Technopolitics

In diesem Artikel wird zunächst das Projekt Technopolitics kurz vorgestellt, was als Hintergrundinformation zur bevorstehenden Veranstaltung Technopolitics@Codedcultures am 27. September in Wien dienen soll. Im zweiten Teil werden konkrete Inhalte der Veranstaltung angesprochen. Es geht darum, über den Bildschirmrand der Informationsgesellschaft hinauszusehen und zu verstehen, inwiefern die Informationsgesellschaft mit konkreten und materiellen Entwicklungen – wie etwa Energie- und Umweltproblematik – in Verbindung steht.

Veranstaltungshinweis: http://www.thenextlayer.org/node/1370

Technoplitics ist ein praxisorientiertes Forschungsprojekt, das von Brian Holmes und dem Autor initiiert wurde. Es geht dabei darum, Prozesse der Autopädagogik anzustoßen, die es ermöglichen, einen theoretischen Rahmen und ein Vokabular zu erfinden, das komplexe Zusammenhänge der gegenwärtigen Entwicklungsprozesse greifbar macht. Mit Entwicklung meinen wir den geschichtlichen Fluss, die historischen Transformationen des menschlichen Bewusstseins, der Waren- und Geldströme, der natürlichen und kulturellen Ressourcen, der Energienutzung und der politischen Vorgänge, die diese Beziehungen regulieren (sollten). Als Autopädagogik werden Prozesse der selbstorganisierten Bildung verstanden, ohne Hierarchien zwischen Vortragenden und Zuhörenden und mit der Emanzipation der Beteiligten als vorrangiges Ziel.

Wir sehen uns heute vielfach in Zusammenhängen, die wir als fremdbestimmt erfahren, in Prozessen, die jenseits unserer Einflussnahme zu liegen scheinen, so wie z.B. die vielzitierte Finanzkrise oder aber der technologische Wettlauf um Innovation, der Wettbewerb allgemein, die gesellschaftliche Entsolidarisierung, der Klimawandel, etc. Technopolitics versucht eine Art Do-It-Yourself Starterkit zur gesellschaftlichen Emanzipation zu produzieren, zur Selbstermächtigung gegenüber der Fremdbestimmtheit. Mittelfristig arbeitet Technopolitics darauf hin, eine Website aufzubauen, die vielfältige Ressourcen aufweist: eine Art Glossar oder Kategoriensystem, verbunden mit einer Online-Bibliografie und, falls verfügbar, auch gleich den Texten als PDF; dazu verschiedene visuelle Hilfsmittel, wie z.B. eine Timeline zum Thema Paradigmenwechsel und webbasierte Informationsgrafiken – selbstverständlich auch Diskussionsgruppen, Foren, Texte; ebenso wichtig ist die Bildung von Arbeitsgruppen, die sich In-Real-Life Treffen, um technopolitische Konzepte auszuarbeiten. Derzeit existieren eine Arbeitsgruppe in Wien und eine in Chicago.

Obwohl es in den populistischen Medien häufig heißt, es werde zuviel oder “nur” geredet, ist unser Ausgangspunkt, dass zu wenig oder falsch geredet wird, denn nur selten hören wir von den Dingen die wirklich zählen. Als technopolitisch im abstrakten Sinn lassen sich jene Vorgänge beschreiben, bei denen es zu wechselseitigen Übergängen zwischen materiellen Bewegungen und geistigen oder sozialen Beziehungen kommt. Ein Beispiel ist das Urheberrecht. Es erscheint völlig immateriell, ein reines gesellschaftliches Artefakt, und ist trotzdem von sehr materiellen, oder gar körperlichen Auswirkungen, wenn es z.B. um Saatgut oder Pharmazeutika geht. Wir reden also von den neuen Technologien oder Technowissenschaften nicht nur als Produktionsfaktor sondern als soziale Beziehungen, wobei die Frage nach Recht und Unrecht nicht auf die angeblich “neutrale” Technikseite verlagert werden kann.

Unser Ausgangspunkt ist, dass es es Sinn macht, wenn man die gegenwärtigen Entwicklungsprozesse verstehen will, sich mit sogenannten techno-ökonomische Paradigmen zu beschäftigen. Neue techno-ökonomische Paradigmen entstehen gewöhnlich im hegemonischen Zentrum des Weltsystems, in unserer Ära ist (war) das die USA. Diese Paradigmen beruhen auf Clustern von technologischen Innovationen, die wiederum auf neuen Organisationsformen, neuen Arbeits- und Denkweisen fußen. Diese techno-sozialen Innovationen verschaffen der Hegemonialmacht einen wirtschaftlichen ebenso wie militärischen Vorsprung. Die neuen Produktions- und Denkformen breiten sich radial vom Zentrum aus und werden kopiert oder imitiert, bis der Vorsprung geschrumpft ist und sich Konkurrenz erhebt. Durch den verschärften Wettbewerb erhöhen sich die systemimmanenten Widersprüche, bis eine Situation entsteht, die innerhalb des existierenden techno-politischen Paradigmas nicht mehr gemeistert werden kann.

