Buen Vivir und Commons – zwei Konzepte, eine Richtung

Gutes Leben. Buen Vivir. Sumak Kwasay. Wer wollte das nicht? Gut leben! In Lateinamerika wird das Konzept des Buen Vivir gerade intensiv diskutiert.  Insbesondere in den Andenländern Bolivien und Ecuador, wo es weniger darum geht, in der Sonne zu liegen und sich den Bauch zu kratzen.

Wie intensiv die Idee des Buen Vivir  gelebt wird oder gelebt werden kann, ist mir noch nicht wirklich klar. Die ILA hatte mich gebeten, einen Artikel zum aktuellen Schwerpunkt beizusteuern, denn die Redaktion fand: Da gäbe es„zwei sich ergänzende Konzepte jenseits der Verwertungslogik“. Commons und Buen Vivir. Stimmt. Ich habe also zugesagt, und teile hier das Ergebnis:

Gemeingüter und buen vivir
Zwei sich ergänzende Konzepte jenseits der Verwertungslogik

Etwas vorwitzig schiebt sich die Pointe des Almadies in Richtung Karibik. Die Spitze auf der afrikanischen Landkarte liegt weit weg vom turbulenten Dakar. Selbst wenn dieser Ort den Charme eines Parkplatzes hätte, er wäre schon wegen der außergewöhnlichen Lage eine Reise wert. Schließlich ist die Pointe des Almadies der westlichste Zipfel Afrikas. Und dennoch ist kaum jemand dort, denn auch dieses Stückchen Erde ist eingezäunt. Rote Ziegelmauern umgeben das Areal des ehemaligen Club Mediterranée, sie versperren den geldlosen Zugang. Gustavo und ich haben gezahlt, wir sitzen innerhalb der Mauern des heute von Senegalesen geführten Hotel des Almadies; gemeinsam mit der vorwiegend brasilianischen Delegation, die hier für das 10. Weltsozialforum (WSF) ihr Lager aufgeschlagen hatte.

Gustavo Soto Santiestéban, vom Zentrum für Wirtschaftliche, Soziale, Kulturelle und Umweltrechte CEADESCA in Cocha­bamba/Bolivien, ist ein bärtig-bissiger Intellektueller, ein Aktivist der sozialen Bewegungen, der der Regierung von Evo Morales kritisch auf die Finger schaut. Soto legt seinen Finger in die Wunde. Megaverkehrsprojekte für Güter statt für Menschen, neue Bergbauprojekte und Staudämme bis weit hinein in die Amazonasregion – verbunden mit zweifelhaften Fortschrittsversprechen, die altbekannte Breschen in die Lebenswelten der Bevölkerung schlagen. Zugleich wurde das buen vivir in die bolivianische Verfassung geschrieben. “Wie isst man das?”, pflegt man in Lateinamerika zu fragen. Wie geht das zusammen? Sollte ein „Gutes Leben“ tatsächlich nur in Verbindung mit und finanziert durch einen “Neuen Extraktivismus” denkbar sein? Sollte er die Hülle strukturkonservativer Industrie- und Wirtschaftspolitik brauchen? Könnten und müssten nicht umgekehrt die Idee und die Praxis des buen vivir die Art, wie Politik geschieht, grundsätzlich wandeln?

Ich war Gustavo bereits am Morgen dieses sonnigen Februartages begegnet. Wir hatten uns eines der klapprigen Taxis zur Universität Cheikh Anta Diop geteilt, dem Veranstaltungsort des WSF. Später teilten wir das Podium auf dem Strategieseminar der GRAP, jener Gruppe, die den Weltsozialforumsprozess strategisch begleitet. Ein Dutzend ReferentInnen trugen dort im Schnelldurchlauf die je eigenen Thesen vor. Zeit sie zu verbinden blieb nicht, daher trafen wir uns am Abend in der westlichsten Hotelbar Afrikas. Das Gespräch kreiste um die Frage: Was hat das Konzept der Gemeingüter mit jenem des buen vivir gemein?

