Mayer-Schönberger: Keine Medienrevolution durch Blogosphäre

In einer kleinen Studie mit dem Titel „Participation and Power Intermediaries of Open Data” stellt Viktor Mayer-Schönberger vom Oxford Internet Institute einige provozierende Thesen auf. Unter anderem spricht er nach einer kurzen Literaturdurchsicht der Blogosphäre das ihr zugesprochene emanzipatorische Potenzial komplett ab. Sie werde dominiert von relativ wenigen einflussreichen Bloggern, die ähnlich wie die traditionellen Medien den öffentlichen Diskurs und die öffentliche Meinung bestimmten. Auch habe sie es nicht geschafft, substanziell mehr Diversität zu erzeugen. Sein Fazit:

“At best the blogsophere has improved not the process, but only the outcome of public debates by adding another voice to the mix.” (S. 11)

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
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7 Responses to Mayer-Schönberger: Keine Medienrevolution durch Blogosphäre

  1. Die Erhebungen von Meyer-Schönberger klingen nicht unplausibel. Die Erfahrungen in Deutschland gehen in ähnliche Richtung. Es gibt nur eine Vielzahl von Leuchttürmen, aber keine Killerapplikationen. Wir erfahren, wo in Wien öffentliche Toiletten sind, wie mit Hundescheiße umzugehen ist oder sehen in Leipzig kleine Teile des Telefonbuches auf eine statische Karte gemalt. Pille-Palle. Oder die sogenannte “Open-Data-Strategie” des Landes Berlins, die nicht etwa ein amtliches Werk ist, sondern unter Copyright von der Fraunhofergesellschaft.

    Harte Daten der öffentlichen Hand aber, die teuer gesammelt werden, aber mangels klarer Informationsfreiheit vor dem Souverän versteckt werden, sind nicht in einer einfachen Applikation zugänglich.

    Stellen wir uns eine Familie mit zwei Kindern und einem Opa in eine neue Stadt kommen:
    -Wo ist eine Kita für ein Kind? Wie sind Kindergärtnerinnen qualifiziert (Entgeltgruppen S2-S18 TvÖD-VKA)? Welche Zusatzangebote gibt es? Zu welchen Preisen?
    -Welche Schulen gibt es, wie sind die Lehrer geraten (siehe Spickmich), was sind die Ergebnisse der Qualitätsinspektionen, welche Zensuren erreichen Schüler in den Abschlüssen, was ergaben die Inspektion mit PISA und anderen?
    -Welche Ergebnisse haben die Qualitätsinspektionen des MDK bei den Pflegeheimen ergeben, wenn Opa stationär in Pflege muss?
    -Welche Krankenhäuser, Ärzte sind in der Gegend (alle staatlich überwacht)?
    -Welche Kultureinrichtungen mit welchem Programm finanziert der Staat in der Umgebung (Opern, Theater, Sporteinrichtungen)?
    -Wo sind die Zahlen aus den Gutachterausschüssen für Immobilienverkäufe, wie hoch sind die Mieten nach Mietspiegel, wie hoch ist die Belastung an Schadstoffen (S02, Schwebstoffe, Emissionskataster…)?

    Warum können wir das nicht einfach in Google-Maps oder noch besser in Google-Earth finden (möglicherweise nach globalen Standards, Kindergärten gibt es auch in USA oder UK), sind wir noch nicht weit gekommen. Ich glaube, hier fehlt “New Thinking”, wie man es bei Google hat.

    Aber wenn wir weiter zulassen, dass sich die öffentliche Verwaltung hinter Mauern aus Signatur, neuem Personalausweis und Bezahl-Mail in ihrer Trutzburg versteckt, und der Souverän sich nicht echte Informationsfreiheit erkämpft gegen einen boykottierende Verwaltung, werden wir weiter kleine Brötchen backen.

    Siehe auch:
    http://wk-blog.wolfgang-ksoll.de/2012/02/26/e-government-in-der-trutzburg-das-rheingold/

    Da wird es auch Tim Berners-Lee in dem neuen Open-Data-Institute in UK schwer haben, wenn der Souverän im nicht gegen die Verwaltung beisteht. Aber m.E. findet E-Government in der Blogospähre noch kaum statt.

