Was wird sein, wenn die ganze Welt vernetzt ist?

Keine Frage: Netzwerke und Cluster der verschiedensten Couleur haben Hochkonjunktur. Der heterogenen Entwicklungsgeschichte der zahllosen Netzwerkstrukturen und der fast ebenso großen Anzahl der damit verbundenen politischen Wünsche, Zielsetzungen und Bedingungen ist es geschuldet, dass die Vorstellungen von dem, um was es sich bei Netzwerken und Clustern denn nun genau handelt, vergleichsweise vage bleiben. Natürlich hat sich die Wissenschaft frühzeitig darum bemüht, eine feingliedrige Skalierung von industriellen Distrikten bis hin zu unterschiedlichen Netzwerken anzubieten, doch an Schärfe hat das „Konzept Cluster“ in der Praxis dadurch kaum gewonnen. Und so wird heute ein breites Spektrum an unterschiedlichen Ansätzen unter dem Schlagwort „Netzwerke und Cluster“ gefasst, was dazu führt, dass es kaum eine verbindliche und vor allem in der (politischen) Praxis akzeptierte Fassung der Termini gibt; im Zweifelsfall bestimmt eben der jeweilige politische Kontext, was ein Netzwerk/Cluster ist. Der damit verbundene sprunghafte Anstieg von in irgendeiner Form verfassten Netzwerkstrukturen hat dazu geführt, dass es inzwischen fast schwerer fällt, Cluster-freie Flecken auf der Wettbewerbslandkarte zu finden, als einen Mangel an eben jenen Strukturen zu attestieren.

Doch was ist, wenn große Teile der Wirtschaft oder auch nur einzelne Sektoren in Clustern strukturiert sind? Was ist die logische Stufe nach dieser Entwicklung entsprechend der Erwartung, dass sich die großen Innovationszyklen nicht nur in bahnbrechenden Technologien selbst manifestieren (technologische Zeitalter), sondern auch in den Systemen, die diese hervorbringen?

Die inflationäre Entstehung von Netzwerkstrukturen hat vor allem eins gezeigt: Der Glaube an die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit klassischer Produktions- und Wertschöpfungsstrukturen gilt nur noch in Teilen, seitdem sich die zum Allgemeinplatz verkommene Erkenntnis durchgesetzt hat, dass in einer globalisierten Welt die alten Regeln des industriellen Kapitalismus oder wenigstens seines tradierten Herrschaftssystems nicht mehr uneingeschränkt gelten könnten. Symbolisch fällt die Herausbildung der Globalisierung als vermeintlich neues Phänomen mit dem Aufstieg Chinas zu einer der führenden Industrienationen einerseits und dem Herausbilden der Wissensökonomie andererseits zusammen: In einer globalisierten Welt wird Wissen die zentrale Ressource zur Sicherung und Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit. Und bezeichnenderweise scheint China den beeindruckenden Beweis für die Richtigkeit dieser These gleich mitzuliefern. Parallel zur politischen Öffnung seit den 1980er Jahren hat sich die Rolle Chinas als Produzent für den Weltmarkt stark geändert. Weg vom gesichtslosen Massenproduzenten von in jeder Hinsicht billigen Plastikerzeugnissen hin zu einem Hersteller von Hightech. Diese Parallelität liefert einen weiteren Hinweis darauf, dass Innovation von offenen, pluralen oder doch zumindest entdogmatisierten Rahmenbedingungen profitiert – die politische Öffnung dürfte sich unmittelbar auf die Leistungsfähigkeit des Innovationssystems ausgewirkt haben und mehr sein, als eine bloße Koinzidenz. Inzwischen bieten allein die schiere Anzahl von Hochschulabsolventen im Reich der Mitte, der Trend zur Rückkehr hervorragend ausgebildeter chinesischer Wissensarbeiter in ihre Heimat, die im Rahmen des TORCH-Programms errichteten und für europäische Dimensionen oftmals atemberaubenden Hightech-Parks etc. Anhaltspunkte genug dafür, dass China – wenn auch bei weitem nicht in der Gesamtheit seiner Fläche – längst in der ersten Liga der Technologienationen angekommen ist. Chinesische Firmen wie etwa der Telekommausstattungs-Riese Huawei Technologies haben sich dabei zu ebenbürtigen Wettbewerbern von Flaggschiffen wie Alcatel-Lucent, Ericsson oder Nokia-Siemens-Networks entwickelt. Just der einstige Vorstandsvorsitzende von Siemens, Heinrich von Pierer, propagierte Ende des vergangenen Jahrtausends, dass nicht mehr die Großen die Kleinen fressen, sondern die Schnellen die Langsamen. Groß ist China allemal – ist es nun auch noch schneller als der Rest der Welt? Und handelt es sich um eine echte Wettbewerbsfähigkeit der Firmen oder um eine staatlich und von den immensen Währungsreserven gestützte Marktstärke im Sinne einer zentral orchestrierten „China Cooperation“?