Ein neues Paradigma im Weltsystem kann aber nur dann entstehen, wenn eine Hegemonialmacht (oder auch ein hegemoniales System mehrerer Mächte) in der Lage ist, systemrelevante Entscheidungen zu treffen. Dabei kann es sich nicht einfach um ein Diktat der mächtigsten Nationen handeln, sondern muss vernünftig erscheinen im Sinne einer “map” der “best practice”-Handlungsoptionen, die einer Mehrheit der Nationen als vernünftiger und gangbarer Weg erscheinen [frei nach Carlota Perez (2002)1 geklont mit Arrighi und Silver (1999)2]. Sollte das nicht gelingen, entsteht eine Bifurkation, eine Krise der systemischen, hegemonialen Transformationen. Wir glauben, dass wir uns in einer solchen Krise befinden.

Technopolitics beschäftigt sich mit den beiden jüngsten Paradigmen, dem Fordismus und dem Informationszeitalter. Dahinter steht die Annahme, dass Paradigmen mit den sogenannten “langen Wellen” oder “Kondratiev-Zyklen” in Zusammenhang stehen, Perioden von wirtschaftlichen Auf- und Abschwüngen, die jeweils 25 Jahre, zusammen also 50 Jahre dauern. Die Periodisierung richtet sich dabei nicht nach dem Zeitpunkt der erstmaligen Einführung einer neuen Leittechnologie sondern ihrer breiten gesellschaftliche Wirksamkeit. D.h. dass also, obwohl Henry Fords Fließband 1913 eingeschaltet wurde, “begann” Fordismus in den USA eigentlich erst um 1938 und in Europa nach 1945.

Der Fordismus beruhte technologisch gesprochen auf einer Verbindung der Massenproduktion von Konsumgütern (vor allem Autos, aber auch Haushaltsgeräte, etc.) mit billiger Energie (Öl, Atomstrom) und den modernen “Massen-Medien” wie Radio, Fernsehen, aber auch Massenillustrierte, sowie sozialen Organisationsformen wovon zu nennen wären die international agierenden Großḱonzerne zunächst amerikanischen (dann auch japanisch, deutschen) Musters, und sozialpatnerschaftliche Ausgleichsmechanismen und eine keynesianische Geld- und Wirtschaftspolitik. Dieses System geriet seit Mitte der 1970er Jahre zunehmend ins Wanken und wurde spätestens Mitte der 1990er Jahre durch die Informations- oder Netzwerkgesellschaft abgelöst.

Anders als der Fordismus, der für eine relativ stabile Phase des Wachstums sorgte (wobei allerdings bestimmte “Kosten” wie etwa Umweltschäden externalisiert bzw einfach nicht berücksichtigt wurden und die Subalternität großer Teile der Menschheit kaum in Frage gestellt wurde) erwies sich das Informationszeitalter von Anfang an als nicht stabil. Der Aufstieg des Informationszeitalters war eng verbunden mit dem Aufstieg des Neoliberalismus und der Finanzmärkte. D.h. während Computer, das Internet und Mobiltelefonie als die neuen Leittechnologien auch ein bestimmtes soziales und emanzipatorisches Potenzial versprachen, gekoppelt an neues Konsum- und Freizeitverhalten, kam es in den 1990er Jahren zum Durchbruch der neoliberalen Ideologien. Die Beseitigung großer Teile des fordistischen Sozialstaates, die in den USA und Großbritannien bereits in den 1980er Jahren erfolgte, begann ernsthaft in Europa erst in den 1990er Jahren und häufig unter Mitte-Links-Regierungen.

Unser Ausgangspunkt ist, dass wir uns nach wie vor im Informationszeitalter befinden, dessen Widersprüche und Dynamiken aber besser verstehen müssen, um es überwinden zu können. Dabei geht es insbesondere darum, die Mythen des Informationszeitalters zu dekonstruieren und deren ideologischen, neoliberalen Gehalt sichtbar zu machen. Auf der anderen Seite wird das Informationszeitalter nicht rein negativ verstanden. Unter der neoliberalen Oberfläche existieren tatsächlich emanzipatorische Ansätze, die allerdings permanent an ihrer Entfaltung behindert werden. Um ein Beispiel zu geben, die Praktiken der Freien Software, aber auch in einem erweiterten Zusammenhang das Informations-Commons, also die informationellen Gemeingüter, wozu Wissen aber auch Kultur und Bildung zählen, böten einen Ansatz zur Überwindung der allgemeinen Krisensituation. Um aber nicht gleich aus der Dekonstruktion eines alten Mythos einen neuen zu machen, muss hinzugefügt werden, dass dieses “Commons” nicht zum Fetisch werden darf, zu einem mit Aberglauben behafteten Ding. Das Commons darf nicht als verdinglichtes Etwas gesehen werden sondern als in jedem Moment neu erzeugt durch die Arbeit von Menschen mit ihren Laptops und Wifi-Knoten, die Energie und Nahrung brauchen, Platz zum Wohnen und Luft zum Atmen.

