Wie soll die Politik mit der “digitalen Lehrmittelfreiheit” umgehen?

Die Große Koalition setzt sich im Koalitionsvertrag für freie Bildungsinhalte ein. Dabei kündigt sie an, dass Schulbücher und Lehrmaterial „soweit möglich frei zugänglich sein“ sollen und dass „die Verwendung freier Lizenzen und Formate ausgebaut“ werden soll. Gemeinsam mit den Ländern will sie die „digitale Lehrmittelfreiheit“ stärken. Ich habe den Bildungsexperten Jöran Muuß-Merholz um eine Einschätzung gebeten. Er zeigt sich skeptisch, aber auch ein wenig hoffnungsfroh – und schreibt:

“Im Koalitionsvertrag sind unter der Überschrift ‚Digitale Bildung’ nur allgemeine Absichtserklärungen und unverbindliche Formulierungen zu finden. Material soll ‚soweit möglich frei zugänglich sein’, man will eine ‚Strategie [...] entwickeln’, und hält Fortbildung für ‚dringend notwendig’. Die Koalition kann für den Bereich Schule nichts konkret und handfest versprechen – einfach weil die Entscheidungen bei den Bundesländern liegen und nicht beim Bund.

Forderungen wie ‚Schulbücher und Lehrmaterial auch an Hochschulen sollen, soweit möglich, frei zugänglich sein’ sind butterweich. Der Bund kann hier viel fordern, aber nichts entscheiden. Für bemerkenswert halte ich die etwas konkreteren Aussagen wie ‚ein bildungs- und forschungsfreundliches Urheberrecht’ – hier wäre ja tatsächlich der Bund gefragt. Allerdings ist in der genauen Formulierung gar keine Überarbeitung des Urheberrechts versprochen – man kann auch interpretieren, dass der Status Quo ausreicht. Auch die Forderung nach Informatikunterricht ab der Grundschule ist bemerkenswert – aber auch hier gilt die Hoheit der Länder.

Grundsätzlich sind alle Bekenntnisse in Sachen ‚Digitales Lernen’ oder digitale Materialien begrüßenswert. Dadurch steigt der Druck, dass sich in diesem Bereich endlich wirklich etwas bewegt und nicht nur unsystematische und vereinzelte Versuche stattfinden.

Einen richtig großen Wurf wird es aber nur geben, wenn tatsächlich eine bundesweite, die Länder verbindende Strategie zu dem Thema angegangen wird. Ganz wichtig wäre dabei, dass nicht nur über den Einzug von digitalen Materialien, digitalen Werkzeugen oder digitalen Plattformen gesprochen wird, sondern über die Chance, die schulische Pädagogik mithilfe digitaler Technologie zu modernisieren. Japan macht es vor: Hier hat gerade im Sommer die Regierung einen Masterplan beschlossen, der eine flächendeckende Digitalisierung vorsieht – und gleichzeitig eine grundlegende Reformierung der Didaktik.

„Jedem Kind ein Gerät“ oder „Digitale Lehrmittelfreiheit“ sind populäre Forderungen. Aber sie zeigen nicht an, in welche Richtung man Schulen überhaupt weiterentwickeln will. Wir wissen, dass digitale Geräte Katalysatoren und Verstärker für Entwicklungen sind – aber nicht unbedingt in neue Richtungen. Die Digitalisierung kann auch die alte Pädagogik von frontalem Input, von Drill&Practice perfektionieren. Mit moderner Technologie lässt sich wunderbar eine altmodische Pädagogik umsetzen.

Das wahre Potential steckt darin, die Geräte für selbständiges, kollaboratives und kreatives Lernen zu nutzen.

Es ist nicht klar, was mit ‚Digitaler Lehrmittelfreiheit’ eigentlich gemeint ist. Eine konsequente Umsetzung im Sinne von Open Educational Resources (OER) darf nicht damit enden, dass Materialien kostenfrei bereitgestellt werden. Die wahren Potentiale stecken darin, dass Materialien unter einer Lizenz stehen, nach der sie weiterverarbeitet und auch in veränderten Fassungen weitergegeben werden können. Das würde dann ganz neue in Sachen Teamarbeit und Austausch unter Lehrenden eröffnen.

Für OER sind noch gar keine Finanzierungs- und Geschäftsmodelle zu erkennen. Man darf ja nicht vergessen, dass zwar die Nutzung kostenfrei sein soll – die Produktion von hochwertigen Materialien aber natürlich weiterhin Geld kostet.”

About Christiane Schulzki-Haddouti

Freie IT- und Medienjournalistin. Hat dieses Blog 2007 im Rahmen der KoopTech-Analyse eingerichtet. Seit Beendigung des Projekts führt sie es als Multi-Autorenblog weiter. Sie führt ein persönliches Blog auf ihrer Homepage.
This entry was posted in Lernen, Recht and tagged , , . Bookmark the permalink.