Engagement ist nicht selbstverständlich

Auf einem kleinen Zettel habe ich mir notiert, was mir in meinen Nachgedanken zu Robin Meyer-Lucht in den Sinn kam:

Knotenpunkt & Übersetzung, Wissenschaft & Praxis, Energie & Aufmerksamkeit, Inspiration & Utopie

Er fiel mir als erstes in den Monaten vor der Carta-Gründung auf. Immer wieder erschienen kluge Texte und Interviews mit ihm über den digitalen Medienwandel, in denen er die Knackpunkte der Entwicklung klar benannte. Damals googelte ich seinen Namen und stieß nur auf eine recht dürre Website seines “Berlin Institutes”. Heute ist das ganz, ganz anders.

Irgendwann googelte ich wieder, da ich irgendwie erwartete, dass er mindestens ein eigenes Blog starten würde – und siehe da: Eine halbfertige Homepage kam mir entgegen – mit dem etwas wahnwitzigen, weil so umfassenden Namen “Carta”. Ich schrieb eine kleine Notiz.

In den darauf folgenden Tagen wollte ich ein Interview mit ihm machen. Wir telefonierten, ich versuchte mitzuschreiben und gab auf. Einerseits durfte ich vieles nicht aufschreiben, weil es noch in Überlegung war, oder weil es eine Einschätzung war, die er so dann nicht gedruckt lesen wollte. Andererseits interessierte er sich lebhaft für die Erfahrungen, die ich mit KoopTech gemacht hatte.

Ich empfahl ihm Rivva als Resonanztool und die VG-Wort-Zählpixel als kleine Einnahmenquelle. Zeigte mich jedoch sehr skeptisch, was seine Refinanzierungspläne durch Werbung anbelangte. Auch warnte ich davor, wie zeitraubend so ein Blog sein kann und dass er die damit verbundene Arbeit nicht unterschätzen dürfe. Das eine nahm er interessiert auf, das andere ignorierte er wohlweislich. Darüber bin ich ihm recht dankbar.

Eine angedachte gründliche Analyse des deutschen Verwertungssystem haben wir übrigens nicht einmal im Ansatz geschafft. Er wollte nicht reformieren, sondern das System von Grund auf neu denken.

Ein paar Wochen später, als Carta richtig durchstartete, gratulierte ich ihm zu seinem Erfolg – und merkte an, dass ich es sehr schätzte, mit wieviel Aufwand er sein Gruppenblog betrieb. In seiner Antwort erwähnte er nur bescheiden, dass er ja inzwischen einen Redaktionsassistenten habe, der viel Arbeit übernehme. Und nahm mir gleich einen Crosspost ab. Meine Bemerkung, dass der Assistent ja nicht alles machen könne, blieb unkommentiert.

Ich habe den Verdacht, dass nur wenige wissen, wie viel Arbeit und wie viel Energie mit einem solchen Projekt verknüpft sind. Es erfordert eine ständige Aufmerksamkeit für die Publikationen rundherum, nicht nur im Netz, sondern auch in den einschlägigen Fachzeitschriften. Es verlangt Fingerspitzengefühl und Geduld, die Autoren zu gewinnen, die Texte zu überarbeiten. Und immer wieder auf neue Artikel hin anzusprechen. Und schließlich Energie und Leidenschaft, um die Debatten anzuschieben und zu begleiten, ständig präsent zu sein. Daneben ist nicht viel anderes noch möglich.

Er agierte dabei immer auch als Knotenpunkt, als Brückenbauer zwischen der akademischen Welt und der journalistischen Praxis, in der er selbst Learning-by-doing die ersten Erfahrungen sammelte. Indem er wissenschaftliche Aufsätze vom Papier befreite, um sie in sein Debattenforum zu überführen, schuf er für die Medienwissenschaft eine sehr lebendige Öffentlichkeit. Er zeigte, was möglich ist, wenn man eine Fachöffentlichkeit engagiert pflegt – und gezielt Meinungen und Positionen aufeinander prallen lässt. Wie spannend die Diskussionen werden können, und wie rasch sich neue, noch ungelöste Fragen ergeben.

Das Ende von Carta führte aber auch vor, dass so etwas nicht auf dem Engagement eines Einzelnen beruhen kann, sondern, wenn nicht von vielen, zumindest institutionell gestützt werden sollte. Es ist jammerschade, dass Institutionen nicht von sich aus an Robin Meyer-Lucht herangetreten sind, um seine unabhängige Arbeit zu unterstützen.

Robin Meyer-Lucht hat gezeigt, wie viel man für eine medien- und netzpolitisch interessierte Öffentlichkeit in kurzer Zeit mit großem Engagement, mit Energie und einer persönlichen Utopie erreichen kann. Und er zeigte auch, welche Lücken es noch gibt, wie vieles ungelöst ist, und wo überall engagierte Menschen gebraucht werden, die als kompetente Brückenbauer agieren.

Engagement ist nicht selbstverständlich, es ist immer ein Geschenk. Danke dafür!

Gesammelte Nachrufe gibt es natürlich bei Carta zu lesen.

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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One Response to Engagement ist nicht selbstverständlich

  1. Konstantin Neven DuMont says:

    Danke für den Beitrag. Ich freue mich über jede Veröffentlichung über Robin Meyer-Lucht. Meines Erachtens sollten wir ihm ein symbolisches Denkmal bauen. P.S. Mein persönlicher Nachruf muss noch warten. Dafür ist alles immer noch zu frisch.

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