Ich hatte für meinen WSF-Vortrag einige Stichpunkte vorbereitet, um in den Commonsbegriff einzuführen und die Logik dercommons/Gemeingüter von der Logik der Verwertung abzugrenzen. Man kann es nicht oft genug wiederholen: commons sind nicht, sie werden gemacht. Erkämpft, durchgesetzt, erstritten, vereinbart, gepflegt und immer wieder reproduziert (oder auch nicht). Nicht der Code Freier Software (den alle nutzen dürfen) ist ein Gemeingut, sondern mit ihm auch die community, die ihn pflegt, und die Regeln, die dafür sorgen, dass Software auf Dauer frei bleibt und nicht re-privatisiert werden kann. So wie das Gemeingut nicht das gemeinschaftlich genutzte Mietshaus als Objekt ist, sondern immer auch die Menschen, die es bewohnen, der Trägerverein und Organisationen wie das Mietshäusersyndikat, die mit ihren Vereinbarungen, Satzungen und Regeln dafür sorgen, dass das Haus über Generationen hinweg der Immobilienspekulation entzogen bleibt. Nicht das Wasser selbst ist ein Gemeingut, sondern als Gemeingut wird es erst denkbar in Verbindung mit den comunidades und ihren Regeln und Normen im Umgang mit dem Wasser.

Commons sind also vielgestaltige, selbstbestimmte Formen, mit Ressourcen, die niemandem allein das Recht geben, so kreativ und produktiv umzugehen, dass daraus immer wieder Dinge entstehen, die der Allgemeinheit zur Verfügung stehen. In den Worten des US-amerikanischen Historikers Peter Linebaugh: There is no commons without commoning. Es gibt kein Gemeingut ohne gemeinsames Tun.

Das Ergebnis meiner (notwendig grob verkürzten) Darstellung zum ,Betriebsmodus‘ dieses commoning sah etwa so aus:

    Gustavo Soto sah sich das an. Daraufhin bestellte er ein Bier. So ein großes, das man sich teilen muss.

    Rasch wurde klar: Am Horizont beider Entwürfe steht ein anderer Gesellschaftsvertrag. Einer, in dem die Verwertungslogik im Wortsinn an Boden verliert und der Staat einer anderen Rationalität verpflichtet bleibt. Der bolivianische Philosoph Javier Medina sagt: „Wir Bolivianer wollen Staat und ayllu zugleich, obwohl sich beide antagonistisch zueinander verhalten.“ Zumindest derzeit. Das westliche Denken basiere auf der „Bevorzugung des einen“ und, ergänze ich, es basiert auf der Bevorzugung des Entweder-Oder. Wo dies aufgegeben wird, „hat der Westen ausgespielt“, glaubt Medina. Und das geschieht im System des buen vivir imayllu. Ein ayllu ist kein Ort, kein Dorf, kein Platz des Austauschs. Wie ein commonsist es nicht, sondern es wird gemacht. Es erhält sich „durch Reziprozität und nicht durch den Markt, durch kulturelle Identität, nicht Homogenisierung, durch gemeinschaftliche Entscheidungen in der asamblea eher als in Wahlen“. Es gründet „in einer de-facto Autonomie im Territo­rium, das nicht einfach nur Land und Produktionsfaktor ist, sondern ein komplexes Beziehungsgefüge beschreibt“, wie Gustavo mir erklärt.

    Gleiches gilt für die Gemeingüter: Sie gründen in komplexen Beziehungsgefügen. Und mehr noch, es geht nicht nur um spezifische Formen des Ressourcenmanagements einerseits oder eine besondere (indigene) Spiritualität andererseits, es geht nicht einmal nur um gemeinschaftliches produktives Handeln für das Leben, statt für den Markt. Die Gemeinsamkeit beider Perspektiven liegt vielmehr darin, zu betonen, dass produktive gemeinschaftliche Systeme Gemeinschaft zugleich hervorbringen.

    Beide, commons und buen vivir, reproduzieren sich im offenen Dialog, gewissermaßen im trial&error-Verfahren; in Freiheitsräumen, die Staat und Markt bestehenlassen müssten, aber oft zertrampeln – mit IIRSA zum Beispiel. Sie schlagen Schneisen hindurch, die unter anderem die Weitergabe von Wissen unterbrechen, dabei setzen gemeinschaftliche Reproduktionsprozesse die Fähigkeit und Möglichkeit voraus, Wissen als homo mayeuticus fortzuentwickeln, schreibt Medina. Er beschreibt das Leben im Dialog mit den Anderen und mit der Natur als Essenz der Idee des buen vivir; wobei die Natur nicht als Sache begriffen wird, mit der man andere Sachen produziert, vielmehr wird sie stets in ihrer Beziehung zu den Menschen reflektiert und reinterpretiert. Das sich dadurch kondensierende Wissen wird oft mündlich oder codiert weitergegeben, im Alltag, in den Textilien, Keramiken Musikinstrumenten und Ritualen. Das Wesentliche ist für westliche Rationalitäten oft unsichtbar.

