Trolldebatte aus Schweden

In der SZ ist heute ein sehr interessanter Gastkommentar des schwedischen Journalisten Leo Lagercrantz zu lesen, der sich über Jahre von einem wohl bekannten politischen Leitartikler zu einem enthusiastischen Online-Debatten-Initiierer entwickelte – und heute eine konsequente Kommentarzensur befürwortet. Anders sei nämlich frauenfeindlichen, rechtsradikalen Trollen nicht beizukommen, die ja nur mal etwas sagen dürfen wollen.

Lagercrantz sieht in dem – für ihn offenkundigen – Versagen, im Netz eine gepflegte Diskussionslandschaft ohne größere Eingriffe in die Leserkommentare herzustellen, mit einen Grund dafür, dass rechtspopulistische Ideen zunehmend gesellschaftliche Akzeptanz erfahren. Der Oslo-Attentäter sei vermutlich der erste Troll gewesen, der zur Waffe gegriffen habe. Sein eher bitteres Fazit lautet daher:

Persönlich verstärkte das Massaker in Norwegen mein Gefühl, gescheitert zu sein. Nicht weil ich “zensierte”. Sondern weil ich es nicht früher und entschlossener tat.

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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3 Responses to Trolldebatte aus Schweden

  1. Jan Dark says:

    Don’t feed the Troll!

    Wer sich auf ewig lange Mails mit Trollen einlässt, ist noch nicht wirklich im Internet angekommen. Der Leo sollte sich mal mit den promitivsten Regeln des Internets auseinandersetzen. Ich diskutiere seit 23 Jahren im Internet. Angefangen in den Usenet-News. Mit allen Höhen und Tiefen der Flamewars. Es sind ungeübte Anfänger, die wie Leo Zensur betreiben.

    Interessanterweise kommt Leo aus der Printwelt und äussert sich in einem Medium, dass nachts und am Wochenende geschlossen hat. Absurdes Theater. Leo hat noch nicht verinnerlicht, dass in den meisten demokratischen Ländern Presse- und Meinunsgfreiheit differenziert wird. Für sich selbst reklamiert Leo Pressefreiheit, aber schwingt sich als Zensor auf, wenn andere Meinungsfreiheit wollen.

    Wenn er eine Kommentarfunktion anbietet, dann möchte er, dass sein Beitrag durch Kommentare aufgewertet werden soll. Wenn diese Aufwertung ihm nicht passt, dann will er zensieren und faselt von überschrittenen Grenzen. Wenn in einem Rechtsstaat Grenzen überschritetn werden, haben wir die Justiz. Zur Selbstjustiz zu greifen und sich zum Zensor der selbsternannten Inquisition aufzuschweingen, ist unterste Schuhkiste. Anachronistisches Papierdenken.

    Leo ist ja sogar so bruatl, dass er als Autor anderen Kommentatoren das Urheberrecht verweigern will und nur billig sich mit fremden Federn schmücken will.
    Leo passt damit gut in die SZ, wo man Leser als Idiotae bezeichnet, aber nicht in die Zukunft.

    Der Ausdruck “Troll” wird immer mehr zum Symbol der Selbstjustiz: gib einem ein kelin bisschen Macht und er missbraucht sie, und wenn er dabei sein Opfer denunziert, dass sich gegen ihn nicht wehren kann.

    Andere haben da andere Meinungen:
    https://urheberrecht.enquetebeteiligung.de/proposal/840-Urheberrechte_f%C3%BCr_Kommentare_st%C3%A4rken

    Die Einzelmeinung eine Papierjournalisten, der mit dem Internet nicht zurechtkommt als typisch für ganzSchweden anzupreisen, ist leicht übertrieben. Dass er mit Zensur Massaker bessser zu vermeiden glaubt, zeigt nur seine Angst, die ihn an den rechten Rand treibt, wo er dann mit denen zusammentrifft, die Massaker gegen Ausländer verüben.

  2. Christiane Schulzki-Haddouti says:

    Mein erster Eindruck war auch: Typischer Leitartikler, der mit der neuen offenen Internetkultur nicht zurecht kommt und sich das Gatekeeping zurückwünscht. Der zweite war: Er hat die Trolle tatsächlich ernst genommen und mit ihnen diskutiert. Sie also nicht ignoriert, wie wir in langer Internetsozialisiation gelernt haben. Das verlangt doch erstmal Respekt ab, da so etwas unglaublich Energie verschlingt.

    Zweiter Eindruck: Als alter Printler nimmt er die Tatsache wohl deutlicher wahr, dass diese Beiträge öffentlich sind – und nicht einfach wie in der Zeitung nach wenigen Tagen in der Tonne landen, sondern bleiben. Und auf nachkommende Leser eine offensichtlich abschreckende Wirkung erzielen. Er hat also versucht, als Gärtner in einer wuchernden Kommentarlandschaft zu agieren – in einem Garten, den er pflegen wollte. Das ist ein gestalterischer Anspruch, der legitim ist.