  2. flow says:

    Kaum verwunderlich. Wie soll man im Netz Informationen schnell einordnen, wenn nicht anhand von Reputation und Bekanntheit des Urhebers? Um auch “kleinere”, d.h. unbekanntere, Blogger zu berücksichtigen fehlen schlicht Zeit, Muße und Geduld.

  3. Hier ist die Ursache des Problems die Frage selbst.
    Ja, politische Debatten werden nicht von Bloggern geprägt, auch nicht von “Gross-Bloggern” ausserhalb von Netzthemen.
    Ja, manches ist “Pille-Palle”, wie oben jemand schreibt.
    Aber man muss sich doch erstmal die Frage stellen, WARUM das passiert, was man beobachtet.
    Ich vermute, die Antwort ist eine ganz andere: zwischen der grossen Politik, welche die Politik-Ressorts dominiert und die auch viel Inszenierung und wenig Relevanz für die Leser hat, und dem “Pille-Palle” werden viele soziale Fragen ausgehandelt, von Genderthemen bis zur Frage, ob eine Werbekampagne okay ist oder nicht, oder ob man ein Kind mit auf die CeBIT nehmen darf.
    In einer komplexer gewordenen Welt, in der die Institutionen wie Knigge an Bedeutung verlieren, ist diese Art der Internet-Kommunikation die Antwort.

  4. Genau, es gibt sehr viele kleine Teil-Öffentlichkeiten zu den verschiedensten Themen, die sehr wohl funktionieren und in denen Sozialnormen mitverhandelt werden. Die Frage ist, wie diese sich wieder zu den entscheidungsrelevanten Kreisen zurückkoppeln – und natürlich, ob das wirklich messbar ist. Mayer-Schönberger dachte natürlich nicht an die in Kreativkreisen sicherlich sehr einflussreichen Strick- und Häkel-Bloggerinnen, sondern an Blogger, die sich mit den Themen befassen, die dann irgendwann auf der Agenda der “großen Politik” stehen.
    Er geht in seiner Analyse viel weiter und stellt die Frage, ob es nicht aus legitimatorischer Sicht bedenklich ist, dass es nur wenige Entwickler gibt, die im Moment die Open-Data-Szene durch Datensatz-Auswahl die Akzente setzen. Er hat dazu eine Netzwerkanalyse vorgenommen, die zeigt, wie stark die Entwicklung von einzelnen Persönlichkeiten im Moment geprägt wird. Natürlich stellt sich hier auch die Frage, ob die diversen Institutionen, die Daten zur Verfügung stellen, sich damit zufrieden geben sollen, dass Einzelne damit machen, was sie wollen oder ob sie nicht vielmehr Eigeninitiative ergreifen sollten, um die aus ihrer Sicht wichtigen Daten aufzuarbeiten. Aber das steht jetzt schon wieder auf einem anderen Blatt.

  5. @Christiane: Ich weiss, ob sich dieses Aushandeln von Sozialnormen in die Politik rückkoppeln muss. Die Politik ist für verbindliche und durchsetzbare Entscheidungen zuständig. Was im Social Web diskutiert wird, ist sozusagen vor-politisch oder jedenfalls vor-rechtlich.
    Es ist das Pendant zu Ratgeber-Texten aller Art in klassischen Medien (die Kiosks sind voll davon!), mit dem Unterschied, dass man sie diskutieren und googeln kann ;-)
    Was sollten diese Inhalte auch in der Politik, es gibt doch das Internet.
    Ich denke, der Fehler ist, dass wir in alten Kategorien denken.
    Ich wage die These, dass das “grosspolitische” gar nicht so grosse Relevanz für Menschen hat, wie uns die Leitmedien glauben machen.

  6. ergänze: “nicht”. “ich weiss nicht, ob…”

  7. Josef Dietl says:

    Beim Aushandeln der Sozialnormen gibt es tatsächlich einen Unterschied zwischen Ratgeberliteratur und dem Internet: Während die Sozialnormen in der Ratgeberliteratur normalerweise kompatibel mit der Politik sind oder wenigstens einen gewissen Einfluß auf die Politik haben, sind die im Internet ausgehandelten Sozialnormen insbesondere soweit sie das Internet selbst thematisieren völlig inkompatibel mit dem gängigen politischen Konsens.

    (ich liebe Schachtelsätze ;-) )

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