Unabhängig von den tatsächlichen internen Wettbewerbs- und Steuerungsmechanismen ergeben sich für die klassischen Industrienationen erhebliche Herausforderungen angesichts der Stärker „neuer Wettbewerber“. Das gilt insbesondere für Länder wie Deutschland, die eine ausgeprägte produzierende Basis haben und die nach allgemeiner, unter dem Eindruck der in der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise gewonnenen Einschätzung gerade daraus ihre Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit beziehen. Nicht das wechselseitige Haareschneiden und Verkaufen von Versicherungen also, sondern das Biegen von Eisen als Grundlage des Wirtschaftens befeuert die gegenwärtige Diskussion um die Re-Industrialisierung Deutschlands.

Kann die geschilderte und nicht im Ansatz vollständige weltwirtschaftliche Gemengelage Hinweise auf die Zukunft von Netzwerkstrukturen liefern? Und bieten Netzwerkstrukturen bestehender oder neuartiger Ausprägung tatsächlich Optionen, die Wettbewerbsfähigkeit auch gegenüber stärker, größer und wohl auch schneller werdenden Kompetitoren zu behaupten? Drei Referenzen aus ganz unterschiedlichen Bereichen sollen an dieser Stelle kursorisch betrachtet werden, um Hinweise auf mögliche Trends und Optionen im Hinblick auf die Entwicklung von Clustern und Netzwerken zu erhalten.

Neues Spiel, neue Spielregeln: Soziale Netze

Wenn der Terminus Netze außerhalb des Wettbewerbskontextes heute Verwendung findet, dann oftmals im Kontext sozialer Netze und dem Web 2.0 als umfassende Mitmach-Plattformen. Egal, ob es sich um Flash-Mobs, den kollektiven Nachweis von Plagiatsfällen oder die Organisation von Aufständen und Revolutionen im Nahen Osten handelt – stets hat das Internet und eine seiner zahlreichen Spielarten – Twitter, Facebook etc. – einen nicht unerheblichen Anteil daran. Gemeinsam ist den Aktivitäten oft, dass es keine zentrale Struktur zu geben scheint, sondern dass sich große Gruppen gleichsam einer gemeinsamen Eingebung folgend und ohne einzelne Führungsansprüche zusammenfinden, um zu definierten Anlässen erstaunlich gut abgestimmte Aktionen durchzuführen. Dies gilt für das Zusammentragen von Informationen nach dem Prinzip der Schwarmintelligenz ebenso wie für das physische Zusammentreffen und Handeln der bis zu diesem Punkt nur virtuell und vage existierenden Gruppierung (oder gemäß der Facebook-Nomenklatur „Freunde von Freunden“). Alle Aufmerksamkeit und Energie wird dabei gewissermaßen auf einen Anlass (im Regelfall ist dieser zeitlich und kontextuell vergleichsweise scharf eingrenzbar) konzentriert. In der Funktion also kaum mehr als eine Fußballmannschaft, die über 90 Minuten gemeinsam versucht, das entscheidende Tor zu schießen? Nicht ganz. Denn im Gegensatz zu einer bunt zusammengewürfelten und nicht im Ansatz „eingestellten“ Mannschaft, die kaum ein halbwegs ansehnliches und erfolgreiches Spiel zustande bringen dürfte, sind die sich spontan gruppierenden sozialen Netze und Web 2.0-Communities erstaunlich effektiv, obwohl oftmals nicht einmal die Spielregeln für die wechselnden Aktionen bekannt sind. Hier scheint die größte Stärke der besagten Netze zu liegen: Aus einer diffusen Situation heraus eine enorm reaktionsschnelle und schlagkräftige Aktion auf die Beine zu stellen, die klassische Mechanismen und Strukturen gesellschaftlicher Organisation wenn schon nicht über den Haufen werfen so doch erweitern und neu interpretieren. Hat die Aktion ihr Ziel erreicht, löst sich das sie tragende soziale Netz wieder auf ohne den Anspruch darauf, auch nur ansatzweise nachhaltige Strukturen zu schaffen (das Geschäftsmodell von Facebook und Co. muss aus dieser Betrachtung freilich ausgenommen werden).

