt wurde. Der Afghanistan-Leak zu Beginn war auf Spiegel Online enttäuschend. Entsprechend äußerte sich auch die Netzszene. Da war von „Scheitern“, „armselig“ oder einem „Desaster” die Rede. Wie konnte das?

Nun, zum einem fehlte den Beteiligten Redakteuren vermutlich, ähnlich wie in Rogers Team, die Expertise. Zum anderen kommt beim Spiegel ein Sonderfall ins Spiel: Auch wenn Spiegel und Spiegel Online häufig als eine Marke wahrgenommen werden, sind es separate Redaktionen. Die Wikileaks-Daten gingen an den Spiegel. Es ist davon auszugehen, dass die Kollegen auf der anderen Straßenseite in der Redaktion von Spiegel Online erst sehr viel später damit Kontakt hatten. Und dort bestimmt auch nicht alle. So wurde schon hier die Möglichkeit, dass die Redakteure eigene Ideen zur datenjournalistischen Aufarbeitung mit einbringen können, kaum berücksichtigt. In einer reinen Online-Redaktion sollte man doch eigentlich davon ausgehen, dass gute Ideen vorhanden sind.

Die logische Weiterführung dessen war, dass die meisten Wikileaks-Daten kaum zur Weiterverarbeitung durch andere Redaktionen verfügbar gemacht wurden. Maschinenlesbare-Formate? Fehlanzeige! Wikileaks selbst erfüllte diese Rolle zum Teil. Bei den Botschaftsdepeschen tat Wikileaks dies jedoch schon wieder gar nicht mehr: Hier sind noch immer nicht alle Dateien online, wohingegen Wikileaks selbst und die Exklusiv-Redaktionen dieser Datenbestand bekannt ist.

Womit bereits ein weiterer Aspekt angesprochen wäre. Datenjournalismus funktioniert eigentlich nur dann richtig, wenn die benutzten Daten vollständig sind. Ob dies bei den Wikileaks-Dateien der Fall ist, ist jedoch unbekannt. Wikileaks hat diese vermutlich von einer oder mehreren Quellen bekommen. Über die Intentionen dieser kann man nur spekulieren. Darüber, was er oder sie warum ausgewählt hat und was nicht, ebenso.

Dieses Datenpaket wurde von Wikileaks weitergereicht. Vollständig oder nicht, auch hier ist diese Frage nicht sicher zu beantworten. Wenn die Dokumente nicht vollständig weitergegeben wurden, stellen sich erneut die Fragen: Warum? Und: Was wurde weggelassen?

Ein weiterer Schritt kann der von Redaktion zu Redakteur sein. Kurzum: Für ein datenjournalistisches Projekt sind diese Daten nur mit äußerster Vorsicht zu gebrauchen. Aber die Wikileaks-Veröffentlichungen waren auch nie wirklich ein datenjournalistisches Projekt. Aus den genannten drei Gründen:

  1. Es gab zuerst die Daten, dann den Wunsch sie aufzubereiten. Bei den meisten datenjournalistischen Veröffentlichungen ist es anders herum: Es gibt eine Fragestellung und dazu werden Daten gesucht oder erhoben.
  2. Das Projekt wurde nicht von Datenjournalisten betrieben. Diese waren vielmehr nur Unterstützer oder Assistenten.
  3. Es ist unbekannt, wie vollständig, sprich wie aussagekräftig, die Daten sind.

Dass es sich von Grund auf um Datenjournalismus handelt, ist aber auch schon aus einem anderen Grund heraus unlogisch: Streng genommen handelt es sich nämlich nur um Daten in einem weitgefassten Sinn. Eigentlich geht es um die Geschichten in den geleakten Dokumenten: Und das sind eher Textstücke, persönliche Einschätzungen von Botschaftern oder Soldaten.

Aber: Die Wikileaks-Veröffentlichungen haben die Nutzer, auch in Deutschland, an interaktive Grafiken und datenjournalistische Auswertungen gewöhnt. Sie werden auch in Zukunft danach verlangen. Den Redaktionen wurde vor Augen geführt, wie wertvoll das entsprechende Know-How sein kann. Aus diesen Gründen waren die Wikileaks-Veröffentlichungen 2010 womöglich wirklich der Durchbruch für den Datenjournalismus in Deutschland und das, obwohl sie wichtige Elemente des Datenjournalismus nicht beachteten.

Der Durchbruch war somit ein äußerst ironischer Durchbruch.

Der Artikel entstand im Rahmen eines Seminars zu Daten-Journalimus an der Hochschule Darmstadt. Dozent Christian Kreutz.


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About Andreas Griess

Andreas Grieß studiert an der Hochschule Darmstadt Online-Journalismus und ist als freier Journalist tätig. Er hat mit einigen Freunden www.youdaz.com gegründet, wo auch Datenjournalismus ein Thema ist. Er beschäftigt sich unter anderen mit Medienwandel und dem Einfluss von Social Media. Homepage: www.andreasgriess.de Twitter: @youdaz
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