    In den beiden Debatten wird um Alternativen gerungen, die sich, so der französische Gewerkschafter und WSF-Aktivist Christophe Aguiton, „wesentlich von den neokeynesianischen und neofordistischen Antworten unterscheiden, welche in den sozialen Bewegungen und in den linken Parteien die Oberhand haben, indem die Fragestellung gewechselt wird“. So ginge es nicht darum, unseren Konsum generell und in abstrakter Art zu vermindern, sondern darum, gegen die Konsumideologie zu kämpfen, indem prinzipiell von der Lebensqualität ausgegangen wird. Für Aguiton ist das buen vivir eine „universelle Perspektive“, die „auf der Verteidigung der Gemeingüter aufgrund der Erfahrungen mit vorhergehenden Autoritäten beruht.” Damit verkürzt er diecommons auf Dinge (der Natur, der Kultur und des sozialen Lebens). Wer aber, wie auch der „deprofessionalisierte“ mexikanische Intellektuelle Gustavo Esteva (vgl. Interview in der ila 323 mit dem Schwerpunkt Gemeingüter), die commons als soziale Beziehung versteht, kommt zu einem anderen Schluss. Eine Gesellschaft, die die Idee der Gemeingüter in all ihre Regeln und Institutionen einschreibt, ist eine Gesellschaft, die unterschiedliche Realisierungsformen des Guten Lebens zum Zweck hat.

    Das stark auf lokale (indigene) Gemeinschaften und auf den kulturellen Kontext des andinen Hochlandes bezogene Konzept desbuen vivir erfährt, so glaube ich, im Konzept der Gemeingüter seine notwendige Verallgemeinerung. Nicht umgekehrt. Denn die Gemeinschaften, von denen bei den commons die Rede ist, sind so bunt und vielgestaltig wie das Leben selbst. Bei der freien Software ist es die globale Freie Software-Community (meist städtisch und männlich), beim Saatgut sind es oft die Frauen einer Region (meist arm und farbig), beim Klima ist es eben die gesamte Weltgemeinschaft, die noch keine Form des commoninggefunden hat, sich dabei aber auch nicht auf Markt und Staat verlassen kann. Aber commoning ist älter als Kapitalismus, es ist so alt wie die Menschheit und so neu wie das Internet. So wenig wie es zu Steinzeiten möglich war, ein Mammut alleine zu jagen (und zu essen), so wenig ist es heute möglich, alleine eine Freie Enzyklopädie zu schreiben.

    Man kann es auch so ausdrücken: Das buen vivir ist die spezifisch andin-indigene Form des commoning. Und dort gehört es hin.

    Bei diesem Gedanken geht das zweite geteilte Bier zur Neige. Seit dem Barabend an der westlichsten Spitze Afrikas sind einige Monate vergangen. Wir haben seither etliche Mails ausgetauscht, um dem Gemeinsamen und dem Anderen zwischen commonsund buen vivir intensiver auf den Grund zu gehen. Denn eines ist klar: die Zielperspektive ist die gleiche.

    Das Ganze gibt es auch als pdf. Die ila 323 brachte übrigens einen commons/Gemeingüter Schwerpunkt. Und zur Ila-Bestellung (empfehlenswert!) geht’s hier.

    Foto: Pointe des Almadies depuis le Phare des Mamelles. by Ji-Elle, Domaine Publique

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    About Silke Helfrich

    Freie Bildungsreferentin und Publizistin. Sie lebt und arbeitet in Jena/Thüringen. 1999-2007 Auslandsmitarbeiterin der Heinrich-Böll-Stiftung für Zentralamerika, Mexiko und Kuba. Dort Beschäftigung mit vielen Einzelthemen, Biodiversität, Energie, Wasser, freie Software, Menschenrechte, Demokratie, die in der Auseinandersetzung mit den Commons mündeten. Sie bloggt regelmäßig in ihrem CommonsBlog.
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