Als vorläufiges Fazit zeichnen sich aktionsorientierte soziale Netze, die sich nicht auf den Austausch von Nichtigkeiten beschränken, dadurch aus, dass sie aus einer diffusen Situation und „gefühlten“ Notwendigkeit heraus sehr kurzfristig auch große Gruppen organisieren und mit einer klar erkennbaren Richtung versehen können. Dabei bündeln sie das mikroskopische Potenzial des Individuums zu einer mitunter beeindruckenden Kraft, die sich auf meist sehr konkrete und eingrenzbare Anlässe bezieht. Das soziale Netz formiert mangels existierender Strukturen ein eigenes Regelwerk, das weitgehend ohne dezidierte Steuerung auskommt. Diese Fähigkeiten machen die Besonderheit sozialer Netze aus: Selbstorganisation gemäß einer gemeinsamen Zielsetzung (inkl. dem Treffen von Entscheidungen), Geschwindigkeit und das Zusammenführen großflächig verteilter Potenziale.

Lernen von Al-Kaida?

Ein anderer Typus von Netzwerken hat ebenfalls seine Schlagkraft unter Beweis gestellt und spätestens am 11. September 2001 der Welt vor Augen geführt, wie kleine verteilte Zellen auch Riesen ins Wanken bringen können. Nun stellt sich natürlich die Frage, ob es überhaupt vertretbar ist, ein Terrornetzwerk wie Al-Kaida („Die Basis“) im Kontext ökonomischer Netzwerkstrukturen zu betrachten? Tatsächlich bietet es aber erstaunliche Hinweise dafür, wie eine vergleichsweise kleine und verteilte Organisation eine echte Bedrohung für etablierte Wirtschaftsteilnehmer werden kann. Dabei ist ein derartiges Netzwerk natürlich kein wirtschaftlicher Akteur, da ja nichts hergestellt oder aufgebaut werden soll, sondern im Gegenteil Destruktion das Ziel ist (wenngleich grundsätzlich ein vereinigter Gottesstaat errichtet werden soll). „Die Basis“ gilt spätestens aufgrund der jüngeren Ereignisse als nicht (mehr) zentral geführte Terrororganisation, sondern als Sammelstruktur ähnlich ausgerichteter und operierender aber weitgehend autonomer Zellen; emotionslos betrachtet könnte nahezu von einem „ideologisch-operativen Franchise-Konzept“ gesprochen werden. Interessant ist Al-Kaida vor dem Hintergrund seiner Fähigkeit, weltweit existierende Strukturen für sich zu nutzen. Es bedient sich somit gleichsam viraler Strategien, um neuralgische Punkte seiner Gegner zu treffen. Ähnlich einem Virus, der eine Wirtszelle befällt, infiltriert Al-Kaida geeignete Strukturen und lässt diese weitgehend unentdeckt für sich arbeiten, bis eine ausreichende Schlagkraft bereit steht und sich ein günstiger Moment zum offenen Angriff ergibt. Selbstverständlich nutzt Al-Kaida – wie auch das organisierte Verbrechen mafiöser Ausprägung – die bestehenden Infrastrukturen wie Kommunikation (Nutzung von Mobilfunkstrukturen zur Vorbereitung und Durchführung von Bombenanschlägen) und Transport aber auch das Finanzwesen mittels geeigneter „Tarnkappen“ zur Vorbereitung. Lange „informelle“ Phasen bereiten kurzfristige aber in ihrer Wucht beängstigende Aktionen vor.

Mit einer angemessenen Abstraktion ist es also insbesondere die unerkannte Nutzung von existierenden und im Grunde genommen konkurrierenden Strukturen, um Aktionen unter dem Dach eines gemeinsamen und übergeordneten Ziels durchzuführen. Durch seine Funktionsweise und Struktur (etwa die weitgehende territoriale Ungebundenheit) ist dem Netzwerk mit herkömmlichen Mitteln nur schwer beizukommen. Im Grunde reagiert es über die langen „informellen“ Phasen defensiv-ausweichend, bietet kaum Angriffsflächen und organisiert sich nur im Vorfeld von konkreten Aktionen zu einer festen Struktur. Dies erklärt auch, weshalb die einzig verbliebene Supermacht nur mühsam dazu in der Lage ist, Al-Kaida zu bekämpfen und zurückzudrängen: Das Netzwerk ist zwar „da“, aber gleichzeitig nicht (an-) greifbar; die gesamte Struktur ist – sicher auch aufgrund der basalen „shared values“ – zu einem Großteil resilient. Mit Resilenz wird in der Psychologie eine Form der mentalen Widerstandsfähigkeit und Elastizität beschrieben, die es einer Person ermöglicht, im Falle von Krisen auf persönliche und soziale Ressourcen zurückzugreifen, um diese zu meistern; es ist somit im Grunde genommen das Gegenteil von Vulnerabilität.