Einer der beständigsten Mythen des Informationszeitalters war jener von der Immaterialität der Information. Durch die neuen Medien, Computer und Netze würden Räume verschwinden, zusammenklappen und sich als virtuelle Informationsräume neu entfalten. Die wichtigste Aufgabe wäre dann die Gestaltung des Interface, das unmittelbaren Zugang ohne Zeitverzögerung zu sozialen Interaktionen oder Konsum- und Freizeitvergnügen liefert. Dass aber hinter jedem Smartphone eine Produktionskette steckt, wobei das Coltan aus Bürgerkriegszonen in Afrika kommt, die seltenen Erden aus China und die billige proprietäre Software aus dem Programmierer-Sweatshop in Bangalore, solche Zusammenhänge erfahren erst in jüngerer Vergangenheit mehr Aufmerksamkeit.

Der Technopolitics-Abend im Rahmen von Coded Cultures am 27. September in der Urania ab 19.00 Uhr beschäftigt sich vorrangig mit Themen, die jenseits der screenbasierten Interfaces liegen. In einem ersten Teil werden durch aufgenommene Statements und Life-Vorträge einige Schlüsselzonen des neoliberalen Informationskapitalismus unter die Lupe genommen.

  • Der amerikanische Kulturkritiker und Aktivist Brian Holmes betreibt schon seit einigen Jahren das Projekt Continental Drift. Ausgangspunkt ist, dass es Sinn macht, neuralgische Punkte des informationellen Kapitalismus vor Ort aufzusuchen. Die letzte Continental Drift führte Holmes und Freunde in die argentinische Pampa. Dort werden gerade die traditionellen Rinderbarone von einer neuen Sorte “Landwirt” abgelöst: Hedge-Fonds von den Finanzmärkten, die in gigantischem Ausmaß mit Boden und landwirtschaftlichen Produkten wie gentechnisch verändertem Soya spekulieren. Brian’s Vortrag wird als aufgezeichnete Slideshow übermittelt.
  • Der in Zürich lehrende Commons-Theoretiker Felix Stalder erklärt in einem kurzem, aufgezichnetem Statement, was am informationsgestütztem Neoliberalsmus falsch ist und warum das Commons einen möglichen Ausweg zur Überwindung der “Zombie-Ideologien” bietet.
  • Christian Lauk, der am Institut für Sozialökologie in Wien forscht, beschäftigt sich mit Energieregimen in Zusammenhang mit Gesellschaftsformen. Seine These, sehr verknappt gesprochen lautet, dass wir dem Ende des Zeitalters der fossilen Energien in die Augen sehen müssen, die Lösung der Energiekrise aber auch auf neuen, freiwilligen Vergesellschaftsformen beruhen muss, um nicht autoritäre Züge zu erhalten.
  • Der Londoner Romanautor und kapitalismuskritische Essayist John Barker berichtet von den jüngsten Entwicklungen in der Textil- und Modeindsutrie. Im Zentrum stehen dabei Praktiken rund um global betriebenes “Sourcing” ebenso wie die raschen Wechsel des Diktats der Mode in den Metropolen und was beides mit Informationstechnologien zu tun hat.

Gerahmt werden diese Beiträge durch eine Einführung und Moderation des Autors sowie durch audiovisuelle Kurzbeiträge von Manu Luksch, Matsuko Yokokoji and Graham Harwood, Deptford TV / Mediengruppe Bitnik und Lucas Bambozzi. Diese KünstlerInnen stehen exemplarisch für kritische Praktiken mit neuen Medien, die auf humorvolle und poetische Weise zum “kreativen Widerstand” anregen. Mit ihren Projekten nutzen sie in Jiu-Jitsu-Taktik die Energie des Gegners, um diesen flach auf den Bauch fallen zu lassen.

In einem zweiten Teil diskutieren Konrad Becker, Beate Firlinger, Christian Lauk, Alex Nikolic und Axel Stockburger gemeinsam mit dem Publikum, wie der neoliberale Informationskapitalismus überwunden werden kann.

Technopolitics@codedcultures: Break On Through!

Tuesday, 27th of September, Urania, Mittlerer Saal, 19:00 – 23:00 CET

http://codedcultures.org/post/technopolitics

Ankündigung in englischer Sprache: http://www.thenextlayer.org/node/1370

Ankündigung auf Facebook: http://www.facebook.com/event.php?eid=203225323077019

1. Perez, Carlota. 2002. Technological revolutions and financial capital : the dynamics of bubbles and golden ages. Cheltenham, UK
2. Arrighi, Giovanni, Beverly J. Silver, and Iftikhar Ahmad. 1999. Chaos and governance in the modern world system. U of Minnesota Press.; Northampton, MA, USA

About Armin Medosch

ist Medienkünstler und freier Journalist und arbeitet in London und Wien. Er veröffentlicht regelmäßig im Gruppenblog "The Next Layer".
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