    Ich bin mir also nicht mehr so sicher, ob die alten Netztugenden und -weisheiten aus den Anfangszeiten wirklich noch gelten, wenn mehr als die Hälfte der Bevölkerung im Netz ist. Andererseits fällt mir hier wieder das gute, alte Slashdot-Forum ein, das immer noch keine wirklichen Nachahmer und Weiterentwickler gefunden hat. Das bestrafte Trolle durch Bewertung mit einer Herabstufung der Sichtbarkeit.

  3. Jan Dark says:

    Die Trolldiskussion ist eine Diskussion des rechten Randes. Wir haben gesehen, wie Bernd Graff in seinem Amoklauf Web 0.0” Menschen als neue idiotae denunziert hat:
    “Das Internet verkommt zu einem Debattierklub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten. Ein Plädoyer für eine Wissensgesellschaft mit Verantwortung. ”

    Es war ein arrogantes Nichtwissertum. Er hat verlauft, dass das Schließen der Kommentarfunktion zu bayerischen Stammtischzeiten, nachts und am Wochenende, wenn sich die Journalisten dem Besäufnis hingeben und nicht in ihrem Office weilen, Qualitätsjournalismus im Internet sei. Er hat Stuss von der Wissensgesellschaft erzählt. Er hat nicht mal ansatzweise analysiert wie die Erstveröffentlichkeitspflicht in Printmedien Wissenschaftler faktisch von der Wissensgesellschaft exkludieren. Journalisten von Printmedien, die sich behraalich weiger,d as Internet so zu akzeptieren, wie es ist, sind da nur hinderlich und kein Fortschritt. Man sieht den Unsinn auch an den leistungslosen Leistungsschutzversuchen.

    Der rechte Rand missbraucht die Idiotae und Trolle, um wieder Command und Control wie früher durchzusetzen, als Journalisten noch Macht hatten, was ins Medium kommt. Wenn in Norwegen ein rechter Spinner ein Massaker verübt, dann redet der rechte Rand davon, dass das Internet Schuld sei. Und da steht dann der Leo in der selben Position wie der Uhl. Aber es ist großer Unsinn. Mit dem Internet kann man nicht Massaker am rechten Rand wie das Oktoberfestattentat 1980 erklären. Der rechte Rand mordet immer. Mit und ohne Internet.

    Der rechte Rand hat uns auch erklärt, dass der Staat uns mit dem Zugangserschwerungsgesetz beglücken müssen weil wir Idioten und Trolle zu blöd sind, uns selbst zu verantworten. Die aktuelle Diskussion aber zeigt, dass Beschränkungen zunehmend schwerer fallen, rational erklärbar zu werden. Kinderpornografie muss gelöscht werden, der Dreck muss raus aus dem Netz. Nicht eine fürsorgliche Belagerung durch den Staat mit rosa oder roten Vorhängen löst das Problem.

    Die Illusion des rechten Randes, dass Journalisten als Zensoren notwendig wären, um uns vor Übel zu bewahren, ist ein dreister Versuch, mittelalterliche Verhältnisse wieder herzustellen. Wenn wir das zuließen, würden wir auch bald wieder eine Diskussion haben, dass man Frauen nicht nur die Burka runterreißen muss wie gestern in Frankreich, sondern auch, dass es geziemend und heilsam wäre, dass man Hexen verbrenne.

    Wenn sogenannte “Trolle” oder “Idiotae” etwas machen, was wir als Gesellschaft nicht wollen, dann haben auch die das Recht, nach Recht und Gesetz behandelt zu werden. “Nulla poena sine lege”. Wenn es was zu löschen gibt, dann soll das nach Recht und Gesetz erfolgen und nicht nach Faustrecht oder Papierjournalistennützlichkeit.

    Ich habe in 23 Jahren, in denen ich im Netz bin, noch nie das Bedürfnis gehabt, die Meinung anderer durch eigenmächtige Löschungen zu unterdrücken. Ich habe aber, wenn ich Straftaten vermutet habe, die Polizei verständigt (das ging sehr früh schon in Bayern beim LKA). Wenn der Leo sich in langem Mailverkehr mit seinen Gegnern zermürbt, dann ist das sein persönliches Problem und kein sachliches. Seine Ausführungen aber sind deckungsgleich mit den Wünschen des rechten Randes. Das finde ich ekelhaft. Auch das Massaker von Norwegen für eine eigenmächtige Zensur im Internet zu instrumentalisieren ist ekelhaft. Wir haben auch nicht das Oktoberfest verboten.

    Uhl mit seinem Unsinn, man dürfe sich nicht anonym am politischen Prozess beteiligen, zerstört unsere freiheitlich demokratische Grundordnung, in der die geheime Wahl ohne Erfassung des Namens Wesensmerkmal ist.

    Wer den anderen nicht erträgt, ändert nichts zum Besseren, wenn er ihm das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung durch Selbstjustiz abspricht.

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