Die dynamische Stabilisierung in verteilten Systemen

Das Konzept der Resilenz hat inzwischen Eingang in die Welt technischer Systeme gefunden und hier im Besonderen im Bereich des Organic Computing. Die Resilenz ist dabei eine dynamische Stabilisierung des Systems, mit dem seine grundsätzliche Funktionalität aufrechterhalten wird. Fallen einzelne Strukturen des Systems aus, werden deren Funktionen von anderen mit übernommen – der Schaden wird gleichsam „umflossen“. Eine solche Fähigkeit ist für bestehende Netzwerksysteme typisch und deutet sich auch für jene Konzepte an, die unter den Schlagworten „Ubiquitous Computing“, Ambient Intelligence“, „Internet der Dinge“ oder ganz neu „Cyber-Physical Systems“ Karriere machen. Der den genannten Konzepten zugrunde liegende Ansatz ist, dass jeder Gegenstand in irgendeiner Form Anschluss an die digitale Welt findet (durch das Anbringen von RFID-tags ebenso wie durch die Integration von Mikroprozessoren inkl. Schnittstellen etc.) und somit Teil des Systems wird. Die dezentralen Strukturen erhöhen die Ausfallsicherheit und Resilenz. Und mit ihrer Hilfe lässt sich die Definition des Ubiquitous Computings („Alles, immer, überall“) von Mark Weiser, ehemaliger Cheftechnologe von Xerox, erweitern zu „Alles ist immer und überall ein Computer“.

Es ist die dritte Epoche der Computer, die sich in einer ersten Näherung mit dem Wandel von Wertschöpfungsstrukturen in Beziehung setzen lässt: Während die anfänglichen Großrechner und Mainframes gleichsam marktbeherrschende Großkonzerne symbolisieren, repräsentiert der Personal Computer schon eher ein verteiltes Wirtschaften, das aber noch immer nach sehr klar strukturierten Regeln funktioniert. Es ist in gewisser Weise der Emanzipation von KMU zu globalen Akteuren gleichzusetzen und umfasst auch deren Kooperation in Netzwerkstrukturen. Die völlig verteilten Systeme mit ihren in weiten Teilen autonom agierenden Komponenten markieren nun folgerichtig den Übergang in eine weitergehende Projektwirtschaft. In ihr werden Kooperationsbeziehungen weiter, flexibler aber im jeweiligen Einzelfall keineswegs unverbindlicher gefasst. Das im spezifischen Kontext benötigte, konvergierende Wissen ist ebenfalls verteilt, situativ rekombinierbar und existiert unabhängig von Ort und Systemteil in einer Wolke – der „Cloud“. Durch die fallweise Mobilisierung von „sinnverwandten“ Akteuren und deren Fähigkeiten wird es ihnen möglich, auch große qualitative Schritte zu vollziehen. Da einzelne Akteure dabei keine übermäßigen Vorteile gegenüber anderen erreichen dürfen (es gilt eben nicht das Prinzip der Musketiere „Alle für einen“, sondern vielmehr „Alle für alle“), dürften derartige Schritte in der Regel dem Fortschritt verschiedener Branchen oder auch Technologien zugutekommen. Zudem beinhaltet ein derartiges Vorgehen auch, dass aufgrund der großen Anzahl der Akteure der Ausfall einzelner vergleichsweise einfach kompensiert werden kann. Zumindest sollte die fokussierte Wettbewerbsfähigkeit eine solchen temporären Kooperation eine deutliche Steigerung gegenüber herkömmlichen Mechanismen bieten, so dass beispielsweise KMU auch quantitativ mit Großunternehmen konkurrieren könnten. Der dynamische Zusammenschluss wäre somit ein Katalysator für inhaltliche oder strukturelle Entwicklungen, der für eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht. Da sich die Kooperation mit hoher Wahrscheinlichkeit zeitlich und thematisch nur fallweise bilden wird, ist es nötig, dass sich unter den Akteuren ein rasches Einvernehmen über Ziel und Prozess herausbildet. Dies legt nahe, dass die jeweiligen Netzwerkakteure – ähnlich einem verteilten System mitsamt seiner Cloud – in mehreren Kooperations- und Netzwerkkontexten zuhause sind. Zwar verfügen die Akteure (einzelne Unternehmen) dabei über ein „Heimatnetz“ als thematischem und territorialem Ankerpunkt, doch tatsächlich bewegen sie sich zeitgleich dazu in anderen, verwandten Kontexten. Vergleichbar einer Elektronenwolke, in der sich mehrere Atomkerne die zugehörigen Elektronen teilen, umkreisen die einzelnen Netzwerkakteure mehrere (thematische bzw. territoriale) Netzwerkkerne – immer bereit, sich an der Formierung der nächsten Kooperation zu beteiligen, um so von potenzierten Summeneffekten zu profitieren.

Strukturierter Austausch ohne Austauschstrukturen

Durch die weitgehende strukturelle „Entmaterialisierung“ temporärer Netzwerke kommt dem auch in sozialen Netzwerken zu beobachtenden gemeinsamen Verständnis von Inhalt und Form der Zusammenarbeit eine viel größere Bedeutung zu, als der realen Plattform, auf der diese Kooperation umgesetzt wird. Eine im Gegensatz zu starren Kooperationsabkommen dynamische Stabilisierung auf Grundlage einer permanenten Selbstvergewisserung und Überprüfung der zielorientierten Koordinaten bietet die Aussicht auf hochgradig effektive Kooperationen und erhöht die Sicherheit vor viralen Strategien. Derartige Kooperationen basieren folglich auf grundlegenden Mechanismen sozialer Interaktion und nicht auf formalisierten Austauschbeziehungen. Im Mittelpunkt der Kooperation steht die Internalisierung des Verständnisses von Funktionen und Rollen und nicht eine explizit verfasste Struktur: Entsprechend kann das angestrebte Ergebnis auf unterschiedlichen Wegen und unter Übernahme unterschiedlicher Verantwortlichkeiten der beteiligten Akteure erzielt werden.

Diese Form der Zusammenarbeit als autonome verteilte Systeme ist extrem voraussetzungsvoll und bildet gleichsam „die hohe Schule“ der Kooperation, da thematisch und strukturell flexible Geometrien in unterschiedlichen Situationen zur Deckung gebracht werden müssen. Entsprechend müssen die Akteure einen hohen Erfahrungsschatz im Hinblick auf heterogene Arbeitsbeziehungen, die Selbstorganisation von Prozessen, die Identifikation von Chancen und das Vertrauen in oftmals unbekannte Akteure haben. Insbesondere der letztgenannte Punkt bedeutet ein nicht unerhebliches Risiko, das in weiten Teilen aber mittels der Interaktionsregeln sozialer Netze entschärft werden kann. Es basiert auf dem „Freunde meiner Freunde“-Prinzip und stellt eine abstrakte Übertragung von Vertrauen dar, die nicht auf eigenen und unmittelbaren Erfahrung basiert; ein Prinzip, das im Grundsatz auch mit Prüfsiegeln etc. verfolgt wird. Die permanente Überprüfung dieser auf impliziten oder expliziten Empfehlungen beruhenden Vertrauenswürdigkeit ist Teil der Funktionslogik der Kooperation und nicht Ausdruck von Misstrauen. Auf diese Weise wird der Kredit eines stets benennbaren Akteurs vergrößert (kooperatives Verhalten) oder verringert (egoistisches Verhalten). Vertrauen muss damit beständig gewonnen und gerechtfertigt werden – mit weitreichenden Folgen für den jeweiligen Akteur in späteren Kooperationskontexten.

Herausforderungen für Cluster und Netzwerke

Wenngleich Vertrauen in dynamischen Kooperationsbeziehungen kaum in Form eines Zertifikats dauerhaft attestiert werden kann (oder etwa doch?), darf naheliegender Weise vermutet werden, dass sich Akteure, die einem anerkannten Kooperationskontext – etwa einem verfassten Netzwerk oder Cluster – entstammen, untereinander eher vertrauen als solche, die isoliert voneinander agieren. Mit anderen Worten: Existierende, wenngleich bisweilen starr und zentral organisierte, Interaktionsstrukturen bieten eine größere Chance auf sich situativ organisierende Kooperationen, als das Zusammenbringen von Einzelakteuren, da eine gewisse Erfahrung im Kooperieren und dem Umgang mit Vertrauen vorausgesetzt werden kann. Für die Praxis der Netzwerk- und Clusterpolitik bedeutet dies, dass technologische und branchenorientierte Strukturen mit Blick auf eine sich immer weiter ausdifferenzierende Projektwirtschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit an Bedeutung verlieren und durchlässige, temporäre und chancenorientierte Netze an Bedeutung gewinnen. Da Arbeit und Wertschöpfung gerade in einer Wissensökonomie zunehmend außerhalb lokal und sektorial eindeutig bestimmbarer Kontexte stattfindet, ergibt sich ein gleichsam natürlicher Zwang zur Auflösung der damit verbundenen Strukturen. Dabei stellt das Nebeneinander von „Heimat-“ und temporärem Netz keinen Gegensatz dar, sondern bedingt sich geradezu. Es ist zu erwarten, dass die Kooperation in situativen Netzen zur Realisierung jener „globalen“ Innovations- und Wettbewerbsschübe notwendig ist, die in den technologie- oder branchenorientierten Strukturen nicht erreicht werden können. In der Konsequenz bedeutet dies, dass verfasste Netzwerke, die sich nicht wandeln und öffnen, von diesen (de)zentralen Prozessen abgehängt und damit mittelfristig zweitklassig werden. Die erforderliche Durchlässigkeit von Netzwerkstrukturen und die Adaptivität ihrer Akteure vollzieht dabei die in technischen Systemen stattfindende Konvergenz organisatorisch beziehungsweise funktional nach, Produkt und Produktionssystem nähern sich strukturell an: Neue Produktklassen erfordern zwangsläufig neue Formen Ihrer Entwicklung und Herstellung. Für bestehende sektoriale Kooperationsstrukturen bedeutet dies eine weitgehende Neuinterpretation von Begriffen wie Netzwerk-Management und Cluster-Exzellenz. Der oftmals mühevolle Weg zu einer funktionierenden Kooperationsstruktur, deren Regeln in Vereinbarungen und Satzungen verfasst sind, war kaum mehr ein notwendiger aber keinesfalls hinreichender Schritt in Richtung offener Systeme, deren Akteure besagte Regeln so internalisiert haben, dass sie sich flexibel in wechselnde Kontexte ohne vorangehende Annäherung und Formalisierung einfügen können. Mit den offenen Systemen besteht nicht nur die Möglichkeit, durch das Zusammenführen vielfältiger und zahlreicher Akteure wahrhaft „chinesische“ Dimensionen zu erlangen. Vielmehr ermöglicht die Übertragung und Internalisierung von Management- und Exzellenz-Kompetenzen auf die Akteure einen enormen Geschwindigkeitszuwachs bei der Lösung neuer Aufgaben. Noch ist nicht final absehbar, wie die mit derartigen Prozessen verbundene Parallelität von Wissenserzeugung und Wissensverteilung zielgerichtet genutzt werden kann und inwieweit sich die Reformalisierung des Wissensvorsprungs (beispielsweise in Form von Patenten) gegenüber unkontrollierten spill-over Effekten durchsetzen lässt. Einerseits ist hier denkbar, dass sich neuartige Modelle der Finanzierung und Refinanzierung herausbilden, andererseits könnten die temporären Super-Netze aber vor allem dem gemeinschaftlichen Erreichen neuer Entwicklungsstufen dienen.

Es ist nicht zu erwarten, dass die beschriebene Entwicklung in einem ersten Schritt sofort auf globaler Ebene stattfinden wird. Vielmehr darf davon ausgegangen werden, dass zunächst in lokalen/regionalen Kontexten mit ansatzweise bekannten Akteuren die sektorial getrennten Netzwerkstrukturen durchlässiger werden und sich so geografisch begrenzte, temporäre Netze bilden. In einem derart quervernetzten und durchlässigen regionalen Innovationssystem kann sich in der Folge eine gemeinsame „Kooperations-DNA“ entwickeln, die die Grundlage für zukünftige Super-Netze bildet. Es ist eine der großen kommenden innovationspolitischen Aufgaben, hierfür geeignete Unterstützungsmechanismen zu schaffen.

Aus: iit perspektive Nr. 05, Working Paper des Instituts für Innovation und Technik in der VDI/VDE-IT GmbH


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About Marc Bovenschulte

arbeitet und lebt in Berlin.
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4 Responses to Was wird sein, wenn die ganze Welt vernetzt ist?

  1. Jan Dark says:

    Hier sind einige spannende Themen angesprochen worden, die alle für sich interessant sind. Aber ich glaube, dass viele Fehler enthalten sind, die zu falschen Schlüssen führen.

    China: seit der Öffnung vor über 30 Jahren und Verlassen der kommunistischen Orthodoxie beschreitet China startend von einem extremen niedrigen ökonomischen Niveau einen starken Aufholweg mit extrem hohen Wachstumsraten (verglichen mit der durch Cluster und Netzwerke gekennzeichneten westlichen Wirtschaften). Das war nach der Zerstörung in Deutschland nach 1945 ähnlich und auch wir hatten bis in die siebziger Wachstumsraten über 10%. China hat eine größere Masse, aber im Wesentliches nichts neues gemacht.

    Al Quida: ist Al Quida ein Netzwerk? Nun, sie taucht überall dort auf, wie die USA mit ihren Trabanten Krieg führen. Einen Terroranschlag wie 9/11 kann auch jede hierarchische, klassische Organisation wie zum Beispiel die CIA durchführen mit genügend Fainanzmitteln. Wir wissen aus den Deklassifizierten US-Behördenunterlagen, dass Teile des Szenarios auch von US-Militärs zum Faken eines Kriegsgrundes gegen Kuba durchdacht wurden (Abschuss eines Flugzeuges als Kriegsgrund, dass vorher durch ein leeres, fenrgesetuertes ausgetauscht wurde, aber so aussah, als wäre es mit Passagieren abgeschossen worden). Ist die US-Army ein Netzwerk, weil sie Cisco-Router mit in die Wüste nimmt, wenn sie ihre Morde mit Drohnen organisiert? Eher nicht. Sie ist ein klassischer, unfähiger, hierarchischer Haufen, der seit Jahrzehnten sieglos ist (Vietnam, Afghanistan, Irak, …). Was wir über Al Quida zu wissen glauben, wissen wir von der CIA. Also von den Leuten, die die Mudschaheddin in Afghanistan gegen die Russen mit vielen Milliarden aufgebaut haben, die dann in der Zerlegung Jugoslawiens mitgewirkt haben und nun ihr Unwesen in Libyen treibe, wo die CIA offenbar auf beiden Seiten tödlich mitgewirkt hat: mit Gadaffi und gegen Gadaffi. Sind die Al Quida Kämpfer aus Bengasi ein loses Netzwerk oder Statisten einer streng hierarchischen Großorganisation?

    Flashmob: eine Flashmob ist kein soziales Netzwerk sondern eine Aktion eines soziales Netzwerk. Man nutzt die vorher fertigen Organisationsstrukturen sozialer Netzwerke, die zum teil lange für den Aufbau brauchen. Wie zum Beispiel Facebook. Neimand schickt auf seinem Blackberry wildfremden Menschen SMSen: “Komm, lasss uns Plündern gehen!” Die ausgerasteten buddhistischen Mönche in Lhasa, Tibet, die 2008 wild plündernd und mordend Hanchinesen aufmischten, sind kein Beweis für virale Netzwerke, sondern nur Jahrtausende alter plündender Mob. Die Magdeburger können da auch Geschichten aus dem dreissigjährigen Krieg erzählen.

    Organistionstheoretisch bleibt die Frage, die schon in 1939 von Coas diskutiert wurde: warum gibt es Orgasisation? Wäre es nicht besser, Industrie mit einem lockeren Zusammenschluss Selbständiger Individuen zu betreiben?
    http://www.sonoma.edu/users/e/eyler/426/coase1.pdf
    Hat die Schuhfabrik eine Chance gegen dezentral handelnde Schumacher, die sich locker in einem Netzwerk mit gemeinsamen Einkauf von Leder organisieren? Die Frage kann sich jeder mit Betrachtung von China selber beantworten.

    Mann muss Netzwerkstrukturen sorgfältig analysieren und durchleuchten, um ggf. Nutzen zu ziehen, aber man sollte auf dem Teppich bleiben. In einer digitalisierten Welt ist die Aussage “Alles ist immer und überall ein Computer” so trivial wie die des Biologen “Da wo Leben, da Kohlenstoff”. Man läuft Gefahr, Buzzwords zu einem sinnbefreiten Brei für modische Gazetten anzukochen.

  2. @Jan Dark Ich fürchte, gerade in Hinblick auf China fehlen hier einige Informationen. In China gibt es ein anderes Verständnis von Wissen und Wissenteilen. Die Shanzhai-Unternehmen (http://en.wikipedia.org/wiki/Shanzhai) begreifen sich als Unternehmen, die auf Open Innovation setzen. Das heißt: Es wird kopiert, entwickelt und wieder geteilt – und das im Rahmen eines eigenen Ökosystems. Mehr Details hier:

    “the shanzhai employ a concept called the “open BOM” — they share their bill of materials and other design materials with each other, and they share any improvements made; these rules are policed by community word-of-mouth, to the extent that if someone is found cheating they are ostracized by the shanzhai ecosystem.” (http://www.bunniestudios.com/blog/?p=284)

    Hier gibt es ganz klar “kulturelle” Unterschiede zu Unternehmen, die Patentkriege aller Art führen. Interessant ist, dass ein Shanzhai-Unternehmen, nämlich G’Five jetzt auf dem indischen Mobilfunkmarkt führt und Nokia von Platz 1 verdrängt hat: http://www.livemint.com/2011/06/22230826/G8217Five-plans-to-unseat-N.html

    Was Al Kaida anbelangt: Auch das US-Militär hat etwas gelernt und in den letzten Jahren die Doktrin des “network centric warfare” weiter ausgearbeitet. Eine Folge der Ansicht, dass man Wissen unbedingt mit vielen anderen teilen muss, war, dass zu vielen zu viel Informationen zur Verfügung standen – was Sicherheitsrisiken vergrößerte und schließlich zu dem Leak der Depeschen des US-Außenministeriums führte.

  3. Jan Dark says:

    @Christiane
    Die chinesische Regierung geht ganz offen mit den Produktpiraterien des Shanzhai um. Ein Imitat des iPhone 4 für 63 € hat auch Charme. Aber das Fehlen von “geistigem Eigentum”, Patentschutz, Urheberrecht usw. ist nicht eo ipso ein Indikator für modernes vernetztes Wirtschaften. In Florenz steht der David auch gleich mehrfach und wir wissen nicht, welche davon durch Michelangelo gehämmert wurde.
    http://german.china.org.cn/fokus/2010-12/03/content_21477063.htm

    Man kann es auch anders formulieren. Das römische Reich und die Renaissence kannten das Urheberrecht nicht. In China gehört es auch nicht zu den gepflegten kulturellen Werten. Nur in ein paar Ländern ist es offenbar wichtig. Dass sind die Länder, die hoch überschuldet sind, in ihren S&P-Ratings gerade alle umfallen. Finanzkriese nennt man das da, wo es das Urheberrecht gibt, dass nicht zu einer Marktwirtschaft passt (Abmahnwahn ist Staatswirtschaft) und im Internet nicht mehr durchsetzbar ist. Aber man kann davon träumen, dass andere einem in die Misere folgen wollen. China will das nicht.

    Al Quida und seine Mutter CIA: nach 60 Jahren Atombombe haben die Militärs gelernt (doch schon), dass man mit Atombomben keine Kriege führen kann. Dabei haben Sie den kalten Krieg verloren: die USA geben die Hälfte der Weltmilitärausgaben aus und ziehen keine Rendite mehr daraus. Die USA wird ihre Schulden nicht mehr bezahlen können, die Arbeitslosigkeit steigt, das Wachstum verschwindet. Die Umverteilung von unten nach oben findet ein jähes Ende. Selbst die Schweiz muss ihre Währung massiv stützen, um im Markt noch bestehen zu können.

    Da bietet es sich an, “network centric warfare” auszurufen, um für die Soldaten ein neues Betätigungsfeld zu haben. Es werden Woche für Woche dramatische Hacks durch die Gegend geschickt, um Bedrohung zu heucheln. Aber hat jemand die Kreditkarteninfos von Sony massenhaft missbraucht? Da werden Hoax durch die Szene geschickt wie Stuxnet, um Milliarden flüssig zu machen. Nach Stuxnet bekam ich einen Anruf eines Rüstungsunternehmens: Wir wollen da auch mitmachen. Abwehrend oder angreifend wissen wir noch nicht.

    Das hat mit wikileaks nichts zu tun. Regierungsrechner werden gehackt, seitdem es Regierungsrechner gibt. Siehe Hagbard in Hannover, der auf den FBI-Hoax mit den SDI-Dokumenten reingefallen ist und dem KGB verkauft, um seinen Shit zu finanzieren. Völlig erfundene Papiere aus Berkeley von einem Physiker komponiert nach dem Geschichtenerzäjler Ronald Reagen. (Heute kriegen die nicht mal mehr eine Rakete hoch, die Loser von Vietnam und Afghanistan).

    Wikileaks interessiert die nicht. Denen geht es selbst am Arsch vorbei, wenn US-Soldaten beim Morden in Bagdad gefilmt werden. Keiner v omn den Mördern sitzt im Knast, obwohl alle identifiziert und weltweit bekannt.

    Die wollen wichtiges Spielzeug haben, um ihren kalten Krieg weiter zu führen, mit dem sie die USA ins Elend geführt haben. Man sieht es auch an Kissinger mit seiner Gewaltperspektive auf China in seiner jüngsten Schmonzette. Die USA ins Elend geführt und keinen Plan wie man 10% Wachstum und Wohlstandsmehrung wie in China machen will. Also greift man wieder zur Waffe. Dieses Mal elektronisch. Das ist eine Unfähigkeit wie im Römischen Reich. Eine Zeitlang geht das Plündern der Nachbarn gut, dann klappt das Reich zusammen.

    Da muss man aufpassen, dass man aus manchen Phänomenen nicht die falschen Schlüsse zieht ;-) Zur Netzwerkökonomie sollte man daher auch immer ruhig bei Michael Porter nachschauen. http://de.wikipedia.org/wiki/Cluster_%28Wirtschaft%29

  4. Gibt es denn noch mehr Hintergrundinfos dazu: “Nach Stuxnet bekam ich einen Anruf eines Rüstungsunternehmens: Wir wollen da auch mitmachen. Abwehrend oder angreifend wissen wir noch nicht”?

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